Frei Lesen: Walhall - Germanische Götter- und Heldensagen, Drittes Buch

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I. Vorzeichen und Vorstufen der Götterdämmerung: Verschuldungen, ... | II. Die Götterdämmerung. | III. Die Erneuerung. | Anhang - Stammbäume |

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Felix Dahn

Walhall - Germanische Götter- und Heldensagen, Drittes Buch

II. Die Götterdämmerung.

eingestellt: 10.7.2007





Diese Götterdämmerung, - wann bricht sie herein?



Alsdann, nicht früher, aber dann auch unentrinnbar, wann die die Naturordnung und die sittliche Ordnung stützenden und schützenden Gewalten, wann die Götter selbst völlig morsch und faul geworden, wann die körperlichen und sittlichen Bande des Weltalls völlig aus den Fugen gelöst sind, wann das Chaos über Natur und Geist hereinbricht.



Diese Auffassung wird nicht etwa künstlich in die Edda hineingetragen; man muss in ihren eignen herrlichen Worten nachlesen, wie dem Hereinbrechen des letzten Kampfes zugleich die Zerrüttung der Natur, des wohltätigen Wechsels der Jahreszeiten vorhergeht. Da stöbert Schnee von allen Seiten, der Frost ist gross, die Winde sind scharf, es kommt "der grosse, schreckliche Winter" ("Fimbul-Winter"), der drei Jahre, ohne Unterbrechung durch einen Frühling, währt; denn "die Sonne hat ihre Kraft verloren".



Und zuvor schon kam die äusserste Verwilderung der Sitten1) durch drei Jahre eines furchtbaren Krieges, in dem sogar der unverbrüchliche Friede der Sippe, des blutsverwandten Geschlechts, germanischer Auffassung das heiligste Band, nicht mehr geachtet wird: "Da werden sich Brüder aus Habgier ums Leben bringen und der Sohn des Vaters, der Vater des Sohnes nicht schonen; Brüder werden sich schlagen und einander zu Tötern werden; es werden Schwesterkinder die Sippe brechen2); arg ist es in der Welt3); grosser Ehebruch! Es wird kein Mensch des andern schonen".



"Da geschieht, was die schrecklichste Kunde dünken wird, dass der Wolf die Sonne verschlingt, den Menschen zu schwerem Unheil; der andre Wolf wird den Mond4) einholen und ergreifen und so auch grossen Schaden tun. Und die Sterne werden fallen vom Himmel.



Da wird auch geschehen, dass die Erde bebt und alle Berge; entwurzelt werden die Bäume, alle Ketten und Bande reissen und brechen; da wird der Fenriswolf los5); alsbald auch Loki, der ja das Erdbeben durch das Reissen an seinen Banden herbeiführt.



Und das Meer überflutet das Land, weil auch die Midgardschlange, lange verschüchtert und verwundet, wieder "Riesenmut annimmt und das Land sucht"; sie windet sich im Riesenzorne; der Wurm drängt die Wogen (über die Küsten); zugleich schreit der Adler (Hräswelgr), der, fahlen Schnabels, die Leichen zerreisst; da kommt Naglfar, das Schiff, los ("wird flott")."



Denn als Ausdruck zugleich der unendlichen Ferne der Zeit, in welche dieses Unheil gerückt steht, und als Gradmesser der äussersten sittlichen Verderbnis, an deren Höhepunkt jenes Gericht geknüpft erscheint, dient die Sage von dem Schiff Naglfar.



Dieses Schiff baut sich aus den Nägeln der Toten, welche man diesen unbeschnitten an Händen und Füssen lässt. Und erst dann, wann dieses Schiff fertig und flott geworden, so dass es den Reif-Riesen Hrymr, der es nun steuert, und dessen gesamte Heerschar aufnehmen und zum Kampfe gegen die Götter heranführen kann; - erst dann bricht die Götterdämmerung herein.



Die fromme, scheuevolle Pflege und Bestattung der Leichen ist nämlich hohe sittliche und religiöse Pflicht6) germanischen Heidentums; - dann also ist das höchste Mass sittlichen Verderbens gefüllt, wann die Ruchlosigkeit der Menschen so massenhaft die heiligste Liebespflicht unerfüllt lässt7), dass sich ein ungeheures Kriegsschiff der Riesen als Denkmal menschlicher Pflichtvergessenheit aufbaut.



Alsdann sprengen die riesischen Ungetüme alle8) die Bande, mit welchen die Götter sie bis dahin zu fesseln vermocht: "Es bebt Yggdrasils Esche, wie sie da steht" (d. h. wohl vom Wipfel bis zur Wurzel); es stöhnt der alte Baum; aber der Riese (d. h. Loki oder der Fenriswolf) kommt los. Alle fürchten sich in der Unterwelt, bevor Surturs Blutsfreund (d. h. Loki) sich von dannen nacht9). Was ist bei den Asen? Was ist bei den Elben? (forscht die Seherin bang). Es tost ganz Jötunheim! Die Asen sind versammelt! Es ächzen die Zwerge vor den Felsengängen, die Felswand-Kundigen (d. h. obwohl sie sonst so felswandkundig waren). Wisset ihr bis hierher? - und weiter10)?"



Also von der Unterwelt an empor durch der Riesen, der Zwerge, der Elben Reich, über Midgard, der Menschen Heimstätte hin, bis hinauf zu den Göttern erdröhnt nun der Lärm der losgerissenen Gewalten!



Der Fenriswolf reisst sich los und fährt mit klaffendem Rachen einher, dass der Oberkiefer an den Himmel, der Unterkiefer an die Erde rührt und - fügt die Edda naiv hinzu: - "wäre Raum dazu, er würde ihn noch weiter aufsperren", Feuer glüht ihm aus Augen und Nase.



Die Midgardschlange speit Gift aus, dass Meer und Land entzündet werden; furchtbar ist der Anblick, wann sie dem Wolfe zur Seite kämpfe.



Die Reif-Riesen fahren von Osten auf dem Unheils-Schiff heran, Hrymr hält, zum Kampfe bereit, vorn stehend, den Schild vor.



Ein (andres) Schiff fährt von Norden11) her: "kommen werden über die See der Hel12) Leute; aber Loki steuert. Die tollen (d. h. tollkühnen) Gesellen alle fahren mit dem Wolf, mit denen auch Büleipts Bruder (d. h. Loki selbst) im Zuge ist".



Surtur und Muspels Söhne, als die zerstörenden Mächte der Feuerwelt, ziehen von Süden her zum letzten Kampfe heran. Von diesem Ertosen birst das Himmelsgewölbe; die Regenbogenbrücke zerbricht13), da Muspels Söhne auf sie einreiten.



In drei Scharen also greifen die Riesen an; von Osten die Reif-Riesen unter Hrymr, von Norden die Leute Hels unter Loki, von Süden die Feuerriesen unter Surtur; allen voran aber rennt der Wolf und an seiner Seite wälzt sich die Midgardschlange.



"Mimirs Söhne spielen14); das Ende bricht an beim Tone des alten Giallar-Hornes".



Auch die Asen, die Walhall-Götter, rüsten sich zum Streit; Heimdall, ihr Wächter an Bifröst, der Regenbogen-Brücke, erhebt sich und stösst mit aller Macht in das gellende Horn. "Odin reitet zu Mimirs Brunnen und redet (zum letzten Mal Zukunft erforschend!) mit Mimirs Haupt"15).



Alle Götter und die Einheriar ziehen den Riesen entgegen auf die grosse Ebene Wigrid (d. h. Kampf-Ritt, Kampf-Reitstätte), die sich, hundert Rasten weit, nach allen vier Seiten vor Walhalls Toren dehnt16).



"Die Asen waffnen sich zum Kampf und alle Einheriar eilen zur Walstatt".



Zuvorderst reitet Odin mit dem Goldhelm, der schönen Brünne und dem Speer, der Gungnir heisst. So eilt er dem Fenriswolf entgegen und Thor schreitet an seiner Seite, mag ihm aber wenig helfen; denn er hat vollauf zu tun, mit der Midgardschlange zu kämpfen.



Freyr streitet wider Surtur und sie kämpfen einen starken Kampf, bis Freyr erliegt; und wird das sein Tod, dass er sein gutes Schwert misset, welches er einst Skirnir dahingab.



Inzwischen ist auch Garm, der Hund, los geworden, der vor der Gnypahöhle gefesselt lag; das gibt das grösste Unheil, da er mit Tyr kämpft und einer den andern zu Falle bringt.



Thor gelingt es, die Midgardschlange zu töten; aber kaum ist er neun Schritte davongegangen, als er tot zur Erde fällt, von dem Gift, das der Wurm auf ihn gespieen.



Der Wolf verschlingt Odin und das wird Odins Tod.



Alsbald aber wendet sich Widar (Odins Sohn) gegen den Wolf und setzt ihm den Fuss in den Unterkiefer. An diesem Fusse hat er den Schuh, zu dem man alle Zeiten hindurch sammelt; die Lederstreifen (anderwärts wird ihm ein eiserner Schuh beigelegt) nämlich, welche die Menschen von den Schuhen schneiden, da, wo die Zehen und die Fersen sitzen. Darum soll diese Streifen jeder wegwerfen, der darauf bedacht sein will, den Asen Beistand zu leisten17). Mit der Hand greift Widar dem Wolf nach dem Oberkiefer und reisst ihm den Rachen entzwei und wird das des Wolfes Tod18).

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