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Franz Grillparzer

Der Traum ein Leben

1. Aufzug

eingestellt: 6.6.2007



Ländliche Gegend mit Felsen und Bäumen. Links im Vorgrunde eine Hütte. Neben der Tür eine Bank. Sommerabend.
Hörnertöne erschallen aus der Ferne.


Mirza (kommt aus der Hütte).
Horch! War das nicht Hörnerschall?
Ja, er ists! Er kommt! Er naht!

Doch so spät erst! - Warte, Wilder,
Du sollst mirs fürwahr entgelten!
Unerbittlich will ich sein,
Schmollen will ich, zürnen, schelten,
Und nur spät - erst spät verzeihn.

Ja, verzeihn! Das ist es eben,
Darin liegt das Maß des Unglücks.
Oh, man sollte grollen können,
Grollen, so wie andre fehlen,
Lang und unabänderlich,
Daß Verzeihung Preis der Beßrung
Und nicht Lohn des Fehlers schiene.
Denn es ist fürwahr nicht billig,
Daß die Strafe der Beleidgung
Nicht einmal so lange währe,
Ach, als der Beleidgung Schmerz.
Könnt ich trotzig sein, wie er,
Oh, ich weiß, er wäre milder.

Doch wo bleibt er? Dort herüber
Schien des Hornes Ton zu kommen.
(Zurücktretend und nach allen Seiten blickend.)
Dort vom Hügel steigt ein Mann
Mit des Weidwerks Raub beladen.
Ob ers ist? - Die Sonne blendet.
Scheidend an der Berge Saum,
Schüttet sie, in Glut versunken
Ihres Brandes letzte Funken
Durch die abendliche Flur
Auf des späten Wandrers Spur.

Jetzo wendet er das Antlitz!
Rustan!? - - Armes, oft getäuschtes Herz!
Wohl ein Jäger schreitet her,
Rasch beflügelnd seine Schritte,
In der lauten Doggen Mitte,
Wohl ein Jäger, doch nicht er.

Trage, wunder Busen, trage,
Bist des Tragens ja gewohnt! (Setzt sich.)

Abend ists, die Schöpfung feiert,
Und die Vögel aus den Zweigen,
Wie beschwingte Silberglöckchen,
Läuten aus den Feierabend,
Schon bereit, ihr süß Gebot,
Ruhend, selber zu erfüllen.
Alles folgt dem leisen Rufe,
Alle Augen fallen zu;
Zu den Hürden zieht die Herde,
Und die Blume senkt in Ruh
Schlummerschwer das Haupt zur Erde.

Ferneher vom düstern Osten
Steigt empor die stille Nacht;
Ausgelöscht des Tages Kerzen,
Breitet sie den dunkeln Vorhang
Um die Häupter ihrer Lieben
Und summt säuselnd sie in Schlaf.

Alles ruht, nur er allein
Streift noch durch den stillen Hain,
Um in Berges dunkeln Schlünden,
Was er hier vermißt zu finden.
Und mich martert hier die Sorge,
Und mich tötet hier die Angst.

Jener Jäger, Kaleb ists,
Sieh, sein Weib eilt ihm entgegen
Mit dem Kleinen an der Brust.
Wie er eilt sie zu erreichen!
Und der Knabe streckt die Hände
Jauchzend nach dem Vater aus.

Ihr seid glücklich! - Ja, ihr seids!

(Sie versinkt in Nachdenken.)
(Massud kommt aus der Hütte.)


Massud.
Mirza!

Mirza.
        Rustan!

Massud.
                Ich bins, Mirza!
Mädchen, lässest du den Vater
In der Dämmrung so allein?

Mirza.
Ach, verzeiht, ich wollte sehen -

Massud.
Ob er komme?

Mirza.
        Ach, ja wohl.

Massud.
Nun, und -?

Mirza.
        Keine Spur.

Massud.
                s ist spät.

Mirza.
Nacht beinahe. Alle Jäger
Ringsum aus der ganzen Gegend
Sind zurück schon von den Bergen.
Glaubt mir, denn ich kenne alle,
Die in jenen Bergen jagen,
Muß ich sie nicht täglich zählen,
Wenn den letzten ich erwarte?
Alle Jäger sind zurück,
Er allein streift noch im Dunkeln.

Massud.
Ja, fürwahr, ein wilder Geist
Wohnt in seinem düstern Busen,
Herrscht in seinem ganzen Tun
Und läßt nimmerdar ihn ruhn.
Nur von Kämpfen und von Schlachten,
Nur von Kronen und Triumphen,
Von des Kriegs, der Herrschaft Zeichen
Hört man sein Gespräch ertönen;
Ja, des Nachts, entschlummert kaum,
Spricht von Kämpfen selbst sein Traum.
Während wir des Feldes Mühn
Und des Hauses Sorge teilen,
Sieht man ihn bei Morgens Glühn
Schon nach jenen Bergen eilen.
Dort, nur dort im düstern Wald
Ist des Rauhen Aufenthalt,
Du bist, alles ist vergessen,
Und es scheint ihm hohe Lust,
Mal die Wildheit seiner Brust
An des Waldes Wild zu messen.
Das ist ein unselig Treiben!
Ich beklage dich, mein Kind.

Mirza.
Scheltet drum ihn nicht, mein Vater!
War er doch nicht immer so.
Oh, ich weiß wohl eine Zeit,
Wo er sanft war, fromm und mild,
Wo er stundenlange saß
Auf dem Grund zu meinen Füßen,
Bald des Hauses Arbeit teilend,
Bald ein Märchen mir erzählend,
Bald - o glaubt mir, lieber Vater,
Er war damals sanft und gut.
Hat er seither sich verändert,
Ei, er kann sich wieder ändern
Und er wirds, gewiß, er wirds.

Massud.
Wähnst du mich zu überzeugen,
Und kannst es dich selber nicht?

Mirza.
Glaubt, mein Vater, dieser Sklave,
Zanga, er trägt alle Schuld.
Seit er trat in unsre Hütte,
Seit erklang sein Schmeichelwort,
Floh die Ruh aus unsrer Mitte
Und aus Rustans Busen fort.
Rustan, wahr ists, schon als Knabe
Horcht er gerne großen Taten,
Übt er gerne Ungewohntes,
Wollt er gerne was er kann,
Wär das schlimm? Er ist ein Mann.
Stets doch hielt er die Gedanken
In des Hauses frommen Schranken
Und gebot dem raschen Mut.
Zanga kam. Sein Hauch, verstohlen,
Blies die Asche von den Kohlen
Und entflammte hoch die Glut.

Oh, ich habe sie belauscht!
Oft, wenn Rustan mir versprochen,
Nicht zu gehen nach den Bergen,
Und er still und ruhig saß;
Da trat Zanga vor ihn hin,
Und von Schlachten hört ichs tönen,
Und von Kämpfen und von Siegen.
Hoch empor und immer höher
Stieg die Glut in Rustans Wangen,
Jede seiner Fibern zuckte,
Und die Hände ballten sich;
Aus den tiefgezognen Brauen,
Schossen Blitze wilden Feuers,
Und zuletzt -
        da sprang er auf,
Langte von der Wand den Bogen,
Warf den Köcher um den Nacken,
Und hinaus - hinaus zum Walde!

Massud.
Armes Kind! und achtet nicht,
Hart und sorglos, der Verkehrte!
Deines Kummers, deiner Angst.

Mirza.
Angst? Warum denn Angst, mein Vater?
Oh, ich weiß, der starke Rustan
Kennt nicht Furcht und nicht Gefahr.
Dann ist Zanga ja mit ihm.

Massud.
Doch nur zwei.

Mirza.
        Er zählt für viele.

Massud.
In der Nacht -

Mirza.
        Er kennt den Pfad.

Massud.
Wie so leicht ein wildes Tier -

Mirza.
Oh, es flieht das Wild den Jäger!

Massud.
Oder gar -

Mirza.
        Was, Vater, was?
Sprecht es aus und tötet mich!

Massud.
Armes Kind, das ist dein Los,
Wenn dich, wie ich sonst wohl dachte,
Einst an ihn ein festres Band -

Mirza.
Vater, es wird kühl, wir wollen
In die Hütte doch zurück.
Eh wirs denken, kommt auch er.

Massud.
Nun, so seis denn, wie es ist!
Die dort oben mögen walten.
Was ihn heut zurückehält,
Denk ich wohl beinah zu wissen.

Mirza.
Wie? Ihr wißt? O sprecht!

Massud.
        Dein Derwisch,
Der besorgte fromme Mann,
Der dort haust in jenem Walde,
Sandte kaum nur schnelle Botschaft,
Mir zu melden, daß man sage,
Rustan habe Streit erhoben
Auf der Jagd mit einem Weidmann.

Mirza.
Streit? Mit wem?

Massud.
        Mit Osmin, heißt es,
Unsers Emirs ältstem Sohn,
Der am Hof zu Samarkand
In des Königs Kammer dienet,
Und, mit Urlaub bei dem Vater,
Sich den Jägern beigesellt.
Rustan schlug nach ihm und -

Mirza.
        Mehr noch?

Massud.
Und sie griffen zu den Waffen.

Mirza.
Waffen?

Massud.
        Doch man schied sie schnell,
Und der Streit ward ausgetragen.

Mirza.
Doch vielleicht -

Massud.
        Sei ruhig, Kind!
Osmin ist schon heimgekehrt
Und nichts weiter zu besorgen.
Aber Rustan ahnet wohl,
Daß mir Kunde seiner Raschheit,
Und er scheut, mir zu begegnen.
Kaum wirds vollends Nacht, so schleicht er,
Seines Oheims Blick vermeidend,
Leise wohl in sein Gemach.
Darum, Mirza, laß uns gehn;
Unsre Gegenwart, bedünkt mich,
Hielt ihn wohl so lange fern.

Mirza.
Und Ihr zürnt ihm?

Massud.
        Sollt ich nicht?
Siehst du mich schon flehend an?
Oh, ich weiß wohl, jedes Wort,
Tadelnd, rauh zu ihm gesprochen,
Wie ein Pfeil aus schwachen Händen,
Prallt von seinem starren Busen
Und dringt in dein weiches Herz.
Komm nur, komm! Ich will nicht schelten.

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