Frei Lesen: Der Henker von Brescia

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Hugo Ball

Der Henker von Brescia

Erster Akt

eingestellt: 9.8.2007



Das Frauenhaus der Stadt Brescia. Niedrige frühgotische Gewölbehalle. Von dem Hauptraum laufen die einzelnen Dirnengemächer aus. Rechts, ziemlich im Vordergrund, die Stube des Henkers voller Gerät und Folterwerkzeug. Aber auch Vogelkäfig und Blumenstöcke. Vor der Stube eine Bank. Eine mächtige Schweinslederbibel darauf. Daneben Tisch und Stühle. In der Mitte eine Säule. Rot und grün sind die herrschenden Farben in Dekoration und Kostüm.

1. Szene



Barbiano (am Tisch, auf dem ein Haufe Geld aufgezählt ist) Nun, Henker, wie stehts? Das ist alles, was du eingenommen hast?

Henker Fünftausend Goldfloränen; Silber, Kupfer und Nickel. Einige waren auch da, die sie nur sehen wollten. Die ließen auch ein paar Denare.

Barbiano Pfui Teufel! Also fünfe! Und das waren?

Henker Da war Ihro Eminenz der Bischof Nikolaus von Brothonto. Samt bischöflicher Hofhaltung. Der ließ tausend Floränen.

Barbiano So ein Schuft! Als ob er nicht die Verordnung wüßte! Den Pfaffen, Juden und den Ehemännern ist es untersagt, sich an den offenen Weibern auszulassen. Hat er sich eingeschrieben?

Henker Es ist schwer, einen so hohen Herrn zu inkommodieren. Aber: er hat sich eingeschrieben.

Barbiano Er hat mir zwei isländische Falken geschenkt. Ich sag dir, mein Freund, zwei Falken – sie fressen mich arm! Lohns ihm der Heilige Vater und fahr ihm ein Blitz in den Wanst, wenn er wiederkommt!

Henker Da war ferner der Safranhändler und Pfefferverkäufer, der am Palazzo Tibaldi drüben seine Niederlage hat. Ambrosius heißt er. Der ließ fünfhundert Floränen.

Barbiano Hat er was spendiert?

Henker Er hat den Fräulein blaue Schnüre geschenkt beim Abzug und dem Buben einen färbigen Vogel versprochen aus Indien.

Barbiano Eia, das läßt sich hören! Hoffentlich kommt er noch öfters. Wer war sonst noch da?

Henker Da war noch ein Anfänger aus dem Geschlecht der Brussati. Galeazzo mit Namen. Einer von denen, die Verse machen auf ihrer Mutter Geburtswehen. Einiges hat er auch vorgelesen. Aber die Verse sind hart und gewissermaßen zähflüssig. Es war ein großes Gelächter.

Barbiano Wie lang war er drinnen bei ihr?

Henker Zwei Stunden, wenns hochkommt.

Barbiano Sieh mal an! Wenn er wieder kommt, grüß ihn! So so, Galeazzo! Und sag ihm: er soll sich mal wieder sehen lassen bei mir!

Henker Sodann zwei Herren, die ich nicht näher gekannt hab. Ich gab ihnen das Buch zum Einschreiben, aber sie sträubten sich.

Barbiano Verdächtig?

Henker Nein.

Barbiano Sonst was Besonderes?

Henker Der eine sah ans wie ein Schwein, sozusagen. Er hatte einen Rüssel und fing mit jedermann Händel an. Er rülpste nach allen Seiten und schraubte mir die Finger ein, als ich ihm meine Kammer zeigte. Er war ein Spaßvogel.

Barbiano Du bist ein Gemütsmensch. Wird er wiederkommen?

Henker Ich hab ihn vor Dero Eminenz seinen hochwohlgeborenen Bauch getreten und habe ihn auf die Treppe gesetzt. Da verwünschte er sein Dasein und das Eure und das Unserer Lieben Frau und er wird wohl nicht wiederkommen.

Barbiano Behandle mir die Kundschaft besser. Verstehst du mich? Behandle mir die Kundschaft besser! Sonst schlage ich dir die Faust ins Geld, daß die Funken spritzen!

Henker Beruhigt Euch, Herr! Man kann sich nicht bieten lassen, daß jeder Schneider und Schuster sein Maul in den Wind führt.

Barbiano Das war alles, was da war?

Henker Das war alles.

Barbiano Und wie benimmt sie sich?

Henker Merkwürdig, sozusagen. Höchst merkwürdig. Sie taut nicht auf, sondern sie vertrocknet. Sie schweigt jeden Tag um ein Glied mehr. Sie stirbt ab, sozusagen. Wie ein Kaktus gewissermaßen, wenn er nicht mehr begossen wird.

Barbiano Ei sieh mal an!

Henker Sie biegt sich nicht. Sie ist trotzig und schweigsam und sie bleibt dabei.

Barbiano Trotzig und schweigsam, sagst du! Sieh mal an! Sie ist trotzig und schweigsam! Und was hast denn du dazu getan, um sie aufzumuntern?

Henker Herr, man kann sie nicht mit Karessen traktieren wie ein gewöhnliches Weibsstück. Augen hat sie – solche Augen (er zeigts). Ich hab es versucht. Ich habe ihr zugeredet. Drüben am Pfosten. Die Augen hat sie verkniffen, die Nasenflügel gebläht und mich gemustert vom Kopf bis zu [den] Füßen. Da war sie im Übergewicht und verlachte mich. – Herr, Ihr habt sie eingefangen bei der Nacht. Ihr habt Euch geirrt, Messer Barbo!

Barbiano Ich will wissen, was du getan hast, sie kirr zu kriegen!

Henker Was über die Schwelle geht und meinen Handschlag empfängt, das ist Henkersgut. Aber Ihr könnt sie verwechselt haben. Ihr könnt einen Sperber gefangen haben statt einer Drossel. Es war klobige Finsternis, habt Ihr gesagt. Da kann man nicht wissen. So ein Weibsstück verwandelt sich wie der Burrimalurio. (er bekreuzigt sich)

Barbiano Laß den Blödsinn! Ich will wissen, was du getan hast. Ich zerprügle dir sämtliche Knochen im Leib, wenn du den Mund nicht auftust.

Henker Rund herausgesagt, Herr: es ist ein Schwindel. Sie ist keine Königin.

Barbiano So so, sie ist keine Königin! Und warum denn, mein Freund?

Henker Herr, eine Königin!

Barbiano Heraus damit! Laß die Fisimatenten!

Henker Herr, es ist eine von Euren Geliebten, die Ihr hereingesteckt habt, um sie kirr zu kriegen.

Barbiano Hab ich Verkehr mit Weibern? Bin ich ein Sodomit?

Henker Herr, Ihr müßt nicht sagen, daß die Weiber zu den Tieren zählen! Da seid Ihr zu jung. Doch eine Königin, Herr! Eine Königin unter den Gelüstigen! Auf ihrem Haupt ruht die Gnade. Sie sitzt auf einem Stuhle aus Seide und Gold. Ihre Zofen geben acht auf ihren Gang, weil sie zerbrechlich ist vom Kopf bis zu den Füßen. Sie hat Erbarmen mit der Sündenlast und drückt die räudigen Kreaturen an ihr Herz. Sie ist ein Nachen voll Liebeslust. Sie ist fromm und gütig wie Muttermilch. Und säugt die Verkommen und Aussatzbrüder. Herr, wie käme sie so in ein Frauenhaus!

Barbiano Das will ich dir sagen, mein Freund: durchs Schlüsselloch. Unverzüglich: durchs Schlüsselloch.

Henker (mit Emphase) Eine Königin, Herr! Da steht sie, da schreitet sie! Ausgemergelt von innerem Feuer. Abgezehrt von Gebeten und Nachtwachen. Ihre Arme sind lang und dünn wie Gestrüpp. An jedem ihrer Finger hangen zehn Ertrinkende. Sie lächelt und ihre Augen tropfen wie die Talgkerzen beim Hochamt. Ihr Mund ist gleich dem Resonanzboden einer Geige. Ein Mandelgeruch strömt von ihm aus. Sie spricht: »Gebenedeit seid ihr, ihr Niederträchtigen, Auswurf! Ihr roten Verbrecher, ihr Pfützenlungrer und Wundenlecker. Der Wind wird heulen über die Giebel und Zinnen der Verdammnis. Die Luft wird fegen wie zehrendes Fetter. Die Nacht wird flackern. Ich aber segne und hätschle euch. Ich breite die Arme nach euch. Ich führe euch heim.« – Herr, wenn es möglich wäre, – ich könnte nicht weiterleben. Ihr wäret ein großer Schurke.

Barbiano Du bist ja gottesfürchtig! Du bist ja ein Pietist!

Henker Ja, Herr, ich hin gottesfürchtig. Ich bins von Natur.

Barbiano Hahahaha! Seht euch den Bengel an! Triefäugig, krumm und mit spitzem Kopf! So was ist gottesfürchtig! Daumen hat er, einen Ochsen erwürgt man damit. Häßlich ist er und verpfuscht, daß man ihn geschwänzt sehen möchte, als Affe oder Hund, und von der andern Menschheit subtrahiert. So was ist gottesfürchtig! Bei jedem Geldstück, drauf ein abgeschlagner Kopf zu sehen ist, zuckt er zusammen. Bei jedem Ebenmaß und unverzerrten Glied, dem er begegnet, packt ihn die scheele Sucht. Sowas ist gottesfürchtig! Die Bürgerschaft hat ihm das Hackbeil anvertraut und nennt ihn rote Eminenz und geht ihm aus dem Weg. So was ist gottesfürchtig!

Henker Ihr lästert, Herr!

Barbiano So eine rote Bestie! So eine holzgeschnittene Belialsfigur! So ein Jungfernbolz, gottesfürchtiger!

Henker Herr, Ihr spottet und höhnt. Ihr wollt mich hetzen auf sie!

Barbiano Dich hetzen auf sie? Auf wen hetz ich dich denn?

Henker Herr, ich weiß nicht, was Ihr für Händel habt. Was Ihr da plant. Ich führte ein Leben recht und schlecht bei den Mönchen zu Padua. Ich habe die Bank gedrückt auf der Schule [zu] Bologna. Dann bin ich Henker geworden. Ich hab mich zurückgezogen von den Geschäften. Was bringt Ihr mir nun diese Königin her?

Barbiano Das Haus ist neu und die Stuben sind neu. Das muß man doch feiern!

Henker Herr, Ihr möchtet mich hetzen auf sie!

Barbiano Auf wen hetz ich dich denn?

Henker Herr, laßt die stichelnden Reden sein! Ich hab mich zurückgezogen. Ich führ ein beschauliches Leben mit meinen Dirnlein. Ich will nichts wissen von Euren Händeln. Ich habe Retorten gehabt voll Menschensaft und wollte den Luzifer besser machen an Schönheit. Das war alles umsonst. Ich warne Euch, Herr, vor dem Weibe!

Barbiano So ein Bestie hinterlistige! So ein Witzbold vertrackter!

Henker Herr, laßt mich in Frieden! Schafft sie beiseite, füttert die Karpfen damit! Werft sie in eine Grube voll Kalk und gebt Steine darauf! Da habt Ihr, was ich Euch raten kann. Wenn sie so hoher Geburt herrührt, das schlägt nicht zum Guten aus!

Barbiano Du bist ja ein seltsamer Eiferer!

Henker Herr, ich kenne die heimlichen Schriften und Lehren! Ich hab sie studiert bei den Mönchen zu Padua. Wenn Ihr Erlösung sucht, da ist alles umsonst. Ich kenne die heimlichen Weiber und die geöffneten. Ich konnte kein Weib mehr sehen, oder ich biß nach ihr. Ich hab in die Luft gebissen und mir die Hände zerkratzt vor Wollust. Ich habe im Staub gelegen, Schmutz vor dem Maule, und habe gelobt und gelästert. Wenn Ihr erlöst sein wollt, – da ist alles umsonst.

Barbiano Testa di cazzo! Was sprichst du von mir! Hol sie her, deine Königin! Ich will sie vermenschlichen!

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