Frei Lesen: Der Henker von Brescia

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Hugo Ball

Der Henker von Brescia

Zweiter Akt

eingestellt: 9.8.2007



Kemenate der königlichen Frauen im oberen Stockwerk des Frauenhauses. Rechts und links Türen. Ein Fenster. Der Raum ist nicht sehr tief, aber breit. Die Rückwand ist mit einem grünen Vorhang geschlossen. Stühle rechts. Eine Säule rechts ein paar Schritte von der Wand. Links ein Gebetstuhl. Blau, gelb und grün sind die Farben.

1. Szene

Judith und Adelheid mit Nähen beschäftigt.

Judith Hast du ihn heut schon gesehen?

Adelheid Den Henker? Sprich nicht so laut! Sie könnte dich hören! Ich habe ihn nicht mehr gesehen seit gestern, als er den Geißlern zusah auf der Straße.

Judith Wie breit seine Brust ist! Wie seine Fäuste schwer an den Armen hängen! Wie er die Arme einstemmt, wenn er so dasteht und auf der Straße den Geißlern zusieht!

Adelheid Vielleicht ist er höchst brutal und roh. Er lachte, als sie die gräßlichen Fratzen schnitten und als die blutigen Striemen aufglänzten in ihrem Fleisch. Glaubst du, daß er heraufkommen könnte?

Judith Das ist ihm verboten. Auch glaub ich, er tut nur so. Er hat einen guten Schlaf, ist flach und gefräßig und Weiber sind ihm wie schnurrende Katzen, die er sich zwischen den Beinen durchstreichen läßt.

Adelheid Lesbia hat mir erzählt., daß es unter den Dirnen einige gibt, die sich hinducken, wenn er die Stirne in Falten zieht, wie die Hennen sich ducken, wenn der Hahn gegen sie ankirrt.

Judith Du bist fast schamlos. Adelheid, die vergangene Nacht – ich war schon über das Bett herunter, um zu dir zu schleichen –

Adelheid Sprich leise! Bist du verrückt? Sie hört dich doch!

Judith Ich zählte an Händen und Füßen die Stunden ab und war ganz wach und träumte, ich hing mit den Knien in einem Eichbaum und hetzte mich ganz wie von Sinnen in meinen Kniekehlen hin und her. Ich war ganz wach und nackend dabei.

Adelheid Die Muhme sagt, man muß sich einen Frosch auf die Schläfen binden.

Judith Du brennst noch viel mehr als ich. Du verstellst dich nur. Erzähle mir, was du geträumt hast.

Adelheid Ist er dir auch schon im Traume erschienen?

Judith Wen meinst du?

Adelheid Du weißt schon.

Judith Ich glaube, ich fürcht ihn zu sehr!

Adelheid Roswitha hat einmal früher gesagt: wenn man Unbill leidet von seinen Gedanken, dann soll man sich so viele Röcke über den Kopf ziehen, bis man so dick wie ein Mummenschanz aussieht. Dann vergingen die tollen Gedanken, weil sie ein Seelenkleid haben.

Judith Still, jemand kommt!

Adelheid Es sind nur die Ratten.

Judith Wie sie schlupfen und pfeifen! (Von unten hört man eine übermütige Lautenmusik.) Hörst du? Musik! O wenn ich singen und springen könnte! Kennst du das Lied vom Zeisig und von den sieben jungen Schwalben, die auf der Leiter saßen und mit den roten Zünglein schnalzten? Oder vom Pfirsichbaum, der Laubhüttenfest feierte? Oder vom Buben, der seinen färbigen Narren-Vogel mit einem Dorn durch die schneeweiße Kehle stach?

Adelheid Was du für närrische Dinge aufbringst!

Judith Ach Adelheid, wenn ich der Henker wär! Das Schwert vor den Hüften, die Schellen am Schuh! Und ich könnte dich quälen und reizen und stechen!

Adelheid Laß mich los! Laß mich los! Was machst du denn da?

Judith Ich würde dich zähmen! Ich würde dich zwischen den Daumen und Zeigefinger zwicken mit meinen Nägeln. Ich würde dich schlagen, bis du auf allen Vieren gingst wie ein schön weißes Tier.

Adelheid Ich sage dir, laß mich los!




2. Szene

Der Henkersbube tritt auf.

Bube Ihr seid träge und unnütz. Ich hab euch das Linnen hier für die Kotzen gebracht und das Wollenzeug für die Pferde. Was habt ihr getan? Man wird euch vertreiben, wenn ihr euch schnäbeln wollt! Man behandelt euch glimpflich genug, daß man euch tränkt und hegt und mit Essen stopft, statt euch mit Schwung auf den Hurenhübel zu werfen!

Adelheid Wir Frauen der Königin brauchen nicht Kotzen nähen! Es ist uns verbrieft, daß wir Schonung haben und keiner uns anrühren darf!

Bube Da unten lärmen und toben sie. – Frauenzimmer, ohne Verstand und dumm wie der Teufel. – Ich sage euch, daß ich ein Aug auf euch habe! Ist das ein Streitkleid für einen Turmknecht? (wütend) Ist das ein Sack für den Bauern, der auf dem Wurfturm liegt drei Tage und Nächte in Ungeziefer und Schmutz? Wo ist die Präfektin?

Judith Sie kniet vor dem Lusamgärtlein am Treppengeländer, gestrenger Herr, und betet.

Bube Wenn die nur schöntun kann und auf den Knien rutschen! Zeigt eure Hände her! (Er hat eine Nadel und zersticht ihnen blitzschnell die Hände.) So, nun seid ihr geimpft für die Faulheit! (lacht und geht ab)

Judith (ruft ihm nach) Ferruccio!

Adelheid Lieber Ferruccio! O dieser Käfig! (stampft mit dem Fuß)




3. Szene



Margarete (kommt von rechts) Frohlocket, Kinder, der Herr hat mir einen neuen Psalm eingegeben!

Judith Ferruccio war da und hat uns die Hände zerstochen!

Adelheid Er hat alles Linnen wieder zerrissen, das wir mit Mühe zusammengenäht.

Margarete Wer ist das: Ferruccio?

Adelheid Ihr wißt doch, Königin, der Henkersbube!

Judith Ihr habt uns befohlen, Königin, mit Euch nach Rom zu fahren zur Krönung. Nun sitzen wir hier in der Dirnenstube dieser verwunschenen Stadt und werden verhöhnt und mit Skorpionen gezüchtigt

Margarete Wer tut euch etwas zu leid? Es ist uns verbrieft, daß wir Schonung haben und keiner uns anrühren darf.

Judith Der Henker, die Dirnen und alle Soldaten. Sie zerren uns hin und her am Hof und am Brunnen. Sie sagen, daß wir nur Gäste sind. Sie stoßen und höhnen uns.

Margarete Das Herz meiner Tochter Judith lügt und sie weiß es nicht. Sie beklagt sich gen die Verfolger und hat doch ein Auge geworfen auf den stattlichen Henker.

Judith Das unterstellt Ihr mir, Frau!

Margarete Ereifere dich nicht! Ich habe deine Gedanken durchschaut. Der Wolf umschleicht dich. Die Lüsternheit bellt dir aus deinen Augen.

Judith Ich kann nicht hänfenes Leibgeding nähen wie eine Linnwebersmagd!

Adelheid Wir sind noch so jung und lebenshungrig! Und hier die beständige Angst!

Margarete Lasset uns beten, meine Töchter! Vereiniget eure inständigen Bitten mit Unserem Lobgesang! Der König muß hier sein, ehe drei Tage vergehen.

Judith Ich kann nicht mehr beten! Ich mag nicht mehr beten! Ich will essen und trinken und durch die Natur hinstreifen.

Adelheid Judith, sei doch vernünftig und denk an Roswitha!

Margarete Regina sacratissima rosarti, ora pro nobis! (Judith und Adelheid beten den Refrain mit) Regina coeli, consolatrix afflictorum, ora pro nobis! Mater intemerata, mater purissima, mater castissima, exaudi nos! Sancta Maria, virgo fidelis, vas honorabile!

Judith Libera nos! (sie bricht in ein tolles Gelächter aus und springt mit vorgestoßenem Leibe tanzend umher) Da seht sie, die Heuchlerin! Seht sie, die Lügnerin! Wie sie in zahme unscheinbare Gebete flüchtet! Wie sie lügt und sich reckt! Wie sie dasteht mit aufgeblähtem Hals, auf der Tat ertappt, diese Eitelkeit, die sich Königin nennt! Ich lache auf dich! Und ich lache auf deine Gebete! Wo hast du Roswitha versteckt? Wo hast du sie hingetan? Du hast sie den Teufeln zum Fraß hingeworfen! Du läßt ihr vom Henker den Unterleib düngen und hudelst ein Dankgebet, daß du verschont bliebst! O über Königinnen und Frauenhäuser!

Margarete Roswitha hat sich geopfert, Judith, weil es sie drängte dazu. Sie hat sich erboten für mich. Ich habs ihr nicht abgefordert!

Judith Du hast ihm Roswitha entkleidet und ihm ins Bett geworfen! Dem Henker, dem Scheusal! Du hast sie getrieben, bis sie sich selbst ein Verdienst daraus machte!

Margarete Was weißt du davon! Es war keine Zeit. Wir waren verfolgt. Wir haben die Kleider gewechselt. Roswitha hat sie mir selbst aus der Hand gerissen! Da sprangen sie schon von den Pferden.

Judith Du hast sie dir gerne entreißen lassen! Das kam dir zu paß! Das hat nicht viel Überredung gebraucht! O Nichtswürdigkeit! Doch wartet nur ab! Sie wird Euch zur Rechenschaft ziehen. Sie wird schon kommen und Euch verderben!

Adelheid Judith! Du sprichst zu der Königin! Morgen schon werden wir frei sein! Und auch Roswitha wird frei sein!

Judith (immer gesteigert) Wartet nur ab, bis das Ungetüm Henker sie erst in den Händen hat und ihr den Leib auskeltert! Bis er sie erst an den Haaren schleift und ihr den zärtlichen Leib aufschlitzt!

Margarete Judith! Judith! Bist du besessen!

Judith (zusammenfallend, weinend) O Königin!

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