Frei Lesen: Tenderenda der Phantast

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Hugo Ball

Tenderenda der Phantast

Herr und Frau Goldkopf

eingestellt: 16.8.2007



Ein astrales Märchen. Eine Art himmlischen Puppenspiels. Drei Teile lassen sich deutlich unterscheiden. Der erste: ein mystisches Erlebnis der Eheleute Goldkopf. Eine weiße Lawine kommt ihnen zu Besuch, eine sich steigernde Reinheit und Helle wächst ihnen zu. Ihr Haus liegt über dem Abgrund und an der Fabelwiese, auf der der Buchstabenbaum einhergeht. Das ist jener Baum, von dem die poetischen Adam und Evas essen. Zärtliche Allegorien in Tiergestalt treten auf. Traumhaft die Notenständer des Lachens, die Tenderenda bei Lebzeiten verteilte. Der zweite Teil ist die Ballade von Koko dem grünen Gott. Das ist der Phantastengott. Von ihm kommt alle Glückseligkeit, solang er in Freiheit die Flügel schwingt. Setzt man ihn aber gefangen, so rächt er sich durch Verzauberung derer, die ihm die nächsten waren. Der dritte Teil ist ein Epilog des Ehepaars Goldkopf. Es schüttelt den Staub seiner Zeit von den Füßen und prophezeit ein Ende der Gottlosen und der Verzauberung. Den Kehraus macht, wie es recht und billig ist, ein Vers des Herrn Dichterfürsten Johann von Goethe.

 

Herr und Frau Goldkopf begegnen sich auf der blauen Wand. Herrn Goldkopf hängt eine Sternschnuppe aus der Nase. Frau Goldkopf hat einen grünen Federwisch am Hut. Herr Goldkopf macht einen Kratzfuß. Frau Goldkopf hat eine Hand wie eine fünfzinkige Gabel.

Eine Lawine kommt die Treppe herauf. Hart hinter der Nacht. Eine weiße Lawine die wacklige Treppe. Frau Goldkopf verbeugt sich. Herr Goldkopf tippt sich an die Stirn. Eine weiße Fontäne entspringt seinem Kopfe. In keinem Jahrhundert ward solches gesehen. In keinem Jahrhundert.

Die Feuer- und Schneehähne stieben entsetzt aus der Tiefe. Die heiseren Kühe putzen einander die Nasen. Auf der Smaragdwiese wandelt der Buchstabenbaum.

Auf der Smaragdwiese: sodaseifener Wurm gigampfet aufgezäumt. Sein Reiter stürzt ab und verteilet die Notenständer des Lachens. Er steigt in die Morgen- und Abendschaukel, wiegt sich und schwingt sich und hüpfet ins Jenseits.

Da kommen der Flötenbock, Puderbock, Tulpenbock, recken die Hälse. Da stehet im Hintergrund ein Vogelhaus. Drin sitzt der Kaduderhahn und schäumt Sterne.

Spricht Herr Goldkopf verwundert: »Die Tulpe ist eine Gartenblume, schön, aber geruchlos. Auf einer Höllenmaschine kann man nicht Kaffee kochen.«

Spricht Frau Goldkopf. »In gremio matris sedet sapientia patris. So ists mit der Tulpe. In der Erde hat sie eine Zwiebel. Darum ist sie eine Zwiebelpflanze.«

Spricht Herr Goldkopf: »Epileptiker fallen allhier von den Bäumen. Das blaue Pfeifen mächtiger Syphone lockt. Das Bild sakrosankter Dreieinigkeit glüht über dem Buchstabenbaum. Erstaunet Sie nicht, Frau Goldkopf, die hohe Kindlichkeit aller Begebenheiten?«

Spricht Frau Goldkopf. »Oh Sie mit Ihren fanatischen weltstürmenden Gedanken! Tanzende Tiere sind wir in ragendem Kopfputz. Wir ringen um Nüchternheit. Wahrlich vergebens. Wer von wem weiß was?«

Und Herr Goldkopf. »Doch erinnern Sie sich: Sambuco? Fünf Häuser auf einer grünen Wand. Der Boden, auf dem Sie da stehen: dreieckiger Glasscherben im Weltenraum. Koko, der grüne Gott, hat uns verzaubert.«

Und Frau Goldkopf. »Koko – das ist: unser Sohn? Warum wollen Sie Weltschmerz spielen? Ihre Distanz und Melancholie, Ihre Altklugheit und Erfahrung: bedenken Sie nur! Mund, Stirne und Augenhöhlen verschüttet von Safran. Was führen Sie Klage?«

 
Strophe

Koko, der grüne Gott, einst schwirrte in Freiheit

Über dem Marktplatz im Reiche Sambuco.

Da fing man ihn ein und setzte ihm Gitter aus grobem Draht,

Und fütterte ihn mit Pomade und mit den Unterröcken der alten Weiber.

Er gab nicht Antwort auf höhnische Fragen nach seinem Befinden.

Er weissagte nicht mehr die Schicksale der nächsten und übernächsten Welt.

Traurig und einsam saß er auf seinem Holzpflock.

Die Segnungen seiner Gegenwart gediehen nicht mehr.

Nicht mehr durchstrahlte sein violettes Flügelschlagen die Welt.

Das verschrumpfte Gesicht einer alten Frau Eule bekam er

Und führte ein absolut logisches Dasein voll Lähmung.

Gerüttelt des Nachts von der Sterne einwirkendem Irrsinn

Rächte er sich durch Verzauberung derer, die ihm die nächsten waren.

 
Antistrophe

Das himmelschreiende Licht leuchte ihm!

Sonne des Todes blähe die Giebel der schmutzigen

Bumbuleute, die ihn gefangennahmen.

Man spiele seine Ballade auf allen Mundharmoniken der Neuzeit.

Man bereite gepolsterte Straßen für ihn, wenn er zurückkehrt.

Die zwölf Zeichen des Tierkreises mögen leben von seinem Ruhm.

Der Oberbonze darf eine Nacht bei seiner Schwägerin schlafen zum Lohn.

Menschen und Tiere werfen die Kleider des Leibes und Leides ab,

Wenn er wiederkehrt aus der Haft der o-beinigen Räuber.

Seine Mutter ist für ihn auf den Talon gegangen im Diesseits und Jenseits

Sein Vater wiegte für ihn auf der Hand die Geister des Bösen.

Er hat uns verworfen und lebende Bilder gestellt aus unserer Qual.

Er wird die Verzauberung lösen, die uns besessen hält.

 

Frau Goldkopf: »So geschehe es.«

Herr Goldkopf: »Wenn Metatron stampfend die Firmamente durchreitet.«

Frau Goldkopf: »Die Erde wird er an den vier Enden fassen und die Gottlosen daraus schütteln.«

Herr Goldkopf: »Beruhigen Sie sich, Madame, wenn ich bitten darf. Lassen Sie uns auf den farbigen Esel steigen und über den Abgrund gemächlich hinunterreiten.«

Frau Goldkopf: »Einen Moment nur, wenn es gefällig ist. Damit ich die Sonne, dies Eitergeschwür, mit der Feuerzange anpacke und ihm den gesteigerten Weg zuweise.«

 

Chorus Seraphicus
Das Voll und Ganze wird hier Ereignis
Im Totentanze strebt es zum Gleichnis.
Das Unerhörte – hier tritt es ein.
In grellem Lichte: Verworfensein.

< baubo sbugi ninga



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