Frei Lesen: Das Kampaner Tal

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Kapitelübersicht

Vorbericht | 501. Station | 502. Station | 503. Station | 504. Station | 505. Station | 506. Station | 507. Station | Erklärung der Holzschnitte, unter den zehen Geboten | IX. Holzplatte des neunten Gebots | X. Holzplatte des zehnten Gebots | XI. Erster Freudenstock | XII. Zweiter und letzter Freudenstock |

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Jean Paul

Das Kampaner Tal

X. Holzplatte des zehnten Gebots

eingestellt: 26.7.2007

Vokationen - Erkennungen



»Monsieur lIntendant des lits et meubles!« - so würden alle Leser den bisherigen Salzrevisor anreden müssen, wär er und sein Sarg nicht schon ganz zusammengefault. Auf der 10ten Platte des Zehner-Gebots hörten, wie es scheint, alle seine 10 Verfolgungen auf.

Sein linker Arm hinterbringt es gleich oben an der Achsel, daß Serenissimus den Ci devant-Salzrevisor wenige Tage nach dem Kolloquium vor sich kommen ließen und ihm nicht verhielten, daß jetzt nichts zu machen sei und keine Stelle offen stehe als bloß des Bettmeisters seine, die man Supplikanten anbiete. Die Intraden des Bettmeistertums können freilich nicht so hoch auflaufen wie die potsdamschen Bettgelder, die ganz etwas anders sind und unter deren Namen die Kur- und Neumark jährlich 10 000 Taler an den König abschickt; inzwischen ist doch im ganzen Amte mehr Ruhe und Beute - weil es ein Hofamt ist -, und der Ex-Revisor hat wenig mehr zu tun als die Ober- und Unter-Betten zu paginieren und zu bewachen und solche Kissen, die Ruhe haben (weil sie keine geben), zu verpetschieren und deswegen einwärts nähen zu lassen, damit aus ihnen die Dunen-Fülle nicht ausgekernet wird.

Es sind Geschäfte, sagte der Silluk oder Harfner, die schon halb die Frau versehen könne. Serenissimo sei der Verstand der Revisorin nicht unbekannt; überhaupt sei so etwas für Weiber, und ihnen entwische weniger hierin. Allerdings sind für das weibliche Federwildpret die Bettfedern Schwung- und Floßfedern, gleichsam kleinere Aigretten und Kokarden, die mehr tragen als getragen werden. -

Dafür aber rechne Serenissimus darauf, daß der neue Bettmeister seine künstlerische Muße zu Kunstwerken verwende, wie man sie von ihm erwarten könnte, Werke, die Glanz auf Sachsen würfen - insonderheitlich sähen Serenissimus gern, daß dem gemeinen Mann die Äpfel des lutherischen Katechismus in den goldnen Schalen von Holzschnitten präsentieret würden. -

- Und dieser Wink ist der kleine Zufall, dem das achtzehnhundertjährige Deutschland so viel verdankt, die katechetischen Platten - und meine schlechte Erklärung.

Sonst werden mit demselben Fleiße die militärischen Kommandowörter verkürzt und die gerichtlichen ausgedehnt (die Dekrete etc.) - - hier aber im Lustlager war Bittschrift und Rückendekret ein abbreviertes Ja? und Ja! -

Auf dieser Stelle der Historie steht nun der Krönleinsche linke Arm, der uns wie ein hölzerner den Weg zur zehnten Platte zeigt.

Er wurde entzückt Bettmeister. Zum Antrittsprogramm schenkt er hier der Welt einen der besten Auftritte. Als Intendant des lits et meubles untersucht er wenige Tage nach der Bestallung sämtliche hohe Betten, ob sie noch bekielet wären wie Spinette oder befedert wie Kanzleien. Er sagt auf dem Ellenbogen des Konterfeies (er will die allgemeine Erwartung steigern) er hab es für seine Pflicht gehalten, die bettmeisterliche Haussuchung bei dem lit de justice und Federtopf der Person selber anzuheben, der er alles verdanke, bei dem landesherrlichen. Als der Intendant die faltigen Vorhänge dieses Allerheiligsten leicht auseinander gerissen: wurd er auf den landesherrlichen Kopfpolstern zu seinem Erstaunen und Erstarren - er sagt, man solle raten, und wettet, man nenne alles, ausgenommen was kömmt - seine Frau gewahr. »Es war ein bedenklicher Spaß und der fast allzukühn«, sagt er auf seinem Arme weiter unter dem Puls. Die Bettfrau (seine Regina) hatte sich nämlich aus Scherz (meldet er) in die landesväterliche Ruhestatt versteckt, um den Moitisten ihrer eignen kindisch zu erschrecken. Der Bettinspektor, der in diesem klassischen und geweihten Dunen-Boden nichts suchen konnte als höchstens seine Landesmutter und Dogaressa, prallet vor seiner eignen Regina zurück, unentschlüssig, soll er erblassen oder erröten, und ist außer sich und wenigstens halbtot. Regina, welche die Folgen dieses Scherzes endlich sieht, setzt ihm nach - die Platte zeigt es - und hält ihn beim Domino und bedeutet und ermahnt ihn, doch kein Narr zu sein, sondern einzusteigen, Serenissimus werde sich totlachen, und weiter sei es nichts. Er hob aber die Arme schwörend auf, er müßte sich betrunken haben, wollt er solche Teufeleien gegen seinen Landesvater anfangen, und sie solle augenblicklich betten. Er segelte ab, sie bettete um, und so wars vorbei.

Ich weiß nicht, ob in diesem bloß bürgerlichen Schauspiel die Kritik es leidet, daß der Bettmeister sich hier auf einem Halse zwei Gesichter aufschnitzte, sein schönes angebornes, das er liebend gegen die Bettfrau kehrt, und ein abscheuliches wildes, das abgewandt dem rechten Beine folgt wie jenes dem linken. Der Kunstrat Fraischdörfer, der das ganze Holzschnitt-Kabinett dieses Katechismus besitzt - nämlich den Katechismus, worin es steckt -, nimmt meine Meinung gar nicht an, sondern behauptet, das heiße einem Künstler Krebsschäden inokulieren statt operieren; die Platte stelle offenbar folgende Szene vor: »der hohe Dach-Harfner des sechsten Gebots sei wahrscheinlich von der Redoute mit der Maske in sein Schlafzimmer getreten, um Ruhe zu gewinnen (denn nicht nur Monarchien müssen Ruhe - Republiken aber Unruhe - haben, um die Verfassung zu behalten, wie Raynal sagt, sondern auch, setz ich hinzu, die Monarchen) - Serenissimus schlage die Seiden-Gardinen zurück und betreffe darhinter, was wir alle hier vor uns haben - und in der Todesangst und Flucht hab er mit der Rechten (indem er damit auffuhr, wie noch zu sehen) die Larve auf das rechte Ohr herumgedreht, und so schaue er mit der Maske nach der Tugend, mit dem Gesicht nach der Sünde.«

Scharfsinn ist der Deutung nicht zu nehmen, aber Wahrheit: denn aus dieser Wolke reicht uns der Künstler seinen linken Arm und zieht damit jeden aus dem Sumpf. Ein Artist weiß allemal eher als die Kenner, was er haben will. Überhaupt ist gar nicht wahrscheinlich, daß die Silberdienerin die Vorzüge ihres Geschlechts in dem Grade vergessen haben sollte, daß sie - da die Weiber, nach Haller, den Hunger länger ertragen als wir, ferner sich schwerer, nach Plutarch, berauschen, nach Unzer älter werden, kahl gar nicht werden, die Seekrankheit nach De la Porte schwächer bekommen, länger nach Agrippa im Wasser oben schwimmen, seltner nach Plinius von Löwen angefallen und nach allen Erfahrungen immer die Erstgebornen und bessere Krankenwärter sind - bei solchen Vorzügen ists wenig glaublich, daß die Bett-Intendantin Serenissimum beim Mantel gefangen hätte; aber - erwartet kann sie ihn sehr leicht haben. - -

Eine dritte Meinung über diesen Stock nehm ich nur herein, damit sich der Leser vom müden Ernste der Untersuchung durch ein Lächeln erhole: wieder die Ausleger haben die dritte gehabt, nämlich gegenwärtiger Bettmeister oder (nach der Fraischdörferschen Hypothese) gegenwärtiger Serenissimus sei der keusche Joseph, und die Bettfrau sei Potiphars Frau... Armer Revisor, wie Albano seine Frau bald als Magdalena, bald als Maria in seine schmeichelnde Gemälde berief, so sollst du auch deine Regine bald als Madame Potiphar, bald als Bathseba mit deinen Katechismus-Stöcken ausgeprägt haben! -

Der fürstliche Faltenwurf des Parade-Torus bestärkte die Ausleger in ihrem biblischen Spaße nur noch mehr. - Und nun ists mir auch kein Rätsel, warum meine Kollegen den Revisor auf dem Berge der ersten Platte für den Gesetzgeber Moses ausgaben: denn letzterer wurde bekanntlich mit Hörnern abgebildet. -

Ja nach Potter und Lessing wurden schon bei den Alten nicht bloß heilige Bäume, Altäre, gemalte Flüsse, sondern auch Fürsten, Helden und Götter mit Hörnern geschmückt, weil man sie für Insignien und Sinnbilder einer ausgezeichneten Würde hielt.

- Eigentlich ist hier der fünfte Akt zu Ende, der Theatervorhang auf dem Boden und mein Amt vorbei; aber der Vorhang fährt wieder auf und zeigt die frohern zwei Akte des Nachspiels. Wenigstens seh ichs für meine Obliegenheit an, meinem Helden in die Bagatelle und das Monrepos seines Häuslichen Freudensaales mit meinem Kommentare nachzuziehen. Seit dem sechsten Gebote nahm er zu seinen Formbrettern teueres Buchsbaumholz, das schwerste europäische Holz, um sein eignes Gewicht zu melden - und überhaupt ist der ganze Bilderkatechismus eine verkleinerte Kopie seines Lebens - wie etwan der Franziskaner Thomas Murner die Logik in 51 Holzschnitten beibrachte, die chartiludium logicae hieß - und da dieser Weg viel weicher und schöner ist als der andere, den der Jesuit Menestrina ging, welcher des aufgeblasenen Ludwigs XIV. Leben bloß aus Münzen beschrieb - und manches fürstliche und dieses Ludwigische ist leichter aus den ausgegebenen, aus den valvierten und aus den falschen zu extrahieren als aus denen, die aufs Leben geschlagen wurden -: so hielt ichs für Diebstahl, die zwei schönsten Ausschnitte aus Krönleins Leben der Nachwelt wegzuschneiden. Wozu diente sonst auf dem weimarschen Blatte der Flachmeißel und der kleine Bischof?

Beide würden nie erklärt, wenn ich nicht fortführe....

< IX. Holzplatte des neunten Gebots
XI. Erster Freudenstock >



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