Frei Lesen: Das Kampaner Tal

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Jean Paul

Das Kampaner Tal

501. Station

eingestellt: 26.7.2007

Das Allerlei des Lebens - das Trauergedicht als billet doux - die Höhle - die Überraschung

Kampan d. 23. Jul.

- Da leb ich seit vorgestern: nach Höllenfahrt und Fegfeuerprobe und Durchgang durch limbos infantum et patrum tritt doch endlich der Mensch ins Himmelreich. - Aber ich bin dir noch den Ausgang aus unserer vor-vorgestrigen Herberge schuldig. Niemals hat wohl ein Kopf ein härteres Lager, als wenn man ihn auf den Händen trägt - d. h. darauf stützt: bei mir und Karlson war vor-vorgestern nichts daran schuld, als daß im Saale neben unsern Zimmern ein Hochzeittanz gehalten und daß parterre die jüngste Tochter des maitre dhotel, die nicht nur den Namen, sondern auch die Reize der Corday hatte, mit zwei weißen Rosen auf den Wangen und zwei roten in den Locken - eingesargt wurde und daß Menschen mit bleichem Gesicht und schwerem Herzen blühende und beglückte bedienten. Wenn das Schicksal zugleich das Freudenpferd und das Trauerroß an die Deichsel der Psyche anschirret: so ziehet immer das Trauerroß vor, d. h. wenn eine lachende und eine weinende Muse in einer Stunde auf einer Bühne nebeneinander spielen: so schlägt sich der Mensch nicht wie Garrick auf die Seite der lachenden, er bleibt nicht einmal mitten inne, sondern er nimmt die weinende; so malen wir überall wie Milton das verlorne Paradies feuriger als das wiedergewonnene, die Hölle wie Dante besser als den Himmel. - Kurz die stille Leiche machte uns beide gegen den frohen warmen Eindruck der Tänzer kalt. Aber ists nicht recht toll, mein Viktor, daß ein Mann wie ich nichts so gut weiß, als daß jede Stunde der Erde zugleich Morgenrot und Abendwolken austeilt, hier einen blauen Montag, dort einen Aschermittwoch anfängt, daß ein solcher Mann, der mithin so wenig darüber trauert, daß dieselbe Minute Tanz- und Nachtmusik und zugleich Totenmärsche vor dem breiten Nationaltheater der Menschheit aufspielt, gleichwohl den Kopf hängt, wenn er diese Doppel-Musik auf einmal bei einer Winkelbühne zu Ohren bekömmt? Ist das nicht so toll wie sein übriges Tun?

Auch in Karlsons Augen flog etwas von dieser Staub-Wolke; bei ihm bestand sie aber aus aufgewehter Asche einer Urne. Er kann alle Schmerzen verschmerzen - ihre Erinnerungen ausgenommen -; seine Jahre hat er durch Länder ersetzt, und der durchlaufne Raum wird ihm für durchlaufne Zeit angerechnet: aber hier wurde der tiefe feste Jüngling blaß, als er heraufkam und mir erzählte, daß der Liebhaber der bleichen Corday ihre langen gefalteten Hände auseinandergeworfen und auf seinen Knien an seinen wilden Mund angerissen habe.

Er nahm sein Entfärben im Spiegel wahr, und um es mir zu erklären, so teilt er mir gleichsam das letzte und geheimste Blatt aus seiner Lebens-Robinsonade mit. Du siehest, was für ein undurchsichtiger Edelstein dieser Jüngling ist, der seinen Freunden durch ganz Frankreich nachreisen kann, ohne seinem offenherzigen Reisegefährten nur eine Fuge oder ein Astloch in das Verhältnis mit ihnen aufzumachen. Jetzt erst, zumal aus Rührung über das nahe Kampaner-Tal, zieht er den Schlüssel aus dem Schlüsselloch, das für dich ein Souffleurloch wird.

Daß er mit dem Baron Wilhelmi und der Braut desselben, Gione, und ihrer Schwester, Nadine, bis nach Lausanne gereiset war, um mit ihnen bis ins Kampaner-Tal zu ihrer arkadischen Hochzeitfeier mitzugehen - das weißt du schon. Daß er sich in Lausanne von ihnen plötzlich wegriß und sich zurück an den Rheinfall zu Schaffhausen stellte - das weißt du auch; aber die Ursache nicht. Diese wird dir nun von ihm und mir erzählt.

Karlson sah in der täglichen Nähe endlich durch den enggegitterten Schleier Gionens durch, der über einen verwandten, groß und fest gezeichneten Charakter, den noch dazu die bräutliche Liebe magisch kolorierte, geworfen war. Karlson wurde von sich vermutlich viel später als von andern erraten: sein Herz wurde, wie im Wasser das sogenannte Weltauge, anfangs glänzend, dann wechselt es die Farben, dann wurd es ein Nebel und endlich transparent. Um das schöne Verhältnis nicht zu trüben, wandte er den verdächtigen Teil seiner Aufmerksamkeit auf ihre Schwester Nadine; er sagte mir nicht klar, ob er nicht diese in einen schönen Irrtum führte, ohne Gionen eine schöne Wahrheit zu nehmen.

Alle diese Schauspiels-Knoten schien die Sense des Todes zerschneiden zu wollen: Gionen, diese Gesunde und Ruhige, befiel ein plötzliches Nervenübel. An einem Abend trat Wilhelmi mit seiner dichterischen Heftigkeit weinend in Karlsons Zimmer und konnte nur unter der Umarmung stottern. »Sie ist nicht mehr.«

Karlson sagte kein Wort, aber er reisete noch zu nachts im Tumulte fremder und eigner Trauer nach Schaffhausen fort und nahm vielleicht ebensosehr vor einer Liebenden als vor einer Geliebten die Flucht, ich meine vor Nadine und Gione zugleich. Vor der ewigen Wasserhose des Rheins, dieser fortstürzenden geschmolznen Schlaglauwine, dieser schimmernden steilrechten Milchstraße, heilte sich seine Seele langsam aus: Aber er war vorher lange in die düstere kalte Schlangengrube stechender Schmerzen eingeschlossen, sie bekrochen und umwickelten ihn, bis ans Herz: denn er glaubte wie die meisten Weltleute, unter denen er erwachsen war - und vielleicht auch durch sein Schoßstudium, die Chemie, zu sehr an physische An- und Aussichten verwöhnt -, daß unser letztes Entschlafen Vergehen sei, wie in der Epopöe der erste Mensch den ersten Schlummer für den ersten Tod ansah.

Er schickte an Wilhelmi bloß die Nachricht seines Aufenthalts und ein Gedicht: »Die Klage ohne Trost«, das sein Unglaube betitelte, da er das Ambrosiabrot nie gebrochen hatte, dessen Genuß Unsterblichkeit verleiht. Aber eben das stärkte sein entkräftetes Herz, daß ihn die Musen zu dem Gesundbrunnen der Hippokrene führten.

Der Baron schrieb ihm zurück: er habe sein schönes Trauergedicht der Verstorbenen oder Unsterblichen - vorgelesen: bloß eine lange Ohnmacht hatte den schmerzlichen Irrtum erzeugt. Er und Gione baten ihn herzlich, ungesäumt nachzukommen - aber Karlson antwortete: »das Schicksal hab ihn nun durch die Alpenmauer von ihrem schönen Fest geschieden; da es aber wie das Braut-Tal Kampan seine Frühlinge immer erneuern werde, so hoff er durch sein Zögern nichts zu verlieren als Zeit.«

Kurz nun hatte noch dazu die andere Welt ihr überirdisches Licht auf Gionens Angesicht geworfen, und er liebte sie jetzt zu sehr, um das Fest ihres Verlustes begehen zu helfen. Auch über sie will ich dir eine unter dem Zuhören geborne Vermutung zuwenden.

Schon von einem Lobe und einer Liebe hinter dem Rücken werden wir gewonnen: wie viel mehr aber, wenn man uns beide als Abschiedsküsse nach dem Auffluge aus der Erde nachwirft! - Daher ist für mich der Gedanke an die künftige Leichenprozession hinter meinem bunten reichbeschlagenen Loh-, Zwiebel- und Reliquien-Kasten nicht nur ein Sporn zum Medizinieren (denn älter ist man leichter einzubüßen), sondern auch zum Absolvieren. Und du selber, so selten du uns sämtlich spießen oder zum Teufel jagen willst, ich meine so außerordentlich selten auch das Gewitter des Zorns das Faß deiner Brust versäuert: du selber hast kein besseres Säckchen mit weißer Kreide, kein besseres oleum tartari per deliquium, womit du deine innern Flüssigkeiten wieder versüßen kannst, als den Gedanken, wie wir alle um dein Sterbekissen erbleichen würden und um deinen Hügel verstummen und wie dich niemand vergäße! - Ich kann unmöglich glauben, daß es einen einzigen Menschen gebe, dem nicht, wenn ihn der Tod in der Täucherglocke des Sargs hinunterzieht, ein gebücktes Haupt und ein rotes Auge nachsähe; und darum kann doch jeder wenigstens die Seele lieben, die ihn einst beweinen wird. -

Denke ich nun die genesende Gione mit einem abgeschälten wunden Herzen, das eben in der schwülen elektrischen Atmosphäre der gesenkten Wetterwolke des Todes eine neue Empfindlichkeit erhalten hat: so brauch ich dir ihre Erweichung über Karlsons Trauerkarmen nicht nach Tropfen mit dem Tau- und Feuchtigkeitsmesser vorzurechnen, noch mit dem Magnetmesser ihre Liebe. Aber - nicht Wilhelmis glänzender Reichtum und sein ebenso glänzendes Betragen, sondern - die frühere Wahl und das frühere Wort verboten ihr, die Diamantenwaage nur - in die Hand zu nehmen.

Als Karlson mir das alles auserzählet hatte: so drehte er Gionens Ringbild - niedlich wie von Blaramberg gemalt - am Finger aufwärts und legte sich auf die harte Klippe des Ringfingers mit den feuchten Augen auf, bis er die geschmückte Hand unbemerkt unter den Kuß der Lippen rückte. Die Schamhaftigkeit seines Schmerzes rührte mich so sehr, daß ich ihm eine andere Marschroute als ins Tal unter dem Vorwand anbot, »weil mir die Träume darüber die Lust an der Wirklichkeit verdorben hätten und weil wir vermutlich die Neuvermählten noch in den ersten acht Rosensirup-Tagen störten, da sie wahrscheinlich auf den lauern, dort spätern Frühling gewartet«. Er erriet mein Erraten; aber sein Wort, morgen zu kommen, zog ihn an Ketten hinein. - Herzlich gern hätt ich das neue, vom Frühling gefüllte Eden entbehrt und meinem Freund die Jakobsleiter, auf der er aus seinem Traum in seinen vorigen Freudenhimmel sehen, aber nicht steigen durfte, unter den Füßen weggezogen. Aber auf der andern Seite freute mich sein fester worthaltender Charakter, der sich mit der Kraft seines Lichts dem Eindringen der Stacheln und Bohrwürmer des Leidens widersetzt; so wie mit der Zunahme des Mondlichts die Abnahme der Gewitter wächst. Ungesehen schrieb ich jetzt Gionen (nicht bloß ihn) in die Matrikel der seltenen Menschen ein, die sich wie Raffaels und Platons Werke erst unter dem Beschauen entwölken und die wie beide dem Siebengestirn gleichen, das dem kurzen Auge anfangs nur sieben Sonnen, dann aber dem langen Sehrohr über vierzig zeigt. - -

Vor-vorgestern reiseten wir demnach ab. Unterwegs sah ich ihm, glaub ich, zu oft in sein schönes treues, gleich dem himmlischen Äther zugleich tiefes und offnes und blaues Auge hinein: ich stieg in seine Brust hinab und suchte mir darin die Szene des Tages aus, woran das kirchliche Band ihm die edle Gione auf ewig aus den Fibern seines reinen, mehr von Musen als Göttinnen erwärmten Herzens zog. Ich will dirs bekennen: ich weiß mir keinen Tag zu denken, an dem ich meinen Freund mit größerer Liebe und Rührung sehe, als an dem unvergeßlichen, wo ihm das Geschick den Bruderkuß, die Kußhand und Breitkopfs Land der Liebe und Philadelphia und Vauklusens Quelle auf einmal in einem einzigen weiblichen Herzen schenkt. -

Vorgestern nachts um 10 Uhr kamen wir vor Wilhelmis arkadischer Kartause an, die ihr Strohdach an eine grüne Marmorwand andrückte. Karlson fand sie leicht durch die Nachbarschaft der berühmten Kampaner Höhle aus, aus der er sich schon einmal Stalagmiten gebrochen hatte. Der Himmel lag voll Gewölke und voll gefärbter Schatten, und über die lange grüne Wiege voll schlummernder Kinder hing die Wiegendecke der Nacht an den Pyrenäen befestigt und mit einigen silbernen Sternchen besetzt. Aus Wilhelmis Einsiedelei kamen sogleich einige schwarz gekleidete Menschen mit Pechfackeln, die auf uns gelauert zu haben schienen, und sagten: der Herr Baron sei in der Höhle. Beim Himmel, unter solchen Umständen ists leichter, die engste zu vermuten als die schönste und größte.

Die Schwarzen trugen ihre Flammen voraus und zogen die fliehende Vergoldung von einem Eichengipfel zum andern und führten uns gebückt durch eine Katakomben-Pforte. Aber wie herrlich wölbte sich die hohe und weite Grotte mit ihrer kristallenen Stukkatur empor, gleichsam ein illuminiertes Eis-Louvre, ein glimmendes unterirdisches Himmelsgewölbe! Wilhelmi warf eine Handvoll abgebrochner Stufen weg und flog entzückt an seinen Freund. Gione trat mit ihrer Schwester hinter einer ineinander gepelzten Stalaktite und Stalagmite hervor, das Lodern der Fackeln gab ihr nur ungewisse Gestalten - aber endlich führte Wilhelmi ihr ihn entgegen und sagte: »Hier ist unser Freund.« Er küßte tief-gebückt die lebendige warme Hand und verstummte vor Rührung; aber Gionens feste Züge zergingen auf dem ernsten Angesicht, dem bloß der jugendliche Schmelz Nadinens abging, in eine lächelnde größere Freude, als er zu erwidern und zu vergelten wagte: »Wir haben Sie lange in diesem Paradiese erwartet und vermisset«, sagte sie mit fester Stimme, und ihr klares ruhiges Auge tat die weite Perspektive in eine reich geschaffne tiefe Seele auf. »Willkommen(’ sagte Nadine, »hier in der Unterwelt! Jetzt glauben Sie doch an Wiedersehen und Elysium?« Ob sie ihn gleich mit einer Gesandtschaft und Flora von Scherzen - oder warens Grazien? denn sie waren schwer zu unterscheiden - empfing: so schien doch diese Heiterkeit des Temperaments und der Angewöhnung nicht die Heiterkeit eines befriedigten ausruhenden Herzens zu sein.

Mein Freund präsentierte mich gehörig, damit ich in dieser Korporation der Freundschaft kein Überbein und hors doeuvre bliebe.

Uns war allen - mir gar, da vor mir lauter nie gesehene Wesen in silbernen Reflexen schwebten -, als sei die Erde aus und das Elysium aufgetan und die abgetrennte bedeckte Unterwelt bewege wiegend zwischen Widerschein und Halbschatten gestillte, aber beglückte Seelen.

In dem freudigen Anteil, den diese liebende Dreieinigkeit an Karlsons Erscheinung nahm, war eine gewisse Lebhaftigkeit, die sonst den zurückgelegten vorletzten Schritt zu einem Ziel begleitet; aber das Ziel war bedeckt. Nadine, um doch mir auch etwas zu sagen, entdeckte mir: es sei ein kritischer Philosoph und Kämpfer mit da, den es freuen werde, jemand für oder wider seine Sätze zu hören, der Hauskaplan nämlich.

Als wir uns aus der wetterleuchtenden Demant- und Zaubergrube in die verdeckte Nacht begaben: so sahen wir den Mantel des Erebus in schweren nassen Falten niederhängen, und dünne Blitze quollen aus dem nächtlichen Dunst, die Blumen rauchten aus zugedeckten Kelchen, und unter dem tiefer einsinkenden Gewitter schlugen die Nachtigallen lauter, gleichsam als lebendige Gewitterstürmer, hinter blühenden Sprachgittern. - Gione ging auf einmal langsamer an Karlsons Arm und sagte mit Wärme, ohne zu stottern: »Ich liebe überall die Wahrheit herzlich, auch auf Kosten theatralischer Überraschungen: ich muß Ihnen es im Namen des Herrn Baron entdecken, daß ich und er morgen auf immer verbunden werden. Sie müssen es Ihrem Freund vergeben, daß er dieses Fest nicht ohne den seinigen feiern wollte.«

Ich denke mir, daß jetzt in Karlsons Seele die erkältete Lava wieder flüssig und glänzend wurde. Aus einer Wolke um den steigenden Mond strahlte plötzlich, als wär es aus diesem, ein Blitz, der in Gionens und Karlsons Augen einige Regentropfen erleuchtete, die für die Nacht gehörten. Wilhelmi fragte herzlich: »Kannst du mir nicht vergeben?« Aber Karlson drückte ihn mit ungestümer Wärme ans dankende Herz: ein so erhabenes Vertrauen der Freundschaft und ein so zarter Beweis desselben hob seine gestärkte Seele über alle Wünsche empor, und die fremde Tugend breitete in ihm die hohe Ruhe der eignen aus.

Wir zerteilten uns in unsere drei Tabors-Hütten, die Damen in die erste, Wilhelmi in die zweite, worin der kritische Philosoph mit wär, ich und Karlson in die dritte, die der Baron schon voraus dazu gemietet hatte. Die Ermüdung der Reise und selber der Gefühle schob unsere Bündnisse und Freuden eine Nacht hinaus. Ich kann dir aber nicht sagen, wie schön der Schmerz auf meines Freundes Angesicht der Erhebung zurückte, wie die Trauer wie ein Wolkenbruch aus seinem Himmel entfiel und das weite Blau aufdeckte: die Opfer und Tugenden unserer Geliebten gehören unter die unaussprechlichen Freuden, die wenigstens die Seele zählen und wägen sollte, die sie nachahmen kann.

Mir und ihm traten, in einer eignen elysischen Stimmung oder Harmonie für den kommenden Tag voll heiliger Wonne, die Augen über. Ach mein Viktor, die Völker und die einzelnen Menschen sind nur am besten, wenn sie am frohesten sind, und verdienen den Himmel, wenn sie ihn genießen. Die Träne des Grams ist nur eine Perle vom zweiten Wasser, aber die Freudenträne ist eine vom ersten. Und darum breitest du eben, väterliches Geschick, die Blumen der Freuden wie Ammen die Lilien in der Kinderstube des Lebens auf, damit die auffahrenden Kleinen in einem festern Schlafe bleiben!

Ach die Philosophie, die uns die Freuden verdenkt und sie im Bauriß der Vorsicht durchstreicht, sage uns doch, mit welchem Rechte denn die glühenden Schmerzen in unser zerbrechliches Leben traten. Haben wir nicht schon darum ein ewiges Recht auf ein warmes weiches Dunenbette - ich denke jetzt nicht bloß an das tiefste Unterbette in der Erde -, weil wir so voll Stigmen der Vergangenheit, so voll Wunden sind?

Du sagtest einmal zu mir: »in deinen frühern Jahren wärest du aus der stoischen Philosophie durch den Sorites gezogen und getrieben worden, daß erstlich, wenn die Empfindung der Freude so wenig wäre, als die Stoiker daraus machen, es gescheuter wäre, seinen Nächsten zu bekehren als zu beglücken, gescheuter, auf Kanzel und Katheder als Lehrer der Moral zu treten wie in Arbeitsstuben als Praktikanten der Moral, gescheuter, statt der aufgeblähten marmorierten Seifenblasen der Freude dem Nächsten die Seifenpillen und Fleckkugeln der moralischen Klinik zuzuwenden - ferner daß es zweitens irrig wäre, zu behaupten, die Tugend mache der Glückseligkeit würdiger, wenn nicht die Glückseligkeit einen eignen ewigen Gehalt besäße, weil man sonst behaupten würde, die Tugend mache den Inhaber eines Strohhalms etc. würdiger.«

Das hast du einmal gesagt: glaubst du es noch? Ich glaub es noch.

< Vorbericht
502. Station >



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