Frei Lesen: Der Jubelsenior

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Jean Paul

Der Jubelsenior

Fünfter offizieller Bericht

eingestellt: 30.7.2007

Morgenmilch der Freude - Kirchgang - die funfzehn Strophen oder Stufen der Himmelsleiter - Weissagungen - Predigten - die Landkarten - der Buchdrucker - über das Schnupfen der Weiber - Goldschleien - neuer Akteur - Ende mit Schrecken und Freude

Den Kunstrichtern, die ihren Eiszapfen als einen Feuermesser an meine und andere Sonnen legen, wie Lavoisier und de la Place aus wahrem Eise Pyrometer machen, steh ich nicht dafür, daß ich mit dem Zentralfeuer, das ich in diesem Kapitel anschüre, nicht ihren Calorimetre und sie gänzlich zerstöre. Ich beleidige ihren Stolz, daß ich ihnen keine Langweile mache - denn moralisch und physisch sind Ausdehnen und Gähnen beisammen -; allein ich muß darhinter sein, daß ich mir einen ewigen Namen erschreibe; das brauchen sie hingegen nicht. Die gelehrten Zeitungen sind, gleich den politischen, Monatskäfer, nämlich Mai-, Junius-, Juliuskäfer, und können nicht schnell genug einander erstatten durch Nachwuchs; ihr längstes Leben ist vor ihrer Erscheinung, und man kann fünf Jahre lang von einer Rezension sprechen, die man - erwartet: ist sie heraus, so lebt sie noch einen Monat. So wühlt z. B. der Maikäfer unter dem Namen Engerling als Larve fünf Jahre unter der Erde und Saat; steigt er entpuppt, und fliegend heraus, so frisset er noch einen Monat, und dann ists um das Kerbtier getan. - Ich hingegen bin auf eine der längsten Unsterblichkeiten aus, da die körperliche Sterblichkeit jährlich so wächst. Man rennt jetzt so schnell durch die kurzen Jahre, daß man kaum Zeit hat, im Laufe seinen Namen an eine Buchhändlertüre oder auf einen Leichenstein anzuschreiben: vom Autor und der Tugend bleibt selten mehr übrig als der Name. Noch besser und feuriger aber würd ich geschrieben haben, wär ich wirklich dahin gezogen, wo ich mich einmal ansiedeln wollte - nach Paris: dort hat man nicht Zeit, sich durch drei Meisterstücke zu verewigen, durch eines muß man es erringen, weil dort die ewigen Freudenfeuer des Genusses den Lebensfaden versengen und die Guillotinen ihn zerschneiden, besonders als Robespierre über das Land mit dem Kometenschweif ging und ihnen jährlich fünf Festtage und David Schirmerischen Wanzentod zuwarf, so wie der Komet Whistons aus seinem Schweif Schwaden und Sterblichkeit und fünf neue Tage über die Jahre der Menschen schüttelte.

Und eben diese Kürze des sterblichen Lebens, in der man das unsterbliche erangeln muß, sollte für mich (so scheint es) bei Rezensenten das Wort reden und es exkusieren, daß ich nicht nur so viel schreibe, sondern auch so gut. - -

Um 4 Uhr läutete Scheinfuß schon die Gebetglocke und machte ganz Neulandpreis irre und wach - denn um 5 Uhr gehörte sichs -; aber er war selber beides und hatte so nahe am Proludium des Jubeltags keinen Schlaf und unter dem Morgensegen keine Andacht. Meinen Kopf klingelte er auch vom Kissen ans Fenster: es war noch nichts zu hören und zu fühlen als der Küstenwind des Morgens, der die Goldküste der Aurora kühlte, und nichts ging noch im Pfarrhause herum als das Nachtlicht, wahrscheinlich mit Alitheen. Ich schlug mir ein Morgenlicht und setzte mich vor meinen Dintenbock und sein Herz und streckte den Legestachel des gegenwärtigen Appendix aus: denn hab ich solche Geschichten unter der Feder, die noch nicht ganz vorgegangen sind, so mach ich so lange, bis sie sich begeben, Ausschweifungen, Schalttage, Hirtenbriefe. Gerade als man die Fensterläden aufstieß, war ich mit dem vorstehenden vierten Zirkelbriefe zustande. Da die Arbeitsstube das schönste Vorzimmer in dem Pavillon und der Sommerstube der Freude ist: so sollte ein Gast durch eine Arbeit, es sei eine nürnbergische oder Lyoner, wie durch ein dissonierendes Intervall die harmonischen Grundtöne des Vergnügens lieben - unser Herz verwirft so gut wie unser Ohr (Lebens-)Fortschreitung durch Oktaven oder Geigen-Quinten. Ich setze daher in jedem Sinne über jeden prunkenden Festtag einen halben Feiertag; nur muß sich die Rangordnung umwenden und die Feier nachmittags anfangen.

Mit dem Morgengewölke legt ich zuletzt das Frührot auf meiner Stirne auf, den bekannten Esenbeckschen Zodiakalschein, die rote Zorn- und Zündrute. Es war ein besonderes Glück, daß ich, da diese feurige Zunge ein wenig rechts überschlug, das noch wußte, nachdem ich mich schon abgewaschen hatte: sonst hätt ich mich mit einem linken Klinamen des Penduls nicht bloß ungemein lächerlich machen können, sondern auch verdächtig.

Dennoch sah Gobertina, als der Schönfärber vor ihrem Kaffeebrett erschien, mir lange auf die Stirn und deren Rötelzeichnung: »Ich weiß es recht gewiß,« (dacht ich und sah in den Spiegel) »der Strich flektiert sich rechts.« - Ich war heiterer als gestern, sie auch; sie dachte an ihren heutigen Glanz, ich an meine heutigen Verdienste. Auch war es mir von Herzen lieb, daß ihr Lebens- Monodrama sich einem britischen Trauerspiel näherte, das, trotz alles Blutens und Weinens in der Mitte, doch nicht nur einen lustigen Prolog voraus-, sondern auch einen ebenso spaßhaften Epilog nachschickt: ich hatte das Verdienst dabei. Gerade als wir uns beide zum Abzug in die Pfarre anschickten, als ich schon meinem Menschen anbefohlen hatte, creme de Bretagne von Hampe nicht zu sparen, sondern die Stiefel und den Schwanzriemen tapfer zu wichsen und unter der Kirche die Schaugerichte und die Goldschleien ins Pfarrhaus zu schaffen: so schritt Scheinfuß herein und invitierte uns dahin. Der Schuldiener hatte heute, statt der Biersuppe im Magen, warmes Bier im Kopf und hielt sich im ganzen für den - Jubilar selber: die Promotion war zu schnell, der Mann zu schwach - ach der innere Mensch schwindelt wie der äußere, wenn er sich zu hurtig aufrichtet. Der Schulherr fing langsam an: »An einem solchen feierlichen Tage werd ich aus dem hochehrwürdigen Pfarrhaus abgesandt, Ew. beide Gnaden einzuladen zu einer Tasse Kaffee, und nachher dem heiligen Werk in dem Tempel mit uns allen beizuwohnen und zu vollenden. Ein wichtiges Jubelfest! ein exzellentes! - Und für Kirchenmusik hab ich in etwas gesorgt - der junge Hasler, gnädiges Fräulein, paukt, und der Schmieds-Tobias schlägt die Orgel: denn ich muß den Takt schlagen und bin der Bassist und dirigiere alles, weil ich die Partitur vor mir habe.« - Gobertina fragte ihn menschenfreundlich nach der Tonart und dem Musikschlüssel im Pfarrhaus; er versetzte: »Jubel hinten und vorn! Aber freilich die Pfarrmamsell (Alithea), die greint erbärmlich! Mamsell, sagte ich heute zu ihr, es gibt ja alte Jungfern, die noch immer auf ihren Mann aufsehen: warum bricht denn einem so jungen Blut wie Ihr das werte Herz? - Und dann sagt sie allemal: sie verließe sich gern auf mich, ich tröstete.«

Der Schuldiener und -meister harrte auf unsern Mitgang: wir traten ihn an, nachdem vorher das Fräulein einen blonden weißfarbigen Frönersbuben als Großalmosenier und Kollator ihrer milden Stiftung eingesetzt und ihm eine papierne Armenbüchse, mit einem Pfennigkabinett gefüllt, gelassen hatte, damit er mit dem Gelde das Bettelvolk dotierte unter der Kirche.

Der Schulherr entsprang uns am Bache in sein Haus, er sagte, er müsse auf den Turm laufen, um herabzublasen. Ingenuin kam uns im Pfarrhaus entgegen, dessen Hühnerviehe und Hofhunde der Hof verboten war, damit die Beichtkinder leichter aus- und eingingen. Durch die Sternbilder froher neugieriger Enkel-Gruppen kamen wir endlich ins Zimmer vor den im bunten Hof aus Kindern strahlenden Sonnenkörper neben seiner blassen Luna. Feierlich lächelnd, aber mit einer abwesenden und an höhern Gedanken hängenden Seele empfing uns der Greis, und er machte alles um sich her so ernst, daß ich nicht begriff, wie der Petschierstecher einen Kuchentriangel anbeißen konnte, und mir war, als äß er in einem Kirchenstuhl. So sieht, sagt ich zu mir, ein unerschütterlicher Freund aus! Diese breite gewölbte Brust wankte nie am geliebten Herzen, dieses dunkle, aber scharfe Auge schlug sich nie beschämt nieder, diese steilen Augenknochen sind das steile hohe Ufer eines tiefen, aber hellen Sinnes. Diese Gestalt hat ein Mann, sagt ich, der im magischen Kreise der Tugend, ohne aufzustehen, fortkniet, wenn die gaukelnde Nacht ihm mit überrennenden Wägen und mörderischen Larven droht. Die zweite Welt hatte ihn mit der ersten befreundet, und das Alter bückte seine Seele, mehr wie sonst die Jugend, nach den letzten Blumen der Erde nieder. Sein Amt und sein Herz hatten ihn mit dem großen festen Land hinter dem Leben und hinter dessen Fluten so einheimisch und vertraut gemacht, daß er sich jetzt wie der Demokritus vorkam, der achtzig Jahre aus seinem Vaterland weggewesen, um Kenntnisse einzutragen.

Nur er verdiente die funfzigjährige Liebe seiner Lebens-Genossin: er war ihre erste Liebe gewesen und wurde jetzt ihre letzte, bloß den Zwischenraum hatte die mütterliche erfüllt. Jetzt da ihre Sorgen geendigt und ihre Kinder gesegnet waren: so kam sie im stillen Nachsommer des Lebens mit der Herbstrose der erneuerten Liebe an die unvergeßliche Brust zurück und drückte im Gatten alle ihre Kinder ans Herz; bloß von ihren zwei Töchtern, die der Tod in seinen eisernen Armen hielt, wandte ihr innerer Mensch die weinenden und liebenden Augen nicht ab. - Die Morgenuhr ihres Lebens hatte den Schatten auf schwärmerische Stunden, auf den Blumentau süßer Tränen, auf Morgenträume, auf überirdische Hoffnungen geworfen, und ihre Seele war emporgestiegen, um auf das ferne Grab herabzusehen, das noch nicht geöffnet ist: jetzt da die Abenduhr vor der ebenso tiefen Sonne einen ebenso langen Schatten wie am Morgen und auf die Ziffern desselben Namens wirft, jetzt rücken die gefärbten Schatten der alten Vergangenheit wieder vorüber, aber in Heiligenbilder verkehrt, und sie schmachtet nach der Sargmuschel unter dem Meer, in der ihre Träne, nämlich ihr Herz, zur festern Perle reift, und die Seufzer der ersten Tage voll Liebe wachen als Gebete auf.

O so soll es euch auch sein, geliebten Freundinnen **, wenn die Nachmittagsstunden des kurzen Namenstags eueres Lebens ausgeschlagen haben! Frei, weit und klar blicke abends euer Auge um sich, wenn das Leben gelichtet und entblättert ist, wie man im physischen Herbste weiter und mehrere Dörfer sieht, weil das gesunkne Laubwerk keine mehr verbauet! - Ach es ist keine unter euch, die ich nicht oft in den Stunden der verheimlichten Rührung mit der Hoffnung angesehen habe: »O wie zauberisch werden einmal diese Tage zu deinem langsamem gelähmten Herzen umkehren! O wenn deine Lebens-Frühregen davongezogen oder herabgefallen sind, wenn dein Himmel und dein Abend blau über dir ruht und die letzte Gewitter-Wolke erkaltet ist, wenn dein Weg durch die flüchtigen Freuden nahe an der ewigen abbricht, dein Flug durch die 11 beweglichen Himmel am festen : so werden die Verklärungen deiner Jugend von neuem entglimmen und die jugendlichen Erhebungen deines Herzens die veraltete Brust bewegen. O wie weich, aber nicht wund wirst du jeden Frühling besuchen und wirst sagen: willkommen, schöne Zeit, jetzt erinnerst du mich nicht wie sonst an den stummen stechenden Herbst des Lebens, sondern nur an den Frühling, den ich verlebt habe, und an den schönern Frühling, der mir nie verblüht.«...... Und dann wenn sie sanft weinend und träumend vom Spaziergange nach Hause kömmt, so fall ihr dieses Blatt in die Hand und erinnere sie weicher an den Freund ihrer vorigen erhabnen Stunden, und sie leg es hin, von hohen Erinnerungen innigst bewegt, und schaue die stumme Vergangenheit an mit großen warmen Tränen nicht nur der Wehmut, auch der Freude! -

Alle Gesichter der Söhne schmückte und verjüngte eine feierliche Freude und eine erneuerte Liebe: nur die bange Alithea verbarg sich mit ihrem weinenden Herzen unter einsame entfernte Geschäfte. Die Söhne - ausgenommen Ingenuin, dem die Nachfeier des Amts näher als die der Hochzeit lag - wurden durch die schöne Nachkirchweih des elterlichen Vermählungsfestes wärmer und dichter an die ehrerbietige Empfindung ihres Ursprungs und ihrer kindlichen Pflichten gerückt, und die Erwachsenen wurden zu hülflosen dankenden Kindern verjüngt. Und aus demselben Herzen stieg die elterliche und eheliche Flamme neben der kindlichen auf: die Silbervermählung der Eltern machte ihnen ihre Kinder und ihre Weiber lieber und zeigte ihnen auch weit draußen im Alter, mitten unter dem Auskehrig und den Scherben der Jahre, einen reparierten geputzten Traualtar.

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