Frei Lesen: Der Komet

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Jean Paul

Der Komet

Ernste Ausschweife des dritten Vorkapitels

eingestellt: 14.7.2007

Annahme sittlicher Unarten

Manche schöne richtige Handschrift bei Jünglingen und Jungfrauen fand ich nach Jahren voll verzerrter, unleserlicher, ausschweifender Buchstaben; und nichts war daran schuld - Nachlässigkeit am wenigsten - als die drei Dinge, daß die Schreiber recht viel, folglich recht eilig und abgekürzt schrieben, daß sie aus Vorliebe für manche Buchstaben diese recht ausschweiften, und daß sie endlich sich nicht in ihre eigne Unleserlichkeit hineinzudenken vermochten. - Ist es viel anders, wie manche schöne Seele in ihre Unarten gerät? Die häufige Wiederkehr derselben Verhältnisse - die Eiligkeit ihrer Behandlung und Abfertigung - die Vorneigung zu gewissen Äußerungen - und das Unvermögen, sich sich selber unähnlich zu finden und das allmählige Abarten von sich wahrzunehmen, dieses Ursachen-Drei kann machen, daß ein sanfter Mensch ohne sein Wissen ein auffahrender wird, oder ein großmütiger ein karger u. s. w.

*

Jacobi, der Dichter und Philosoph zugleich

Man zeige mir nur den zweiten Schriftsteller, dessen Herz so trunken nach Liebe dürstet und von Liebe überquillt, indes zu gleicher Zeit sein Geist so scharf einschneidet und so philosophisch die Welt abschält, und das eigne Herz dazu. Und so gab uns dieser Unvergeßliche Liebe und Wahrheit auf einmal und glich dem Magneten, welcher sowohl anzieht und trägt als am Himmel orientiert und zeigt als Kompaß.

*

Die leidenden Kinder

Die Kirche nennt die Kinder als die ersten Märterer des Christentums, nämlich die von Herodes ermordeten. Aber noch sind die armen Kinder die ersten Märterer in der Weise, wie man ihnen das Christentum predigt - ferner in der Ehe zwischen physisch- oder zwischen moralisch-kranken Gatten - und die Märterer der meisten Kenntnisse. - - O, schafft die Tränen der Kinder ab! Das lange Regnen in die Blüten ist so schädlich.

*

Anschauung der Größen und der Kleinigkeiten der Erde auf verschiednen Standpunkten

Wie die Seele sich erhebt, verkleinert sich ihr das Gepränge des Lebens, die Höhen der Gesellschaft und alles, wovor die Menge kniet und erschrickt; das Geringfügige aber nimmt der gehobene Geist liebender wahr, das Wiederkommende, die kleinen Freuden und Ehren und Ziele des Lebens, ohne doch sich selber in sie zu verlieren. So wiederholt sich hier geistig das Körperliche, daß dem Menschen auf einem hohen Gebirge die Höhen sich erniedrigen, aber dagegen die Täler sich ausbreiten.

*

Staatsleute

Nichts wird ihnen schwerer, als den Unterschied zwischen mechanischen und zwischen organischen Kräften im Körperreiche zu übertragen ins Geisterreich und als denselben durchgreifenden anzuerkennen; und zwar darum, weil sie Gewalt und Gesinnung nicht scheiden, sondern sich einbilden, da Gesinnung Gewalt gibt, so gebe Gewalt Gesinnung. Seht, mitten in dem weichen süßen Pfirsich setzet sich die Steinhülse des Kerns zusammen; und diesen Stein spällt nicht der Druck, sondern das sanfte Treiben des Keims. So bildet im Staate die öffentliche Meinung eine Gewalt, welche die Keime der Zukunft beschirmt, und die nicht zu durchbrechen ist.

*

Politisches Gleichnis und Gegengleichnis

»Es ist Büchergeschwätz,« - sagte ein Staats-Mann - »daß in England oder in Nordamerika die Meinung des Volks oder gar ein Geist der Zeit Regierende beherrschen kann oder soll. Das Wort des Herrschers treibt oben allmächtig, wenn er will, das Ganze und sogar wider den Volks-Strom; denn wie will dieser Strom, nenne man ihn Geist der Zeit oder Meinung des Volks, sich selber entgegenströmen, gleichsam entzweigeteilt, und sich selber bekämpfen und beherrschen? Da blickt das Schiff an, der Staat ist ja ein Admiralität- und Kriegschiff und ein Kirchenschiff zugleich, und seht zu, ob dieses Schiff je ohne Hülfe von oben, nämlich ohne den Wind und die Segel, die ihn auffangen, und ohne den Mastbaum dazu, jemals durch und gegen das Wasser kann getrieben werden!«

Während der Rede kam ein wunderbares Schiff dem Hafen zugeflogen, ohne einen Mastbaum und ohne Segel, mit einer gefährlich rauchenden hohen Feuermauer, geradezu gegen den Wind und wider die Wellen treibend; und der Minister fragte: »Was ist aber dies für ein Haus, das sich ordentlich selber bewegt und verrückt, und das noch dazu in Feuergefahr kommen kann?«

Zum Glücke stand ein Gegengleichnismacher neben ihm und konnte versetzen: »Ein Dampfschiff ists; Wasser wird durch Wasser, das mit Feuer im Bunde steht, besiegt und beherrscht - keine Winde sind nötig, bloß Räder, welche an den gewaltigen Dämpfen umlaufen, und keine Ruder sind nötig als das stille Steuerruder. Ja diese Macht eines durch bloßes Feuer entbundnen Wassergeistes scheint über das Wasser fast so vermögend zu sein als die Macht des Zeitgeistes über das Volk.« Dieses war das Gegengleichnis.

*

Kanonieren bei Geburt und Begräbnis

Die Fürsten kündigen ihr Ankommen wie ihr Abgehen - es sei nun von Städten oder vom Leben die Rede - durch Kanonen an, also durch Mord- und Blutzeichen. So bezeichnet die Sonne ihren Aufgang und ihren Untergang in den Wolken mit keiner andern von den sieben Lichtfarben als mit der roten.


 

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