Frei Lesen: Der Komet

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Jean Paul

Der Komet

Erstes Kapitel

eingestellt: 14.7.2007

welches durch Judengassen, Rezepte und einen offnen Himmel den Leser spannen will

Sämtliche Klubisten, Harmonisten und Klassinisten waren schön versammelt, nämlich der Freimäuerer, der Zuchthausprediger und der Hofstallmaler; nur die Ressourcisten fehlten noch, nämlich der Apotheker Nikolaus Marggraf. Endlich eine ganze Stunde zu spät langte der Jüngling an und hatte drei Himmel zugleich auf seinem etwas eingefallenen bleichen Gesichte. Da ihn sein Freund, der Freimäuerer Peter Worble, fragte, warum er gerade heute bei der Wiedereröffnung des Klubs der letzte sei, sonst doch immer der erste und eiligste, so versetzte der Apotheker: »Was ist viel zu fragen Nur vor allen Dingen, Peter, hinaus und einen herrlichen Punsch gemacht! Denn wahrlich heute ist ein Tag, wo mir fünfthalbe Gulden ein Pappenstiel sind.«

Der Freimäuerer Worble sah ihn mit dreifachen Fragezeichen an und dachte gar nicht daran, sich hinaus und an den Punsch zu machen. Das ganze Kränzchen war in Erstaunen, zwar nicht im geringsten über die Freigebigkeit, allein über den ungeheuern Reichtum, und nahm mit allen sechs Händen den Trinkfreitisch an; denn es war keiner im Kränzchen (den Apotheker ohnehin mit eingeschlossen), der etwas hatte, und der ganze Klub konnte jede Stunde ohne Hindernis vom Donner erschlagen werden, oder von Mesmer magnetisiert, so wenig Seidenes hatt er an.

»Bloß die Judengasse« - setzte Marggraf dazu - »hat mich etwas aufgehalten. - Ich sollte aber heute an einem so herrlichen Tage den Bettel gar nicht erzählen, da es doch bloß elende Schuld- und Geldsachen betrifft. - Meine teuersten Freunde! Heute an diesem Morgen hab ich endlich nach so manchen Täuschungen die feuerfeste Hoffnung gewonnen und gleichsam in Händen, daß ich aus meinem chemischen Ofen ein Gebäck herausziehe, das mich wirklich zu reich macht für einen Privatmann: es geschieht aber dies noch dazu schon künftige Woche am ersten Jahrmarkttage.«

Kein einziges Gesicht des Klubs erstaunte, jeder paßte auf etwas viel Neueres. »An einem solchen Tage nun« - fuhr Nikolaus fort - »kann man wahrlich nicht fromm und demütig genug sein; ich machte daher einen Spaziergang durch die Judengasse, wo meine meisten Gläubiger gar zu armselig aufeinanderhocken. Vom vorigen Jahre her erinnerte ich mich noch, daß die Juden heute ihr Hamannsfest oder Purim hatten und sie mir also, und wär ich der Gasse auf beiden Seiten schuldig, in ihren Feierkleidern nichts anhaben könnten.«

- Hier gab der Zuchthausprediger Süptitz mit den Händen starke Zeichen - mit den Augen starrete er geradeaus -, daß alle mit ihren Reden ein wenig warten sollten auf seine; denn er wollte einfallen, war aber noch im langen Veranstalten zu einem Niesen begriffen. »Ich bemerk es nur im Vorbeigehen,« - fing er an, nachdem er zweimal genieset - »einem Manne, der als Denker auf alles in und außer sich zu reflektieren hat, ist Niesen eine Pein, weil er innerlich den Anstalten so lange zusehen muß, bis die Nase losbricht, und noch dazu wird zweimal genieset, was nach Aristoteles (ich unterschreib es aber nicht) aus der Zahl der Nasenlöcher fließen soll. - Womit ich Sie aber unterbrechen will, Herr Apotheker, ist die Anmerkung, daß Sie in der Judengasse in einem gewaltigen Irrtum gestanden; ich kann aber, wie Sie wissen, nicht den kleinsten anhören, ohne ihn zu widerlegen. Die jüdischen Feste sind nämlich in unserem Kalender bewegliche, aber nicht feste Feste; und Purim fällt heuer viel später, wenn nicht früher. Die Juden schlagen dann an Hamanns Fest heftig mit den Hämmern in den Schulen, um den Hamann gleichsam von weitem figürlich zu treffen.«

»Ich empfands wohl«, versetzte Nikolaus; und nun erzählte er die Folgen seiner Kalenderverrechnung, wie aus dem zweiten, ja fünften Stockwerke die halbe Judenschaft herabgefahren und einen Hof von Gläubigern um ihn gezogen, und wie er den Zug wie ein Dreh-Seiler mit jedem Rückschritte immer mehr verlängert habe.

»Daran erkenn ich« - sagte Peter Worble - »den treuen, beständigen Schuldner; der hat immer vor andern den Trost voraus, daß, wenn ihn auch alle Freunde und alle irdischen Güter verlassen, doch die Gläubiger bei ihm bleiben und an ihm festhalten. Mancher Habenichts kann hier ein größeres Gefolge aufweisen als oft ein Prahlhans. Ich für meine Person darf sagen, daß ich selten ohne feste Anhänger bin, die oft mehre Straßen mit mir gehen. Auf den philippinischen Inseln stellt nach dem dortigen Glauben ein Arzt die Kranken bloß dadurch her, daß er sie sämtlich hinter sich nachziehen läßt; daher man dort einen geschickten Doktor an dem gassenlangen Patientenschwanz erkennt. So nun stell ich mir Gläubiger leicht als solche Leidende vor, die ebenfalls dem Gemeinschuldner als ihrem Kreisphysikus stets nachfolgen und nachlaufen, in der Hoffnung, dadurch von ihm hergestellt zu werden. - - Am Ende aber, Nikolaus, hattest du doch recht gehabt und bist zum Hamannsfest der Juden und unter ihre Hämmer gekommen als Juden-Antichrist; und wie liefs denn ab?«

Herrlich, versetzte Marggraf, sei die Sache abgelaufen; denn er habe zum Glücke seinen Hauptgläubiger, den Schächter und Sänger Hoseas, auf der Gasse getroffen und diesen durch die Vorstellung und Beteuerung seiner außerordentlichen Einnahme am künftigen ersten oder zweiten Jahrmarkttage dahin vermocht, daß er ihm den am Jahrmarkte fälligen Wechsel von 100 fl. in einen frischen von 200 fl. - oder seis mehr gewesen - umzuschreiben zugelassen, wofür der Jude mit einigem Judendeutsch den Gläubiger-Aufruhr auf der Stelle gestillt.

Der Freimäuerer und sogleich darauf der Hofstallmaler Renovanz schlugen über die ungemessene Wechsel-Potenzierung die Hände über den Kopf zusammen. Marggraf fuhr aber fort: »Der närrische Schächter hält ein Paar hundert weggeworfne Gulden gewiß für ein Wagstück, bloß weil er weiß, daß ich zu Hause nicht viel mehr Bares besitze, als was ich heute mit Ihnen, meine Herrn, recht aufgeräumt vertrinken will; aber ein Jude bleibt ein feiges Schaf. - Und nun, Peter, hurtig den Punsch gemacht! Heute will ich alles außerordentlich geschwind.«

Das fortdauernde Erstaunen der Gesellschaft, das sich bloß auf seinen bisherigen Glauben an den Stein der Weisen und den darauf versicherten Wechsel bezog, hielt er noch immer für ein anderes und sagte: »Sie erstaunen mit Recht, daß ich fünfthalb Gulden habe; aber man höre nur!«

Er steckte folgendes Licht in dieser Geldsache an. Lange nämlich hatte er auf seinem Dachboden einen Viertels-Zentner alter Rezepte von seinem Großvater, der sie nach Apothekersitte gleichsam als peinliche Akten für künftige Richter der Ärzte aufbewahrt: als ihm ein Gewürzkrämer unbesehens für ein Pfund dieser Heilblätter vom Baume des Lebens - falls er sie zum zweiten Male zu Geld machen wollte, wie deren Schreiber zum ersten Male getan - zwei Batzen bot. Erstaunlich anfangs! Mit solcher Gewürzkrämerei wär unter Napoleon der halbe Buchhandel zu heben! - Aber es war anders, später wurde glaubwürdig herausgebracht, daß der Gewürzhöker nichts als der Unterhändler mehrer Dorfbalbiere und Wundärzte gewesen, welche zu einem Gesamtkaufe dieser fünfundzwanzig Pfund Lebenssicherheitkarten zusammengeschossen hatten, um die Rezepte von neuem zu verschreiben und so immer etwas Kunstgerechtes, wenn auch nicht Zweckmäßiges, zu rezeptieren. Aber ob nicht die redlichen Quacksalber mit ihrem (Makulatur-)Pfunde so gewuchert, daß manche Rezepte, welche dem offizinellen Arzte unter den Händen aus Dummheit zu Urias- und Frachtbriefen an Charon, oder zu päpstlichen Schenkbriefen der neuen zweiten Welt geworden, sich jetzo zu Schenkbriefen und Quartierbillets der hiesigen Welt durch eine günstige Losziehung aus ganzen Pfunden von Heilmitteln umgesetzt: - dies zu untersuchen, gehört wohl in ein anderes Kapitel als in ein erstes, wiewohl ich nicht verhehle, daß ich hierin meiner Meinung bin.

»Nur gut,« - sagte der Freimäuerer - »daß man die Nilquelle des heutigen Punsches weiß; dein anderes Geheimnis von der Goldküste, am ersten Jahrmarkttage entdeckbar, ist mir seit Jahren halb und halb bekannt. Singe nur dein altes Lied von Goldmachen und Goldsäuere und materia cruda vor den Herrn bis auf den letzten Vers wieder ab, während ich draußen am Punsch arbeite. Ich will aber, Bester, einen glühenden Plättstahl in die Bowle stoßen - das Ingredienz kostet nichts, und man hat seinen guten Stahlpunsch. - Jetzo aber fang an, hinter meinem Rücken dein Lied zu singen! - Hab ich mir nur erst mit einigen Güssen Punsch den Kopf warm gemacht, so will ich dir deinen schon waschen, dafür daß du das Geld, das du nicht hast, ins Judenviertel hineinwirfst und zum Fenster und Rauchfang hinaus und Metalle rot färben willst anstatt türkisches Garn.«

Ich könnte nicht sagen, daß Nikolaus auch nur das kleinste Zeichen von Empfindlichkeit äußerte; vielmehr lächelte er ihm nach und sagte zum Maler: »Er schießt gewaltig neben hinaus, unser guter Freimäuerer - ich will jedoch gern auf ihn warten mit dem Geheimnis; - es dürfte aber leicht von etwas Gewinnreicherm die Rede sein als von bloßem Machen des Goldes - auch andere Sachen sind auf der Erde zu machen« - und dabei sah er ganz entzückt in die Abendsonne hinaus.

Die Leser des ersten Kapitels dieses Kunstwerkes müssen wissen, daß Worble seinen Freund nie öfter zwickte und ihm mit seinen Krebsscheren die Hand drückte - die Gebärden waren bloß kleinere Krebsfüße -, als wenn dieser die Nachricht brachte - was er in jedem Vierteljahr dreimal tat -, jetzo endlich sei er von dem großen Werke nur noch ein oder anderthalb Tage (ein paar Stunden mehr oder weniger sind nichts) entfernt, und er erwarte nächstens getrost von Gott das Gold. Denn von der seligen Adventzeit des Goldes an (wußte eben Worble) datierte der Apotheker wie jeder Alchemiker ein frommes Kirchenjahr seines Herzens; er hielt nämlich sein aufprasselndes Raketenzornfeuer auf den Boden nieder und angefeuchtet, um den Geber des großen Werks mit nichts zu entflammen. In diesem Zustande des gebundenen Feuers hetzte ihn Worble am liebsten, um seinem Ansichhalten entgegenzusehen und die äußere Milde mit dem innerlich erstickten Fluchen zusammenzuhalten.

Da der Hofstallmaler Renovanz den Apotheker, der ihn angeredet, in einer so freundlichen Laune fand: so drückte er eine längst angelegte schußfertige Bitte ab, die auf den zeitigen Stößer in der Marggrafschen Apotheke ging, welchen Nikolaus sehr liebte. Er fing also an - konnte aber in sein schön geformtes, etwas abgeblühtes Gesicht mit griechischer Nase und in seine Grau-Augen nicht so viel Liebe hineinlächeln, als wohl zu Bitten gehört, weil er letzte lieber abschlug als vortrug -: Herr Marggraf, fing er an, habe seine Studien in der niederländischen Schule mehrmal zu unterstützen versprochen, wenn das Gold fertig wäre; aber er könne schon jetzo der Kunst, ohne einen Heller Kosten, einen bedeutenden Dienst erweisen. »Prügeleien«, sagt er, »sind äußerst selten bei Malern und nicht genug von ihnen gesucht; und doch seh ich nicht ab, warum die niederländische Schule sich hierin will von der italienischen beschämen lassen, welche die herrlichsten Kindermorde, Schlachtstücke und jüngste Gerichte aufhängt und dabei an Stellungen und Verkürzungen unsäglich erbeutet. Sie wissen längst, wie ich mich auf Prügel- oder Schlagstücke lege, vielleicht mehr als manche Schlachtstücke in Kenners Augen wert; aber leider ist bloß der Pinsel mein Prügel, und überall fehlt mir eine Akademie. Sie besitzen nun, Herr Apotheker, an Ihrem Stößer Stoß (so heißt, glaub ich, der Mensch) ein Musterbild, das mit seiner kurzplumpen, eckigen, sich abhetzenden Wackelgestalt und mit seinem trefflichen Ausdrucke eines lebhaftdummen Feuers den besten Ostade nicht entstellen würde. Gott! wie wäre ein solcher kunststoffhaltiger Mensch nicht zu verwenden für die Kunst, wenn Sie wollten! Hat doch der Graf Orlof für den Maler Hackert ein ganzes Schiff in die Luft springen lassen zum Abzeichnen. Was wäre gegen so etwas die Gefälligkeit, wenn Sie Ihren Stoß bloß ausprügeln ließen in meiner Gegenwart, damit ich, so gut es ginge, ihn als Akademie benützte und flüchtig zeichnete! - Um des Himmels Willen nehmen Sie die Sache nicht von der unmoralischen Seite! - Wahrlich ich mein es nur so daß der Stößer sich selber herumschlüge mit jemand. Sie haben zum Beispiel Ihren baumlangen, langsamen, eiskalten, faultierischen Rezeptuar , das gerade Gegenbild Ihres Stößers. Diesen wollt ich durch drei oder vier Gläser Couragewasser, die ich gern aufwendete, leicht mit dem Stößer - dem müßt ich wohl auch eines geben - in ein Wortgefecht verwickeln, daß er gegen Sie recht tapfer loszöge - da er Sie ohnehin nicht achtet - und der Stößer wieder seinerseits noch unbändiger für Sie föchte, bis es dahin käme durch einige schelmische Aufmunterungen von meiner Seite, daß beide sich wirklich einander in die Haare gerieten. Dann käme ohne Zweifel der kurzbeinige Defektuar unter den langatmigen Rezeptuar zu liegen .... nun das Zappeln, Gabeln, Sicheln der Glieder und die tausend Gesichter auf dem tollen Gesicht - - Bei Gott! Herr Apotheker!« - -

Da nun der Stößer Stoß mit aller Innigkeit, Treue und Glaubigkeit einer eingeschränkten Seele am Apotheker hing und bekleibte und diesen für den größten Geist ansah, der ihm je in den Kopf gekommen, oder auf die Welt, so daß Nikolaus keinen Menschen auf Erden halte, der ihm so aufrichtig glaubte, wenn er sich lobte, als Stoß: so war ihm bei der Erbosung über den Antrag, eine so gute Seele zu mißbrauchen, welchen er an einem solchen heiligen alchemischen Tage mit der größten Gelassenheit aufnehmen mußte, nicht besser zu Mute als einem Gesandten, welcher an einem großen Hofe die erste Audienz und zugleich das schrecklichste Bauchgrimmen hat und doch dabei ganz aufrecht bleiben muß - zur Ehre seines Hofes -, so gern er sich, wie immer, tief bücken möchte, ja zusammenkrümmen für solchen Fall. - »Kein Wort weiter, köstlichster Künstler!« - versetzte der Apotheker, heftig auf- und abschreitend und mit verzognen Gebärden, da er nur der sanftesten Worte mächtig geblieben -»Warten Sie nur noch bis zum Jahrmarkte! - Hab ich Ihnen nicht schon längst bedeutende Summen für Ihre Kunst und folglich auch zu Modellen versprochen? - Und heute versprech ich Ihnen, bei Gott, noch zweimal größere, mein herrlicher Ostade!«

»Nun, ein bißchen Raffael bin ich wohl auch gern mit«, versetzte der Stallmaler und wollte im völligen Unverstehen des Marggrafischen Ansichhaltens die Prügel des Stößers durchsetzen, bis der Zuchthausprediger Süptitz ihn fragte, ob er denn gar kein Stück vom Psychologen sei und nicht im geringsten aus allem wahrnehme, wie sehr Herr Marggraf sich selber beherrsche.

Da trat endlich Worble mit feurigen Augen hinter der Punsch-Zisterne ein, für welche er selber alles abgerieben, ausgepreßt, zugesetzt und eingekocht hatte, um, wie er versicherte, alle Zeit bis zum Amen zu versäumen, in welcher der Apotheker gewiß seine lange alte Rede wieder gehalten über seine nächste Annäherung zum sogenannten großen Werke - dem schlagenden Goldherze aller Goldadern - und über alles, was er darauf tun werde, und was so lange schon bekannt geworden. Ja er habe, setzte er hinzu, um nur länger auszubleiben, fünf oder sechs Gläser Punsch voraus getrunken, und er bitte recht flehentlich, man soll ihn einschenken und ausreden lassen, weil er gern reden möchte, und zwar viel. Die Hauptsache war nämlich, daß der geldlose und daher tranklose Peter nun etwas im Kopfe hatte, womit er sein Heiligen-Januars-Blut flüssig machen konnte; er war von früher Zeit daran gewöhnt, seinem Pegasus, wie man auch prosaischen Pferden tut, etwas Geistiges zu trinken zu geben, damit er besser flöge, und er behauptete, er wisse die Stunde, wo er trockner sein werde als irgendein Kompendium oder ein Kaufmanns-Brief oder eine Schrift aus der Wiener Kanzlei, nämlich die sei es, wo er verdurste. Er fing an: »Ich lasse mich mit kochendem Punsch abbrühen, wenn ich etwas anderes vorbringen will als die Rede, die Herr Marggraf über das große Werk, zu welchem er nur noch anderthalbe Tagreisen hin habe, und über alles, was er dann mit zehn Goldfingern (jetzo hat er nur zwei) und mit zehn Goldzehen vorhabe, unter meinem Punschkochen an Sie alle gehalten.« - Aber der Klub schüttelte Nein. Dies kam dem Freimäuerer zwar ungelegen; denn er hatte sich draußen unter dem Punschmachen und Kredenzen eine der längsten Reden in dessen Namen ganz fertig ausgearbeitet und nur die Punkte und Kommata im Kopfe ausgelassen; aber er fuhr fort: - »Meinetwegen! In jedem Falle hat er unstreitig so gesagt: Da die Grunderde des Goldes aus Phlogiston und einer gewissen Säuere bestehe: so brauche man weiter nichts zu erfinden - denn das Phlogiston sei zum Glück schon da - als die gewisse Säuere, um dann das konstantinische Pulver zu machen, womit Sebald Schwärzer bei dem höchst sel. sächsischen Kurfürsten Augustus anno 1584 wirklich 1024 Teile unedle Metalle in das pureste Gold verkehret habe.«

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