Frei Lesen: Der Komet

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Vorrede | Ur- oder Belehnkapitel | Erstes Vorkapitel | Zweites Vorkapitel | Drittes Vorkapitel | Viertes Vorkapitel | Fünftes Vorkapitel | Sechstes und letztes Vorkapitel | Ernste Ausschweife des Urkapitels für Leserinnen | Ernste Ausschweife des ersten Vorkapitels für Leserinnen | Ernste Ausschweife des zweiten Vorkapitels | Ernste Ausschweife des dritten Vorkapitels | Ernste Ausschweife des vierten Vorkapitels | Ernste Ausschweife des fünften Vorkapitels | Ernste Ausschweife des sechsten Vorkapitels | Vorrede zum zweiten Bändchen | Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Zehntes Kapitel | Elftes Kapitel | Zwölftes Kapitel | Dreizehntes Kapitel | Vorerinnerung | Vierzehntes Kapitel | Fünfzehntes Kapitel in drei Gängen | Sechzehntes Kapitel In einem Gange | Siebzehntes Kapitel in drei Gängen | Achtzehntes Kapitel In drei Gängen | Neunzehntes Kapitel In einem Gange | Zwanzigstes Kapitel in zwei Gängen | Einundzwanzigstes Kapitel in einem Gange | Zwanzig Enklaven zu den vorstehenden zwanzig Kapiteln |

Weitere Werke von Jean Paul

Museum | Leben Fibels | Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf | Das Kampaner Tal | Freiheits-Büchlein |

Alle Werke von Jean Paul
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Der Komet) ausdrucken 'Der Komet' als PDF herunterladen

Jean Paul

Der Komet

Neuntes Kapitel

eingestellt: 14.7.2007

worin das Nötigste gegessen und erklärt wird

Mit Extrapost, in Eilmärschen hätte Marggraf gern seine drei Klubisten, besonders den Freimäuerer Worble holen lassen - um sie sogleich an seiner Edenpforte als Pförtner und Gärtner zu empfangen -, wären sie alle nicht früher gekommen.

Er zeigte ihnen den Geldsack und sagte: »So ist die Sache, und Gott hat es so haben wollen und mich gesegnet; freilich bin ich jetzo sehr wohlhabend. Mit diesen unechten Diamantensplittern fing es am Morgen an.«

Worble - nach einigem Aufhellen der Wahrheit - weinte ordentlich zwei Freudentropfen (in jedem Auge einen) und faßte mit beiden Händen Marggrafs Achseln, sagend: »So wärs wirklich wahr, Doktor, Himmels-Mensch, ich bitte dich um Gottes Willen? - Oder haben dir die Juden nur die Gelder vorgestreckt? - Aber verdient hättest du wahrlich die Erfindung und mußtest bisher so miserabel und im bloßen einherziehen wie fast die brasilischen Neger, die mit nackten Leibern die Diamanten suchen müssen, um keine einzustecken - - Meinetwegen mag das Gleichnis ganz falsch hier passen. Ich gratuliere dir herzlich und will nicht Worble heißen, wenn ich künftig einen andern Wein auf deine Kosten trinke als 27ger, oder 36ger, oder 48ger, oder doch 66ger. Nur treibe das Demant-Machen fort, bis du das wirst, was du schon bist, wie du weißt von Leipzig her.« - Er spielte fein auf den Prinzengouverneur und auf das Fürstwerden an.

Der Stallmaler Renovanz konnte die Freude über Marggrafs Beglückung gar nicht ausdrücken, sondern begnügte sich zu sagen: »Das lass ich mir doch gefallen, besonders wenn die falschen Diamantsplitter nicht wiederkommen. Ich möchte sagen: der Demant oder die Freude hat über den besondern Bau Ihres Gesichts ordentlich Glanz verbreitet.« Er gehörte unter die wenigen Menschen, welche nicht recht und nicht heiß Glück wünschen können. Der Zuchthausprediger nahm sehr ernst Marggrafs Hand und sagte: »Dieser Handdruck allein kann Sie ohne alle Worte und Wörter meiner wahren Teilnahme an Ihrer Freude versichern, wenn auch nicht schon mein Gesicht sie vor Ihnen hinlänglich genug ausspräche.« - Sogleich schnitt er das verdrießlichste im ganzen Zimmer und riß seine Linke mit dem Ausruf aus Marggrafs Hand: »Du Teufel! - Die Rechte gehört Ihnen.« Es war aber nichts, als daß der befeuerte Held des Tages die gemästeten Finger des Predigers, um den Handdruck herzlich zu erwidern, sehr stark mit seinen hagern Fingern an den dicken Ehering angepreßt hatte, wie zum Daumenschrauben. Die Anrede an den Teufel ging aber nicht auf den Apotheker, sondern auf den Teufel selber, über welchen der Prediger ein eignes System bei sich erhielt.

Großen schönen Vorteil brächt es dem ganzen neunten Kapitel, wenn meine Leser sich in ähnlichem Jubel-Babel und frohesten Umständen befunden hätten und etwa wären unerwartet z. B auf Thronen gesetzt worden, oder nur unter Heilige, oder (wie lebendige römische Kaiser) gar unter die Götter, oder auf irgend einen Sitz der Seligen, bloß damit ich ihnen nicht lange vorzumalen brauchte, wie einem armen Manne, wie der Apotheker auf Freuden- und Menschen-Strudeln zumute ist, wenn sie ihn so heben, so drehen, so schwenken. Solche gekrönte oder kanonisierte oder vergötterte Leser würden am leichtesten einen Marggraf leibhaftig sich denken, um welchen auf allen Höhen seine Zukunft Freudenfeuer lodern und welcher von da in ein Kanaan sehen kann, wo Milch und Honig in Gestalt von Butterwochen und Honigwochen fließen.

- - Aber mit welchen Kräften, mit welcher Ordnung stell ich die Unordnung und Wirrwarre der Freuden der Ankömmlinge, der Fragen, kurz alles dar, was folgt und ich jetzo darstelle? Unordnung der Darstellung ist vielleicht Darstellung der Unordnung, muß ich hoffen!

Alles strömt und stürzt auf den Mann ein, sein Innen und sein Außen.

Die drei Schwestern erscheinen, die er mit Geldsäcken bewirft, sie aus Höllenflüssen in Goldflüsse umsetzend, und er muß die Wogen ihrer Verwunderung dabei rauschen hören, weil sich ihnen die Sache nicht im geringsten aufklären will und der feindselige Stößer sie nach seiner Weise keiner Aufhellung gewürdigt -

Der Hundedoktor erscheint, welcher sich am meisten über den Doktorhut verwundern will und darüber sein gehöriges Licht verlangt -

Die verschiedenen pharmazeutischen Verwandten erscheinen, sowohl weitläuftigste als vornehmste, mit lauter Kindern, von Müttern umgeben -

Der Lohnkutscher aus Hohengeis, ein bloßer Gevatter, erscheint, welcher drei Romern Kirmesgäste zugefahren hatte, um selber als ein Gast des Apothekers abzusteigen -

Der Beikoch aus der markgräflichen Küche erscheint, um die marggräfische in der Hoffnung zu kosten, sie schmecke zehnmal niedriger als seine -

Der Vetter Hofpauker erscheint, der erst lange sein Vorgestern und Gestern nach- und abessen will, eh er sich mit seinem Magen nur an das Heute machen kann, geschweige an das Morgen, so leer und laut wie sein Paukenfell ist sein Darmfell -

Der hagere dürftige Vaterbruder erscheint, der Goldarbeiter, ein brennender, aber kahlköpfiger Kopf, der von seiner Hitze, wie von Köchen ein gebratener Hase, nirgend mit Haaren aufgetragen wurde als an den Läuften, wovon später die Vorderläufte auf dem Tische zu sehen waren -

Noch mehre erscheinen (z. B. die Silberdienerin, die zweite Frau des Goldarbeiters) und wollten alle (ich beteur es), jeder in sein besonderes persönliches Erstaunen und Erfreuen hineingeraten und beides nach Vermögen zu erkennen geben -

- Ein größeres Gäste-Sammelsurium und Fragen- und Antworten-Chaos ist mir in der Geschichte noch schwerlich vorgekommen, nicht einmal in der gegenwärtigen bis jetzo und in dieser Zeile; denn später in der nächsten will sich sogar dieser Wirrwarr noch vergrößern - -

Die bunten Basen aus Landstädten erscheinen, eigentlich mehr schönfarbige Blumenstäbe als Blumen selber - wiewohl jeder Stab sich für die junge Blume eben hält, die unter dem Namen Töchterchen an ihn geheftet ist -, welche lackierte Stäbe sämtlich nur darum auf die Einladung das Haus betreten hatten, um dessen Verfall und den Anzug der drei Schwestern selber zu sehen und zu beklagen -

Der Schächter und Kantor Hoseas erscheint wieder, welcher zum zweiten Male bittet, daß Marggraf ihn bei dem noch in der Geburt arbeitenden größern Diamante im Angedenken behalte -

Der Stößer Stoß erscheint nirgend und überall, hat ein neues grünes Jagdkleid an (in der Eile war bei den Juden kein anderes versetztes Kleid zu kaufen) und zeigt in seiner Freude statt des Menschenverstandes viel Feuer, wie ein Knabe Lustfeuer aushaucht, der auf einen vorn brennenden Span hinten zwischen den Zähnen hinbläst -

Sein Gehülfe, der Rezeptuar, erscheint und will kalt und zweifelhaft bleiben und über nichts erstaunen, und ich weiß nicht, warum ich die Schlafmütze nur herpflanze -

Kurz der Teufel und seine Urgroßmutter erschienen (die Großmutter hatte in Frankreich Geschäfte). - -

Vor der Hand auch etwas wohltätig wäre Marggraf noch gern an diesem Polterabende gewesen; und mit besondern Freuden wär er im Finstern verkappt in die Vorstadt, wo die Armut ihr Lustlager in kleinsten Häusern voll Volkmenge aufgeschlagen, hinausgeschlichen und hätte als die Göttin Fortuna die Bilderblenden der Jammergestalten mit einem Abendrote vergoldend beschienen; - wiewohl er sich im Drängen der Zeit auf sechs oder sieben Hände voll Kreuzer einziehen mußte, womit er aus dem Fenster in der Eile den goldnen, nämlich kupfernen Regen mit vielem Verstand immer in entgegenstehende Ecken warf, damit er die auflesenden Jungen und Bettler durch Hin- und Zurückrennen vor dem Quetschen und Prügeln bewahrte.

Aber noch ein andrer Wirbelwind trieb ihn in seinem Äther um, derselbe, welcher schon öfter mich, wie gewiß auch den Leser, obwohl im kleinen, gezerrt. Bekommen wir beide z. B. einen der schönsten Briefe voll wahren, aber sehr großen Lobs: so durchfahren wir das Schreiben höchst eilig, drücken uns entweder nur die Hauptsachen ohne die Nebensachen ein, oder diese ohne die Hauptsachen, und wollen es erst später ganz anders und wie vernünftige Menschen genießen; denn jetzo sind wir in unbändiger Hast, den Brief unter die Freunde zu bringen. Nicht viel besser geht es mir mit einem herrlichen tiefen Buche, das ich mit der größten Flüchtigkeit überlaufe, weil ich es gern langsam auskosten will, sobald ich es nur von dem Freunde wiederhabe, dem ich es deshalb nicht eilig genug leihen kann. -

Bloß noch tausendmal ärger wurde Marggraf von zwei entgegengesetzten Himmelpolen gezerrt. Ein Pol zog ihn zur Tischgesellschaft, der andere zog ihn zur Traumeinsamkeit, kurz er wurde zugleich am Schurzleder vorwärts und am Hinterleder rückwärts gelenkt. War es nicht seine größte Begierde und Glückseligkeit, Verwandte, Feinde und Freunde, Gönner und Neider in seine jetzige Insel der Seligen zu führen - seine Fahrt dahin samt allen Stürmen und Sandbänken warm zu beschreiben, ohne gerade darum alles aufzudecken - und Seekarten zu geben, worin manches leer gelassen ist - und von seiner Insel selber einen kleinen Atlas aufzublättern? Konnt ihm von vornen etwas lieber und angenehmer sein? Dies war das Ziehen des einen Pols. Aber von der andern Seite zog der andere hinten am Bergleder ebensostark zur Einsamkeit voll Ätherschlösser. Konnt er nicht auf dem Bergleder einfahren in den stillen Schacht und darin das Glänzen der unterirdischen Schätze anschauen? Konnt er nämlich nicht sich auf sein Lotterbett legen und seinen unabsehlichen Himmel sich recht austräumen (er lag so ungehindert da) und mit Phantasie-Füßen von einem Weinberggipfel und Tabor, zum andern als Gemse springen und sich erlaben an den unendlichen Aussichten unter ihm umher?

Überlegte er freilich einige Minuten dieses Austräumen genauer und dachte sich vorläufig hinein: so sah er schon unten in der Stube voraus, er werde droben sich wieder herab unter die Zuhörer sehnen, damit sie ihm an seinem schweren Freudenhimmel durch Aushören seiner Schilderungen tragen hälfen. Nur entzündete dann - dies sah er wieder aus diesem Voraussehen voraus - ein solches Schildern wieder auf der andern Seite den Trieb nach dem Traumbette so sehr, daß der Apotheker vor Zweifel nirgend zu bleiben wußte, wenn es nicht etwa da war, wo er bisher aus Höflichkeit gewesen. Also blieb er, wo er war.

An Entzückungen sich freuen heißt an den umhergerückten Brennpunkten eines Brennspiegels sich erwärmen. Der Mensch kann keine Freude ganz bekommen - so wie der Maler kein Meisterstück in der Dresdner Galerie ganz kopieren darf, sondern der letzten stets ein Glied zurücklassen muß, z. B. (wie ein politischer Schriftsteller) vom Midas die Ohren. -

Das Gastmahl wird endlich aufgetragen. Es war nach allen Nachrichten, die ich darüber einziehen können, eines der besten, die je in der Geschichte geglänzt und gedampft; und der Pauker und der Kutscher und alle Kinder wurden satt.

Marggraf konnte gar nicht fassen, wie Libette bei so wenigem Gold und Kredit der Apotheke so unerwartete Mundvorräte beischaffen können, sondern übersah ganz und gar, daß sie mehre verlorne Sohns-Braten erst eine Stunde nach der Diamant-Entdeckung zubereitet gekauft, weil sie den bunten Basen zeigen wollte, man sei von jeher nicht arm gewesen.

Noch nie im Leben hatte sich Worble so froh gegessen - wie getrunken - als hier bei dem Apotheker, der sonst so wenig ein Haus machen konnte als eine Schnecke, die nur ihres macht. Er wußte, der faule Heinz erstatte und verbürge alles. Auch zweitens war er unter allen am frohsten über den Frohen. Die innige Freude am großen Glück eines Freundes spricht höhere Liebe aus als dieselbe Teilnahme an dessen Unglück.

Es tut mir nur leid, daß der Zuchthausprediger - der nicht nur der größte Philosoph in Rom war, sondern auch der einzige - so wie Renovanz sowohl der größte als einzige Maler allda - sich nicht betrank. Aber dazu brachte ihn nicht das beste Weinglas in der Welt. Seine Angst war zu groß, er werde alsdann zu aufgeweckt und kapp ab, zapf an, fenstr aus, kurz nehm es mit irgendeinem Mann, ders nachträgt, oder gar einem Millionär, wie der heutige Apotheker, auf. Niemand fürchtete seinen Witz so sehr als er selber, da er wußte, daß in ganz Rom niemand so viele witzige Einfälle wie er - - gelesen. Seine Angst halt ich aber mehr für Hypochondrie. Ich habe mehre treffliche Männer gekannt, welche das ganze Jahr mitten unter den witzigsten beißenden Werken und Menschen zubrachten, so auch hohe diplomatische Männer, welche die ganze französische Literatur auswendig konnten, ohne daß im geringsten ihr deutscher Stil kürzer oder ihre eignen Einfälle gesalzen wurden oder sonst nach Witz schmeckten; so vermag auch der Seefisch, z. B. der Hering, obwohl im salzigen Ozean geboren und genährt, das Salz so gut zu zersetzen, daß sein Fleisch süßlich bleibt und er erst tot außer dem Wasser wieder in Salz gelegt werden muß, um schmackhaft zu werden - was gewissermaßen bildlich auch mit gedachten Männern in Satiren geschehen kann. Er hatte sich zu seiner Amtwürde den Kopf nach oben weit nach dem Himmel zurückgeschnallt und wollte erhaben genug und ehrwürdig aussehen, eine so lästige Kopfhaltung wie die, womit man im Vatikan Raffaels Logen oder sonst Deckenstücke genießen muß.

Der Stallmaler trank, so viel er wollte, weil er sich nur leer, nicht voll trinken konnte oder begeistert; seine größte Tischfreude war der entzückte Gebärden reißende Stoß, der immer noch in die Physiognomie hineingeriet, worin er ihn so gern malen wollte.

Unter dem Essen erwartete man das Wichtigste, nämlich eine ausführliche Schöpfungsgeschichte des Diamanten; und einige einfältigere Blutfreunde des Apothekers, die sowohl in als außer sich arm waren, gestanden gern, daß sie die Sache nur darum recht erzählt zu hören wünschten, damit sie sich selber solche Steine machen könnten.

  • Seite:
  • 1
  • 2
  • 3
< Achtes Kapitel
Zehntes Kapitel >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.