Frei Lesen: Der Komet

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Jean Paul

Der Komet

Achtzehntes Kapitel In drei Gängen

eingestellt: 14.7.2007

Worin zweimal gesessen wird und einmal fehlgegangen

Erster Gang

Die belgische und Nürnberger Arbeit - Worbles Tischreden

Es kam zeitig genug die belgische Schule, sechzehn Mann stark, damit die Kunst, nämlich jeder von ihnen, mit zehn Louis glänzend vom Fürsten unterstützt würde durch Sitzen. Die größten niederländischen Meister in ganz Lukas-Stadt, ein Denner, ein Potter, ein Ochs, ein Esel, ein Laus u. s. w., zogen mit ihren Arbeitkasten die Treppe hinauf, und der Wirt Pabst ihnen voran, als ihr Leo X. - als ihr monte di pietà und Gemeingläubiger - als ihr Oberhofmarschall, der sie einführte bei dem Grafen. Die Schule zersetzte sich wieder in vier Malerstoffe, in Miniaturfarben, in schwarze Kreide, in rote Kreide und in chinesische Tusche. Übrigens sah ihre Selber-Draperie nicht so glänzend aus wie die niederländische ihrer Figuren, sondern mehr etwas bettelhaft. Sie waren ihre eignen Gliedermänner, mit Lumpen und Studien behangen; und bei ihren angezognen Gewändern sah man was man an den raffaelischen rühmt, in der Falte der gegenwärtigen Bewegung nicht etwan bloß die Spur der nächst vergangenen, sondern eigentlich gar keine andern Spuren als längst vergangene.

Darüber staun ich gar nicht; zieht ein großer Gewändermaler sich elend an, so ists so viel, als wenn eine meisterhafte Malerhand, nach Lavaters Bemerkung, gewöhnlich eine unleserliche schreibt. Denn dies ist wieder nicht verschieden vom Falle trefflicher Dichter und Prediger; - wie man guten Schweizerkäse nicht in den Schweizergasthöfen, sondern im Auslande bekommt, oder gute Rheinweine nicht am Rheine, oder den besten französischen Wein nicht in Frankreich, sondern außerhalb ihrer Pflanzstätte: so hat man auch nicht bei dem moralischen Dichter und Prediger selber gute Eigenschaften, Milde, Liebe, Religion und Erhebung zu suchen, sondern mehr in seinen Lesern, welche das Ausland von ihm, wohin er alles versandte, vorstellen; und ein Engländer konnte sich recht gut unter dem Galgen an einer Predigt des berühmten Doktors Dodd erbauen, während man den Kanzelredner selber daran knüpfte. - -

Der Graf schickte die nötigsten passenden Worte voraus, welche nicht sowohl den Kenner als - was richtiger war - den Gönner der Kunst verrieten, und es war schmeichelhaft für jeden und ihn selber, daß er sich den zweiten Kaiser Karl den Fünften nannte, der auf allen seinen Reisen einen Maler mit sich führte, und der von Tizian dreimal die Unsterblichkeit empfangen zu haben versicherte, nach seinem dreimaligen Abmalen; und er setzte hinzu, er dürfe vielleicht auf eine noch öftere Unsterblichkeit rechnen. Das Platznehmen und Lichtzuschneiden machte viele Not. Nur Hacencoppen war leicht in die Mitte des Saals gesetzt, großen Spiegeln gegenüber - um ihn herum stellten sich die Tischchen der verschiedenen Meister, aber nur einige konnten ihn im Vollgesicht ergreifen - andere bloß im Dreiviertelprofil - mehre im Halbgesicht - ein paar im Viertelgesicht, und die vielen hinter seinem Rücken hatten gar nichts von vornen zu sehen; - diesen aber waren jedoch Spiegel gegenübergehängt, so daß aus letzten wieder Vollgesichter und Dreiviertel- und Halbgesichter äußerst bequem herauszumalen waren.

So fing denn das Konterfeien an allen Enden und Ecken mit Eifer an; denn in einen einzigen Vormittag wurden die sechs Schöpfungtage seines Gesichtes zusammengepreßt. In derselben Viertelstunde wurd er sechzehnköpfig - wenn man seinen eignen Kopf für keinen rechnet - und bekam sechzehn Stirnen, entweder aus schwarzer Kreide oder aus roter oder aus Tusche oder sonst.

Als man an seine sechzehn Nasen kam: so stellte er - und noch vorher bei der Stirne - richtige Grundsätze über Porträtmalerei auf, teils um in sein Sitzen hinein zu sprechen und solches sich zu erleichtern, teils weil er seine recht guten Gründe dazu hatte, nämlich seine zwölf Blatternarben. Er brachte vor, wie sehr gerade ihre Schule den Kenner befriedige, der sich oder jemand anders malen lasse, weil er von ihnen doch eigentlich kein Scheinbild seiner selber erhalte, sondern ein wahres, nichts Hineingepinseltes, nichts Herausgepinseltes, nichts Vertuschtes, sondern gerade nur das, was er selber sei. - Und eben dieses Selbst sei es ja, was der Liebende im fremden Bildnis allein aufsuche. - Niemand werde sich einen schönern Vater wählen, als sein wirklicher sei, und ebenso geh es mit dessen Bildnis; und wenn ein Swift und Descartes sogar an den Geliebten selber das Schielen, oder andere (St. Preux an seiner Julie) sogar die Blattern selber reizend fänden: wieviel leichter natürlich an den bloßen Porträten. - Und er bedaure nur, daß gerade die unschuldigen Fürsten so leicht, so flach, so unkenntlich auf ihren Münzen erschienen, bloß durch lauter Schönkünstelei. - »Meine Herren, nur keck zu, nur redlich keine einzige Pockengrube weggelassen, und wären ihrer ein ganzes Dutzend«, endigte er fein genug; denn gerade diese zwölf Narben sollten zwölf himmlische Zeichen werden, worin ihn auf seiner Sonnenlaufbahn der Vater zu finden hatte.

Es war daher sehr verständig von ihm, daß er mit seinem Vollgesicht gerade dem herrlichen und in ganz Lukas-Stadt berühmten Balthasar Denner saß, welcher, wie schon gedacht, über ein Bild von sich das Mikroskop sogleich mitgemalt, durch welches man die feinsten und unsichtbarsten Züge ganz sichtbar und vergrößert erblicken konnte. Hacencoppen verlangte von ihm, er solle auch über sein Porträt ein gezeichnetes Vergrößerglas anbringen, jedoch mög ers nur über die Nase halten, und sogar dies nur so, daß nicht die Nase unendlich vergrößert würde - was schlecht im regelmäßigen Gesicht ausgesehen hätte -, noch auch die Pockengruben - welche dann noch unförmlicher, als zwölf Herzgruben oder waagrechte Nasenlöcher oder als Diamantgruben erschienen wären -, sondern alles sollte unter dem Mikroskop sich so ausnehmen, wie es in der Natur sei, nämlich als eine ordentliche vernünftige Menschennase, nebst ein Dutzend Blatternarben, »wenn ich anders richtig gezählt«, sagte Nikolaus.

So bekam er denn fast in einer Stunde mehr lange Nasen als ein anderer in seinem ganzen Dienste; denn sein Gesicht brach sich in den Wellen der Farben sechzehnmal. Ich will dies nicht reichlich nennen; denn da der kleine Dresdner Kirschkern hundertundachtzig eingeschnittene Gesichter zeigte, so keimten freilich aus seinem Gesichtkern ein Hundert weniger Gesichter auf, was absticht, wenn ich auch das morgendliche Treibhaus der welschen Schule mitrechne. Zwölf Gruben, nicht weniger oder mehr, und jede in angeborner Reihe, schlug Balthasar Denner bergmännisch - dies war vorauszusetzen, aber es muß doch zu seinem Lobe hier allgemein bekannt werden - auf der Nase unter dem Glase ein, bloß treu der Kunst, bloß folgsam der Natur, ohne ein Wort zu ahnen, daß diese Blattergruben Gold- und Silbergruben des Fürsten sind, und daß dieser ohne die Blatterpunkte für seinen Vater bloß ein unpunktiertes Alttestament bei allen seinen sonstigen Lesemüttern oder Matribus lectionis bleiben würde.

Indessen wünscht ich, daß über Denner nicht ein Ochs vergessen würde, ich meine nicht den frühern französischen Gesandten in der Schweiz, sondern den zweiten Paul Potter in Lukas-Stadt. Wenn nämlich der erste Paul Potter eine pissende Kuh, wie Myron eine säugende, gleichsam der Bundlade seiner Unsterblichkeit vorspannt, und jede Kuh so berühmt ist, wenn auch nicht so erhaben und gesucht, als die Pisse-Vache - wie die Schweizer in ihrer Viehweidesprache den bekannten Wasserfall pomphaft genug nennen -: so stellte der Lukas-Städter Potter einen pissenden Ochsen neben den Evangelisten Lukas von solcher Vollendung auf, daß man nicht bloß den Evangelisten über sein Tier (wie oft in den Heiligen-Legenden umgekehrt) vergaß, sondern auch auf den Maler den Namen des Viehes übertrug. Es brach der Galerie-Inspektor in seinem Programm über die vorjährige Ausstellung, wo er eben den Preisochsen öffentlich und ästhetisch schätzte, in eine solche Bewunderung aus, daß er spricht »von einer Nische, von einem Heiligtum, das die herrlichen vier Beine des Viehes als Säulen bilden«. Fast zu feierliche Redensarten, die bloß ein Goethe und zwar nur bei der Darstellung von Myrons Kuh mit dem Kalbe, sich wörtlich so erlauben konnte.

Aber eben der Schöpfer und Namenvetter des genialen Ochsen stellte auf Hacencoppens Nase, ob er sie gleich nur in Miniatur nachmalte, den ganzen Pocken-Zwölfpunkt - wenn ich aus Scherz den Grafen nach der Doppel-Ähnlichkeit mit dem Käfer-Sechspunkt oder coccinella sex punctata so nennen darf - mit schöner Reinlichkeit dar. Eine ganz unerwartete Freude machte aber Ochs dem Grafen durch einen Halbring über seinem Wirbel, der ordentlich dessen bekannte Schädelphosphoreszenz oder dessen Heiligen-Diffusionraum andeuten konnte. Es blieb der Heiligen-Anschrot immer etwas Herrliches, so wie die Pockennarben-Interpunktion, wenn auch Potter, wie zu vermuten, nicht das Geringste von der hohen fürstlichen landesherrlichen Bedeutsamkeit der Narben und der Strahlen gehört; dann hatt er den Halbring wahrscheinlich aus der Gewohnheit darübergezogen, entweder den heiligen Evangelisten Lukas so oft zu malen, oder neben ihn auch dessen Ochsen, wovon ihm die wie zwei Mondviertel einander zugebognen Hörner als eine Art Heiligennimbus geläufig geblieben.

Genug! Hacencoppen war mit Ochsen überaus zufrieden.

Sonst aber ist es historische Pflicht, nicht zu verhehlen, daß die andern Maler nur schlechte Denner und Potter waren und viele über zwölf, manche unter zwölf Blattergruben, ein paar vollends zusammenfließende Blattergruben ausgeheckt, der dazu gehörigen Nasen gar nicht zu gedenken; ja einer saß unter den Malern, welcher, wenn jene Männer im Tempel des malerischen Ruhms aufzustellen waren, gar auf den Kirchhof desselben gehörte; ich mache seinen Namen aus Liebe der Welt gar nicht bekannt, so grobgeschrieben er auch da vor mir liegt.

Niemand in der Akademie, die Maler am wenigsten, konnte so sehnlich das Ende der Sitzung heranwünschen als die Akademie, nämlich der Graf selber. Er konnte sich nichts Langweiligeres denken als sein unablässiges Augen-Auf- und Ablaufen auf den Gesichtern der sechzehn Kopisten, wo er auf kein einziges treffen konnte, das erträglich fett gewesen wäre. - Viel Farbe hatte auch keiner, ausgenommen die wenigen Lefzen der Miniaturmaler, die ihre Spitzpinsel an ihnen genäßt hatten. - Ermüdet schon Sitzung Fürsten, wieviel mehr, wenn einer, wie Marggraf, die Minute durchaus gar nicht erwarten kann, in der er aufstehen und den sechzehn dürren Schachfiguren - worunter nur drei reich genug an Gold und Silber waren, nämlich die Miniaturmaler an Muschelgold und -silber - zehn Goldludwige (nämlich jeder Figur) auf die Tafel hinlegen kann, sondern wenn er ordentlich vor Ungeduld zappelt und wie ein Schullehrer denkt: häuslicher Fleiß könnte ja das Beste tun und mich ausmalen.

Endlich konnt er aufstehen und auszahlen. -

Wie gesagt, jede (hier mehr ziehende als gezogene) Schachfigur erhielt zehn. -

Die Auftritte dabei gehören zu sehr der lyrischen Dichtkunst an, und zu wenig der stillen planen Geschichte, wie sie musterhaft ein Adelung in seiner »pragmatischen Staatsgeschichte Europens« schreibt, als daß ich etwas Stärkeres vorbringen dürfte als den Wunsch: wäre nur der arme Correggio mit seinem Sacke voll erdrückenden Kupferehrensold darunter gestanden: er hätt ihn wahrlich fallen lassen und gesagt: ich bin auch ein Maler, nämlich ein Lukas-Städter.

Die Schwüre sind nicht zu zählen - ich nehme sechzig an -, welche die Meister unter dem Goldeinstecken taten, daß sie die Kunstwerke nach Hause nehmen und da so arbeiten und mit neuen Zügen, die sie bis zur öffentlichen Ausstellung ihm täglich im Vorbeigehen abstehlen würden, so nachbessern wollten, daß man ihn bei der Ausstellung unter Tausenden auf tausend Schritt weit erkennen sollte.

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