Frei Lesen: Der Komet

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Jean Paul

Der Komet

Einundzwanzigstes Kapitel in einem Gange

eingestellt: 14.7.2007

worin jeder immer mehr erstaunt und erschrickt

Der Gang

Vorfälle und Vorträge auf der Gasse - seltsame Verwandlungen vorwärts und rückwärts

Indem ich es eben betrachte, wie der Hofnarr, der erst im vorigen Kapitel nachkam, sogleich im jetzigen ohne weiteres in Handlung tritt, ohne verdammt langweilige Paß-Inquisitionen und Nachfragen, was er seitdem getan und erlebt, wo man gewesen und gereist: - so seh ich fast mit einigem Selbgefühl auf mich als den Geschichtgünstling einer Geschichte hinauf, in der ich sogar Romanschreiber hinter mir lassen kann, welche sonst so sehr erdichten können; - und sogar über Walter Scott rag ich etwas vor hierin. Denn gibt es im Leben eines Lesers etwas Verdrießlicheres, als wenn er - wie ebensooft bei Scott - auf einmal mitten aus der freundlichen zusammengewohnten Gegenwart des Helden (der bleibt sitzen) in die erste beste Vergangenheit eines alten oder neuen Ankömmlings zurückgeschleudert wird und so mitten im Paradiese voradamitische Zeiten zu durchleben bekommt? - Keinen Augenblick bin ich in Scott neben dem schönsten Blücher-Vorwärts vor einem Scott-Rückwärts gedeckt, wovon ich am Ende, wenn nun die neue oder die alte Person ihre Geschichte bis zur Ankunft bei dem Helden mitgeteilt, doch nichts bekomme, als was ich verloren, nämlich den weitern Fortgang der Geschichte. - Wenn es, beim Himmel! wie ich hoffe, unter allen Menschen keinen gibt, der sich so bequem bereden und belügen läßt als einer, der liest: so bitt ich euch inständig, ihr Romandichter, warum in aller Welt versichert ihr den Leichtgläubigen nicht geradezu: die war so, dem gings so, oder was ihr wollt, oder tischt ihnen euere Krebse - um nicht selber krebsgängig zu werden - als gute gare, wirklich in der Pfanne rot gesottene auf, wenn sie auch gleich noch zappeln und rückkriechen, so wie Krebse in Solothurner Bächen oder auch die von Branntwein rot aussehen ungekocht und lebendig?

Ja sogar Männer meines Fachwerks, nämlich Geschichtschreiber, haben in ihren Darstellungen ähnliche Romanfehler begangen, die ich mir nicht vorzuwerfen habe. Oder spring ich etwa, wie der große Thukydides, von den Mitylenäern ohne Endigung ihrer Geschichten zu den Spartern - und von diesen wieder ohne Endigung zur Belagerung der Platäenser - und endlich wieder zu den ersten zurück - und endlich wieder davon nach Corcyra, um gleichwohl darauf mit den Athenern gegen Sizilien zu ziehen? Und kann ein Dionysius von Halikarnassus, der das Vorige dem alten Griechen vorgerückt, darin fortfahren und mir Funfziger, wie jenem Siebziger, vorhalten, ich spränge darauf nach dem Peloponnes und nach Dorien - und nach Leukas - und nach Naupaktus - und nach Und-so-weiter? ...... Doch ohne diese oder eine andere Unähnlichkeit, worin ich mich von Thukydides absondere, länger ruhmredig zur Schau zu tragen, geh ich lieber ohne Absprünge zu meiner Geschichte zurück. - -

Hacencoppen drang sogleich auf dem Straßenpflaster dem Reisemarschall den Bericht ab, was der Lukas-Städter Fürst ihm Wichtiges sagen lasse. Worble versetzte dürr und trocken: »der Lukas-Städter wünsche bloß, daß Herr Graf von Hacencoppen ihm und seinem Hofe künftig nicht mehr nahekommen möchten, sondern aus dem Wege gehen.« - Der Graf - aus seinen himmlischen Wolken fallend auf das Steinpflaster, als ein Glanzmeteor aus dem Äther in die Erde fahrend mehre Fuß tief - wollte in zehntausend Millionen Vermutungen auseinanderfahren; aber der Marschall fuhr zu schnell fort: »der etwas verliebte Lukas-Städter sei nämlich in dem unglücklichen Falle einer wenig verhehlten Eifersucht gegen den Grafen.« - Allein hier wäre dieser wieder und noch stärker außer sich gekommen, da er bei dem Fürsten Amandas Kenntnis oder Nähe oder gar Gegenwart annehmen mußte, wenn nicht noch eiliger, jedoch sehr gelassen, Worble fortgefahren hätte: »Wohl weniger auf Prinzeß Amanda als auf Prinzeß Maria ist die Eifersucht gemünzt; weil mit der letzten sich Herr Graf so lange über die Kunst, unter den Augen des Fürsten und des ganzen Hofes, unterhalten, und sie selber sozusagen die ersten Schritte getan zum Gemälde und zum Herrn Grafen. Grimmige Blicke schoß der Lukas-Städter so viele auf Sie beide Fürstlichen hin, daß er dabei über die Späße unseres künftigen Herrn Hofnarren, der da eben eintrippelte, ordentlich zu lachen vergaß. Aber haften läßt sich mit mehr als einem Kopfe dafür, daß er alles der himmlischen Maria als Untreue, Abfall, Nebenschritt kundtut, sobald er nur mehr solche Anzeichen davon aufzubringen weiß.«

Hier bot Nikolaus alles auf, um auch jeden kleinsten Verdacht von dieser Art abzuwehren, »und er laß es darauf ankommen,« sagt er, »ob selber ein Argwöhnischer in der kurzen Entrevue Spuren warmer Herzverhältnisse zwischen ihm und der Prinzessin nachzuweisen vermöge«. Hauptsächlich stützte er sich bei der ganzen Sache auf den wichtigen Punkt, daß überhaupt der Fürst jetzo in dem schönen Verhältnis, als Landes-Vater eines Kronprinzen, seiner Gemahlin unmöglich untreu sein könne, wenn auch mit zärtester Liebe.

Da lachte der Marschall fast und sagte: »Einige große Herren oder mehre springen doch wohl mit hohen Damen voll stolzer Reiherfedern wie mit hochschwebenden Reihern selber um und beizen beide, lassen sie jedoch nach der Beize gerne wieder mit einem Metallringe, worauf der Name der jagenden Herrschaft steht, ins Freie zurückfliegen, so daß ein solcher Vogel oft eine Menge Ringe von Herrschaften trägt. Fürstliche Vermählungen auf beiden Seiten, fürstliche Niederkünfte auf der einen schaden dabei nur wenig; die eheliche Magnetnadel zeigt doch immer nach dem Norden der Gemahlin, sooft sie auch abweicht in der Breite, oder sinkt in der Tiefe, und man mißt es deswegen bei den Nadeln durch die Deklinatorien und Inklinatorien. Es ist dergleichen nur ein abonnement suspendu der Ehe oder ein hors-doeuvre und opus supererogationis, wozu bei einiger Werkheiligkeit sich wohl auch Bürgerliche entschließen. Was die durchlauchtige Niederkunft in Lukas-Stadt betrifft, so kann noch bemerkt werden, daß die fremde Prinzessin schon lange vor ihr dagewesen, und jetzo wieder nach ihr. Gewiß ist, als Höchstdieselbe vor der sehr langen Gesichterkolonne des Herrn Grafen mehr gelassen vorüberwandelte als vorübertanzte, so sahen Höchstderselbe ihr ein wenig nach und hatten natürlich Ihre Gedanken; denn bloß des malerischen und teuern Werts wegen, wußte Derselbe wohl, hätten Dieselbe die Porträte nicht angesehen.« - -

Hier stürmte Worble Libetten, welche den Preis längst mit Schrecken erfahren, absichtlich auf, und der Hofnarr brach los: »Nimms nicht übel, Gräfli, wenn du mehr als die Farben daran bezahlt hast, so haben dich die Gesichtmacher sauber beschnitten, dein ganzes hübsches Gewächs zu einem grünen Vieh, wie drüben im Schloßgarten den Buchs.« - »Der Herr Graf«, sagte Worble, »haben aus eigner Bewegung und bloß aus Kunstliebe zehn Louis für jedes Bild bewilligt.« - Da schlug der Hofnarr die Hände zusammen und rief: »Nun, wenn dir das Geld so entfließt wie einem Maikäfer der Saft, sobald man ihn angreift: so gib mir was Weniges, und ich male dich in die Luft her mit den Fingern, wie du innen aussiehst, und sollst besser getroffen werden als oben im Saal.« - Hierauf nahm der Narr seine Finger und setzte sie so geschickt an seinem Kopfe an, daß sie als Umrisse etwas Kopf-Äußeres von zwei bekannten Tieren und auch von seiner Narrenkappe gut genug darstellten in der Eile.

Hacencoppen wollte am Ende doch der eigne Kopf etwas warm darüber werden - ob er gleich das Schwesterherz unter der Narrenjacke kannte -, als auf diesem Triumphzuge nach dem Gasthofe zum römischen Hofe wieder etwas Neues sich aufrichtete.

- - In der Tat, es war ordentlich, als wenn an dem Tage eine seltene Planetenzusammenkunft von vier sogenannten Narren - nach Anzahl der noch unendlich seltenern Konjunktion der vier obern Planeten - statthaben sollte; denn zum Hofnarren, zu Raphael, zu Nikolaus stieß unter dem Gasthoftore etwas Viertes, der Ledermensch fechtend.

Die Verordnung des Grafen ist längst bekannt, daß unter dern Tore seines Palastes immer eine Schloßwache zu Pferde halten mußte gegen den etwan eindringenden Ledermann. Der wachthabende Reiter war unglücklicherweise der phlegmatische Rezeptuarius oder der sogenannte Dreckapotheker, gerade diesmal, wo eben der ewige Jude durchaus hineinwollte. Der Reiter hatte aber keine andere Waffe in den Händen und an den Beinen als das stehende Schießpferd selber, mit welchem er auf den Juden einzuhauen trachten mußte, wenn er die Torsperre durchbräche. Da aber das Roß nicht so lang war wie die Torschwelle, so mußte es unaufhörlich umwenden, zumal weil der Feind aus Bosheit dasselbe tat, um die Lücke als Engpaß ruhig zu durchziehen. Schon ein Mensch kann sich vorstellen, daß ein solcher Strich und Widerstrich, in kurzer Zeit und auf so kurzem Wege, am Ende dem schweren Vieh teils beschwerlich, teils ganz unverständig vorkommen mußte, und daß sich daher wirklich das Pferd immer mühsamer zu seiner Sonnenwende bewegen ließ. Sogar der Dreckapotheker bekam den Zelter und dessen schnelles Lauffeuer - schneller als das einer angezündeten Lunte - und das ganze Hin- und Herreiten herzlich satt; und nur dies hielt ihn etwas munter, daß der Lederne im Bewußtsein eines Erd-All-Fürsten es unter seiner Würde fand, durch eine zufällige Öffnung einzuschießen, und bloß still mit dem Prügel-Zepter auf- und niederging, breitere Tore fodernd.

So weit waren die Sachen gediehen, noch bevor Fürst und Gefolge auf der Gasse hertraten.

Jetzo eben saß der Rezeptuarius ab - ganz ermattet von seinen Umtrieben mit einem Treibeise von Pferd - und zog den Laufzaum desselben als eine Sperrkette über den Eingang, indem er sich fest so dem Gaule gegenüberstellte; die ganze Linie war auf diese Weise gedeckt.

Auf einmal wendet eben der Ledermann seinen Kopf nach dem daherziehenden Grafen und Gefolge um und zeigt seine gekrümmten Haarhörner, ein Hervorblinzeln unter dicken Haarbedecken und eine liegende, vom Zorn oder vom Gang gerötete Schlange auf seiner Stirn, so daß er in der Tat niemand reizte, ihn in den Gasthof hineinzuwünschen.

Nur der Hofnarr lachte. »Warum verrennt denn der steife Kerl, der weder reiten noch gehen kann, dem lustigen Manne den Weg?« sagte Libette. »Er sucht ja mich, und ich selber hab ihn ins Haus bestellt. - Schwarzer,« rief sie ihm zu, »kommt nur her! - Seht, kommt er nicht? Ich mache mit ihm, was ich will, weil ein Weiser den andern versteht; und ich habe gestern in den kleinen Häusern« (sie meinte nicht petites maisons, sondern Nikolopolis) »ein Langes und Breites über sein Dünnes und Schwarzes und Ledernes mit ihm gesprochen.«

Man geriet in Erstaunen über des Hofnarren Einfluß auf den sonst unbändigen Kain; nur der Reisemarschall, der um Libette alles wußte, erläuterte sich die Sache durch die Annahme, daß der Tolle durch Ahnung ihr Geschlecht errate, vor welchem sich immer sein Menschenhaß versüßte und bezähmte. Worble war übrigens so scharfsichtig - und vielleicht ist es jeder von uns -, daß er Libettens Annäherung an diesen ganzen Narren im Weltregieren für eine politische ansah, mit welcher sie durch den ganzen auf den halben, ihren Bruder, heilend einzufließen dachte.

Unter allen Umständen konnten Hacencoppen und Gefolge nichts anders tun, als so kühn zu sein wie Libette und dem Feinde die Festung zu öffnen, bei solcher Besatzung. Kain ging ruhig und stumm auf die Gesellschaft zu und antwortete Libettens Scherzen mit nichts. Ebenso mild und ruhig ging er vor dem Reiter zu Fuß vorüber und die Treppe hinauf. Sobald er aber in des Grafen Zimmer gekommen war: so bewegten sich seine härnen Hörner, und am Kopfe zuckten Ohren und Nase. Er hatte mit der gewöhnlichen Verschlagenheit der Tollen seine Ausbrüche aufgehoben. »So hab ich euch denn«, fing er an, »lebendig zwischen vier Wänden vor mir, und ihr müßt mir alle zuhören. Bin ich fertig, so könnt ihr gehen; wer eher geht, fährt ab. Mich tötet keiner, ich aber einen und den andern. Ihr wollt meine Reichskinder, die Affen, nachäffen, ihr Unteraffen; aber ihr versteht es schlecht - ihr seid vom Antichristus abgefallen und macht euch der Hölle unwürdig durch euere feige Frömmigkeit und euer Dummbleiben mitten unter tausendjährigen Erfahrungen. Meine Affen sind klüger und lassen sich nicht, wie ihr, von euch regieren, nicht einmal von ihresgleichen. Bildet euch nicht ein, weil ihr einigen von ihnen mit manchen Gliedern ähnlich seht, vollständige Affen zu sein; auch der Hund, der Löwe, das Schwein sehen wie manche Affen aus, sind aber gar keine und der Waldmensch betrübt sich über seine Verwandtschaft mit euch . - Helvetius Menschenstolz auf zwei Hände beschämt der Affe mit vier Händen, und euere sogenannte hohe Gestalt bückt und bricht mitten unter ihrer Aufrichtung durch euern Horaz und Herder vor der Eden- und Riesenschlange, wenn sie aufrecht wandelt und über Türme schaut.

Schälet einmal euere Haut ab und seht euch aufgedeckt und aufgemacht an: so hängen statt euerer Reize und Menschenmienen Gehirnkugeln und Herzklumpen und Magensäcke und Därme vor euch da und würmeln; darum breitet ihr noch Häute vom Tier auf euere Füße und Hände, und Haare vom Tier auf euere dünnen Haare, und prangt mit schwarzen Beinen und Köpfen und mit bunten Überziehleibern eurer kahlen abgerupften Unterziehleiber.

Und nun kommt gar euer ewiges erbärmliches Sterben dazu, daß ihr nicht einmal so lange lebt wie eine Kröte im Marmor, geschweige wie ich aus euerm Paradies. Seid ihr denn nicht sämtlich bloß Luftfarbenleute und nicht einmal hölzerne, mir luftige Marionetten, wie sie der Buchhändler Nicolai in Berlin vor kurzem so lange um sich tanzen und reden sah, bis er ein Hausschlachten dieser Menschheit um sich her vornahm und unter die Gestalten seine Steiß-Blutigel als Würgengel schickte, womit er die ganze Stube ausholzte und lichtete, bis bloß auf sich selber, welchen Menschen dieser Nicolai nicht den Tieren oder Würmern vorwarf, was erst sein Tod tun wird?« - -

Ganz gewiß spann der Ledermann die Vergleichung bloß wegen des Gleichnamens Nicolai und Nikolaus so lange fort. Aber in seinen reißenden Redestrom war mit keiner Gegenrede zu springen, und das Reißen war ganz unerwartet, da der gelassene Zuchthausprediger immer seine früheren Reden nur breit und lange und den Strom nur als Sumpf nach Hause gebracht.

»Rechnet einmal euere Nächte in einem Jahre zusammen und seht in der 365ten nach, was euch von den langen Traumaffären auf dem Kopfkissen, von den Schlachten, den Lustbarkeiten, den Menschengesellschaften und Gesprächen und den langen bangen Geschichten, zurückgeblieben! Kein Federchen, kein Lüftchen; - und nun rechnet noch euere 365 Tage dazu: so habt ihr ebensoviel und der Teufel lacht und herrscht in euern Nächten und in euern Tagen; aber ihr wißt es nicht.

Und doch wollt ihr euch lieber von den matten, dünnen, durchsichtigen Menschen regieren lassen als vom Teufel, der tausendmal mehr Verstand und Leben hat als ihr alle, und der bloß aus Mitleid euere Herrscher beherrscht. - Was seid ihr denn für Wesen und Leute? Euere Mutter gebiert euere Religion und macht euch entweder zu Juden oder zu Christen oder zu Türken oder zu Heiden; der Mutterkuchen ist die Propaganda, die Töpferscheibe eueres Glaubens. - Thronen sind auf Geburtstühle gebaut, und welchen ihr anzubeten habt als einen Herrscher, oder zu begnadigen als einen Untertan, entscheidet ein delphisches Mutterorakel. Ein Knabe von 5 Jahren und 7 Monaten, Louis XV., ernennt vor dem Parlament den Herzog von Orleans zum Regenten während seiner Minderjährigkeit , und der Herzog trägt dem Knaben alle Staatbeschlüsse zur höchsten Genehmigung vor; und sein unmündiger Vorfahrer, der Vierzehnte, befiehlt dem Parlament, ihn selber auf der Stelle für mündig anzusehen und ihm zu gehorchen. - Zwei Kronschufte, die Gebrüder Caracalla, wovon keiner nur zu einem römischen Sklaven taugte, aber jeder den Freien und Sklaven zweier Weltteile die Gebote gab, wollten in das damalige All sich teilen und der eine bloß über Europa, der andere bloß über Asia schalten und Aufsicht führen. So waret ihr von jeher, und die Zeit macht euch nur bleich aus Angst und schwarz aus Bosheit, und erst hintennach rot aus Scham. Und euere Generationen werden durch nichts reif als durch die Würmer-Kaprifikation unter der Erde, und ihr legt, da keine Zeit euch weiter bringt und treibt, euern Soldatenleichen Sporen an den Stiefeln an, die eben auf der Bahre liegen. - - Tötet euch nur öfter ..... gehorcht ihnen jedesmal, wenn sie euch in das Schlachtfeld beordern ..... tut etwas noch darüber, sterbt wenigstens, wenn ihr nicht umbringt ..... Was hindert mich jetzt im Reden? Ich spür etwas, die Augenlider fallen mir nieder - ich mag auch nicht lange mehr sehen auf der dummen, trüben Erde, die Hölle ist heller.« -

Allerdings fühlte der Ledermann etwas, denn Worble hatte ihn bisher im Rücken mit allen seinen magnetischen Fingerhebeln aus dem Wachen in den Schlaf umzulegen gestrebt und dabei eine Masse von Wollen aufgeboten, womit er ein weibliches Krankenheer würde erlegt und eingeschläfert haben. Nur wurd es ihm schwer, den Strom Kains mit seinem Gegenstrom aufzuhalten und rückwärts zu drängen; das Feuer gegen alle mit dem Feuer für einige zu bändigen.

Kain fuhr fort: »Ich bin gewiß schon sehr lange aus der Ewigkeit heraus und muß durch die dünnen Augenblicke der Zeitlichkeit schwimmen und sterben sehen - - Es ist närrisch auf der Erde - soeben entschlaf ich.«

Worble hatte ihn gerade am Hinterkopfe mit zusammengelegten Fingern wie mit einem elektrischen Feuerbüschel berührt und blitzartig getroffen und ihn plötzlich in die höchste Magnetkrise emporgetrieben. Wie sonst als Nachtwandler, versuchte der Kranke das Aufklettern mit geschloßnen Augen und drang in den nahen Kamin und an äußern kleinen Anhaltpunkten leicht darin hinauf.

Aber alle wurden bestürzt über eine fremde, liebliche, herzliche Stimme, welche jetzo verborgen zu ihnen sprach: »Ihr teuern, lieben Menschen, vergebt es mir, daß ich geflohen bin, ich ertrage vor euern Augen meine Schuld und euere Güte nicht; ich seh euch aber alle. O, Dank habe du vor allen, der du mir den schwarzen Äther blau und licht gemacht und mich aus meiner brennenden Wüste auf einige Minuten in das kühle Land des Abendrots geführt. O wie ist mein trübes, flutendes Herz jetzt still und hell und rein! Und ich liebe nun die ganze Welt, als wär ich ein Kind. Ich will euch mit Freuden alles von mir sagen, lauter Wahrheit.

In den Nächten ging ich bisher als Nachtwandler mit düstern zugeschloßnen Sinnen ergrimmt umher und irrte über die Dächer hin, aber ich stieg überall ein, um mich zu nähren und zu tränken; und überall tat ich es im Wandelschlaf, um mich zu erhalten. Aber sobald ich erwachte, wußt ich von meinem Stehlen und Nähren nichts mehr, ich sah mich fort für den unzerstörlichen Kain an und fiel wieder ab, von Menschen und von Gott. Denn ich soll gestraft werden für meine tausend Sünden, lauter Sünden in der Einsamkeit; auf meiner Studierstube war ich alles Böse durch Denken - Mordbrenner - Giftmischer - Gottleugner - ertretender Herrscher über alle Länder und alle Geister - Ehebrecher - innerer Schauspieler von Satansrollen und am meisten von Wahnwitzigen, in welche ich mich hineindachte, oft mit Gefühlen, nicht herauszukönnen. - So werd ich denn gestraft und fortgestraft durch Gedanken für Gedanken, und ich muß noch viel leiden. - Ach, ihr Glücklichen um mich her, ihr könnt den Unendlichen lieben, aber ich muß ihn lästern, wenn ich erwache; und um drei Uhr, mit dem ersten Anschlage des Kindtaufglöckchens, werd ich wieder wach und teuflisch; dann hütet euch vor dem Unglücklichen; denn meine Hölle wird heißer stechen und brennen, wenn sie hinter dieser kühlen Himmelwolke wieder hervortritt, die Schlange auf meiner Stirn wird giftiger glühen, und kann ich nach dem Waffenstillstand der bösen Natur morden, so tu ichs; - besonders scheue du mich, sanfter Marggraf, wenn dein Heiligenschein dein Haupt umgibt. Ich habe einmal um Mitternacht, auf einem Dache stehend, dich mit einem gesehen und innig gehaßt; aber sobald ich erwache, wird er durch deine bewegte Seele wieder um dich schimmern und mich entrüsten.

Jetzo lieb ich euch Sterbliche alle so herzlich und kindlich und hasse niemand auf der Welt. - Ich habe in meinem Herzen dich, unendlicher Gott der Liebe, wieder, der in alle tausend tiefen Wunden der Menschen wärmend niedersieht und endlich die Wunde nimmt oder den Verwundeten. O Gott der Liebe, lasse dich fortlieben von mir, wenn ich erwache. Die schreckliche Stunde steht schon nahe, trägt mir meine Furienmaske entgegen und deckt sie auf mein Gesicht! - Vater der Menschen, ich bin ja auch dein Sohn und will dir ewig gehorchen; Vater, verlaß mich nicht, wenn das Glöckchen läutet« .....

Eben schlug es drei Uhr, und man hörte nur noch sein Weinen, und jede Seele weinte innerlich mit. Plötzlich erklang das Kindtaufglöckchen, und der Unglückliche stürzte aufgewacht herab. Gesicht und Hände waren geschwärzt, die Haarbüschel sträubten sich zornig empor, auf der geschwollnen Stirnhaut ringelte sich die rote Schlange wie zum Sprunge, und er rief freudig: »Vater Beelzebub, ich bin wieder bei dir; warum hattest du mich verlassen?«

Alle traten weit von ihm hinweg, nicht aus Furcht, sondern vor Entsetzen.

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