Frei Lesen: Freiheits-Büchlein

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Nro. I Untertänigstes Zueignungs-Gesuch, eine Ästhetik betreffend, an ... | Nro. II Offizielle Bericht-Erstattung an den Leser von Deutschland, ... | Nro. III Dissertatiuncula pro loco |

Weitere Werke von Jean Paul

Das Kampaner Tal | Biographische Belustigungen unter der Gehirnschale einer Riesin | Der Jubelsenior | Leben Fibels | Das heimliche Klaglied der jetzigen Männer |

Alle Werke von Jean Paul
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Freiheits-Büchlein) ausdrucken 'Freiheits-Büchlein' als PDF herunterladen

Jean Paul

Freiheits-Büchlein

Nro. II Offizielle Bericht-Erstattung an den Leser von Deutschland, nebst den Briefen des Herzogs

eingestellt: 2.7.2007



Wohledler, Ehrwürdiger, Hochwohledler, Wohlehrwürdiger, Hochedler, Hochedelgeborner, Hochwohlehrwürdiger, Wohlgeborner, Hochehrwürdiger, Hochwohlgeborner, Hochehrwürdiger Reichsfreiherrl. Wohlgeborner, Hochwürdigster, Hochgeborner etc. etc. etc. Leser! - Ihre über den ganzen Adreßkalender ausgebreiteten Titel, welche noch tiefer und noch höher steigen, entschuldigen es, wenn ich sie alle in den einzigen einschmelze: Verehrtester!

Es zu rühmen, verehrtester Leser, was Sie seit der Erfindung der Schreibkunst weit mehr als alle Ludwige XIV te für die Wissenschaften, sie mochten sich in Purpurpergament oder in Lumpenpapier kleiden, getan durch Lesegeld, ist über meine Kräfte.

Alle Bibliotheken, von Lese-Bibliotheken an bis zur blauen (wenige Rats-, Regiments- und Kloster-Bibliotheken ausgenommen), schaffen Sie neu an, oder erstehen Sie in Versteigerungen, und wer anders als Sie läuft alle Werke flüchtig durch, die man kennt, vom ersten indischen Schauspiel an, das in Felsen unter dem Meer gehauen war, und von den Büchern im Serail, die Klafter lange sind, bis zu dem Opern- und Brockenbuch und dem Kinderlesebuch und den Büchern der aner und in ana, ungeachtet Sie noch zu gleicher Zeit alle Aktenstöcke, Brieftaschen, Noten, Planeten, Visitenkarten, Viehpässe, Bank-, Küchen- und Komödienzettel in Deutschland zu lesen haben! Wahrlich, ich wünschte zu wissen, was Sie nicht läsen.

Und doch unterstützt Sie dabei niemand als zuweilen ein Lektor; denn die beiden Leser im Reichs-Kammergericht zu Wetzlar, welche die Akten foliieren, übergeben und aufheben, wird niemand für sonderliche chargés daffaires und Mitarbeiter von Ihnen nehmen.

Zehntausend Mann stark soll nach Meusel das sitzende Heer jetzt sein, das Sie auf den Beinen und sonst halten und besolden, teils als Referenten, teils als Sekretäre. Welche Ausgabe für so viele Land-, Stadt-, Marktflecken- und Dorfschreiber, da der Papst selber nicht mehr als 72 Schreiber hat, die aber Abbreviatoren heißen! Fünftausend Werke liefert das Heer jährlich, welche Sie alle teils zu kaufen, teils zu lesen haben. Wie schlecht ist nun jeder Referendär und Sekretär, der überall, wo die Gerechtsamen des größten Kurators und Nutritors des Schreib- und Buchhandels leiden, nicht aufspringt, beschirmt, ausfällt, aufschreibt und dann berichtet offiziell! Gibt es solche laxe Autoren?

Endes unterzeichneter Referent wenigstens ist der Mann nicht, der bei der Semester-Gage, die er von Ihnen zieht, dieses täte, sondern er berichtet mit Eifer, wie folgt:

Zwanzig Jahre und wenige Monate mögen verflossen sein, seitdem er in Ihre Dienste trat, zuerst als Referent der grönländischen Prozesse und darauf der Teufels Papiere, - jenes in Berlin, dieses (6 Jahre später) in Gera. So leicht etwa damals das Gnaden-, ja Ungnaden-Gehalt dafür ausfiel, oder so schwer das Raff- und Lese-Holz für damalige harte Winter: so reichlich haben Sie ihn nachher, da er eine leserlichere Hand schrieb, als Ihren Ehren-Söldner salariert mit Meß-Geschenken jährlich. Wer denn sonst, verehrtester Leser, als Sie hat bisher für den Unterzeichneten und dessen Frau und Kinder mehr getan als alle Fürsten und dessen Vater- und Wohnstädte? Sie allein dekretierten ihm ein Fixum mit Zulage; von den Städten und Thronen trieben erst Sie als Sportularius und Pfennigmeister die Beischüsse ein. Sie wahrer Musenfreund aller schreibenden Prezisten! Wie würde es ohne Sie und ohne den Lesegroschen, den Sie wöchentlich als Schreibpfennig und Almosengeld in allen deutschen Leihbibliotheken austeilen, um Schreiber und Schreiben stehen! -

Was noch heimlich und nebenher Ihre treffliche Hälfte, die vergeßliche, aber unvergeßliche Leserin, getan, o verehrtester Leser, die er das Glück gehabt in Berlin und sonst zu sehen, darf nur seine Dankbarkeit vermehren, nicht seine Freimütigkeit und Redseligkeit. Beinahe in unserm ganzen Heere der 10000 Xenophons ist eine Stimme darüber, sie Notre-Dame, ma-Donna, Hesperide, Titanide zu nennen, nicht eine bloße Haus-Ehre, sondern eine Palast- und Land-Ehre - Franzosen nennen sie die Jungfer Europa - wahrlich der Enthusiasmus ist allgemein - -

Nie kann deshalb Unterzeichneter aufhören, für die Rechte Ihres Hauses zu fechten, das voll Lesezimmer ist; er stattet ihm ewig die offiziellen Berichte ab, die äußerst nötig sind. Heute hat er einen der neuesten zu machen, einen Index expurgandarum (dedicat.) betreffend, den Ihnen die philosophische Fakultät in Jena, ohne ein besonderes Konkordat, das bekannt wäre, als Gesetz an die Flügel-Tore Ihres Lesezimmers affigieren und nageln wollte.

Das Faktum ist dieses:

Ihr Apanagist, Verehrtester, Verfasser dieses und der Vorschule der Ästhetik nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit. Hamburg, bei Friedrich Perthes 1804, setzte dem eben gedachten Buche eine Zueignung an den regierenden Herzog August von Sachsen-Gotha vor, welche dieselbe ist, die der Ästhetik fehlt und diese Schrift verziert. Er schickte sie vorher an Ihn, den genialen und liberalen - ein Klang- und Sinn-Reim zugleich -, mit folgendem Briefe:

 

Gnädigster Herzog,

Ihrer Durchlaucht send ich hier eine Dedikation an Sie, um Sie um die Erlaubnis des Lobes nicht sowohl - denn diese gab mir schon die Wahrheit - als um die Erlaubnis des ungewöhnlichen, mehr englischen als deutschen Tones zu bitten, worin ich es sage. Mögen Sie mir es verstatten, zweimal recht glücklich dediziert zu haben, das erste Mal der schönsten Königin, das zweite dem witzigsten Fürsten!

Das Buch ist eine - aber nach meiner Weise geschriebene - Ästhetik und mein Lieblings-Kind. Es erscheint im August schon. Daher möcht ich wohl zur großen Bitte noch die kleine fügen, wenn sie schicklich ist, mich bald entweder zu erfreuen oder zu erschrecken.

Koburg, den 16. Jul. 1804

Ihrer Durchlaucht
untertänigster
Jean Paul Fr. Richter

 

Darauf erhielt der Brief- und Schriftsteller vom Herzoge folgende Antwort...

Doch, Verehrtester, eh ich Ihnen die sämtlichen Akten vorlege, deren Einsicht Er Ihnen erlaubt, wünsch ich Ihnen Glück, daß der Zufall, der Sie um einige unbedeutende Blätter von mir bringen wollte, Ihnen dadurch eine Menge interessanter zuführt. Auch dürfen sich zwei Schreiber selber Glück wünschen, wenn ihre Briefe ebenso gut in die Druckerei geschickt werden können als auf die Post; welches hier der Fall mit den meinigen ist in Rücksicht der Gesinnung, und mit den herzoglichen in Rücksicht des poetischen Gehalts.

Das Polyneon, worauf sich der Anfang des folgenden Briefes bezieht, ist ein großes episches Märchen über die Liebe, vom Briefsteller, welches alles, was große Kenntnisse und große Kräfte von Frucht- und Blumen-Gewinden, Perlenschnüren und Venus-Gürteln ineinander flechten können, zu seinem Zauber-Kreis der Liebe ründet. Doch das, was schildert, kann nicht selber geschildert werden; der Kreis wird zuletzt ein Trauring - der Ring ein Juwel - der Juwel ein Lichtblick - der Blick ein Geist. Der Tadel, womit man das Polyneon so gut belegen kann als mit Lob, ist bloß schwerer zu verdienen als zu vermeiden. Eine geniale Phantasie ist, gleich dem Luftballon, leicht in die Höhe und in die Tiefe zu lenken; aber das waagrechte Richten wird bei beiden etwas schwer; indessen hielt man es bisher doch für das größere Wunder, sich in den Himmel zu erheben, als sich darin zu steuern.

Daß man hier nicht schmeichle, sondern bloß dediziere, beweiset die endliche Edition des ersten Dokuments:

 

Angebogene Antwort, sub Littera zzz + x.

Panädonia bat (Pleonasmus, da sie eigentlich nichts zu bitten hat), als sie das Polyneon tausendfärbig und tausendförmig aus ihrem Füllhorn schlüpfen ließ; und dazumal ging es ihr wie Pandoren: es blieb ihr eine Bitte - was einerlei ist - eine Hoffnung, und diese Bitte oder diese Hoffnung kleidete sie auch in eine Weihe ein: Richter sei Freund, und Freund sei Richter. Dieses Epigramm sollte griechisch und nicht deutsch, nicht gedruckt, sondern in Kupfer gestochen werden, wenn mein Unvergleichlicher (mein Vortrefflicher, würde ich sagen, verglich er nicht zuviel) es mir erlaubte. Doch ich werde mit meinen ineinander geschachtelten Parenthesen wie unser guter W*** und ende, damit mein Paulinischer Johann und mein Johannischer Paul nicht vor Langweile vor mir ende und vor meiner eignen Geduld, mit der letzten der Bitten: diese Bitte wie eine leichte Luftgondel Ihrem Schatz- und Kauffahrtei-Schiffe anzuhängen, nicht, damit beim Schiffbruche der teure Steuermann sich darin retten möge; aber - das ist eben das Rätsel. -

Einst krümmte Hesperus einen silbernen Nachen aus seinen Strahlen und fuhr hehr und genialisch über die Milchstraße der Ahnung und warf der verblüfften Welt Sternschnuppen in die zugestarten Augen, daß die Schuppen herabfielen und einige durch das Schlüsselloch der Zukunft in den Himmel blickten; aber nachdem sahen wir durch einen Spiegel in einen dunkeln Ort. - Das jammerte den jüngern Phosphoros; er nahm eine Riesenperle, überzog sie mit Uranusglanz, tauchte sie in Minneglut und bevölkerte sie - Doch Sie wissen alles schon, und nun haben Sie mein Rätsel errathen. Wenn Ihre Vorrede vorlaut ist, so ist meine Rede wohl Nachlaut; doch Sie sind gewohnt, den Weibern durch die Finger zu sehen, durch die Ihrigen und durch ihre. Phosphoros hat noch mehr Prätensions wie Sie, drum hängt er sich Ihrem Schatz- und Kauffahrteischiffe als Lustgondel an. Ma addio, cara anima; guberniamo il cielo é larcadia.

  • Seite:
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
< Nro. I Untertänigstes Zueignungs-Gesuch, eine Ästhetik betreffend, an ...
Nro. III Dissertatiuncula pro loco >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.