Frei Lesen: Leben Fibels

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Jean Paul

Leben Fibels

3. Nach-Kapitel

eingestellt: 2.7.2007

Zweiter Tag

Schon unterwegs, als ich am Morgen wieder kam, wußt ichs ein wenig voraus, er würde mich halb vergessen haben. Im Nachtfroste des Alters, das (beinahe ohne Gegenwart) nur von Vergangenheit und Zukunft lebt, ist dergleichen natürlich; in der alten Lebens-Sanduhr höhlet sich oben alles immer mehr aus, und unten steigt der Hügel höher, den ihr Grab oder Vergangenheit nennen könnt. - Ich hätte allerdings erwarten können, er werde sich um einen Mann von einiger Importanz, welcher ja sein fiblisches Leben unter der Feder hatte, angelegentlicher bekümmern - vorzüglich werde er nachforschen, was der Mann in Sprachen und Wissenschaften getan - ob er in der Poesie ein lebendiges goldnes Alter und tausendjähriges Reich im kleinen sei - und ob es noch unentdeckte Inseln gebe, die von ihm nichts wissen -; von allen diesen Fragen über mich, deren Beantwortung ja immer zu seinem Ruhme ausfallen mußte, tat er keine einzige, wenn ich die matte ausnehme: ob ich denn wohl in der Schrift, was er so inniglich von Herzen hoffe, seiner lieben Eltern recht mit Ehren gedachte. Er setzte dazu: »Ach sie sind doch zu wenig bekannt, sowohl auswärts als in Heiligengut, und sogar ihr Sohn ist viel bekannter.« Ich tat zwei Schwüre, daß ich das Schönste von beiden gesagt; ich holte aber vielerlei von diesem Schönsten noch aus dem frommen Sohne heraus und schob es ein.

Schön war der Morgen im Obstwäldlein. Der Alters-Reif schien geschmolzen und beweglich nur als Morgentau in Fibels Spätflor zu schimmern. Selber die Liebe seiner Tiere gegen ihn, die wie Kinder den zu erraten scheinen, der sie lieb hat, machte den Morgen in einem Obstwäldchen schöner, wovon jedes Bäumchen eine von ihm genoßne Frucht zur Mutter hatte. Das Tierreich war Erbschaft von seinen Eltern, nur natürlicherweise waren es die Urenkel und Ur-Ur-Enkel etc. etc. des elterlichen. Das ganze Wäldchen beherbergte singende und brütende Vögel, aber er konnte mit wenigem Pfeifen sämtliche zahme Nachfahrer der väterlichen Singschule von ihren Gipfeln auf die Schultern locken. Es anzuschauen, wie er geschwind zärtlich umflattert wurde, erquickte das Herz. Überall, wo die Sonne anglänzen konnte, hatte er ordentlich mit dem kindischen Wohlgefallen eines Greis-Kindes bunte Glaskugeln auf Stäbe gesteckt oder in Bäumchen gehangen, und in dieses Farbenklavier von Silberblicken, Goldblicken, Juwelenblicken blickte er unbeschreiblich vergnügt hinein. Ich gab ihm ungemein recht, es waren verglasete Tulpenbeete, diese bunten Sonnenkugeln, welche mit mehr als zehn Farbenfeuern das Grün ansteckten - ja manche rote taten in den Zweigen, als wären sie reife Äpfel-Fruchtstücke. - Aber am meisten erquickte sich der alte Mann an den nachschillernden Landschaften auf diesen Welt-Kügelchen, gleichsam der nachfärbende Verkleinerungs-Spiegel der beweglichen Aussichten. »Ach,« sagte er, »wenn ich so recht in die Farben hineinschaue, die Gott der dunkeln Welt gegeben und zu welchen er immer seine Sonne gebraucht: so ist mir, als sei ich gestorben und schon bei Gott; aber da er in uns ist, so ist man ja immer bei Gott.«

Hier brach ich endlich mit der lange gehegten Frage heraus, wie er denn bei seinen Jahren zu einem so guten Deutsch komme, als kaum die neuesten Schreiber sprächen. »Er wäre etwan zwei Jahre wieder alt gewesen,« versetzte er (seine 100 Jahre vorher verstanden sich von selber), »als er mehrere Jahrszeiten hindurch jeden Sonntag einen heiligen geistigen Geistlichen zu hören fand, welcher sein Deutsch mit einer solchen Engelszunge sprach, daß er sogar, wenn er einmal auf der Kanzel versterbe, im Himmel keine bessere brauche.« - Den Prediger so wie die Stadt konnt er mir nicht beschreiben, aber wohl sein Kanzel-Wesen, wie er ohne Überfluß der Worte und der Mienen und der Bewegungen sprach - wie er das Schönste und Stärkste mit milden Tönen sagte - wie der Mann gleich einem Johannes, der, nahe am Himmel ruhend, zur Welt spricht, seine Hände ruhig auf das Kanzelpult oder in die Kanzel-Ärmel legte - wie jeder Ton ein Herz und jeder Blick ein Segen war - wie dieser Christusjünger Kraft in Liebe verhüllte, so wie der feste Diamant im weichen Gold gefunden wird, das ihn auch später am Menschen einfaßt - wie die Kanzel ein Tabor für ihn wurde, worauf er sich und Zuhörer verklärte - und wie er unter allen Geistlichen am besten das Schwerste vermochte, würdig zu beten....

Mehr als einmal wollt ich glauben, er habe jenen großen Geistlichen gehört, dessen Namen ich nie ohne die Erinnerung des höchsten Glücks und des höchsten Verlustes ausspreche und über dessen Grab seine Kirche sich als Denkmal wölbt. Aber nicht alle Umstände wollten den frohen Glauben bestätigen.

Immer wärmer wurd ich dem uralten Manne zugetan und foderte von ihm so wenig als von einem Kinde volle Liebes-Erwiderung. Zuletzt mahnt ich mich selber zum Scheiden an, um den Frieden seiner Abendtage mit nichts Weltlichem zu stören. Er sollte jene erhabne Alters-Stellung ungetrübt behalten, wo der Mensch gleichsam wie auf dem Pole lebt, kein Stern geht da unter, keiner auf, der ganze Himmel steht und blinkt, und der Polarstern der zweiten Welt schimmert unverrückt gerade über dem Haupte. - Ich sagte ihm daher, ich würde abends wiederkommen und Abschied nehmen. Er versetzte zu meinem Erstaunen, da er vielleicht abends selber einen nehme von der ganzen Welt, so möcht er sich nicht gern im Sterben gestört sehen; diesen Abend les er die Offenbarung Johannis hinaus, und da könn es leicht um ihn geschehen sein. - Ich hätte nämlich früher erzählen sollen, daß er nichts tat und nichts las als die Bibel von vornen an bis zu Ende und dabei des festen Glaubens war - daher er die letzten Bücher schneller las -, er werde bei dem 20ten und 21ten Verse des 22ten Kapitels der Offenbarung Johannis: »Es spricht, der solches zeuget: Ja, ich komme bald. Amen. - Ja komm, Herr Jesu. Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi sei mit euch allen. Amen!« verscheiden.

So wenig ich an dieses schnelle Verwelken seines so langen Nachblühens glaubte, so vollzog ich doch seinen eingebildeten letzten Willen - wiewohl wir bei jedem guten Willen eines Menschen bedenken könnten, ob es nicht sein letzter sei - und nahm mit der Bitte Abschied, mir Aufträge in Rücksicht seiner Verlassenschaft ans Dorf mitzugeben. Er sagte, längst sei alles besorgt, und die Kinder wüßtens. Er schnitt einen Zweig von einem aufbewahrten Christbaum seiner Kindheit ab und verehrte mir ihn als Vergißmeinnicht.

Gleichwohl bracht ich trotz der Unfehlbarkeit meines Unglaubens die Abendzeit in Bienenroda mit einigen Ängsten zu. Abends holte sein Wirtschaftspudel das Abendessen, begleitet von dem Seidenspitz Alert. Ordentlich als wollt ich ihn um einen Hund beerben, behielt ich den Spitz, ein Mustertier von Haar und Herz, bei mir, um nur etwas vom alten Herrlein zu haben. Doch hing ich dem Pudel in einem Selbst-Steckbrief die Nachricht des Tier-Plagiats an. Sehr und schön wedelte der Gestohlne um mich; - als ein Simultaneum von Spitz und Pudel, also von Schlange und Taube, war er in seiner Gattung so klassisch, als er sein konnte.

In der schönen Sommernacht konnt ichs zuletzt nicht lassen, in das Obstwäldlein dem Häuschen nahzuschleichen, um gewiß zu sein, daß mein gutes Herrlein nicht Bibel und Leben zugleich beschlossen. Unterwegs fand ich einen schwarzgesiegelten zerrissenen Briefumschlag, und über mir traten die weißen Störche schon den Rückflug in warme Länder an; es war aber dabei auf vielerlei zu verfallen. Ich wurde nicht sehr gestärkt, als ich aus seinem Wäldchen alle Vögel singen hörte, welches deren Vorfahren ja auch bei dem Tode seines Vaters getan. Vor meinen kurzsichtigen Augen streckte sich ein aufrechtes Gewölke voll spätes Abendrot als eine liegende, lang hinblühende fremde Landschaft aus, und ich begriff gar nicht, wie ich bisher das fremde rotschimmernde Land übersehen können; desto leichter konnte mir einfallen: es ist sein Morgenland, wohin Gott den müden Menschen zieht. Ja mir war alles so verworren, daß ich ordentlich für ein herabgefallnes abendrotes Wolken-Stück eine rote Bohnen-Blüte ansah. - Endlich hört ich im Wäldchen einen Menschen singen und eine Orgel gehen; kurz der alte Mann drehte ungestorben das Abendlied: »Herr, es ist von meinem Leben abermal ein Tag dahin.« Daher und zu seinem Singen kam das der Vögel in der Stube und auf fernen Zweigen. Sogar das Summen der Bienen, die in lauer Sommernacht in die Lindenkelche sich vertieften, wehte die Flamme meiner Freude höher auf. -

Er lebte. - Doch störte ich seinen heiligen Abend nicht; er bleibe bei dem, sagt ich, der ihn mit seinen Gaben und mit Jahren umringt, und denke an keinen Menschen hier unten besonders.

Nachdem ich sein Lied bis zum letzten Verse ausgehört, um noch gewisser seines Selbst-Überlebens zu sein: schlich ich langsam fort und fand zur Freude in der ewig jungen Natur noch schöne Beziehungen auf seine veralterte, von der Wiesenquelle an, dieser ewigen Woge, bis zu einem Nachschwarm von Bienen, der sich (wahrscheinlich vormittags vor 2 Uhr) an ein Lindenbäumchen angesetzt, ordentlich als sollt er durch ihr Beherbergen ihr Bienen-Vater werden und lange leben; - und jeder Stern winkte mir eine Hoffnung zu.

Gleichwohl töteten und begruben ihn in meinem Bette die Träume bald so, bald so, doch immer schön genug. Einmal starb mir darin der Greis in einer Frühlingsnacht - einmal wieder an einem Neujahrstage - zuweilen saß er an ein väterliches Obstbäumchen angelehnt, und der Blitz fuhr bloß vom Himmel herab, um ihn in diesen hinaufzutragen - einmal trugen seine Bahre hohe Riesenkinder her und wurden unter dem Tragen kleine rotblühende bekränzte Greise. - In einem andern Traume drückt er sich sterbend selber die Augen zu und sagte: »Ich will nichts mehr sehen, es steht Jesus Christus neben mir.« - In einem andern Traume bückte er sich schmerzhaft tief bis ans Grab seiner Mutter nieder und bog nur dessen Blumen an sein Gesicht und brach keine; auf einmal fuhr die Mutter aus dem Grabe und fuhr mit ihm über die Wolken in den nächsten Stern. - In verschiedenen Träumen hörte ich nur die Anfangszeilen unbekannter Sterbelieder, z. B.: An der Ewigkeit zerrinnt die längste Zeit - längres Leben, kürzre Ewigkeit - Nichtiges hat Gott nicht aus Nichts gemacht - Totenstaub wird Blütenstaub, und die Seele trägt Seelen.

So spielt das Schlafen mit dem Menschen, wie der Mensch mit dem Wachen.

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