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Kapitelübersicht

Vorrede | I. Mutmaßungen über einige Wunder des organischen Magnetismus | II. Sedez-Aufsätze | III. Frage über das Entstehen der ersten Pflanzen, Tiere und Menschen | IV. Warum sind keine frohen Erinnerungen so schön als die aus der ... | V. Sedez-Aufsätze | Die Frage im Traum, und die Antwort im Wachen | VII. Bruchstücke aus der »Kunst, stets heiter zu sein« | VIII. Bemerkungen über den Menschen | IX. Programm der Feste oder Aufsätze, welche der Verfasser in jedem ... | X. Des Gehurtshelfers Walther Vierneissel Nachtgedanken über seine ... | XI. Blick in die Traumwelt |

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Jean Paul

Museum

IX. Programm der Feste oder Aufsätze, welche der Verfasser in jedem Monate des künftigen Morgenblattes 1810 den Lesern geben will

eingestellt: 24.7.2007



Obgleich der Verfasser seine zwölf Aufsätze künftig lang und breit vorlegen wird: so will er doch solchen verkürzten Lesern des Blattes, welche vorher entweder von den Lebens-Bühne oder vom Morgenblatte selber abtreten, jetzo ein Vergnügen, das sie ohne seinen Willen einbüßen, durch Vorschmäcke einigermaßen erstatten. Schickt man doch in Hamburg sonnabends den Sonntagpredigten gedruckte Entwürfe derselben voraus oder an Höfen großen Festen beschreibende Programmen derselben; die versprochnen Aufsätze aber sind beides gleich sehr, ordentliche Fest-Predigten, ordentliche Predigt-Feste. Wahre Spitzbuben schilt aber der Verf. alle Autoren, welche seine Entwürfe - z. B. sogleich den ersten oder die Zimmermanns-Spruch-Rede auf einem Tollhause - aus diesem Blatte rauben und sie früher ausgeführt einschicken, als er selber kann. Einen solchen gelehrten Wildprets-Dieb wünscht er nur zu treffen. -

Hier folgen die Aufsätze nach ihren Monaten, samt ihren Vorschmäcken.

Der 31. Januar des Morgenblattes bringt die obengenannte Baurede auf einem Doppel-Tollhause.

Der Verf. setzt einen gelehrten Altgesellen aufs Dach, welcher einen Lorbeerkranz aufsteckt und unter andern zu einigen neuern hohen Dichtern und Philosophen seiner Bekanntschaft so herunter spricht:

»Er freue sich, daß durch diesen neuen Bau wieder der Freihafen und die Noahs-Arche aufgetan werde, worein sie einlaufen könnten, wenn sie wollen, sobald die Mäuerer fertig wären. Mit Lust erkenn er darunter Männer, welche schon längst Tabatieren oder Tabaksdosen von Fürsten bekommen, weil diese gelesen, daß Tolle nichts so lieben als Schnupf-Tabak.

Das löbliche Handwerk verhoffe, daß es für die verschiedenen Gattungen der Poesie und die Systeme der Philosophie die Kammern nach Wunsch des Bauherrn eingerichtet, demnach die romantischen Kammern, die spanischen, griechischen, desgleichen die absoluten, die kritischen u. s. w. - Prosit Bauherr!

(Hier wird getrunken.) Auch das Bedlam für Tiere, die so toll werden wie Menschen, z. B. für die ihres gesunden Verstandes beraubten Hunde, sei glücklich ausgebauet. Nur eine Hütte oder ein Gelaß für Flöhe, welche nicht recht bei sich sind oder nicht richtig im Kopf - weil sie sich an tollen Hunden selber toll gebissen -, und vor welchen die Gräfin dEsclignac so außerordentliche Scheu trug, dergleichen sei dem ganzen Handwerke unmöglich auszuführen gewesen; dafür aber habe dasselbe eine besondere Kammer für die Gräfin selber oder ihresgleichen sehr künstlich eingerichtet, als einen guten dichten Stuben-Verhack und Schanzkorb gegen jedes Narrenschiff von Flöhen, das von einem tollen Hunde ausspringe. - Prosit Bauherr!«

Darauf zeigt der Altgeselle auf die Mansarden des Tollhauses hin und redet wieder an: »Hoch- und Wohlansehnlicher, auch nach Standes-Gebühr Hoch- und Wohlgedachter Umstand! Es sollten wohl immer zwei Toll-Häuser gebauet werden, neben das thetische jedesmal das antithetische; denn es sind zweierlei Narren vorhanden, die übernärrischen und die überweisen, unter welche letzte wohl ein Platon, Rousseau, Hamann und die größten Dichter zuerst gehören. Die Masse, Menge, Mitte muß im weitern Indifferenz-Punkt jeden ihr entweder in Toll- oder Weise-Sein entgegengesetzten Polar-Menschen auswerfen und bleibt der ausgleichende kalte Gleicher aller warmen Köpfe; sie wiederholt, so wie König Philippus zu seinem Sohne sagte: ›Schämest du dich nicht, so schön zu singen?‹, gleichfalls die Rüge: ›Schämet ihr euch nicht, so weise zu sein?‹ So hat denn unsere Stadt den Ruhm, die erste zu sein, welche für indeklinable Weise wohltätig etwas tat, nämlich bauete, ein Hospizium für diese Älpler, ein Spinnhaus für ihre Ideen, eine Freistätte gegen allgemeinen Tadel, und es gereicht die lange Reihe von Mansarden für Weise unserer Stadt umso mehr zur Ehre, da sie noch fast gar nicht nötig ist, und da überhaupt eine Irren-Anstalt für solche, welche weniger sich als andere irren, nicht viel größer zu sein braucht als ein Schafstall oder eine Passagierstube oder ein Spritzenhaus.

Auch mir kommt die Bauanstalt zugute, und ich passe auf das Zumauern meiner Mansarde, so wie auf seine der Herr Verf., der mir meinen Bauspruch ein wenig durchgesehen, und aufgesetzt. Rühmlich ist die Stadt, glücklich sind ein paar Städter daraus, welche als einkasernierte Weisen von ihrer Loge zum hohen Lichte herab so nahe und leicht die Tollheit vor sich haben und als Klughäusler mit den Tollhäuslern sich wie Extreme berühren - schöne Koppelhut und Simultankirche in einem Narrenhause!« u. s. w.

Darauf fährt der Altgeselle fort, bis er fertig ist.

Der 15. Hornung des Morgenblattes gibt: Küstenpredigt an die Engländer.

Vorwort im Jahr 1814; ist anders eine seitenlange Kleinigkeit eines wert! Die folgende Nutzanwendung aus einer den alten Strand- und Kosegartens Ufer-Predigten nachgespielten Küstenpredigt wurde vor vielen Jahren in einem solchen frischen Unmut über die britische Belagerung Kopenhagens geschrieben, daß ich mir in dieser Woche das Blatt aus der Druckerei mit Briefpostkosten zurück erbat, um hier den Lesern vorher zu sagen, daß ich wenig von dem glaube, was ich in der Predigt behaupten werde; und solche Vorwörter sollten überhaupt vor mehren Predigtsammlungen stehen. Wahrlich England, der unermüdlichste Verfechter spanischer und deutscher Freiheit, glänzt als ein Negern-Protektor - ungleich jenem Deutschlands-Protektor in einem Frieden - durch seine gefoderte Sperre des Negerhandels ganz anders als die neuern Karthager, welche zum Erfüllen der Frieden-Bedingung, die Menschenopfer abzuschaffen, eine Quinquenell-Bedenkfrist verlangen. Aber hier steh es endlich, wie ich vor Jahren die guten Briten auf meiner Kanzel angefahren:

»Und jetzt, da ihr uns nicht mehr wie Pferde anglisieren könnt durch Abschneiden, ersetzt ihr durch Köpfen das Schwänzen und schwimmt gleich Fischen an die Küsten, um zu laichen, Leichen nämlich und Kanonenrogen; und nehmt in den Häfen nichts ein als frisches Tränenwasser. War nicht euer Ruhm bisher eine Seekrankheit, die sich leicht verlor, sobald ihr das feste Land - z. B. ost- oder westindisches - betratet? Wenn ihr durch euere geheimen Expeditionen aus dem Wasser wie aus Kiesel Kanonenfeuer schluget gegen schuldlose Städte und Elbeufer, und wenn ihr ein umgekehrtes Strandrecht einführtet, nämlich das vom Wasser aus gegen irgendein scheiterndes Land: so beschämt euch euere eigne innere Großherzigkeit und Rechtliebe zu Hause. - Freilich unscheinbar mattfarbig stehen so manche Staaten wie elend gemalte Figuren vor euch, lassen lange Zettel aus dem Maule hangen, die ihren Gehalt aussprechen sollen, genannt Geld- oder Staatpapiere u. s. w.«

Jetzo kommt eine heftige Stelle, die ich zu meiner größten Freude ganz unverändert behalten und behaupten kann, sobald ich nur statt der Engländer die Franzosen setze und so anfahre und fortfahre: »Wir mußten euch Stolze mit Nahrung bedienen, wie den (englischen) König beim Essen die Hofbedienten; nämlich auf den Knieen, anstatt daß sonst nur das Wesen kniet, z. B. das Fohlen, das Hirschkalb etc., welches Nahrung saugt, nicht erteilt. Ja steht der Uferprediger selber denn nicht am heutigen Aschermittwoche mit einer runden Glatze voll Asche da, welche ihm jedoch wie andern nur aufgesäet worden, nicht weil er Fastnacht und mardi gras genossen, sondern weil ihrs? - Aber wir Deutsche sind überhaupt - ordentlich als wären wir euere nur größere Schweizerei - für euch eine tragbare Patent-Soldateska, euer Patent-Kriegstheater u. s. w.«

Der 21. März des Morgenblattes schenkt: Polymeter, überhaupt viel Weiches, weil da des Verf. Geburtstag einfällt.

Indes würden die Mithalter des Blattes zu lachen anfangen, wollt er ihnen das Weichste daraus schon hier zum Imbiß auftragen, da zu solchen Jubel-Tagen gewöhnlich gehört, daß man sie erlebt, er aber den ganzen langen Winter noch so wenig bis zu Frühlings-Anfang durchgemacht, als irgendein jetzo lebender Geist im All. Doch mag ein Polymeter, der ja auf so viele 1000 Menschen paßt, als es gibt, hier verlaufen:

Wie genieß ich den Frieden, den die Länder miteinander gemacht? - »Nur wenn du einen mit dir selber schließest.« - Ach nur unschuldige Kinder durften sonst die Früchte des Ölbaums pflücken! - »Alle Friedens-Kränze und Friedens-Zweige der Erde haben ja nur Blätter

Der erste April unternimmt (man will sonach auf den ersten Tag und auf den ganzen Monat zugleich anspielen) einen Beweis von der doppelten Beständigkeit der Weiber. Er wird - um unparteiischer zu Werke zu gehen - zuerst von ihrer Festigkeit in schlimmen Angewöhnungen ganz kurz geführt, der Beweis aber von ihrer andern Festigkeit in guten aus Mangel an Raum verschoben; ordentlich als könnte der Verf. aus Vorliebe, um nur recht diese Edel-Steine zu heben und unter Licht zu setzen, nicht genug Fehler-Folie unterlegen. Folgendes ist Vorschmack:

»Auch in der Ehe bleibt der Name des geliebten Bräutigams im weiblichen Herzen stehen, in welches ihn schöne Stunden und Wunden eingeschnitten; freilich geht es dem Namen wie Namenszügen, die man in einen Kürbis einritzt: die Frucht reift ungeheuer und unförmlich fort: und dann sitzt der eingekerbte Name daran lächerlich und unleserlich auseinander gewachsen und gespreizt.«

Der erste Mai bringt den Steckbrief des Herrn von Engelhorn hinter seiner entlaufnen Gemahlin.

Der edle Mann schickt gerührt ein kurzes Programm dem Steckbriefe hinter seiner liebens- und strafwürdigen Hilda voran. Sie habe, sagt er darin, ihm etwas Besseres gestohlen als sein Herz - denn dieses wiedererzeug er jeden Abend so leicht als eine Eidechse den Schwanz oder ein Krebs die Schere -, sondern sie habe die feinste Haut, die je um ein weibliches Herz geschlagen war, ihm entwandt, des kleinen Juwelen- und Kleider-Besatzes daran kaum zu erwähnen. Die Raserei, welche vor Gericht die Ehen scheide, stifte solche oft außergerichtlich, und seine gehöre dahin; denn wie (nach Gall) das Gehirn eine zusammengestaltete Haut sei, so sei die glänzende seiner Hilda ein ausgebreitetes Gehirn für sie und ihn gewesen, durch welches das seinige ziemlich hin und her verrückt geworden; daher sie ihm Gatten-Aeneas aus ihr ein ziemliches Didos-Reich vor- und zugeschnitten. Was ihn jetzo am meisten außer sich setze, sei, daß sie, da sie nach Paris entwichen, schwer daraus zurückzufangen sei - sie könne in dieser Minute von einem Generale und dessen Adjutanten zugleich an den Armen geführet werden, um in keine andern zu fallen - und in welcher Gasse dieses Gassen-Ozeans, frag er ohne Trost, hab er das liebe Wesen aufzujagen und einzufangen, da sie ja in der rue des mauvais garçons hausen könne - oder in der rue des mauvaises paroles - oder in der rue de fosse aux chiens - oder in der Frau ohne Kopf - oder in der Teufelsfarzgasse (du pet-au-diable) - oder in der rue des filles anglaises - oder der du contract social - oder der rue des deux anges. - - Auch würd er ihr persönlich nachspringen, wenn er nicht besorgte, unterwegs, zumal in besagten Gassen, ihr untreu zu werden und in der rue des deux anges zwei Engel mit einander zu verwechseln. »Das schöne junge Kind, ich war sein ältestes!« (sagt er und weiß sich kaum zu lassen) »O wärest du bei mir, ich wollte dir soviel nachsehen als mir selber! Und mögest du wenigstens nur keinem rechtschaffnen Manne in die Hände fallen, der dir zulange treu bleibt!«

Darauf wird Herr von Engelhorn, da er sich das Signalement denkt, ordentlich verdrüßlich: lieber zwanzig Spitzbuben setz er steckbrieflich nach als einer einzigen Frau; alle eines gewissen Standes sähen einander so ähnlich wie die Rücken der Karten; denn der Anzug sei das einzige, worin sie verdammt harmonierten und einig blieben. Auch der gute Umstand, daß seine in großen Gesellschaften unter die Halbnackten und nur in kleinern unter die Viertelnackten gehöre und unter vier Augen gar im dichten Negligé sitze, signalisiere nur schlecht; denn mit ihr haben diesen Vorzug alle die bessern Weiber gemein, welche endlich die Kriegnot zum Nachdenken und Entschlusse gebracht, noch wirtschaftlicher und tugendhafter vermittelst einiger Nacktheit zu werden, indem sie bei der Teuerung der englischen Zeuge durch jede anderthalb Fuß breite Stelle, die sie unbekleidet lassen, dem Gatten ein Viertel Morgen Land ersparen oder eintragen, und indem sie mit ihrer Tugend unbekleidet vor hundert Zeugen sicherer seien als bekleidet vor einem.

Am Ende fängt von Engelhorn den Steckbrief so an: »Eine gewisse Hilda, geborne von Templer, ist selbstdiebisch entwischt und hat dem Herrn von Engelhorn folgende Preziosa von Wert mitgenommen: No. 1. eine superfeine Menschenhaut, die sie anhat - No. 2. eine seltene Niobes-Nase - No. 3. ein Paar kostbare Saphyre oder Blau-Augen vom ersten Wasser - No. 4. ein Paar fein gearbeitete Händchen mit Armen, zärter als Handschuhe von Hühnerleder, samt andern Kleinigkeiten, deren Spezifikation vor hiesigen Gerichten niedergelegt worden. Es ist aber mehrgedachte Land- und Stadtstreicherin und Blondine besonders daran kenntlich, daß sie den Engel im Gesicht und den Teufel im Leibe hat und, obwohl eine Blondine, doch eine Selberzünderin ist; wie denn diese Person und Zauberin zwar nie den Blocksberg befährt, aber die ganze Bergpartei desto öfter bei sich hat. Ein anderes Kennzeichen, das sie von allen Frauen unterscheidet, ist, daß sie auf Herrn von Engelhorn sehr schmähet, welches keine von so vielen Hunderten tut, die mit ihm ebenso genau bekannt geworden. Als nun außerordentlich daran gelegen, auf gedachte Diebin und Schönheit zu invilgieren und solcher habhaft zu werden: also etc.«

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