Frei Lesen: Über die deutschen Doppelwörter

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Jean Paul

Über die deutschen Doppelwörter

Zwölfter Brief

eingestellt: 29.6.2007

Die Bestimmwörter mit den Endsylben keit, heit, schaft, ung, tum, ion

 
Baireuth den 22. Dez. 1817

Freundin! Ich wußt es voraus, daß meine Wörtervolkzählungen mir den schlimmsten Bodensatz aufheben würden; und den bring ich hier fast verdrießlich. Wohin sind die schönen Monate und Briefe, wo ich Ihnen lauter vernünftig-heiratende Bestimmwörter vorzuführen hatte! So entfliegt alles auf unserer entfliegenden Kugel, und das Zerbrechlichste auf ihr sind Flügel selber. Verzeihen Sie dem kürzesten Tage die kleine Nacht dieser Klage! – Gerade das männliche Genitiv- s, das bisher nur wenigen männlichen Bestimmwörtern sich anzuhäkeln wagte, hängt sich ganz dreist hinter allen weiblichen Bestimmwörtern an, welche Endsylben von heit, keit, ung, schuft, haftigkeit, schaftlichkeit oder gar das fremde ion haben; und so begleitet es denn die Wahrheit s- und Wahrhaftigkeit sliebe, Wissenschaft sliebe und Wissenschaftlichkeit sliebe und Ordnung s- und Population sliebe.

Warum sollen nun gerade diese an sich nicht weichen weiblichen Nachsylben durch das männliche  s zu Amazonen werden und heiz, keiz, afz, unx, onz klingen, indes die sanften auf ei (Tändelei), in (Königin), is (Begräbnis), el (Nadel) dieses rauhe Bart- s von sich abwehren? Gibt dieses letzte nicht schon ein Recht, solche bärtige Sylben rein und glatt zu scheren?

Am meisten sperret sich das an den alten Übelklang verwöhnte Ohr gegen den neuen Wohlklang. Briefschreiber dieses hat leider selbst eines, das durch seinen politischen Glanztitel Legationsrat so verfälscht und verdreht geworden – weil es gerade nichts so oft hört als diese Zions –, daß ihm das falsche Kommunionsbuch nicht anstößiger sein würde als das rechte Legationrat. Ein ganz anderes weicheres Ohr würde er in Dresden tragen, wo nach der mehr als hundertjährigen Gerichtsprache alle Räte, Kommission-, Legation- und andere Räte, ohne das harte männliche Zeugefall- s geschrieben werden. Seinem Dresdner Ohre würden dann auch leichter die Legionsteine bei Mainz und das Relationpapier in Schlesien eingehen und der Religionfriede (der noch in Wagenseils Erziehung eines Prinzen vorkommt), so wie Motion-men, Revolution-society etc. und die übrigen britischen s-losen oder Sanctus-losen Matrosenehen aller Wörter auf ion.

Indes wird der Starrsinn und Widerstand des Ohrs, welchem neue Wohllaute schlechter klingen als alte Übellaute, noch durch einen Nebenumstand genährt. Es wird nämlich das Einschieb- s am liebsten langen Bestimmwörtern zugegeben; daher Wörter, die einzeln es verschmähen, es doch annehmen, wenn sie sich nach dem Anfange hin vergrößern; z. B. Nachttraum mit einem Vorwort vergrößert wird Sommernachtstraum. Ja oft setzt eine bloße neue Vordersylbe desselben Worts einen s-Schimmel an; z. B. Rockknopf und Überrocksknopf. Glaube man nur aber nicht, daß dieses s-Anhängsel etwa als Abtrennzeichen mehrfacher Bestimmwörter, um sie vom Grundwort schärfer zu sondern, dastehe; denn erstlich fehlt es ebenso häufig ganz langen regelrechten, z. B. in Hofmeisteramt, und zweitens hängt es sich in manchen Wörtern an das frühere Bestimmwort, und nicht an das letzte, z. B. in Wahrheitstempeldienst.

Aber das Ohr ist gegen alle diese Lichter taub. Je länger das Bestimmwort ist, das mit einem  s verzischt, und je länger folglich das Ohr darauf warten müssen, desto heißer fodert es sein  s. Z. B. Wahrheitliebe statt Wahrheitsliebe läßt sich das gedachte Glied noch gefallen, aber Wahrhaftigkeitliebe, wo es um zwei Sylben länger auf den Schlangen-Mitlauter vergeblich gepaßt, oder gar Wissenschaftlichkeitliebe will ihm durchaus nicht ein.

Nachdem ich Ihnen, freundliche Gönnerin, schon eilf Monate lang zu Ihrer Entscheidung die Beweise vorgetragen, daß dieses  s, das mir (wie ich ihm) zusetzt, den Genitiv nur vorzuspiegeln oder sich an die Stelle der rechten casus einzuschwärzen pflegt: so brauch ich jetzt am Ende des Jahrs wohl nicht erst dessen unerlaubtes Andringen an rein weibliche Endsylben wie keit, heit, ung zu rügen. Das  s sündigt offenbar zweimal: erstlich kommt und fehlt es nach Gefallen, z. B. in kraftlos und doch hoffnungslos; oder wenn es sich weiblichen Wurzelwörtern selber nicht anzukleben getraut, z. B. in Zeitleben, und sich doch in Zeitlichkeitsleben eindrängt. Noch flatterhafter handelt dieses Nachzügler- s, daß es einen Genitiv in Doppelwörtern aussprechen will, wo höchstens ein verschwiegener Dativ gedanklich wäre, z. B. Konstitution s-, Freiheit s-, Stande sgemäß oder Verfassung swidrig.

Was nun gar das letzte Beispiel betrifft, so frag ich: gibt es denn nirgends ein Mittel, die ungs, diese Sprach-Unken, die auf jedem Blatte nisten und schreien, und deren in der großtönenden Römersprache nur zwei oder drei sitzen und desto mehr auffallen – deunx, quincunx und septunx –, aus unserer Sprache herauszutreiben? Allerdings; man führe nur die alten ursprünglichen Wohlklänge wieder in unser Deutsch zurück, aus welchem sie, gleich den Hugenotten, gegen das Ende des 17ten Jahrhunderts durch diese Franz-Umlaute verdrungen worden. Noch haben wir in Beziehungen der körperlichen Zeitwörter die schönern Formen behalten und sagen: Ziehseil statt Ziehungsseil, Hörrohr, Riech-, Schmeck-, Tastsinn, Bindwort, Merkwort, Brennholz, Backhering, Trinkgeld, Fühlfaden, Leuchtkugel, Brennpunkt, Drehorgel, Tretrad, Traurede, Fallbrücke, Steigbügel, Schwimmschule; sogar das verkürzte Rechen- und Zeichenschule statt Rechnungs- und Zeichnungsschule.

Aber warum wollen wir nicht ähnliche Abkürzungen auch Zeitwörtern mit Vorsylben erlauben und so nach Ziehbrunnen uns Erziehlehre und Entziehlehre bilden, so wie Harsdörfer Erquickstunden und der Sprachgebrauch schon nach Stecknadel Vorsteckblume, Aufsteckkleid, Vorhängschloß, Vorlegeblatt und -schloß, Verfall- und Bedenkzeit, Gedenkverse hat? – Warum statt Regierungsräte und Regierungsblätter nicht lieber Regierräte und Regierblätter, nach Analogie von Purgier-, Laxiermitteln, Vexierschlössern? – Ich frage aber mit Recht, Gönnerin, warum man etwas bloß darum nicht einführen soll, weil es ein Jahrhundert vor dem achtzehnten schon wirklich eingeführt gewesen. Denn einer unserer kräftigsten Sprachforscher Radlof, führt solche bessere Formen aus alten Schriftstellern zur Wiedernahme an: z. B. Bestallbrief, Versicher-, Entscheidbrief bei Oefelius – Verweis-, Verbietbrief bei Haltaus – Vergrößerglas bei König (1668) – Linderbalsam bei Stieler – und so Ausbesserlohn, Lieferzettel. Wenn Sie vollends, meine Gnädige, noch aus Trendelenburg, diesem bekannten Kenner der griechischen Sprache, sich auf dessen Bemerkung entsinnen, daß die Griechen, welche uns sonst mit den schönsten, kühnsten Wörter-Ehen vorleuchten und vorglänzen, doch keine Doppelwörter aus Verbum und Substantiv zu bilden vermochten, wie die vorigen Beispiele von Brennpunkt, Trinkgeld: so werden Sie gewiß wünschen, daß wir das kleine Freiheitbriefchen zu Wortvereinen, das wir vor den freien Griechen voraus haben, möglichst benützen.

– Und so hätt ich denn, nie genug zu ehrende Freundin, den langen Gang, ja Jahr-Gang durch die deutsche Sprache an Ihrem Arme mit Vergnügen gemacht, um Ihnen überall rechts und links mit Fingern zu zeigen, daß die deutschen Doppel- oder Zwilling- und Drillingwörter sich ohne den reibenden s-Bast zusammenfügen und zu eins gestalten können. Nur hab ich unter zwölf Klassen und Briefen gerade mit der schlimmsten Klasse meinen Jahr- und Briefwechsel zugleich beendiget, ähnlich dem Jahre, das sich von jeher mit dem Wetter-Ruprecht, oder ähnlich dem vorigen Jahrhundert, das sich und die Freiheit und Gleichheit mit dem gallischen Kaiser abschloß. Was mich aber in einer so dürren Sache am schönsten bisher erfrischte, ist ohne Frage der Beifall, womit Sie mein Bestreben, durch Briefe das Trockne angenehm einzuflößen, haben belohnen wollen. Niemand fühlet freilich stärker als ich, wie sehr ein solcher Beifall mehr den gewandtern Schriftstellern unter uns gehört, welche die schwierigsten Punkte der Stern-, der Pflanzen-, der Götterlehre schön und leicht in Briefe verpacken und darin versenden, indem sie an den Anfang die warme feststehende Anrede an eine Freundin stellen, wie altfürstliche Dekrete den Fürstentitel mit stehenden Drucklettern, und dann, wie diese, die neuen Sachen mit Dinte bringen. Indes wenn meine matte Einkleidung einen Beifall wie den Ihrigen erhält: so darf sie wohl auf einen zweiten noch gewisser bei andern Leserinnen rechnen; daher bitt ich Sie um die Erlaubnis, diese Briefe für den öffentlichen Gebrauch im Morgenblatte zu benützen und so die Leserinnen angenehmer zu meiner bescheidnen Notwehr und geharnischten Nachschrift gegen grammatische Anfechter hin zu geleiten. Im Morgenblatte selber kann ihnen die Notwehr und Nachschrift von neuem versüßt werden durch Zerstücken in recht viele Blätter, welches gerade bei Untersuchungen so wohl tut als bei Erzählungen weh; denn bei diesen gleicht man dem eingekerkerten Löwen, welcher ein Pfund Fleisch allein nicht verdauen kann, aber wohl sieben auf einmal.

Möchten Sie in die zwölf Briefe auch manche Sprachirrlehrer blicken lassen, die sich vielleicht in Ihrer reizenden Nähe am leichtesten bekehren! – Es ist Pflicht, unsere auf knarrenden und kreischenden Mitlautern daherziehende Sprache wenigstens von dem Genitiv- s, als einem fünften Knarrad am Wagen, zu befreien und die Musik der Selblauter nach Vermögen vom Mitlautergekreische zu entfernen. Wenn Radlof die Konsonanten mit Recht Mannlaute, die Vokale aber Weiblaute nennt: so kann ich von Ihnen fodern, mich nachzuahmen und gleich mir die weiblichen Laute in Schutz zu nehmen.

So hoff und schließ ich heute am 22sten Dezember; es wird aber mehre Monate geben als den letzten dieses Jahres, um Sie noch ferner zu versichern, wie sehr ich bin

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