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Jean Paul

Über die deutschen Doppelwörter

Bescheidene Notwehr und geharnischte Nachschrift gegen grammatische Anfechter

eingestellt: 29.6.2007



Der Leser erlaube mir, die in mehren Briefen auseinander liegenden zwölf Klassen der Doppelwörter für die freiere volle Übersicht nebeneinander darzustellen.

 
I. Einsylbige Bestimmwörter

Erster Aufsatz oder Jennerbrief. 1. Mit e und Umlaut im Plural: Baum, Bäume, Baumschule.

Zweiter oder Februarbrief. 2. Mit e ohne Umlaut: Berg, Berge, Bergkette.

Dritter oder Märzbrief. 3. Ohne Plural: Vieh, Viehzucht.

Vierter oder Aprilbrief. 4. Mit er und Umlaut im Plural, Faß, Fässer, Faßbinder, und mit er ohne Umlaut: Feld, Felder, Feldbau.

Fünfter oder Maibrief. 5. Mit en im Plural: Last, Lasten, Lastträger, wovon aber die männlichen das  en in die Zusammensetzung hineinnehmen: Graf, Grafen, Grafensohn.

 
II. Mehrsylbige Bestimmwörter

Sechster oder Junybrief. 6. Die vom Plural unveränderten: der Schiefer, die Schiefer, Schieferdach.

Siebenter oder Julybrief. 7. Die weiblichen auf l mit n im Plural: Nadel, Nadeln, Nadelbrief.

Achter oder Augustbrief. 8. Mit einem bloßen Umlaut im Plural: Vogel, Vögel, Vogelherd.

Neunter oder Septemberbrief: 9. Mit einem e im Plural: Gewehr, Gewehre, Gewehrkammer.

Zehnter oder Oktoberbrief. 10. Männliche auf e mit einem  n im Plural: Riese, Riesen, Riesenkopf.

Eilfter oder Novemberbrief. 11. Weibliche auf e mit einem  n im Plural, wovon ein Teil es in der Zusammensetzung wegwirft: Sache, Sachen, Sachregister; der größere es behält: Blume, Blumen, Blumenblatt.

Zwölfter oder Dezemberbrief. 12. Die Bestimmwörter auf heit, keit, schaft, ung, ion nehmen in der Zusammensetzung, wie Wahrheitsliebe, Legationsrat etc., gerade das  s an, wogegen die ganze Tabelle und meine zwölf Briefe an eine vornehme Dame geschrieben worden.

 

Gesetzt, die Bemühung des Verfassers, dieses falsche  s durch den Petalismus seiner Blätter deutschen Landes zu verweisen, würde durch keine Stimmenmehrheit belohnt und unterstützt: so hält er doch seine Mühe für keine vergebliche, da er in die Wildnis von 30 000 Bestimmwörtern zwölf leichte Gänge gezogen, auf welchen sich sogar der Ausländer, sobald er seinen deutschen Plural eingelernt hat, zurechtfinden kann bei allen Zusammensetzungen. Sollte dem Verfasser Beifall und Nachfolge entgehen: so behält er doch den Anspruch, das bedeutendste Stück einer deutschen Sprachlehre geliefert zu haben, auf deren Ausarbeitung die baierische Regierung vor einigen Jahren einen noch uneroberten Preis von 200 Karolin gesetzt, für welchen der künftige Gewinner und Gekrönte ihm einige schriftliche Erkenntlichkeit schuldig sein wird.

Wolke hat bewiesen, daß Griechen und Römer und Goten und Slaven und Altdeutsche nicht den Genitiv zum Bindmittel der Doppelwörter gebraucht.

Unsere leibliche Geschwistersprache, die sich außer Landes in die Franzosen hineingeheiratet, die englische, will in ihren Wörterehen selten oder gar nicht von einem Genitiv- s hören, das sie sonst den Eigennamen so seltsam anhängt, und die nächste Tochtersprache ihrer Muttersprache, die holländische, hat Zusammensetzungen wie diese: Vorsten-slaap-kamer-deur-hoeder (Fürstenschlafkammertürhüter). Aber wozu weitere Beweise! Gerade meine volkreichsten Klassen schließen das S bei ihren Verbindungen aus, und die übrigen wenigen lassen nur ein n, en und er zu, die 12te oder Judasklasse allein ausgenommen, welche weiblichen Wörtern den Judasbart eines Zeugefall- s anhängt.

Jetzo, nachdem die Wörter in ihre stimmgebenden Klassen, welche allein eine Regel gegen die Ausnahme und Fehler durch- und festsetzen, abgeteilt worden, wird einem Gegner der Kunstgriff verwehrt, aus der Breite aller Klassen die wildfremden Ausnahmen auf einen Haufen zu treiben und sie vor dem Leser, dem nicht alle Klassen gegenwärtig vorschweben, mit einem Schein in Reih und Glied zu stellen, als ob sie an und für sich eine stimmgebende Regelklasse ausmachten, indes sie in meinen zwölf Briefen als vereinzelte wenige, in die verschiedenen Regimenter untergesteckte Rebellen alle ihre Kraft verlieren. Sollte man nicht zwanzig Untreue mit tausend Treuen schlagen und das von der Mehrheit alter Rechtbildungen erzogne und gestimmte Ohr nicht mit der Annahme einiger neuern Zurechtbildungen versöhnen können? – Fachordnen der Wörter ist in der Sprache so notwendig als (sind anders die Ausdrücke erlaubt) in der Papiermühle (und im Staatgebäude ohnehin) das Sortieren (Auslesen) der Lumpen; aber so wie nichts schwerer ist, als Regeln zu finden, so ist nichts leichter, als Ausnahmen zu werben, weil zu jenen erst die Menge, zu diesen schon ein Zufallwort ausreicht; jedoch einige von mir übersehene Independenten stoßen die Verfassung nicht um. Auch stelle man eine Ausnahme, die sich und ihr Unkraut- s etwa durch Wohlklang oder besondern Nebensinn zu rechtfertigen scheint, nicht gegen meine Regelklasse als einen Einwand auf, da ich in derselben Klasse sogleich zehn andere Wörter, welche jenem Klang und Sinn zum Trotze rechtgläubig und rechtgehend geblieben, entgegensetzen will. Z. B. Pferd, Hund bleiben, wie alle Bestimmwörter der zweiten Klasse, in der Anfügung unverändert. Folglich entschuldigen Pferdedecke, Pferdeschmuck sich vergeblich mit ihrem Wohlklange; denn sonst müßte Pferddieb, Pferdschweif, Pferdturnier sich ihm nachabändern.

Die Sprache ist ein logischer Organismus, der sich seine Glieder nach so geistigen Gesetzen zubildet und einverleibt als der leibliche sich die seinigen nach zusammengesetztern; aber wie dieser treibt auch er zuweilen regellose Überbeine, sechs Finger und Gliederschwämme aus dem Regelleibe heraus, nur daß wir hier als freiere Geister das Ausschneiden und das Verwelkenlassen der Aus- und Fehlwüchse ganz in unserer Gewalt und Willkür haben.

An der deutschen Sprache – für welche wir Schreiber sämtlich, da sie uns in Europa als der einzige Mond der griechischen Sonne nachglänzt, dem Himmel nicht genug danken können, deren weite Freiheit wir aber gerade durch eine undankbar faule Schrankenlosigkeit mißbrauchen und verunstalten – an ihr sollten wir die europäische Seltenheit, daß einem Vielworte durch bloßes Versetzen der Wortglieder, wie einer Zahlreihe, neue Bedeutungen zu erteilen sind, als eine grammatische Buchstabenrechnung wärmer schätzen und heiliger bewahren. Ich wähle aus der Nähe das Drilling-Wort Mondscheinlust. Dieses gibt durch ein Wörter-Anagramm immer einen neuen Sinn in sechs neuen Wortbildungen: Mondscheinlust, Lustmondschein, Scheinmondlust (durch sogenannte Transparents), Lustscheinmond, Scheinlustmond, Mondlustschein. Mischt der geduldige Leser die Quadrupelalliance eines vierwörtlichen Worts, z. B. Maulbeerbaumfrucht, so erhält er nach der mathematischen Kombinierregel (das Urwort mit eingeschlossen) vierundzwanzig Wörter; und versetzt er gar, sooft als es mathematisch möglich ist, wie südliche Staaten ihre Diener, ein fünf Mann hohes Wort, wie z. B. Haushofmeisteramtsachen oder Regenbogenhauteiterbeule, so gewinnt er hundertundzwanzig gute und elende Wörter, womit ich jedoch das Morgenblatt nicht schmücken will.

Ich komme nun auf die beiden Hauptzwecke, weswegen ich die mühsamen Studien des ganzen Aufsatzes und die Briefe an eine vornehme Dame gemacht. Der eine betrifft die Wege, diese scheinbare Neuerung einzuführen und der Sprache einzuimpfen, nicht als einen Krankheitstoff, sondern als einen alten gesunden Zweig.

Mein andrer Hauptzweck ist, so bald wie möglich so gut widerlegt zu werden, daß ich nicht ein Wort mehr sagen kann.

Das Erste, die Einführung der richtigen Doppelwörter, haben Schriftsteller zwar weniger gegen das Volk – aus dessen vielkehligem Munde schwer die Wörter Wirt shaus, Krieg skasse, Staat srat werden zu nehmen sein –, aber wohl gegen Schriftsteller selber in der Gewalt; und sind diese bekehrt, so wird die kleine s-Stürmerei auch bald die lesenden Sprechklassen ergreifen.

Wurde denn die alte Unrechtschreibung Undt, Strasse, Sammpt, Lannd anders als bloß durch schreibende, nicht sprechende Gültigkeiten (Autoritäten) verdrungen und ausgeschnitten? Freilich galt es dort Ausrottung nur geschriebener Mitlauter, hier aber ausgesprochener; allein wenn sogar die ausgesprochenen Selblauter der ältesten deutschen Sprache, die herrlichen o und u und a und  au, sich in Mitlauter und höchstens in dünne e, ö, ä, äu verloren haben, so wird wohl doch ein elender schlangenstummer Zischlauter wie das  s, nach der Verjagung der Könige, abzusetzen sein durch ein oder ein Paar tausend Schreiber, die sich dazu vereinigen unter Wolkes Fahne. Freilich bloß das Publikum entscheidet und sagt bei diesen Trauungen, wie in England der Küster bei menschlichen, das Amen, ja es befiehlt, wo es zu gehorchen scheint, wie der Feldmarschall Suwarow seinen Untergeordneten gehorsam war, wenn sie ihm etwas im Namen des Feldmarschalls befahlen.

Die Schriftsteller sind die Zöglinge ihrer Amme, der Sprache; aber die Milchbrüder zeugen und bilden wieder Ammen. Wer von ihnen bringt nun eine grammatische Altneuerung oder ein Neualtes am besten in Gang? Am wenigsten der Dichter, der zwar leicht neue Weltansichten und allgemeine Stimmungen verbreitet, aber ungern und daher selten eine Sprachänderung weiterträgt, da deren unzeitiges Hervortreten den freien runden Eindruck seiner Gestalten entstellt. Aber besser vermögen es die Zeitungschreiber, welchen man erstlich jedes Deutsch verzeiht, und welche zweitens als die größten Vielschreiber Ohr und Auge durch das Wiederholen bändigen und versöhnen. Da nun der Bundtag in ihnen so gut ein stehender Artikel ist als in Frankfurt: so könnte der gedachte Tag viel für mich und Wolke tun. Ich habe schon im Jennerbriefe an die vornehme Dame meine Hoffnungen geäußert, daß er in der deutschen Geschäftsprache durch seinen Einfluß am leichtesten ihre Wässerigkeit austrocknen könne, welche uns bei den Ausländern einen besondern Namen macht, so wie wir Deutschen uns überhaupt auf die Flüsse, nicht bloß in ihnen taufen ließen. Denn jetzo bei dem ersten diplomatischen Gebrauche wird jener gewiß die so blutig wiedererkaufte und von uns den Völkern so vorgelobte Deutschsprache durch Ründe und Kürze so glänzen lassen, daß genug davon durch französische und englische Übersetzung durchschimmert. Aber dann kann er noch lieber und leichter das Kleine, die Doppelwörter, als Wortbündner gegen jede Einmischung eines fremden bundwidrigen Buchstabens beschützen und uns, wie Brockes ein langes Gedicht von 70 Versen ohne  r so Verhandlungen ohne den Schlangenlaut  s verleihen.

Hinter den Zeitungen könnten noch – außer den philosophischen, chemischen und andern wissenschaftlichen Werken, die überhaupt allen Ohren trotzen, den tauben und langen wie den verwöhnten – die Literaturzeitungen und Wochenblätter eingreifen, wenn die Mitarbeiter einwilligten, daß aus der Redaktion die Bestimmwörter nicht anders als aus England die Pferde auslaufen dürften, nämlich englisiert, d. h. geschwänzt. Nur woher redliche Setzer nehmen, die unaufhörlich schwänzen? – Alsdann möchten die verbesserten Doppelwörter unangehalten in die historischen Werke einziehen, um endlich als Eingebürgerte und durch Ahnen, d. h. durch Jahre Geadelte Zutritt in die größten Heldengedichte zu bekommen und götter-tafel-fähig zu sein. Nur sperre man sich gegen die richtigern Wortfügungen nicht aus dem dürftigen Grunde, weil unsere klassischen Schriftsteller, wie Goethe, mit den unrichtigen ihre ewigen Grazien umgeben haben, welche durch Neuerungen, sagt man, veralten und erbleichen würden. Aber ihren Glanz raubt und gibt kein einzelner Buchstabe, und Goethe bleibt, der er ist, wenn man von ihm das sanctus- s, wie ich den Buchstaben  s oben genannt, wegdenkt. Welche ganz andere tiefere und breitere Veränderungen der Sprache ließen uns dennoch den Genuß des Nibelungen-Liedes unverwehrt! Und warum soll denn ein frisches, fortlebendes, gleich den Naturfrühlingen fortgebärendes Volk wie das deutsche sich in seiner Schöpferkraft aufhalten lassen, bloß weil einige Genien ein halbes Jahrhundert lang geschaffen haben? Weiß denn ein Sterblicher, wie weit hinaus die Erdenzukunft fortwächst, und wie viele Jahrtausende mit allen ihren Genien und deren Fruchtkörben und Füllhörnern noch nachkommen? – Da wird der Buchbinder- oder Buchmacherkleister der Doppelwörter wohl das Winzigste sein, womit unsere jetzigen Göttersöhne des Pindus-Olymp abstoßen oder anziehen.

Wolke – der freilich ebenso oft eine niedergießende, einschlagende als befruchtende, aufrichtende Wolke ist – erlaubt den Dichtern die Freiheit, den Zeugefall als eine Notsylbe in reine Wörterehen einzuschieben gegen die Regel. Ich kann ihm diese Erlaubnis nicht als Willkürlichkeit und Notbehelf vorrücken; denn die Dichter haben ja schon vor seiner und unserer Einwilligung im Sylbenmaße bei gewöhnlichen Doppelwörtern ohne Genitiv, z. B. Berggipfel, nach Berg esgipfeln gegriffen.

In der Tat bedarf es dazu nichts Größeres, als was sich der Deutsche bei jeder Neuerung mit Recht zuerst ausbedingt, nämlich Zeit, die er reichlicher als irgendein Volk wünschen muß, weil er täglich die Erfahrung macht, daß er bloß aus Mangel einer hinlänglich langen die wichtigsten Verbesserungen nur im Kopf und nicht in Händen hat. So sind wir z. B. gegenwärtig von mehr als einem Moses herrlich aus den tyrannischen Adlerklauen der Ägypter befreit worden; aber freilich die vierzig Jahre sind noch nicht vorüber, welche unsere Gesetzgeber und Moses uns, wie der jüdische seinen Wanderstaat, in der Wüste herumziehen zu lassen haben, bevor wir sämtlich abgegangen sind und unsere Kinder das gelobte Land der Verfassung wirklich erreichen. Große Fehler der deutschen Staaten – z. B. der Nachdruck, der Mangel an Volkvertretung, Knechtschaft der Zeitungen, die Unrecht-Pflege, über welche noch immer der große Jurist Pontius Pilatus zu lesen scheint – werden mit Recht nicht sogleich in der Stunde der Einsicht derselben aufgehoben, sondern die Strafe für alle deutsche Fehler besteht eben darin, daß man sie noch eine Zeitlang fortsetzen muß, so wie die Mainzerin, welche Schimpfworte gegen den König Rudolf ausgestoßen, da sie ihn für einen gemeinen Soldaten angesehen, nicht anders gezüchtigt wurde als dadurch, daß sie solche vor dem Throne zu wiederholen hatte. Überhaupt wird der klare politische Heilkünstler sich am wenigsten von dem guten Arzte unterscheiden, welcher stets das Wechselfieber eine Zeitlang dauern läßt, eh er mit Arzneien dagegen eingreift; oder von dem magnetischen, der, wie Dr. Kieser rät, den stärksten Krämpfen erst eine Viertelstunde lang zusieht, eh er sie wegstreicht. Und warum sollen die Obern sich zu allem Wichtigen nicht recht viele Zeit nehmen, da es an Zeit ja gerade am wenigsten mangelt? Und stehen nicht ganze Jahrhunderte zur Verfügung der Obern in der Zukunft? –

Schon in funfzig Jahren aber, meint Wolke, dürfte die neue Verfassung eingeführt sein; er meint nämlich die der Doppelwörter.

Inzwischen wünscht ich doch eine andere Sache noch früher, nämlich eine gänzliche Widerlegung aller meiner Behauptungen, falls sie irrig wären; und die Erfüllung dieses Wunsches ist eben mein oben gedachter zweiter Hauptzweck. Nur ists ein Unglück für die Sache und noch mehr für die ganze deutsche Sprache überhaupt, daß man leichter ein Dutzend griechische und römische Sprachkenner auftreibt als einen einzigen deutschen; und ein Adelung, Fulda, Anton, Klopstock, Voß, Wolke, Radlof, Grimm etc. sind sparsam in einzelne Jahrzehende, in einzelne Beete auseinander gesäet. Denn freilich ist der deutsche Sprachschatz nur in kleinerer Gesellschaft, und zwar mühsamer und langweiliger zu heben – aus den düstern Schachten einer unscheinbaren Schreibwelt – als der griechische oben auf den heitern Musenbergen, wohinauf noch dazu alle Völker und Jahrhunderte ihre Mitarbeiter schicken. Daher findet jeder fremd-klassische Philologe eher seinen Kunst- und Sprachrichter als der einheimische; und noch erwarten heute Wolkes Sprachschriften, besonders der Anleit mit seiner etymologischen Ausbeute, die ersten Probier- und Perlenwaagen ihres Gehalts.

Ich bitte nun die Sprachkenner, wenigstens mich so schnell als möglich zu widerlegen und, wenns sein kann, noch in diesem Herbste, da ich Jahr ein Jahr aus meine Bücher schreibe und so die Sprachketzerei – wenn nämlich eine dargetan würde – unaufhörlich auf allen Blättern wiedergebäre. Wenige machen sich von den Schweißtropfen einen Begriff, mit welchen der Verfasser dieses aus den vier neuen Bänden des Siebenkäs die falschen S ausackerte und gegen diese Ameisenhaufen einen Bradleyschen Ameisenpflug führte. Sollt er aber gar an Auflagen dickerer oder an Ausgaben sämtlicher Werke geraten: so weiß er seiner Mühe kein Ende und ist doch schlechten Danks gewärtig; und es ist wohl zu verzeihen, wenn er oft wünscht, er wäre ganz und gar nicht der Meinung von Wolke. Gleichwohl ist dieses Schreib-Elend noch nicht so groß als das mögliche größere, daß er nämlich mit allen seinen Gründen und Briefen zwar gründlich widerlegt würde, aber viel zu spät, so daß er nun in einer dritten, zurück bessernden Auflage, z. B. des Siebenkäs, alles Ausgestrichne sorgsam wieder einzutragen und zu rehabilitieren und unzählige Miracula restitutionis zu verrichten hätte. – Ihn grauset.

Soll er indes dazu bestimmt sein, widerlegt und überwogen zu werden, so bittet er seine verschiedenen Widersacher und Sprachfreunde noch außer der Eile und Höflichkeit, ja um eine größere, als sonst Sprachforschern, sogar einem Kolbe, natürlich inwohnt. Ist doch gegenwärtiger armer Verfasser in denen Punkten, wo man Wolke für einen grammatischen Sündenerlöser anerkennen will, nichts weiter als dessen elfter Apostel und genießt folglich nur die Ehre der Nachfolge, nicht der Stiftung; wie müßt ers daher doppelt fühlen, wenn er als ein zweiter Petrus, nachdem er einem und dem andern Malchus das Ohr, wenn nicht abgehauen, doch abgekürzt hätte, zuletzt noch sollte gekreuzigt werden mit dem Kopfe nach unten!

Einige Grobheit indes geht leicht durch, und mäßiges Anfahren, Anbellen, Anschnauben und Anschnauzen verträgt sich gern mit dem alten Herkommen, daß die, welche sich nicht in Sachen (wie Mathematiker, Ärzte, Physiker) vertiefen, sondern (wie Sprachforscher, Philologen, Grammatiker) sich über Wörter verbreiten, von letzten die sogenannten Schimpfwörter am meisten verwenden, so daß sogar die Stare und die Papageien, die nichts als Sprachen treiben, ihr Talent zum Schimpfen verbrauchen, wodurch wenigstens ihre Sprachlehrer sich aussprechen. Die Sprache nehmen viele Staatlehrer als die Völkerscheide an; und so lass ich sie auch als die Humanisten-Scheide gelten. Dafür findet man auf der andern Seite bei keinem Sachgelehrten ein solches heißes gegenseitiges lateinisches Loben – es hält dem lateinischen Schimpfen das Gleichgewicht – als bei den Sprachgelehrten, zumal zwischen schwachen Meistern und schwachen Schülern, welche sich vor der Welt herzlich und entzückt die Hände drücken, aus demselben Grunde, weswegen sich (nach Kotzebues kluger Bemerkung) so oft die Schauspieler bei den Händen gefaßt behalten, damit sie nämlich nicht damit zu agieren brauchen.

Inzwischen wie stark auch Humanisten auf ihren Bundtagen in vertraulichen Besprechungen in der Abwesenheit gegen den gegenwärtigen Verfasser etwa stimmen möchten, ja wenn sie ganz und gar vergäßen, daß unter allen Widerlegungen die mildeste die eindringlichste ist, weil eine solche nur die Sache, nicht den Sachwalter angreift, der also keinen Grund, sich dagegen zu verhärten, bekommt, so wie ein Bohrer eben nur durch Öl ins Metall eingeht; wenn sie daher den guten offnen Schlüssel, womit ich den Sprachschatz aufgeschlossen, bloß, wie Pariser die Schlüssel, zum Auspfeifen gebrauchten: so werd ich weiter nichts sagen als: »Meinetwegen bellt oder – seid ihr jünger – belfert! – Bin ich denn nicht seit Jahren in Baireuth ein aufgenommenes Mitglied der deutschen Gesellschaft in Berlin, und liefer ich hier nicht pflichtmäßig, obwohl ziemlich spät, die erste Streit- und Probeschrift und Disputation pro loco über die deutsche Sprache? Werden dann aber Mitglieder wie Wolke, Jahn, Zeune, Heinsius nicht ihr neues Mitglied gegen den ersten Anfall verteidigen, da seine Grundsätze ihre sind?« – Täten sie es nicht: so müßte das Mitglied die Gesellschaft verteidigen, da ihre seine sind.

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