Frei Lesen: Über die deutschen Doppelwörter

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Jean Paul

Über die deutschen Doppelwörter

Fünftes Postskript

eingestellt: 29.6.2007

Widerlegung des Herrn Bibliothekar Grimm

 
Baireuth den 24. August 1819

Den so sehr wichtigen, den fünften Tag nach dem Neumonde hole aber der Henker, Gnädige; freilich bleibt mir das erste Mondviertel übrig, das nach Quatremère-Disjonval eigentlich den ganzen Monat sicher bestimmt. –

Heute hab ich Herrn Bibliothekar Grimm zu widerlegen. Mit ihm sollte mir ein seltenes Glück begegnen. Ich war nämlich so glücklich, daß ich seine deutsche Grammatik erst in diesem Monate kennen lernte, also viel später als seinen Angriff meiner zwölf kanonischen Apostelbriefe, der schon im zweiten Bande des Hermes auf 1819 steht. Himmel! wäre aber die Sache umgewandt gewesen, und ich hätte den Verfasser der Grammatik nur eine Woche früher gelesen als den Verfasser des Angriffs: eine Leidenswoche hätt ich ausgestanden, und es wäre zu viel gewesen. Denn ob ich mich gleich so gut wie er sich ein Mitglied sowohl der Berliner als der Frankfurter Gesellschaft für deutsche Sprache nenne und so wie er Gedanken über verschiedene Punkte der gedachten Sprache äußere: so ist doch ein solcher Abstand zwischen uns beiden Männern, daß Grimm, wenn ich ein wahres Mitglied beider Gesellschaften bin, bloß ein scheinbares ist und eigentlich mein Präsident sein könnte. Kanonissin! Sach- und sprachkundige Rezensenten – beides ist hier dasselbe – werden die Sprach- und Sprachenfülle seiner Grammatik (diese grammatische Polyglotta für Deutsche und ihre Völkervettern, Holländer, Schweden, Dänen, Briten) und das längste tiefste Studium der deutschen Sprach-Antike und die scharfen Blicke der Entscheidung mit dem rechten Lobe zu erkennen wissen. – Und einen solchen grammatischen Riesendavid hart ich als ein Zwerggoliath herausgefodert in mein Boulogner-Wäldchen der Doppelwörter! Himmel! welche Einwürfe und Waffen aus seiner ungeheuern sprachgelehrten Gewehrkammer waren nicht zu befürchten!

– Es lief besser ab; es waren keine zu haben gewesen.

Die Verbindung des Bestimmwortes mit einem S – wendet Herr Grimm im Hermes zuerst ein – sei inniger; – und er führt deshalb den Unterschied zwischen Vogelsang und Vogelsberg, zwischen Königreich und Königsberg, zwischen Kaisergulden, die unter allen Kaisern gelten, und zwischen Kaiserslautern an, das nur von einem gelte. – Eigentlich hört durch das S ein Bestimmwort eben auf, eines zu sein und sich in das Grundwort zu verlieren, es steht für sich fest da und also dem Grundworte ebenbürtig gegenüber – was ja das Gegenteil einer innigern Verbindung ist –; daher meine andern Gegner, wie Docen, Rink, eben durch ein S dem sinnausgezeichneten Bestimmwort Selbständigkeit und Absonderung erhalten wollen. Und wie kommen überhaupt als Einwürfe Eigennamen hieher, die ja keine Doppelwörter sind? Wenn ein Name zuweilen mehr als ein Wort enthält: so sollen ja die Mehrworte – oft aus unkenntlichen beschnittenen Wurzeln zusammengeflochten, wie z. B. Baireuth aus Baiern und roden, oder ohne alle Genitiv-S, z. B. Münchberg, Thierbach, Himmelkron – nicht wie in einem Doppelworte als verschiedene Bestandteile getrauet und doch geschieden, sondern zu einem Zeichen unkenntlich eingeschmolzen werden. Das S in Königsberg ist, wie das nämliche in Karlsbad, Petersburg, nur das unentbehrliche Genitiv-S der Eigennamen, die keinen bestimmten Artikel vertragen. – Am wenigsten sollte mein Präsident Königsberg bloß durch das S von Königreich – oder ebenso Kaiserslautern von Kaisergroschen – für unterschieden erklären, weil jenes S anzeige, daß es nur ein Königsberg und ein Kaiserslautern gegenüber den S-losen König- und Kaiserreichen gebe. Aber gibt es denn nicht nach meinem neunten Briefe (Königreich ausgenommen) bloß König szepter, König sgeld, König skrone u.s.w.? Und schlägt nicht Kaiser (nach meinem sechsten Klassenbriefe von er im Plural) das Zeugefall-S in Zusammensetzungen aus, so daß folglich Königsmantel und Kaisermantel gar nicht durch den Sinn sich unterscheiden wollen?

Auf manches andere hab ich dem Präsidenten schon in frühern Postskripten (in dem 2ten und 3ten) geantwortet, ja schon in den noch frühern Briefen. Wenn er (S. 28) ferner sagt: »Herzensangst (noch besser würde er sagen Herzangst, wie Herzohr, Herzblut) kann man nicht in herzliche Angst oder durch ein Adjektiv auflösen«, so wundere ich mich und frage: hab ich denn nicht dasselbe im Jennerbriefe gesagt und abendlichen Stern von Abendstern so sehr geschieden?

Für den Genitiv in Sammwörtern bringt er noch in Rücksicht des »Gänsehalses« bei, daß gans sonst im Genitiv gansi gehabt, woraus gensi geworden. Aber jetzo ist ja dieses gensi im Zeugefall eine Gans geworden und Gänse selber zur Mehrzahl; warum soll nun eine seit dem 13ten Jahrhundert veraltete Beugung mit dem Scheine der jetzt geltenden eine Mehrzahl in der ersten Regelklasse, in der keine erscheinen darf, vorspiegeln dürfen? Und wie will die einzige Gans samt ihrer Compagnie-Schnecke mein ganzes Kapitolium der Hauptklasse stürmen und mein langes Heer von andern Wörtern überflügeln? – Aber hätten auch beide im Altertum ein ebenso großes ausgeheckt: so könnte dieses von der Zeit abgedankte Greisenheer doch meinem von der Zeit geworbenen Jugendheere nichts anhaben. Unser Neuhochdeutsch hat nach Grimms Grammatik hinter sich das Mittelhochdeutsch und das herrliche Althochdeutsch, welchem aber das Mittelhochdeutsch schon im 13ten Jahrhunderte die vollen Baßsaiten abschnitt und die dünnen E-Quinten aufschraubte, so daß aus den fünf köstlichen Deklinationen Herrono, Taga, Eidu, Suni, Fisgo, Guati die dünnstimmigen Herren, Tage, Eide, Fische, Güte geworden. Könnten wir nur – außer den beiden übriggebliebenen, einander antiphonierenden Cretikern Nachtigall und Bräutigam – uns noch mehre und ähnlichere aus jenen Zeiten herüberholen als einige ärmliche vergeßne Sprachreste wie Gänse und Schnecken! So aber setzt uns der Präsident eine Perücke, aus grauen Haaren gefertigt, auf. Allein was gehen an sich das 19te Jahrhundert Sprachjahrhunderte an, die schon von ihm und von einander selber überwältigt und überschlichtet worden, ein Jahrhundert, das schon auf der dritten Sprachschicht, wie Modena auf drei Erdoberflächen wohnt!

Gleichwohl glaubte mein Präsident, mich noch mit einigen andern aufgegrabenen Altertümern zu schlagen und zu erschlagen, als ich in meiner achten Klassenregel stand und unter den Beispielen ihrer Genitivlosigkeit »Vatermord« anführte. Denn das S fehle, schrieb er, nur darum, weil Vater – und wie ich jetzo aus seiner eignen Grammatik dazusetzen kann, auch Bruder, Mutter, Schwester, Vetter, Schwager – sonst gar nicht dekliniert wurde und also kein Zeugefall-S annehmen konnte. Inzwischen – versetz ich – wird doch heutiges Tages die ganze Sippschaft gebogen und hängt sich sogar ungebeten und ohne Erlaubnis in Sammwörtern wie Vatersbruder, Bruderssohn einen Zeugefall an. Von den andern, dabei nicht betroffnen Einwohnern meiner Regelklasse brauch ich gar nicht zu reden, sondern nur überhaupt zu fragen: beherrscht denn nicht jetzt das Genitiv-S Gebrauch und Ohr? – Könnten wir lieber auf dem Kirchhofe der Sprache mit Wolke die uns nähern alten Vollaute, wie Romer, Burger, Laufer, glaubig, einfaltig etc., aufwecken, um durch sie ihre dünnleibigen Enkel, wie Römer, Bürger etc., abzusetzen!

Ferner will Herr Grimm »Blutstropfe« und »Blutsverwandte« gegen meine dritte Klassenregel einwerfen; indes jener ist ohnehin neben Blutsturz, -sauger, -fluß etc. regelwidrig; aber auch Blutsverwandte sind durch keine Ausrede auszunehmen, welche nicht ebenfalls gegen Blutschänder und Bluträcher gälte.

»Die Sprache kann auch mit dem Dativ und Akkusativ zusammensetzen«, wendet Herr Grimm wider Erwarten gegen ein Mitglied zweier Sprachgesellschaften ein, das nicht einmal den überall erdichtbaren Zeugefall in Wörtertrauungen zuläßt, geschweige den Gebefall. Er zeige – aber nicht im Alt- und Mitteldeutschen, sondern im Neudeutschen – vor der Hand vom Dativ nicht mehr Beispiele als wenigstens – eines. Denn die Wörter, deren Dative in der Einzahl ein  e bald haben, bald lassen, oder die andern, bei welchen in der Mehrzahl alle Beugefälle gleich sind, z. B. Menschen, und endlich alle weibliche haben zu keinem Beweise die Kraft in sich. Nur solche Wörter haben sie, welche bloß ihren Dativ durch ein  n aussprechen – und gerade alle diese verlieren ihr  n in der Zusammensetzung, z. B. eine göttergleiche (nicht götter ngleiche) Gestalt, ein weibertreuer Mann, leuteverhaßt, ständewidrig, bücherarm, Bücherhandel; und so versuche man es durch alle Grundwörter, die sonst einen Dativ regieren, z. B. widrig, reich, ähnlich, bekannt, angemessen.

Was den Akkusativ anlangt, so will ich meinem Präsidenten den Gefallen tun, ihn nicht eher zu widerlegen, als wenn ich gegen den Herrn Hofrat Thiersch, welcher dasselbe behauptet, etwas in Postskripten vorbringe, falls das schlechte Wetter so lange dauert.

Übrigens erklärt sich der Präsident gegen die Sprach-Gleichmacher (oder Puristen, wie er sie nennt), welche, gleich den politischen, um mich so auszudrücken, durch ihr Wasserwägen alle Höhen aufheben und nur die der Wogen lassen. Freiheit war mir von jeher auch in der Sprache das Frühere vor der Gleichheit. Daher steht Grimm nicht bloß durch Wißfülle, sondern auch durch Großsinn, wie überall, so hoch über Adelung, noch besonders auch darin, daß er die vierzehn von ihm so genannten starken Konjugationen der unregelmäßigen Zeitwörter, welche wir so unrichtig für die Ausnahmen ansehen, als die regelmäßigen erklärt, und unsere einzige regelmäßige, zu welcher jene immer mehr kindisch veralten und einsinken, als die schwache darstellt. Könnte man nur das Verdienst der sogenannten unregelmäßigen Zeitwortbeugungen, welche mit Fülle, Klang und Kürze beschenken, den bisherigen unregelmäßigen Sammwörtern, die eben um dies alles bringen, zuschreiben: ich gäbe gern dem Präsidenten Beifall.

Was ich ihm aber noch lieber gäbe, wenn ich die Akademie in München wäre und hätte vor mehren Jahren den Preis von 200 Karolin auf die beste deutsche Grammatik gesetzt, dies wäre der Preis selber samt den so alten Zinsen. Wahrlich er hat uns ein heiliges Reliquiarium der Zungen-Vorzeit gebracht und gefüllt; nur freilich muß uns arme Märterer der Gegenwart das Verstummen so vieler Kraft- und Wohllaute schmerzen. Aber können wir überhaupt die längst vergangne Geschichte ohne ähnliche Schmerzen lesen? – Behörden daher, welche jedem Leser die altdeutsche Geschichte ohne alle Auswahl zu lesen verstatten, handeln vielleicht nicht vorsichtig genug, in Betracht der vielen demagogischen Umtriebe sowohl in Schröckh als Schmidt. Sogar zur neuern Geschichte der Feldzüge gegen die Franzosen dürften nicht alle Geister reif sein – die am wenigsten, welche sie selber mitgemacht –, und es möchte besonders diesen, da man ihnen das Erinnern derselben nicht zu verbieten weiß, doch deren Lesen und Verbreiten zu untersagen sein. Denn warum wollen wir nicht – dies frag ich so oft – mit der Geschichte ausreichen und zufrieden sein, die jeder von uns selber erleben hilft, und von deren Wahrheit uns ja unsere eignen Empfindungen am besten überzeugen, wenigstens die unangenehmen? Aber mit welchen andern verbleib ich

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