Frei Lesen: Über die deutschen Doppelwörter

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Jean Paul

Über die deutschen Doppelwörter

Siebentes Postskript

eingestellt: 29.6.2007

Versprochene Widerlegung vermittelst der englischen Sprache

 
Baireuth den 28. August 1819

O meine Gnädigste! Wie sehn ich mich aus meiner Schreibstube hinaus in Ihre Einsiedlerklause im Park, von dem trüben Himmel weg in die Schatten Ihrer Baumgänge und unter ein Blau, das mir keine Wolken verdecken, sondern nur Deckenstücke! Inzwischen ists heute am ersten Mondviertel, das nach Quatremère-Disjonval auf einen Monat entscheiden soll, nicht sonderlich hell, und die untere Mondspitze, welche so licht-scharf übergebogen sein soll, daß nach der Bauern Ausdruck eine Peitsche daran zu hängen ist, ließe jede angehangne sofort wieder auf die Erde gleiten; aber ich bedenke dabei den günstigen Umstand, daß das Viertel erst um vier Uhr und acht Minuten nachmittags eintritt, und daß dieses eigentlich erst morgen seine Wirkung zeigen kann.

Schon in meiner »bescheidenen Notwehr gegen grammatische Anfechtungen« im Morgenblatt No. 214 hatt ich vor einigen Jahren angemerkt, daß die englische Sprache ihre Doppelwörter ohne alles Band verknüpfe, bloß durch Nebeneinanderstellung; ich führe jetzo statt der 1000 Beispiele nur diese an: ship-master, Schiffherr, ship-boy, Schiffjunge; ox-eye, Ochsenauge, ox-stall, nicht oxen-stall, Ochsenstall; ferner die Wörter auf  e (die bei uns wenigstens ein  n einflicken): horse-courser, Roßkamm, wine-cellar, Weinkeller, love-letter, Liebebrief; endlich die auf ion, z. B. revolution-society u.s.w., so wie ohnehin bei Adjektiv-Grundwörtern, z. B. hope-full, hoffnungvoll, defence-leß, verteidigunglos. So laufen diese Wortehen ohne eheliche Bande – denn die bloße Linie in der Mitte kann höchstens die Heiratlinie vorstellen, die sonst die Wahrsager in der Hand wahrnahmen – durch die ganze Sprache hindurch; und zwar dies um so beständiger und natürlicher, da sie sich mit so vielen Ein- und Wurzelsylben nicht sowohl ausspricht als ausstammelt, welche auch bei uns, wie die ersten Klassen meiner Doppelwörter zeigen, sich kein S ankleben lassen. Indes werden der englischen solche vier-, fünfstöckige Sammwörter schwer, wie sie die deutsche leicht türmt, als z. B. Schwefeldampfbadanstalt. Und dennoch langt mit allen diesen bloßen Nebeneinanderreihungen die englische Sprache zu allen Schattierungen aus, womit etwan ein Shakespeare oder ein Milton oder eine ostindische Compagnie so vieler Länder das Seltenste zu malen haben.

»Nun aber kommen freilich auch die Ausnahmen von Sammwörtern mit S, und Herr Hofrat Thiersch und andere Gegner haben sehr gute Beispiele angeführt« – wird mancher sagen; ich aber sage: daß ich nicht wüßte. Denn die Beispiele von Kingsbench, Queens-jewels, Fathers books, states-man, dooms book bezeichnen keine Doppelwörter, sondern nur den englischen Besitz-Genitiv, wenn das regierte Wort vor dem regierenden zu stehen kommt, wie gewöhnlich bei den Eigennamen. Da die Engländer nicht wie wir durch einen vorausgesetzten Artikel den Genitiv bezeichnen können, z. B. der Kinder Pflicht, the childrens duty: so erscheint das S so wie bei unseren Eigennamen und eben darum mit dem (von Thiersch verworfnen) Häkchen, Richters coffeehouse, Richters Kaffeehaus. Daher man jenes S auch bei unsern weiblichen Eigennamen antrifft, wie z. B. Marias, Mariens Freund. Hier verschwistert und verschwägert sich ja kein Bestimmwort mit dem Grundwort, zumal da dieses oft ausgelassen wird, z. B. St. Jamess (nämlich Palace), oder he went to Richters (nämlich Hause), so wie man in Sachsen sagt: er ging zu Richters, zu Pfarrers; oder a friend of your fathers (nämlich friends), ein Freund von eures Vaters Freunden. So ist ja auch bei uns weder des Vaters Mord, noch Vaters Mord, sondern bloß Vatermord ein Doppelwort. Nur bei weiblichen Wörtern, z. B. Mothers books, können wir ihnen mit dem Genitiv-S nicht nachkommen und nicht sagen »mit Mutter s Wissen«, sondern bloß mit der Mutter Wissen oder mit Mutter-Wissen. Am seltsamsten und kühnsten hangt dieser englische Besitz-Genitiv oft erst an dem zweiten Hauptworte: z. B. at the king of Prussias court, an des Königs von Preußen Hof, indes man glauben sollte, es müßte heißen: at the kings of Prussia court. –

Gnädige! Sie erwarten jetzo etwas, wovon gerade ein – Widerspiel erscheint. Allerdings verehelicht der Engländer seine tausend Wörterpaare, so wie der Quäker seine Menschenpaare, ohne irgendeine kanonische Einrichtung, welche dort das S wäre; aber in zwei Fällen läßt er ein S heran. Erstlich bei einigen lebendigen und bedeutenden Wesen tut ers, um weniger die Zusammensetzung als den Besitzgenitiv anzudeuten, also bei king, man, woman, knight, und nur bei wenigen Tieren, hog, Schwein, lamb, Lamm. Zweitens schiebt sich dieses S fast nur in die Tiere und Pflanzen zugleich aussprechenden Sammwörter ein. Sie sagen dog-fly, Hundsfliege, dog-star, Hundsstern; aber bei Kräutern dogs-mercury, Hundsringelkraut, so dogs-bane, Hundskohl, dogs-tooth, Hundsgras etc., lauter Pflanzen. Goat, die Ziege, hat kein S als Bestimmwort und geht rein, bis Kräuter kommen: goats-rue, Geißraute, so goats-stones, Knabenkraut, goats-thorn, Bocksdorn; so geht hare, der Hase, richtig, bis hares-ear, Hasenöhrlein, hares-strong, Saufenchel, etc. erscheinen. So geht hart, Hirsch, richtig bis auf harts-ease, Veilchen; so monk, Mönch, richtig bis auf monks-hood, Eisenhütlein; so Jew, Jude, richtig bis auf Jews-mallow, Judenpappel. So die Menge Pflanzennamen mit Ladys anfangend, z. B. Ladys-finger, Wundkraut, Ladys-glove, Lungenkraut, Ladys-milk, -laces, -hair. – Woher jedoch diese bloß auf Pflanzen eingeschränkte Einmischung des Mistel-S abzuleiten ist, das soll mir der erste Engländer erklären, dem Sie das Postskript geben.

Aber das Beispiel dieser britischen Kompaßabweichungen von der allgemeinen Nordregel kann Folgen haben, und zwar im nächsten Postskript auf mich, wo ich durch mein eignes Beispiel zeigen werde, daß ein Mann auf dem Festlande im Notfalle so gut von Sprachgesetzen der Doppelwörter abzuweichen weiß als irgendeiner auf dem stolzen Eiland; und meine Widersacher selber werden zufrieden sein, wenn ich mir widerspreche und ihnen nicht.


 

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