Frei Lesen: Über die deutschen Doppelwörter

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Jean Paul

Über die deutschen Doppelwörter

Dritter Brief

eingestellt: 29.6.2007

Die einsylbigen Bestimmwörter ohne Plural

 
Baireuth den 21. März 1817

Zuerst, Herrliche, den herzlichsten Dank für alles und für so manches andere! Sie kennen meine Wünsche, errat ich wohl, und so geh ich denn freudig ohne Weiteres weiter.

In diesem Briefe treten nun die einsylbigen Bestimmwörter auf, die gar keinen Plural besitzen. Darüber werden Sie erstaunen, da ich ja die Regel im ersten Briefe eisern festgestellt, daß der Mehrzahl-Nominativ überall die Anfügungen entscheide. Aber ich bitte Sie, mich hier bloß mit Linnée zu vergleichen und in eine Linie zu stellen, welcher ein ähnliches Fachordnen der Pflanzen bloß nach Staubfäden (wie ich der Bestimmwörter nach Pluralnominativen), und gewiß mit nicht weniger Glück und Geschick, für die gelehrte Welt geliefert hat; aber derselbe große Mann und Fachordner mußte doch zuletzt mit einer Klasse von Pflanzen beschließen, worin gar keine Staubfäden erscheinen und die er seine vierundzwanzigste oder die der kryptogamischen Gewächse nennt, z. B. der Moose, Pilze u.s.w. Dergleichen nun ist meine dritte Klasse in diesem Briefe und enthält die einsylbigen Sammel- oder Kollektivwörter und Abstrakta, welche – ausgenommen crypto-pluraliter – keine Mehrzahl haben, und die als Bestimmwörter sich alle unverändert ohne  s dem Hauptwort anfügen; folglich z. B. Tautropfen, Schneefeld, Milchtopf, Wildbahn, Viehstand, Obstkammer, Lohndiener, Bluthund und -bad, Schmutzfleck, Staubwolke, Stahlfabrik, Hanf- und Flachs- und Wachs-bau; und so ohne weitere Mitgabe der Grundwörter die folgenden: Eis, Fleisch, Kohl, Laub, Gold, Blei, Rauch, Zorn, Spott, Hohn, Stroh, Reis, Sand, Glück, Zwang, Schein. Ebenso einsylbige Eigennamen wie Rheinfahrt, Sundzoll. Daher ist Blutsfreund und Blutstropfen – zumal bei dem richtigen Blutigel, -sturz, -rat, -verlust, -fluß – so falsch, wie Glückstopf ist und Goldstopf sein würde. Volk kann so wenig als Vieh eine Mehrzahl haben, und daher klingt Volk sbuch und Volk slied wie Vieh shirte, so Volk sversammlung wie Vieh sherde; denn Völker ist nicht der Plural des abstrakten Worts Volk, sondern des bestimmten; deshalb kann man sagen: das Volk ist unter allen Völkern sich gleich.

Verzeihen Sie die Kürze, Verehrte, da ich, wie Sie sehen, heute, wie jener Humanist an seinem Hochzeittage, ebenso an meinem 54sten Wiegenfeste Ihnen mitten unter mehr als vierundfünfzig Glückwünschen schreibe.

Ich bin aber ewig etc.


 

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