Frei Lesen: Über die deutschen Doppelwörter

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Jean Paul

Über die deutschen Doppelwörter

Vierter Brief

eingestellt: 29.6.2007

Die einsylbigen Bestimmwörter auf er im Plural mit und ohne Umlaut

 
Baireuth den 1. April 1817

Gewiß erinnern Sie sich noch, reizende Freundin, meines Jenner-Briefes, wo ich von den Wörtern auf e im Plural und mit dem Umlaut geschrieben, daß sie, wie sie sind, sich an das Grundwort setzen, z. B. Traumbuch. Ich füge heute hinzu: die auf er mit dem Umlaut tun dasselbe. Also Faß, Fässer hat Faßbinder, so Dachdecker, Bandweber – Holzsammlung, Dorffuhren – Buchhändler, Wurmfraß. –

Nur noch einige zum Kopulieren: Fach, Blatt, Rad, Schloß, Dorf, Grab, Volk, Horn, Gras, Rand, Land, Band, Kraut, Haupt, Bad, Wald, Tal, Korn, Maul, Haus, Buch. Die Sprache wird nun ihr eigner Zweikämpfer, wenn sie nach obiger Regel zwar Kalb- und Lammfleisch festsetzt, aber doch Kalbs- und Lammskopf, oder ebenso fehlerhaft Mannsperson und Mannskleid annimmt. Wenigstens weniger gegen die Regel sündigt die Mehrzahl, z. B. in Hühnerkoch, Güterwagen, Wörterbuch, Männer-, Weibertracht; so ist Amtsknecht, Amtsstube etc. so regelwidrig, als Amtsmann, Amtsleute es sein würde. Orte, Worte, Lande, Bande gehören zu den Wörtern des Februarbriefes. –

Die Bestimmwörter mit er im Plural ohne Umlaut werden gewöhnlicher einfach angefügt, z. B. Lichtzieher, Brettnägel, Feldmesser, Geldhandel, Leibarzt, Kindbette, Bildschnitzer, Bildhauer, Schwertfeger, Rindfleisch, Eiweiß, und seltener mit der Mehrzahl bezeichnet angehangen; z. B. in Glied, Kleid, Bild, Weib, Kind die Fügungen Glieder-, Kleider-, Bilder-, Weiber-, Kinder-Narr. Diese Mehrzahl mag sich zugleich durch Erhaltung der Weichheit des  d und durch Sinn entschuldigen; aber der Kindermörderin fehlt sogar der Sinn. Am Ende – als ob es noch nicht Veränderlichkeiten in dieser Aprilklasse genug gäbe – ziehen gar noch einige wie Rind, Kind, Geist mit dem elenden Schmarotzer- es und Aussatz- s daher in Rinds-, Kinds-Kopf und Geistes-, Leibes-Gaben. Kurz diese Wortklasse schickt mit ihrer Aprilhaftigkeit uns ordentlich in den ersten des Monats hinein, an welchem ich Festigkeit der Regeln festsetzen wollte; aber keine Unbeständigkeit des Tags und des Monats soll mich je hindern an der Beständigkeit, womit ich bin und war

Ihr etc.
Richter.


Nachschrift



In meinem nächsten oder Mai-Briefe wünscht ich freilich fortzuschreiben; aber ohne Ihren Wunsch gibt es keinen Mai für mich. Hier in einer Nachschrift wird es weniger nach Loben klingen, wenn ich sage: der April ist gerade der beständigere deutsche Monat und gleicht den Weibern; aber der Mai ist der unfreundlichere und gleicht bei allem seinen Blütenschnee den Männern ziemlich, denn die Leute sagen in den Gärten: »Eine schöne Blüte! Wäre nur das Wetter besser.«

So weit meine ersten vier Briefe an die vornehme Dame. Sollten nun diese und ihr Einkleiden sehr unscheinbarer Gegenstände bei den Lesern einigen Beifall finden: so würde mich dieser ermuntern, im nächsten Morgenblatte fortzufahren und die übrigen acht Briefe über die mehrsylbigen Bestimmwörter mitzuteilen, bis wir endlich zum Wichtigsten kommen, zu meiner geharnischten Nachschrift und Verteidigung meines Weglassens der Genitiv- oder Zeugefall- s an Bestimmwörtern. Es hat allerdings Schwierigkeiten, solchen Materien die Trockenheit zu benehmen, die sie einem gebildeten Geschmacke ungenießbar macht, so wie auch dem leiblichen Gaumen alle Körper erst durch schmelzende Flüssigkeiten schmeckbar und schmackhaft werden. Einkleiden ist überhaupt nicht die Stärke der Deutschen, und sie glauben schon eine Draperie mit einem malerischen Faltenwurfe geliefert zu haben, wenn sie dem weißledernen Orgelblasbalg gleicht, der nur eine Universalfalte wirft. Umso mehr würd es mich freuen, wenn vorstehende Briefe den wenigen deutschen Mustern dieser Gattung näher kämen. Wenigstens hab ich jeden wissenschaftlichen Brief und Tag immer vornen mit der Morgenröte der Anrede an die Freundin versehen und mit der Abendröte: ich bin oder verharre; auch in der Mitte der langweiligsten trockensten Materien hab ich den Gedanken an die Freundin gleichsam wie eine Vaucluse-Quelle mehrmal springen lassen; sogar eine Nachschrift hab ich dem letzten Briefe gleichsam hinter der Gorge de Paris der Anrede und dem Cul de Paris des Schlusses noch als eine Schleppe angeheftet. Es kommen in der Folge vielleicht Briefe vor, wo ich mitten unter den Bestimmwörtern mit etwas Galantem einspiele, was wohl französische Sprachmeister bei ihrer Schülerin auch tun, aber nicht so gelenk.


 

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