Frei Lesen: Abenteuer des Kapitän Hatteras

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Jules Verne

Abenteuer des Kapitän Hatteras

Dreißigstes Capitel.

eingestellt: 17.8.2007



Fast dreiviertel Stunde hatte jenes dem Polarklima eigene Phänomen gedauert; die Bären und die Füchse hatten Zeit gehabt, sich damit etwas zu Gute zu thun; gewiß kamen diese Vorräthe den im rauhen Winter ausgehungerten Bestien sehr gelegen. Zerrissen waren die Schlittendecken, offen und eingeschlagen die Pemmicanbehälter, die Säcke mit Zwieback geplündert, die Theevorräthe auf dem Schnee umhergestreut, an einem Fäßchen mit Weingeist die Dauben herausgerissen und der Inhalt natürlich ausgeflossen; die Lagergeräthschaften lagen umher – Alles trug die Spuren der Raubgier dieser wilden Thiere, ihres wüthenden Hungers und ihrer unersättlichen Gefräßigkeit.

»Das ist ein schönes Unheil! sagte Bell, als er die Scene der Verwüstung betrachtete.

– Und wahrscheinlich ein nicht wieder gut zu machendes, meinte Simpson.

– Erst wollen wir den Schaden aufnehmen, sagte der Doctor, von dem Andern sprechen wir später.«

Schweigend sammelte Hatteras schon die umherliegenden Kisten und Säcke; man suchte den Pemmican und den noch eßbaren Zwieback zusammen; der Verlust eines Theiles des Spiritusvorraths war besonders empfindlich; mangelte dieser, so gabs ja auch kein warmes Getränk, keinen Thee, keinen Kaffee mehr. Als sie nun ihren Gesammtverlust überschauten, schätzte der Doctor, daß gegen zweihundert Pfund Pemmican und einhundertundfünfzig Pfund Zwieback verloren gegangen waren; sollte die Reise fortgesetzt werden, so mußten sich die Reisenden mit halben Rationen begnügen.

Eine Weile lang überlegte man, was zu thun sei. Sollte man zum Schiffe zurückkehren und die ganze Expedition wiederholen? Aber sollte man die schon zurückgelegten einhundertundfünfzig Meilen umsonst gemacht haben? Und dann, wenn sie ohne Brennmaterial zurückkehrten, welch verderblichen Einfluß würde das auf den Geist der ganzen Mannschaft äußern? Würde man nochmals Leute gewinnen, welche sich zu diesem Zuge über die Eisfelder entschlössen?

Es lag auf der Hand, daß nur in der Fortsetzung des Weges, selbst auf die Gefahr der herbsten Entbehrungen hin, ihr Heil zu suchen sei.

Der Doctor, Hatteras und Bell waren bald dafür entschieden; nur Simpson war für die Umkehr; die Strapazen der Reise hatten seine Gesundheit angegriffen; er war sichtlich schwächer geworden; doch da er mit seiner Ansicht allein blieb, unterzog er sich wieder der Leitung des Schlittens und die kleine Caravane setzte ihren Weg nach Süden weiter fort.

Vom 15. bis 17. Januar ging die Reise in gewohnter Eintönigkeit weiter, doch kam man nur langsamer vorwärts. Die Reisenden ermatteten; sie waren wie zerschlagen in den Füßen; auch die Hunde zogen nur noch mit Mühe. Die jetzt ungenügende Nahrung vermochte weder Menschen noch Thiere wieder zu stärken. Dabei wechselte das Wetter wie gewöhnlich zwischen strenger Kälte und feuchten, durchdringenden Nebeln.

Am 18. Januar zeigten die Eisfelder plötzlich ein wesentlich anderes Aussehen; eine große Menge Pics, geformt wie scharf zugespitzte Pyramiden, von bedeutender Höhe zeichneten sich am Horizonte ab. An manchen Stellen durchbrach der Boden die Schneelage; er schien aus Gneis, Schiefer und Quarz, untermischt mit Kalkgebirge zu bestehen. Endlich hatten also die Wanderer festes Land unter sich, und aller Wahrscheinlichkeit nach konnte dasselbe nur zu Neu-Cornwallis gehören.

Der Doctor konnte sich nicht enthalten, einmal mit gewisser Befriedigung auf die solide Unterlage fest aufzutreten; nur einhundert Meilen trennten die Reisenden noch vom Cap Belcher; aber auf diesem unebenen Boden, der so reich an spitzen Steinen, gefährlichen Vorsprüngen, Spalten und Schluchten war, nahmen ihre Kräfte reißend ab. Bald mußte man in tiefe Bodenhöhlungen hinein, bald wieder die steile Küste emporklimmen oder schmale Schluchten übersteigen, in denen der Schnee wohl dreißig bis vierzig Fuß hoch lag.

Die Reisenden dachten bald mit Sehnsucht an den zurückgelegten, gleichmäßigeren Weg zurück, an die Eisfelder, über die der Schlitten so köstlich hinglitt; jetzt bedürfte es anderer Kraftanstrengung, ihn fortzubewegen. Die kreuzlahmen Hunde reichten nicht mehr aus, die Menschen mußten sich noch mit vorspannen und ermüdeten sich so desto mehr. Dann und wann war man genöthigt, Alles vom Schlitten abzuladen, wenn es gar zu steile Anhöhen zu ersteigen galt, deren Oberfläche keine festen Anhaltepunkte bot. So verlangte die Entfernung von zehn Schritt oft die Arbeit ganzer Stunden. Den ersten Tag legte man auf diese Weise über diesen Cornwalliser Boden ganze fünf Meilen zurück, in einem Lande, das seinen Namen mit Recht trägt, denn es zeigt ganz ebenso die rauhen Berge, die scharfen Spitzen und Kanten und die wild zerklüfteten Felsen wie die Südwestspitze von Alt-England. Am andern Morgen erreichte der Schlitten die Höhe der Küste; ganz von Kräften, waren die Reisenden außer Stande, sich ein Schneehaus zu bauen, und mußten die Nacht, in ihre Büffeldecken gewickelt, unter dem Zelte zubringen, wobei sie die naß gewordenen Strümpfe auf der Brust zu trocknen suchten. Die Folgen eines solchen Verhaltens liegen auf der Hand; das Thermometer fiel dazu diese Nacht auf vierundvierzig Grad (-42° hunderttheilig) und das Quecksilber gefror.

Der Zustand Simpsons ward allmälig beunruhigend; ein hartnäckiger Lungenkatarrh, heftiges Reißen mit unerträglichen Schmerzen nöthigten ihn, sich auf dem Schlitten niederzulegen, statt diesen zu leiten. Bell trat an seine Stelle; auch dieser war leidend; aber doch nicht bettlägerig. Auch der Doctor entging dem Einflüsse dieses mörderischen Klimas nicht gänzlich, doch keine Klage ging über seine Lippen, und standhaft marschirte er, auf den Stock gestützt, voraus; er sondirte den Weg, er half überall. Hatteras, kaltblütig, unerschütterlich, fast gefühllos, wie er war, blieb bei seiner Eisennatur gesund, wie am ersten Tage, und folgte schweigend dem Schlitten.

Am 20. Januar war die Kälte so schneidend, daß schon die geringste Anstrengung eine vollkommene Erschlaffung zur Folge hatte. Inzwischen wurden die Schwierigkeiten des Bodens der Art, daß Hatteras, Bell und der Doctor den Schlitten mit ziehen helfen mußten; scharfe Stöße hatten dessen Vordertheil zerbrochen, so daß man ihn repariren mußte, und solcherlei Hemmnisse wiederholten sich mehrmals täglich.

Mit halbem Leibe im Schnee und trotz der Kälte schwitzend, verfolgte die Gesellschaft einen tiefen Hohlweg. Niemand sprach ein Wort. Auf einmal sah Bell den neben ihm gehenden Doctor erstaunt und erschrocken an, und gleich, ohne eine Sylbe zu sprechen, rafft er eine Hand voll Schnee auf und verreibt ihn mit aller Kraft auf dem Gesichte des Gefährten.

»Zum Teufel! Bell! rief der Doctor abwehrend, Bell aber frottirte ihn nach besten Kräften weiter.

– Aber, Bell, begann der Doctor wieder, Mund, Augen und Nase voller Schnee, – sind Sie toll geworden? Was soll das heißen?

– Das heißt, erwiderte Bell, daß, wenn Sie noch eine Nase besitzen, Sie dieselbe mir verdanken.

– Eine Nase! erwiderte bestürzt der Doctor, indem er mit der Hand darnach fühlte.

– Ja wohl, Herr Clawbonny; Sie waren im Begriff, das Gesicht zu erfrieren, und Ihre Nase sah vorhin vollkommen weiß aus. Ohne meine energische Behandlung dürften Sie jetzt wohl dieses Schmuckes, der, wenn auch für die Reise lästig, doch im Allgemeinen nöthig erscheint, beraubt sein.«

Wirklich hätte der Doctor nur wenig später die Nase total erfroren gehabt; jetzt war in Folge der kräftigen Abreibungen Bells der Blutkreislauf in ihr wieder hergestellt und jede Gefahr vorüber.

»Ich danke, Bell, sagte der Doctor, und hoffe, mich revanchiren zu können.

– Dessen bin ich sicher, Herr Clawbonny, und gebe der Himmel, daß wir nie ein größeres Unglück zu beklagen haben!

– Sie spielen auf Simpson an, antwortete der Doctor; der arme Bursche muß viel ausstehen!

– Fürchten Sie für ihn? fragte lebhaft Hatteras.

– Ja, Kapitän, sagte der Doctor.

– Und was fürchten Sie? – Einen heftigen Ausbruch von Scorbut; seine Beine sind schon angeschwollen und das Zahnfleisch wird dick; der Bedauernswerthe liegt halb erfroren auf dem Schlitten, und jeden Augenblick erneuern die Stöße seine Schmerzen. Ich bedaure ihn herzlich, Hatteras, aber ich vermag Nichts zu seiner Erleichterung zu thun!

– Armer Simpson! murmelte Bell.

– Vielleicht könnten wir ein bis zwei Tage Halt machen, meinte der Doctor.

– Halt machen! versetzte Hatteras, wo das Leben von achtzehn Menschen von unserer rechtzeitigen Rückkehr abhängt!

– Indessen ... fiel der Doctor ein.

– Clawbonny, Bell, erwiderte Hatteras, hören Sie mich an. Nicht mehr für zwanzig Tage haben wir Lebensmittel. Können wir unter diesen Umständen einen Augenblick verlieren?«

Weder der Doctor, noch Bell vermochten ein Wort zu erwidern, und so setzte der Schlitten nach nur kurzer Unterbrechung seinen Weg fort.

Am Abend hielt man am Fuße eines kleinen Eishügels Rast, aus welchem Bell schnell eine Höhlung herausarbeitete, in welcher die Reisenden sich bargen. Der Doctor wachte die Nacht über bei Simpson. Der Scorbut ergriff den Unglücklichen mit voller Heftigkeit, und seine Leiden preßten ihm fortwährende Klagelaute durch die geschwollenen Lippen.

»Ach, Herr Clawbonny!

– Muth, Muth, mein Junge! sagte der Doctor.

– Ich komme nicht wieder mit zurück; ich fühle es, denn ich ertrage das nicht länger. Ich möchte lieber sterben!«

Seinen verzweifelten Klagen begegnete der Doctor mit verdoppelter Sorge; obgleich selbst angegriffen von den Mühsalen des Tages, bereitete er dem Kranken doch in der Nacht mehrere beruhigende Getränke; aber auch der Citronensaft war ohne alle Wirkung und trotz aller Einreibung breiteten sich die scorbutischen Erscheinungen mehr und mehr aus.

Den folgenden Morgen mußte der Arme wieder auf den Schlitten gebracht werden, trotz seiner Bitten, ihn allein zurück, und in Frieden sterben zu lassen. – Dann nahm man den abscheulichen Weg mitten durch immer wachsende Hemmnisse wieder auf.

Die eisigen Nebel durchkälteten die drei Männer bis auf die Knochen; Schnee und Graupeln schlugen ihnen ins Gesicht; sie dienten mit als Saumthiere und hatten nicht einmal ausreichende Nahrung.

Duk, der seinem Herrn ähnlich, kam und ging, aller Ermüdung spottend, immer munter, und suchte schon von selbst den besten Weg auszuspüren, so daß man sich auf seinen wunderbaren Instinct völlig verließ.

Am Morgen des 23. Januar, bei fast völliger Finsterniß, denn es war Neumond, war Duk wie gewöhnlich voraus. Aber Stunden vergingen, bevor er wieder sichtbar wurde. Hatteras wurde darüber desto unruhiger, da der Boden zahlreiche Spuren von Bären zeigte; schon war er unschlüssig, welchen Weg er nehmen sollte, als sich ein lautes Bellen vernehmen ließ. Hatteras beschleunigte den Gang des Schlittens und bald fand man auch das treue Thier in der Tiefe eines Hohlwegs.

Duk stand wie versteinert und bellte vor einer Art Cairn, der aus einigen jetzt mit Eis überzogenen kalkigen Steinen errichtet war.

»Dieses Mal ist es aber ein Cairn, sagte der Doctor, wahrend er schon seinen Zugriemen löste, das ist keine Täuschung.

– Und was nützt er uns? fragte Hatteras.

– Wenn es ein Cairn ist, Kapitän, so kann er für uns sehr kostbare Documente bergen; vielleicht enthält er Nahrungsmittel, und das lohnte schon allein die Mühe der Untersuchung.

– Und welcher Europäer könnte bis hier hinauf gekommen sein? fragte Hatteras mit Achselzucken.

– Wenn es keine Europäer waren, können es nicht Eskimos gewesen sein, die diese Zuflucht errichteten und darin von der Beute ihres Jagd- oder Fischzugs niederlegten? Sie pflegen es ja, so viel ich weiß, gewöhnlich zu thun.

– Nun gut, überzeugen Sie sich, Clawbonny, sprach Hatteras, aber ich fürchte sehr, Sie werden sich eine vergebliche Mühe machen.«

Clawbonny und Bell begaben sich mit Aexten bewaffnet nach dem Cairn. Duk bellte wüthend weiter. Die Kalksteine waren zwar fest durch Eis verbunden, aber einige Schläge genügten doch, sie loszulösen.

»Da ist sicher Etwas drinnen, sagte der Doctor.

– Ich glaube es nun auch«, war Bells Antwort.

Schnell zerstörten sie das kunstlose Bauwerk. Bald fanden sie eine Höhlung; in dieser lag ein ganz feuchtes Papier. Klopfenden Herzens ergriff es der Doctor. Hatteras kam nun auch hinzu, nahm es und las:

»Altam ..., Porpoise, 13. December 1860. 12° Länge, 8..° 35 Breite ...«

– Der »Porpoise!« sagte der Doctor.

– Der »Porpoise!« wiederholte Hatteras. Ich kenne kein Schiff dieses Namens, das diese Meere beführe.

– Es ist klar, erwiderte der Doctor, daß Seefahrer, vielleicht Schiffbrüchige, vor weniger als zwei Monaten hier gewesen sind.

– Ganz ohne Zweifel, meinte Bell.

– Was sollen wir thun? fragte der Doctor.

– Unsern Weg fortsetzen, erwiderte kaltblütig Hatteras; ich kenne kein Schiff Namens Porpoise, aber ich weiß, daß die Brigg Forward unsere Rückkehr schmerzlich erwartet.«

< Neunundzwanzigstes Capitel.
Einunddreißigstes Capitel. >



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