Frei Lesen: Abenteuer des Kapitän Hatteras

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Jules Verne

Abenteuer des Kapitän Hatteras

Einunddreißigstes Capitel.

eingestellt: 17.8.2007



Die Reise wurde wieder aufgenommen; neue, ungewohnte Gedanken ergriffen Alle, denn ein Zusammentreffen mit Andern ist in jenen Polargegenden ein hochwichtiges Ereigniß. Hatteras voll Unruhe runzelte die Stirn.

»Der Porpoise! sprach er zu sich selbst, was ist das für ein Schiff, und was führt es hierher, so nahe zum Pole?«

Bei diesen Gedanken überlief ihn ein Schaudern. Der Doctor und Bell ihrerseits überdachten nur die möglichen Folgen der Entdeckung jenes Fragmentes: ob sie Mitleidende retten oder von jenen gerettet werden sollten.

Bald aber waren sie wieder eine Beute der Hindernisse, Schwierigkeiten und der Ermattung, und hatten nur noch ihre eigene, doch so gefahrvolle Lage vor Augen.

Simpsons Zustand ward immer schlechter; dem Doctor konnten die Vorzeichen des nahenden Todes nicht entgehen; er vermochte nichts mehr zu thun, zumal da er selbst an einer schmerzhaften Augenentzündung litt, die ihn, wenn er sie vernachlässigte, mit Blindheit bedrohte. Die Dämmerung verbreitete doch eine ziemliche Lichtmenge, die, von dem Schnee zurückgeworfen, die Augen reizte. Nur mit Mühe vermochte man sich gegen jene Rückstrahlung zu schützen; denn farbige Brillengläser, welche man sonst verwendet, überzogen sich bald mit einer Eisschicht und wurden undurchsichtig. Dabei mußte man immer sorgfältig auf den Weg achten und auf möglichste Entfernungen hin die Richtung des Weges zu bestimmen suchen, und so wurde es wirklich schwierig, der Gefahr einer Augenentzündung zu entgehen. Der Doctor und Bell halfen sich in der Art, daß sie abwechselnd die Augen bedeckt hielten und abwechselnd die Leitung des Schlittens übernahmen.

Nur mühsam glitt dieser noch auf seinen abgenutzten Kufen und war ebenso schwer fort zu bewegen; dagegen die Schwierigkeiten des Weges nahmen täglich nur zu, da man über einen vulkanischen, tief gerissenen, gefurchten und mit scharfen Kanten reich versehenen Boden reiste. Bis auf eine Höhe von fünfzehnhundert Fuß war die Gesellschaft nach und nach gekommen; die Temperatur war dabei so rauh als möglich; Windstöße und Wirbelstürme traten mit ungewohnter Heftigkeit auf und ein trauriges Bild boten die Unglücklichen, die sich über diese verlassenen Höhen hinschleppten.

Daneben waren sie noch von Schneeblindheit befallen; dieser gleichmäßige Glanz griff sie an; sie waren schwindlich, wie betrunken; der Boden schwand unter ihren Füßen und schien keinen festen Stützpunkt mehr zu bieten auf der ganzen ungeheuren weißen Decke; es war ihnen ein Gefühl, wie beim Schwanken des Schiffes, wobei das Verdeck dem Fuße zu entschwinden scheint; die Reisenden vermochten sich nicht daran zu gewöhnen, und die Fortdauer dieser Empfindung nahm ihnen den Kopf ein. Ihre Glieder wurden schwer beweglich, ihr Geist war gleichsam schlaftrunken, und so zogen sie auch wirklich, wie im Halbschlaf weiter. Nur eine entstehende Verwirrung, ein unerwarteter Stoß oder Fall brachte sie einigermaßen zum Bewußtsein, welches sie aber doch schon nach kurzer Zeit wieder verließ.

Vom 25. Januar ab stiegen sie dann über steile Abhänge niederwärts, doch nahm ihre Abspannung auf diesen übereisten schiefen Flächen nur zu, ein Fehltritt, der ja nur schwer zu vermeiden war, reichte wohl hin, sie in tiefe Abgründe zu stürzen, in welchen sie rettungslos verloren gewesen wären. Gegen Abend peitschte ein wüthender Sturm die schneeigen Gipfel; kaum vermochte man der Gewalt des Orkans Widerstand zu leisten, so daß die Reisenden gezwungen waren, sich platt auf die Erde niederzulegen, was sie aber wieder der Gefahr aussetzte, auf der Stelle anzufrieren.

Bell errichtete mit Hatteras Hilfe wieder ein Schneehaus, in welchem die Elenden Schutz suchten; dort stärkte man sich durch etwas Pemmican und warmen Thee. Nur vier Gallonen Weingeist waren noch übrig, und von diesen brauchte man immer, nur um den Durst zu löschen, denn man darf nicht glauben, daß der Schnee als solcher hierzu brauchbar gewesen wäre; im Gegentheil mußte dieser immer erst geschmolzen werden. In gemäßigten Klimaten, wo die Temperatur nicht viel unter den Gefrierpunkt sinkt, würde der Genuß des Schnees keine besonders üble Wirkung haben, aber in den Polargegenden ist das ganz anders; er nimmt dort eine derartige Kälte an, daß man ihn oft ebenso wenig wie glühendes Eisen mit bloßer Hand anzufassen vermag, obwohl er ein so schlechter Wärmeleiter ist. Zwischen ihm und dem Magen ist also eine so bedeutende Temperaturdifferenz, daß sein Genuß vollkommene Erstickungsanfälle erzeugen würde. Die Eskimos ertragen lieber die härtesten Entbehrungen, als daß sie sich solchen Schnees bedienen, der das Wasser keineswegs ersetzt und den Durst nur steigert. Die Reisenden konnten also nur unter der Bedingung von jenem Gebrauch machen, daß sie ihn mittels Spiritus zerschmelzen ließen.

Um drei Uhr Morgens, als der Sturm am heftigsten wüthete, begann der Doctor seinen Theil der Nachtwache; in einer Ecke des kleinen Raumes stützte er sich auf den Ellenbogen, als schwere Klagen Simpsons ihn aufmerksam machten. Er erhob sich, diesem beizustehen, stieß sich dabei aber unsanft an die Eisdecke des Gemachs; ohne darauf besonders zu achten, beugte er sich über den Leidenden, um dessen angeschwollene und blau angelaufene Glieder zu frottiren. Als er sich davon nach einer Viertelstunde erheben wollte, stieß er sich nochmals so heftig, obwohl er damals auf den Knieen lag.

»Das ist doch sonderbar«, sprach er zu sich.

Forschend hob er die Hand über den Kopf die Decke senkte sich merklich.

»Großer Gott! rief er, schnell auf, ihr Freunde!«

Hatteras und Bell sprangen rasch empor und stießen sich ebenfalls gegen den Kopf; es herrschte die tiefste Finsterniß.

»Wir werden hier erdrückt! sagte der Doctor, hinaus! Schnell hinaus!«

Alle verließen, Simpson durch den Eingang fortschleppend, den gefährlichen Ort. Es war höchste Zeit; krachend stürzten bald die Eisblöcke, welche nicht gut aufeinander lagen, zusammen.

So waren die Bedauernswerthen, ohne Schutz vor der heftigen Kälte, aufs Neue der Wuth des Sturmes preisgegeben. Hatteras versuchte das Zelt aufzuschlagen, doch vermochte es der Gewalt des Windes nicht zu widerstehen, und so blieb Nichts übrig, als sich noch selbst unter die Leinenstücken zu flüchten, welche bald von einer dicken Schneelage überweht waren. Doch verhinderte dieser Schnee, durch den ihre Eigenwärme nicht ausstrahlen konnte, mindestens, daß sie selbst zu Eis erstarrten.

Erst am Morgen ließen die Windstöße nach; als sie die jetzt nur knapp gefütterten Hunde wieder einspannten, sah Bell, daß drei von ihnen schon ihr Riemenzeug angenagt hatten; zwei schienen ernstlich krank und konnten nicht weiter fort.

Trotz alledem mußte die Karawane wohl oder übel ihren Weg wieder aufnehmen; noch sechzig Meilen waren bis zu dem ins Auge gefaßten Punkte zurückzulegen.

Am 26. rief Bell, der voranschritt, plötzlich die Andern herbei; zu nicht geringem Erstaunen sahen sie ein Gewehr an eine Eiszacke gelehnt.

»Eine Flinte!« rief der Doctor aus.

Hatteras prüfte sie; sie war in gutem Zustande und noch geladen.

»Die Mannschaft des Porpoise muß hier in der Nähe sein«, meinte der Doctor.

Hatteras erkannte, daß die Waffe amerikanischen Ursprungs sei; seine Hand erfaßte krampfhaft den beeisten Lauf.

»Vorwärts! Vorwärts! sprach er mit dumpfer Stimme.

Weiter ging es die Bergabhänge hinunter. Simpson schien alles Gefühles beraubt; kein Klagelaut ertönte von ihm; er war schon zu schwach dazu.

Der Sturm dauerte fort; aber immer langsamer kam der Schlitten voran; nur wenige Meilen legte man in vierundzwanzig Stunden zurück, und trotz der strengsten Einteilung gingen die Nahrungsmittel erschreckend zu Ende; aber so lange noch etwas über die für die Rückreise berechnete Menge übrig war, trieb Hatteras vorwärts.

Am 27. fand man, fast verweht vom Schnee, einen Sextanten und später eine Kürbisflasche; diese enthielt Branntwein, oder vielmehr ein Eisstück, in dessen Mitte der Alkohol des Getränkes sich in einem Schneeballe concentrirt hatte; der Fund erschien werthlos.

Offenbar folgte Hatteras unwillkürlich den Spuren einer traurigen Katastrophe; er schlug eben den einzigen überhaupt gangbaren Weg ein und traf so auf Trümmer eines schrecklichen Schiffbruchs.

Der Doctor spähte nach Kräften, ob er nicht wieder einen Cairn gewahren könne; aber vergeblich.

Trübe Gedanken peinigten den Kapitän; wenn er die Hilflosen, welche hier gewesen waren, entdeckte, welche Hilfe konnte er ihnen leisten? Ihm selbst und seinen Begleitern begann es schon an Allem zu fehlen; ihre Kleidung ging in Stücken, ihre Nahrung zu Ende. Waren jene Schiffbrüchigen zahlreich, so kamen sie Alle durch Hunger um. Hatteras wünschte sie offenbar lieber zu vermeiden. Hatte er nicht ein Recht dazu, er, von dem das Wohl aller seiner Begleiter abhing? Durfte er, wenn er noch Fremde mit an Bord brachte, die Sicherheit Aller aufs Spiel setzen?

Aber diese Fremden waren ja auch Menschen, waren Ihresgleichen, vielleicht gar Landsleute! So schwach auch die Hoffnung auf ihre Rettung war, durfte man sich ganz darüber wegsetzen? Der Doctor suchte Bells Meinung darüber zu erfahren; aber dieser schwieg; seine eigenen Leiden schnürten ihm das Herz zu. Clawbonny wagte gar nicht, Hatteras zu fragen, und so ergab er sich ruhig dem Beschlusse der Vorsehung.

Am Abend des 27. Januar schien es mit Simpson zu Ende zu gehen. Seine Gliedmaßen waren eisig kalt; sein keuchender Athem bildete einen Nebel um seinen Kopf, und krampfhaftes Zucken verkündete seine letzte Stunde. Sein Gesichtsausdruck, seine Blicke ohnmächtigen Zorns, die er noch auf den Kapitän schoß, war schrecklich, verzweifelt. Er verrieth eine schwere Anklage, er schleuderte auf Jenen zwar stumme, aber doch deutliche und wohl nicht ganz unverdiente Vorwürfe.

Hatteras näherte sich dem Sterbenden nicht. Er mied ihn, er floh ihn; er wurde schweigsamer, und in sich gekehrt, mehr als je. Die folgende Nacht war furchtbar; mit doppelter Macht brach der Sturm los; dreimal wurde das Zelt weggerissen und der Schneeschauer peitschte den Bedauernswerthen ins Gesicht, machte sie blind und übereiste sie. Simpson war dem fürchterlichen Wetter preisgegeben. Es gelang zwar Bell, das armselige Obdach des Zeltes wieder herzustellen; aber ein noch heftigerer Windstoß riß es zum vierten Male weg und entführte es wirbelnd unter grausigem Pfeifen.

»Ah! Das ist zu arg! rief Bell.

– Muth! Nur Muth!« sprach ihm der Doctor zu, der in seine Nähe kroch, um nicht in eine Schlucht mit fortgerissen zu werden.

Simpson stöhnte. Plötzlich richtete er sich noch einmal mit den letzten Kräften halb auf, streckte die geballte Faust gegen Hatteras, der ihn unbeugsamen Blicks ansah, aus, stieß noch einen herzzerreißenden Schrei aus und fiel todt zurück, ohne seine Drohung vollenden zu können.

»Er ist todt! rief der Doctor.

– Todt!« wiederholte Bell. Hatteras, der auf die Leiche zuging, ward vom Sturme zurückgestoßen.

Das war das erste Opfer, welches das mörderische Klima aus der Gesellschaft riß, der Erste, der nie einen Hafen wiedersehen sollte, der Erste, der nach unendlichen Leiden den Starrsinn des Kapitäns noch mit seinem Leben zu büßen hatte. Dieser Todte hatte ihn als Mörder angeklagt, und Hatteras nicht den Kopf dabei verwandt. Doch glitt heimlich eine Thräne aus seinem Auge, die auf der blassen Wange gefror.

Der Doctor und Bell betrachteten ihn fast mit Grauen. Auf seinen langen Stock gestützt stand er da wie der Geist dieser erstarrten Regionen, grad aufgerichtet trotz der wüthenden Windstöße, wie unheilverkündend bei seiner erschreckenden Ruhe.

Ohne von der Stelle zu weichen blieb er stehen bis zum Grauen der Dämmerung, zähe, kühn, unbezwingbar und schien dem Sturm, der rings um ihn tobte, zu trotzen.

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