Frei Lesen: Das Dampfhaus - 2.Band

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Jules Verne

Das Dampfhaus - 2.Band

Sechstes Capitel.

eingestellt: 26.7.2007



Im Laufe der Nacht ereignete sich nichts mehr, weder im Kraal, noch in dessen Umgebung. Die Pforte war jetzt fest verriegelt. Wie hatte sie sich aber öffnen können, als die Bande Raubthiere die Palissade umschwärmte? Das erschien unerklärlich, da Kâlagani selbst die schweren Balken, welche gewöhnlich davor lagen, in die Einschnitte geschoben hatte.

Kapitän Hod litt von seiner Verletzung doch ziemlich stark, obwohl diese nur in einem Einrisse der Haut bestand. Dennoch fehlte nicht viel, so hätte er den Gebrauch des rechten Armes einbüßen können.

Ich für meinen Theil fühlte von dem heftigen Schweifschlage, der mich zu Boden streckte, gar nichts mehr.

Wir beschlossen also, noch vor Anbruch des Tages nach dem Steam-House zurückzukehren.

Bedauerte Mathias Van Guitt den Verlust dreier seiner Leute gewiß ganz aufrichtig, so schien ihm doch der Vorgang nicht allzusehr zu Herzen zu gehen, obwohl er ohne Büffel, gerade im Moment der Abreise, in einige Verlegenheit gerieth.

»Das gehört so zum Geschäft, sagte er zu uns, und ich ahnte fast, daß mir noch ein ähnliches Abenteuer bevorstand!«

Er ließ hierauf die drei Hindus begraben, deren Ueberreste in einer Ecke des Kraals so tief versenkt wurden, daß die wilden Thiere sie nicht wieder ausscharren konnten.

Das Morgengrauen drang indessen schon bis in die niedrigeren Theile Tarryanis und wir nahmen also nach vielen herzhaften Händedrücken von Mathias Van Guitt Abschied.

Zur Begleitung, wenigstens auf dem Wege durch den Wald, stellte der Händler uns Kâlagani und zwei seiner Hindus zur Verfügung. Wir nahmen das Angebot an und verließen um sechs Uhr die Einfriedigung des Kraals.

Der Rückweg ging ohne Störung von statten. Von Tigern und Panthern keine Spur mehr. Die gesättigten Bestien mochten sich in ihre Höhlen zurückgezogen haben und jetzt erschien es nicht an der Zeit, sie dort aufzustören.

Was die aus dem Kraal entflohenen Büffel betraf, so waren diese entweder erwürgt und lagen irgendwo im hohen Grase, oder es war, da sie sich im anderen Falle nach allen Seiten zerstreut und verirrt haben mußten, gar nicht darauf zu rechnen, daß ihr Instinct sie nach dem Kraal zurückführen werde. Für den Händler waren sie demnach als unwiederbringlich verloren zu betrachten.

Am Saume des Waldes verließen uns Kâlagani und die zwei Hindus. Eine Stunde später begrüßte Phanns und Blacks Gebell unsere Rückkehr zum Steam-House.

Ich erzählte Banks unser erlebtes Abenteuer. Selbstverständlich beglückwünschte er uns, demselben so leichten Kaufes entkommen zu sein. Bei nächtlichen Ueberfällen dieser Art kommt es nämlich gar zu häufig vor, daß Keiner der Belagerten übrig bleibt, um die Großthaten der Angreifer zu schildern.

Kapitän Hod mußte wohl oder übel seinen Arm in der Binde tragen, der Ingenieur, der eigentliche Arzt unserer Expedition, erklärte die Wunde jedoch für nicht gefährlich und versicherte, daß sie binnen wenigen Tagen geheilt sein werde.

Kapitän Hod wurmte es vorzüglich, einen Schlag erhalten zu haben, ohne denselben erwidern zu können. Doch hatte er wenigstens zu den achtundvierzig Tigern, die sein Conto zählte, einen weiteren hinzugefügt.

Am nächsten Tage, am 27. August, hörten wir die Hunde wieder sehr laut, aber offenbar freudig anschlagen.

Oberst Munro, Mac Neil und Goûmi kehrten nach dem Sanatorium zurück. Ihr Wiedererscheinen nahm uns eine wahre Centnerlast von den Schultern. Hatte Oberst Munro von seinem Zuge den erwarteten Erfolg gehabt? Noch wußten wir darüber nichts. Er kehrte ja heil und gesund zurück, das war die Hauptsache.

Banks lief ihm eilig entgegen, drückte ihm warm die Hand und fragte ihn nur durch einen Blick.

»Nichts!« antwortete Oberst Munro durch eine einfache Bewegung des Kopfes.

Das bedeutete für uns nicht allein, daß seine Nachforschungen an der nepalischen Grenze nicht nur fruchtlos geblieben waren, sondern auch, daß jedes weitere Gespräch über dieses Thema unerwünscht und nutzlos sei. Er schien uns zu verstehen zu geben, daß er die Sache nicht weiter erwähnt wissen wolle.

Mac Neil und Goûmi, welche Banks während des Abends fragte, erwiesen sich mittheilsamer. Sie gestanden zu, daß Oberst Munro vorzüglich habe jenen Theil von Hindostan sehen wollen, nach dem sich Nana Sahib vor seinem Wiedererscheinen in der Präsidentschaft Bombay geflüchtet hatte. Sich zu versichern, was aus den Genossen des Nabab geworden sei, nachzuforschen, ob von ihrem Uebertritt über die indo-chinesische Grenze nicht noch Spuren aufzufinden wären, zu erfahren, ob, wenn nicht Nana Sahib, sich doch dessen Bruder Balao Rao in dieser der englischen Gewalt nicht unterworfenen Gegend verberge – das waren Sir Edward Munros Zwecke gewesen. Aus Allem, was ich erfuhr, ging jedoch hervor, daß die Rebellen das Land verlassen haben mußten. Von ihrer Lagerstelle,wo jenes vorgebliche Begräbniß stattgefunden hatte, um den Glauben an den Tod Nana Sahibs zu verbreiten, fand sich kaum noch eine Spur. Von Balao Rao war nichts zu hören, so wenig wie von dessen Begleitern, deren Spur vollständig verwischt schien. Da der Nabab also in den Schlachten der Sautpourraberge gefallen, seine Spießgesellen wahrscheinlich über die Grenzen der Halbinsel hinaus vertrieben waren, so blieb für den Oberst als Rächer nichts mehr zu thun übrig. Wir dachten also nur daran, die Himalaya-Grenze zu verlassen, die Reise wieder nach Süden hin fortzusetzen und unseren beabsichtigten Zug von Calcutta bis Bombay vollends abzuschließen.

Der Aufbruch wurde demnach für über acht Tage, d. h. für den 3. September, festgestellt. Wir mußten doch Kapitän Hod Zeit gönnen zur Vernarbung seiner Wunde. Uebrigens schien auch der von seinem beschwerlichen Zuge angegriffene Oberst Munro dringend einiger Ruhe zu bedürfen.

Inzwischen traf Banks die nöthigen Vorbereitungen. Er hatte mit Instandsetzung unseres Trains, der wieder in die Ebene hinab und vom Himalaya nach der Präsidentschaft Bombay dampfen sollte, die ganze Woche völlig zu thun.

Die Reiseroute sollte übrigens zum zweiten Male verändert werden, um die großen Städte des Nordwestens, wie Mirat, Delhi, Agra, Gwalior, Jansie und andere, in welchen die Empörung von 1857 zu viele Spuren der Zerstörung zurückgelassen hatte, zu umgehen. Mit den letzten Rebellen jener Erhebung sollte Alles verschwinden, was Oberst Munros trübe Erinnerungen erwecken konnte. Unsere fahrbaren Wohnungen sollten also durch die Provinzen ziehen, ohne bei den Hauptstädten anzuhalten; die Landschaften verdienten einen Besuch übrigens auch schon allein um ihrer natürlichen Reize willen. Das ausgedehnte Königreich Sindia gerade steht in dieser Hinsicht keinem anderen nach. Unserem Stahlriesen sollten sich jetzt die herrlichsten Wege der Halbinsel eröffnen.

Der Mousson hatte mit dem Ende der Regenzeit, welche sich nicht über den August hinaus ausdehnt, aufgehört. Die ersten Tage des Septembers versprachen eine angenehme Temperatur, welche gegenüber dem ersten den zweiten Theil der Fahrt minder beschwerlich machen mußte.

Während der zweiten Hälfte unseres Aufenthaltes im Sanatorium lag es Fox und Goûmi ob, die Bedürfnisse der Küche zu decken. Von den beiden Hunden begleitet, durchstreiften sie die mittlere Gebirgszone, wo Rebhühner, Fasanen und Trappen in Menge umherflogen. Das im Eisbehälter aufbewahrte Geflügel lieferte unterwegs dann ein herrliches Wild.

Noch zwei- oder dreimal statteten wir dem Kraal einen Besuch ab. Hier war auch Mathias Van Guitt beschäftigt, sich zur Abfahrt nach Bombay zu rüsten, wobei er seinen Kummer als Philosoph ertrug, der sich über die kleinen und großen Widerwärtigkeiten des Lebens erhaben fühlte.

Wir wissen schon, daß die Menagerie des Händlers durch den Fang des zehnten Tigers, der so theuer zu stehen kam, vollständig geworden war. Mathias Van Guitt hatte also nur daran zudenken, wie er sich neue Büffelgespanne verschaffen konnte. Von den Wiederkäuern, die bei jenem Ueberfalle entflohen, war natürlich keiner wieder im Kraal erschienen; alle Umstände sprachen dafür, daß jene zerstreut im Walde einen gewaltsamen Tod gefunden hatten. Jetzt galt es also, sie zu ersetzen, was unter den gegebeneu Verhältnissen immerhin seine Schwierigkeiten bot. In dieser Angelegenheit hatte der Händler Kâlagani ausgesendet nach den Farmen und benachbarten Flecken von Tarryani und erwartete seine Rückkehr mit einiger Ungeduld.

Die letzte Woche unseres Aufenthaltes im Sanatorium verlief ungestört. Kapitän Hods Wunde heilte allmälich. Er hegte zwar den Wunsch, seine Campagne noch mit einem Jagdzuge abzuschließen, mußte aber auf Bitten Oberst Munros davon absehen. Warum sollte er sich auch-einer Gefahr aussetzen, da sein Arm den Dienst ja halb versagte? Kam uns während der Rückfahrt ein Raubthier in den Weg, so bot sich ihm ja ganz natürliche Gelegenheit, Revanche zu nehmen.

»Uebrigens, lieber Kapitän, bemerkte ihm Banks, sind sie noch am Leben, während neunundvierzig Tiger von ihrer Hand den Tod fanden – ohne die angeschossenen zu zählen. Die Bilanz schließt also sehr zu Ihren Gunsten ab.

– Neunundvierzig, freilich, erwiderte Kapitän Hod, doch ich hätte den fünfzigsten gar zu gern hinzugefügt!«

Der 2. September kam heran, der Tag vor unserer Abreise.

Schon am Morgen meldete Goûmi einen Besuch des Händlers.

Wirklich kam Mathias Van Guitt in Begleitung Kâlaganis nach dem Steam-House. Er wollte sich ohne Zweifel im letzten Augenblicke nach allen Regeln des Anstandes verabschieden.

Oberst Munro empfing ihn sehr herzlich. Mathias Van Guitt erging sich selbstgefällig in den gewöhnlichen langen Redesätzen, die er mit allem Aufwand seiner merkwürdigen Phraseologie ausschmückte. Immerhin schien es mir, als ob seine Höflichkeiten noch einen Hintergedanken verbargen, dem er nur Worte zu leihen zögerte.

Da berührte Banks gerade den Kernpunkt seiner Beklemmungen, als er Mathias Van Guitt fragte, ob es ihm gelungen sei, seine Büffelbespannung wieder zu ersetzen.

»Leider nein, Herr Banks, antwortete der Händler, Kâlagani hat sich vergebens in allen Dörfern darum bemüht. Obwohl ich ihm unbeschränkte Vollmacht ertheilt hatte, vermochte er doch nicht ein einziges Paar jener nützlichen Wiederkäuer aufzutreiben. Ich muß also bekennen, daß es mir zur Beförderung meiner Menagerie nach der nächsten Station an einem Motor noch völlig fehlt; daß mir durch den unerwarteten Ueberfall in der Nacht vom 25. zum 26. August meine Büffel zerstreut wurden, hat mich in eine gewisse Verlegenheit versetzt... meine Käfige sind schwer.... und....

– Ja, wie wollen Sie dieselben dann nach der Station schaffen? fragte der Ingenieur.

– Das weiß ich eben noch nicht.... ich suche.... überlege.... zögere.... Inzwischen vergeht die Zeit, und am 20. September, d.h. in achtzehn Tagen, soll ich meine Katzen in Bombay abliefern....

– In achtzehn Tagen! Da haben Sie aber keine Stunde zu verlieren!

– Freilich, Herr Ingenieur. Und doch steht mir nur ein Hilfsmittel, nur ein einziges zu Gebote! ...

– Und das wäre?

– Nun, ich müßte, in der Voraussetzung, dadurch nicht zu belästigen, eine vielleicht recht aufdringliche Frage an den Herrn Oberst wagen....

– Bitte, geniren Sie sich in keiner Weise, Herr Van Guitt, sagte Oberst Munro, wenn ich Ihnen nützen kann, werde ich mit Vergnügen dazu bereit sein!«

Mathias Van Guitt verneigte sich, führte die rechte Hand an die Lippen, bewegte langsam den Oberkörper und bot überhaupt das Aussehen eines Menschen, der sich von unerwarteten Wohlwollen überrascht sieht.

Die Frage des Händlers lief darauf hinaus, ob es, die große Zugkraft des Stahlriesen vorausgesetzt, nicht ausführbar wäre, seine fahrbaren Käfige hinter unsere Häuser anzuschließen und sie bis Etawah, der nächsten Station an der Bahn von Delhi nach Allahabad, mitzunehmen.

Es handelte sich hierbei um eine Entfernung von etwa dreihundert Kilometern auf bequemer Fahrstraße.

»Sind wir im Stande, Herrn Mathias Van Guitts Wunsche zu entsprechen? fragte der Oberst den Ingenieur.

– O gewiß, ohne alle Schwierigkeit, erklärte Banks, der Stahlriese wird diese Vermehrung der Last kaum wahrnehmen.

– Also zugestanden, Herr Van Guitt, sagte Oberst Munro. Wir befördern Ihr Material bis Etawah. Nachbarn sollen einander aushelfen, auch im Himalaya.

– Herr Oberst, antwortete Mathias Van Guitt, ich kannte ja Ihre Freundlichkeit, und ganz offen gestanden, rechnete ich in meiner Verlegenheit ein wenig auf Ihre bereitwillige Hilfe.

– Daran thaten Sie ganz recht!« erwiderte Oberst Munro.

Nachdem Alles geordnet war, schickte Mathias Van Guitt sich zur Heimkehr nach dem Kraal an, um einen Theil seines nun überflüssig gewordenen Personals zu verabschieden. Er wollte nur die zur Besorgung der vier Käfige notwendigen Chikaris ferner beibehalten.

»Also morgen auf Wiedersehen, sagte Oberst Munro.

– Auf morgen, meine Herren, antwortete Mathias Van Guitt, ich sehe dem Eintreffen Ihres Stahlriesen bei dem Kraal mit Vergnügen entgegen.«

Sehr zufrieden mit dem Erfolge seines Besuches im Steam-House, zog der Händler sich zurück, aber ganz wie ein Schauspieler, der nach allen Regeln der modernen Kunst hinter den Coulissen verschwindet.

Kâlagani wendete keinen Blick von Oberst Munro, dessen Reise nach der Grenze von Nepal ihm so sehr im Kopfe herumgegangen war.

Unsere letzten Vorbereitungen waren bald beendigt. Alles lag und stand wieder am rechten Ort, nichts erinnerte mehr an einen längeren Aufenthalt an diesem Platze. Die fahrbaren Häuser harrten nur noch des Stahlriesen. Der Elephant sollte nun zunächst bergabwärts bis zur Ebene gehen und sich dann nach dem Kraal wenden, wo der ganze Zug geordnet werden sollte, um nachher auf geradem Wege durch die Ebenen von Rohilkande zu dampfen.

Am folgenden Tage, dem 3. September sieben Uhr Morgens, war der Stahlriese bereit, seine bisher tadellos erfüllten Funktionen wieder aufzunehmen. Da erlebten wir noch ein ganz unerwartetes Ereigniß, das Alle erstaunen machte.

Der Rost des in den Weichen des Thieres enthaltenen Kessels war schon mit Brennmaterial beschickt worden. Kâlouth hatte dasselbe eben angezündet, als es ihm einfiel, den Rauchkasten zu öffnen – an dessen Rückwand sich die, zur Abführung der Verbrennungsproducte durch den Kessel führenden Flammenrohre anschließen – um nachzusehen, ob kein Hinderniß für den Zug vorhanden sei.

Kaum hatte er aber die Thüren jenes Raumes aufgeschlagen, als er entsetzt zurückwich und etwa ein Dutzend Riemen mit seltsamem Pfeifen herausschossen.

Banks, Storr und ich sahen den Vorgang mit an, ohne dafür eine Erklärung zu finden.

»He, Kâlouth, was giebt es denn? fragte Banks.

– Einen Regen von Schlangen, Herr Ingenieur!« rief der Heizer.

Was wir für Riemen ansahen, waren wirklich Schlangen, die sich in den Flammenrohren aufgehalten hatten, wahrscheinlich um ungestörter zu schlafen. Das Feuer auf dem Roste mochte sie wohl unsanft aufgestört haben. Einige jener Amphibien fielen halbverbrannt zu Boden, und hätte Kâlouth den Rauchkasten nicht geöffnet, so wären wohl Alle schnell zu Asche verbrannt worden.

»Was? rief Kapitän Hod, der eiligst herbeilief, unser Stahlriese beherbergt auch Schlangen im Leibe?«

Ja, in der That, und darunter auch die giftigsten, wie einige »Whip snakes« (Peitschenschlange), »Goulabis«, schwarze Cobras und Brillenschlangen, lauter höchst gefährliche Arten.

Gleichzeitig steckte eine prächtige Python- (Tiger-) Schlange, aus der Familie der Boas, ihren spitzigen Kopf aus der oberen Mündung des Kamins, d. h. aus dem Rüssel des Elephanten hervor, die sich inmitten der ersten dichten Rauchwolken wand.

Die lebend aus den Rohren entkommenen Schlangen zerstreuten sich schnell unter dem nächsten Gebüsche, so daß wir nicht Zeit genug fanden, sie unschädlich zu machen.

Die Pythonschlange konnte freilich nicht so leicht aus dem engen Stahlcylinder entwischen. Kapitän Hod ergriff schnell die Büchse und zerschmetterte ihr mit einer Kugel den Kopf.

Goûmi stieg nachher auf den Stahlriesen, kletterte bis zur oberen Mündung des Rüssels und es gelang mit Hilfe Kâlouths und Storrs, das gewaltige Reptil herauszuziehen.

Die Boa mit ihrer grünen, bläulich gefleckten Haut, die mit regelmäßigen Ringen verziert ist, als wäre sie aus dem Felle, eines Tigers geschnitten, war wirklich ein prächtiges Exemplar. Sie maß nicht weniger als fünf Meter in der Länge und hatte etwa den Durchmesser eines Menschenarmes.

Dieses Musterstück der Ophidien Indiens hätte der Menagerie Mathias Van Guitts gewiß zur Zierde gereicht, vorzüglich da sie den Beinamen Tigerschlange hat. Kapitän Hod sah aber trotzdem davon ab, sein Register damit zu bereichern.

Kâlouth schloß nun den Rauchkasten wieder, der Zug kam in Gang, das Feuer auf dem Roste prasselte bei der reichlich zuströmenden Luft, so daß es im Kessel bald zu brodeln anfing, und drei Viertelstunden später zeigte der Manometer schon genügende Dampfspannung an. Wir konnten nun abreisen.

Die beiden Wagen wurden miteinander verkuppelt und der Stahlriese kam heran, um sich an die Spitze zu stellen.

Noch einen Blick warfen wir über das herrliche Panorama, das sich nach Süden hin vor uns ausbreitete, einen letzten nach der wunderbaren Bergkette, deren zackiges Profil den nördlichen Horizont einnahm, noch einmal grüßten wir den Dhwalagiri, dessen Gipfel stolz auf das ganze nördliche Indien niederschaut – ein kurzer Pfiff und der Zug setzte sich in Bewegung.

Das Herabsteigen auf der vielgewundenen Straße ging ohne Schwierigkeit von statten. Die Luftbremse hielt die Räder fest, wenn die Straße zu steil abfiel. Eine Stunde später hielt der Zug an der Grenze Tarryanis, am Anfang des ebenen Landes.

Der Stahlriese ward nun abgespannt und verschwand unter Führung Banks, des Maschinisten und des Heizers, langsam auf einer der breiten Straßen des Waldes.

Zwei Stunden nachher hörten wir ihn wieder schnaufen, und bald kam der Stahlriese, die sechs Käfige der Menagerie im Schlepptau, aus dem Walde hervor.

Gleich nach seinem Eintreffen wiederholte Mathias Van Guitt seine Danksagungen gegen Oberst Munro. Die Käfige, und vor diesen ein als Wohnung für den Händler und dessen Leute dienender Wagen wurden an unseren Zug gehängt – ein wirklicher Train, bestehend aus neun Wagen.

Ein neues Zeichen von Banks, ein darauf antwortendes vorschriftsmäßiges Pfeifen und der Stahlriese schritt majestätisch auf der schönen Straße dahin, die nach Süden hinabführte. Das Steam-House und die mit Thieren gefüllten Käfige Mathias Van Guitts schienen für denselben nicht mehr zu wiegen als ein gewöhnlicher Möbelwagen.

»Nun, mein lieber Herr Lieferant, was meinen Sie hierzu? fragte Kapitän Hod.

– Ei, Herr Kapitän, antwortete Mathias Van Guitt nicht ganz mit Unrecht, ich denke, wenn dieser Elephant von Fleisch und Bein wäre, würde er noch merkwürdiger sein!«

Wir fuhren nicht auf der nämlichen Straße, die uns nach dem Fuße des Himalaya geführt hatte. Die jetzt gewählte verlief nach Südwesten gegen Philibit, eine kleine Stadt, hundertfünfzig Kilometer von unserem Halteplatz.

Die Fahrt ging ruhig, mäßig schnell und ohne Hinderniß von statten.

Mathias Van Guitt war ein täglicher Gast an der Tafel des Steam-Houses, und sein gesunder Appetit that der Küche Monsieur Parazards alle Ehre an.

Die Bedürfnisse der Speisekammer setzten die gewohnten Lieferanten von Zeit zu Zeit in Bewegung, und der wiedergenesene Kapitän Hod – der Schuß auf die Pythonschlange lieferte den Beweis – ergriff wieder die Jagdflinte.

Dabei mußte, ebenso wie für das Personal, auch für die Insassen der Menagerie gesorgt werden, eine Pflicht, welche den Chikaris oblag. Unter Anführung Kâlaganis, der selbst ein sicherer Schütze war, ließen es die gewandten Hindus nicht dahin kommen, daß es an Bison- oder Antilopenfleisch gefehlt hätte. Dieser Kâlagani war wirklich ein ganz außerordentlicher Mann. Obwohl er sich meist zurückhielt, behandelte ihn Oberst Munro, der einen geleisteten Dienst nicht so leicht vergaß, doch stets mit großer Freundlichkeit.

Am 10. September bewegte sich unser Zug um Philibit herum, ohne daselbst anzuhalten, doch lief eine ziemliche Anzahl Hindus zusammen, um jenen zu sehen.

Die Raubthiere Mathias Van Guitts erregten, obwohl es sehr schöne Exemplare waren, beiweitem nicht das Aufsehen wie der Stahlriese. Die Leute gaben sich gar nicht die Mühe, jene durch die Gitterstäbe in Augenschein zu nehmen, sondern bewunderten einzig und allein den mechanischen Elephanten.

Der Train zog nun durch die ausgedehnten Ebenen des nördlichen Indiens weiter hinab und ließ Bareilli, eine der bedeutendsten Städte von Rohilkande, einige Meilen westlich liegen. Er dampfte zuweilen durch dichte, reich von Vögeln bevölkerte Wälder, wobei Mathias Van Guitt unsere Aufmerksamkeit auf das »eclatante Gefieder« der umherflatternden Bewohner lenkte, zuweilen wieder durch Dickichte von stachlichen, zwei bis drei Meter hohen Akazien, welche die Engländer »Wait a bit-bush« nennen. Hier tummelten sich viele Eber umher, die nach den gelben Beeren dieser Büsche sehr lüstern sind. Einige Verwandte der Familie Sus wurden, wenn auch nicht ohne Gefahr, erlegt, denn diese Eber sind sehr wild und muthig. Kapitän Hod und Kâlagani fanden wiederholt Gelegenheit, ihre Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit zu beweisen, denen sie ihren Ruf als ausgezeichnete Jäger verdankten.

Zwischen Philibit und der Station Etawah mußte unser Zug einen Arm des oberen Ganges, und bald nachher einen seiner mächtigsten Nebenflüsse, den Kali-Nadi, überschreiten.

Das ganze rollende Material der Menagerie wurde nun vom Steam-House abgekuppelt, letzteres selbst aber schwamm in Folge seiner früher beschriebenen Einrichtung von einem Ufer zum anderen.

Mit Mathias Van Guitts Zuge ging das freilich nicht so leicht von statten. Hierzu mußte eine Fähre benutzt werden, mittelst der die Käfige einer nach dem anderen über die beiden Flüsse geschafft wurden. Wenn diese Ueberführung auch einige Zeit in Anspruch nahm, so verursachte sie wenigstens keine Schwierigkeiten. Der Händler befand sich nicht zum ersten Male in ähnlicher Lage, und seine Leute hatten schon auf dem Wege zur Himalaya-Grenze verschiedene Flüsse überschreiten müssen.

Kurz, wir erreichten ohne nennenswerten Zwischenfall am 17. September die Eisenbahn von Delhi nach Allahabad, etwa hundert Schritte von der Station Etawah.

Hier sollte der ganze Zug in zwei Theile zerlegt werden, die jeder einen eigenen Weg einschlagen sollten.

Während der erste die Richtung nach Süden weiter inne hielt, um durch das ausgedehnte Gebiet des Königreichs Scindia nach den Vindhyas und der Präsidentschaft Bombay zu gelangen, sollte der andere Theil auf die Frachtwagen der Bahn verladen, erst nach Allahabad geschafft und von da auf der Eisenbahn nach Bombay nach der Küste des Indischen Meeres befördert werden.

Wir hielten also an und bereiteten uns vor, die Nacht an jener Stelle zuzubringen. Am nächsten Tage, wenn der Händler sich nach Südosten wendete, sollten wir, jenen Weg ziemlich in rechtem Winkel durchschneidend, etwa längs des 77. Meridians weiterziehen.

Zu derselben Zeit, als Mathias Van Guitt sich von uns trennte, entließ er auch einen Theil seines jetzt nicht mehr erforderlichen Personals. Mit Ausnahme zweier Hindus zur Besorgung der Käfige während einer zwei bis drei Tage nicht überdauernden Reise, brauchte er ja Niemand mehr. Im Hafen von Bombay, wo ihn ein für Europa segelfertiges Schiff erwartete, angekommen, mußte er seine Waare ja durch die gewöhnlichen Hilfsarbeiter an Bord bringen lassen.

Hierdurch wurden also einige der Chikaris dienstfrei und unter anderen auch Kâlagani.

Der Leser weiß, wie und warum wir mit diesem Hindu besonders verknüpft waren, da er sowohl dem Oberst Munro, wie dem Kapitän Hod so ersprießliche Dienste geleistet hatte.

Als Mathias Van Guitt nun seine Leute verabschiedet, glaubte Banks zu bemerken, daß Kâlagani nicht recht wußte, was er beginnen sollte, und er fragte denselben also, ob es ihm passen könne, uns bis Bombay zu begleiten?

Nach kurzer Ueberlegung nahm Kâlagani das Anerbieten des Ingenieurs an und Oberst Munro drückte Jenem seine Befriedigung darüber aus, daß er ihm jetzt doch ein wenig nützen könne. Der Hindu trat demnach in das Personal des Steam-Houses ein, was uns, bei seiner Kenntniß dieses Theiles von Indien, nur von Vortheil sein konnte.

Am nächsten Morgen wurde das Lager aufgehoben. Wir hatten ja keine Ursache, hier länger zu weilen. Der Stahlriese stand unter Dampf. Banks gab Storr Anweisung, sich bereit zu halten.

Jetzt war nichts mehr zu thun übrig, als von unserem Freunde, dem Lieferanten, Abschied zu nehmen Von unserer Seite ging das ziemlich einfach, von der seinigen natürlich weit theatralischer zu.

Die Dankesbezeugungen Mathias Van Guitts für den Dienst, den Oberst Munro ihm geleistet, nahmen nothwendiger Weise eine möglichst erweiterte Form an. Er »spielte« diesen letzten Act ganz vorzüglich und war in der großen Abschiedsscene geradezu vollkommen.

Durch eine Bewegung der Muskeln des Vorderarmes versetzte er seine rechte Hand in Pronation, so daß die Hohlhand nach der Erde gerichtet war. Damit wollte er ausdrücken, daß er hierniden niemals vergessen werde, was er Oberst Munro verdanke, und daß, wenn, die Dankbarkeit auch aus dieser Welt verbannt würde diese doch noch ein letztes Asyl in seinem Herzen finden solle.

Mittels einer entgegengesetzten Bewegung brachte er die Hand wieder in die Supination, d. h. er wendete die Hohlhand nach oben und streckte diese nach dem Zenith empor. Das bedeutete, daß selbst dort oben diese Gefühle nie in ihm erlöschen würden und keine Ewigkeit im Stande sei, ihn von seiner eingegangenen Verbindlichkeit zu befreien.

Oberst Munro dankte Mathias Van Guitt nach Gebühr, und wenige Minuten später war der Lieferant für die Häuser von Hamburg und London unseren Augen entschwunden.

< Fünftes Capitel.
Siebentes Capitel. >



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