Frei Lesen: Das Dampfhaus - 2.Band

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Jules Verne

Das Dampfhaus - 2.Band

Neuntes Capitel.

eingestellt: 26.7.2007



Sir Edward Munro täuschte sich nicht. Jetzt marschirte schon eine Truppe von fünfzig bis sechzig Elephanten hinter unserem Zuge her. Sie gingen in dichten Reihen und schon trabten die Vordersten dem Steam-House nahe genug – kaum in einer Entfernung von zehn Metern – um sie genau beobachten zu können.

An der Spitze marschirte der größte der ganzen Gesellschaft, obwohl seine lothrechte Höhe bis zur Schulter drei Meter gewiß nicht überschritt. Wie ich schon sagte, erreichen die hiesigen nicht die Größe der Elephanten in Afrika, unter denen man Exemplare von vier Meter Höhe antrifft. Seine Stoßzähne, welche ebenfalls kleiner bleiben als die der afrikanischen Race, messen an der äußeren Krümmung etwa hunderfünfzig Centimeter bei einem Durchmesser von vierzig Centimeter an dem Knochenzapfen, der ihre Basis bildet. Wenn man auf der Insel Ceylon eine gewisse Anzahl dieser Thiere findet, welche jener furchtbaren Waffen, der sie sich gegebenen Falles sehr geschickt bedienen, beraubt sind – ich meine die sogenannten »Muknas« – so sieht man solche dafür im eigentlichen Hindostan ungemein selten.

Diesem Elephanten folgten mehrere Weibchen, die wirklichen Führer der Karawane. Wäre das Steam- House nicht auf der Straße gewesen, so würden diese den Vortrab gebildet haben, wahrend jenes Männchen, unter den Uebrigen eingereiht, bestimmt zurückgeblieben wäre. Die Männchen nämlich scheinen zur Anführung einer Heerde völlig ungeeignet; sie bekümmern sich ebensowenig um die jungen Thiere, wissen nicht, wann es nöthig ist, wegen der Bedürfnisse dieser »Babies« Halt zu machen, und verstehen sich auch kaum auf die Auswahl eines passenden Lagerplatzes. In der That sind es nur die Weibchen, welche sozusagen das erste Wort führen und die wandernden Heerden leiten.

Die Frage, warum sich die ganze uns nachfolgende Gruppe in Bewegung gesetzt habe, ob sie blos ihre erschöpften Weideplätze verließ, vor den Stichen einer sehr gefährlichen Fliegenart entfloh, oder ob sie nur die Neugier, unserem seltsamen Gefährt zu folgen, jetzt durch die Vindhya-Berge verlockte – das wäre vorläufig schwer zu sagen gewesen. Das Land lag jetzt offen vor uns, und die Elephanten zogen, wie sie es zu thun gewohnt sind, wenn sie sich nicht in bewaldeten Gegenden aufhalten, am hellen Tage weiter. Ob sie mit einbrechender Nacht, so wie wir es gezwungen waren, Halt machen würden, mußte sich ja bald zeigen.

»Nun, Kapitän Hod, fragte ich da unseren Freund, sehen Sie, wie unser Nachtrab sich immer mehr vermehrt? Erweckt Ihnen das noch immer keine Besorgniß? ...

– Pah! versetzte Kapitän Hod, weshalb sollten die Thiere etwas gegen uns im Schilde führen? Es sind ja keine Tiger, nicht wahr, Fox?

– Nicht einmal Panther!« antwortete der Diener, der natürlich immer mit seinem Herrn übereinstimmte.

Kâlagani schüttelte freilich den Kopf ein wenig bei diesen zuversichtlichen Behauptungen; er theilte die Ansicht der beiden Jäger offenbar nicht.

»Sie scheinen mir beunruhigt, Kâlagani, sagte Banks, der jene Bemerkung gehört hatte, zu diesem.

– Könnten wir nicht etwas schneller vorwärts kommen? antwortete der Hindu.

– Das dürfte seine Schwierigkeit haben, antwortete der Ingenieur. Doch wir wollen versuchen, was sich thun läßt!«

Banks verließ die Veranda und begab sich nach dem Thürmchen, in welchem Storr seinen Platz hatte. Bald darauf pustete und schnaufte der Stahlriese stärker und in kürzeren Zwischenräumen und unser Zug rollte etwas schneller dahin.

Es war nur wenig und bei dem beschwerlichen Wege nicht mehr zu erreichen. Doch auch die verdoppelte Geschwindigkeit unseres Zuges hätte an der Sachlage gewiß nichts Wesentliches geändert. Die Elephantenheerde trabte eben etwas schneller mit. Das that sie denn auch jetzt, so daß unser Steam-House einen Vorsprung nicht gewinnen konnte.

Ohne besondere Veränderung verliefen so mehrere Stunden. Wir nahmen nach dem Essen wieder auf der Veranda des zweiten Wagens Platz.

Jetzt dehnte sich die Straße hinter uns auf eine Strecke von mindestens zwei Meilen in gerader Richtung aus, so daß wir sie, durch Windungen derselben nicht mehr behindert, in der ganzen Ausdehnung überblicken konnten.

Da sahen wir denn mit Schrecken, daß die Zahl der Elephanten seit einer Stunde noch immer zugenommen hatte – es mochten ihrer jetzt mindestens Hundert sein.

Die Thiere marschirten, je nach der Breite des Weges zu Zweien, Dreien, schweigend und gleichmäßigen Schrittes, die einen mit hoch erhobenem Rüssel, die anderen mit den Stoßzähnen hoch in der Luft. Das Ganze erschien wie das Wogen eines von Grundwellen bewegten Meeres. Noch zeigte sich – um die Metapher weiter zu führen – keine Brandung; welcher Gefahr waren wir aber preisgegeben, wenn ein Sturm diese dahinwogende Masse empörte?

Inzwischen sank die Nacht – eine mond- und sternenlose finstere Nacht – hernieder. Durch die höheren Luftschichten wallte ein feiner Nebel daher.

Wie Banks vorausgesagt, konnten wir nach dem Eintritt völliger Finsterniß gar nicht daran denken, auf dieser gefährlichen Straße weiter zu fahren, sondern mußten wohl oder übel Halt machen. Der Ingenieur brachte also unseren Zug an einer breiteren Stelle des Thales zum Stehen, wo wir in eine kleinere Schlucht einfahren konnten, um der gefährlichen Heerde Raum zu lassen, ihre Wanderung nach Süden fortzusetzen.

Freilich vermochte Niemand vorherzusagen, ob die Heerde nicht an derselben Stelle wie wir Halt machen würde.

Als es dunkler wurde, bemächtigte sich unserer Nachfolger eine gewisse Unruhe, von der wir vorher nichts bemerkt hatten. Sie brüllten gewaltig, aber dumpf und dazu gesellten sich noch ganz eigentümliche, uns unbekannte Töne.

»Was hat das zu bedeuten? fragte Oberst Munro.

– Das ist, erklärte Kâlagani, der Ton, den diese Thiere von sich geben, wenn sie einen Feind in der Nähe wittern.

– Und als solchen betrachten sie augenblicklich offenbar uns, nicht wahr? fragte Banks.

– Das fürchte ich leider auch!« antwortete der Hindu.

Jenes erwähnte Geräusch glich fast entferntem Donner. Es erinnerte an das, welches man hinter den Coulissen eines Theaters durch Erschütterung eines großen Stahlbleches zu erzeugen pflegt. Die Elephanten berührten mit den Rüsseln fast den Boden und trieben die durch tiefe Einathmung aufgesammelte Luft gegen denselben aus, wodurch jenes dumpfe rollende Geräusch zu entstehen schien.

Es war jetzt neun Uhr Abends.

Wir befanden uns auf einer kleinen, etwa eine halbe Meile breiten offenen Ebene, an der die zu dem Puturia-See hinführende Straße ausmündete. An genanntem See hatte Kâlagani Halt zu machen vorgeschlagen, da jener aber noch gegen fünfzehn Kilometer von uns entfernt lag, mußten wir darauf verzichten, ihn noch heute zu erreichen.

Banks gab Befehl, den Dampf abzusperren. Der Stahlriese hielt an, wurde aber nicht abgespannt. Auch das Feuer sollte nicht gänzlich gelöscht werden. Storr erhielt Auftrag, stets Dampf zu halten, um in jedem Augenblick weiter fahren zu können. Wir mußten eben auf Alles vorbereitet sein.

Oberst Munro zog sich in seine Cabine zurück. Banks und Kapitän Hod wollten sich nicht niederlegen, und ich beschloß auch, ihnen Gesellschaft zu leisten. Uebrigens blieb des ganze Personal auf den Füßen. Was sollten wir aber beginnen, wenn es den Elephanten einfiel, das Steam-House zu überfallen?

Während der ersten Stunde dauerte rings um unseren Halteplatz eine dumpfes Gemurmel fort. Allem Anschein nach betrat die vierbeinige Gesellschaft nach und nach die kleine Ebene. Ob sie wohl darüber hinwegziehen und ihren Weg weiter nach Süden fortsetzen würde?

»Das wäre wohl möglich, meinte Banks.

– Sogar wahrscheinlich!« fügte Kapitän Hod hinzu, der noch immer an seiner optimistischen Auffassung festhielt.

Gegen elf Uhr wurde es stiller und zehn Minuten später herrschte ringsum das tiefste Schweigen.

Die Nacht war ruhig. Jedenfalls hätten wir das leiseste auffällige Geräusch wahrgenommen. Aber nichts ließ sich hören außer dem leisen Brodeln im Kessel des Stahlriesen. Nichts war zu sehen, außer dann und wann eine Garbe von Funken, welche aus dessen Rüssel emporstieg.

»Nun, hatte ich nicht recht? begann da Kapitän Hod. Sie sind abgezogen, die braven Elephanten!

– Glückliche Reise! sagte ich dazu.

– Abgezogen? bemerkte Banks den Kopf schüttelnd. Das werden wir sogleich sehen!«

Darauf rief er nach dem Mechaniker.

»Storr, sagte er, die Leuchtfeuer!

– Sofort, Herr Banks!«

Zwanzig Secunden später blitzten zwei elektrische Strahlenbündel aus den Augen des Stahlriesen hervor und beleuchteten, durch einen automatischen Mechanismus bewegt, allmälich jeden Punkt im Bereiche des Horizonts.

Da standen die Elephanten alle im großen Kreise rings um das Steam-House und unbeweglich wie eingeschlafen – vielleicht schliefen sie auch wirklich, die grellen Strahlen, welche ihre unförmigen Massen trafen, schienen ihnen aber ein übernatürliches Leben einzuhauchen. Durch eine einfache optische Täuschung nahmen diejenigen unter den Ungeheuern, auf welche die glänzenden Lichtbündel fielen, wahrhaft riesenmäßige Proportionen an, so daß sie an Größe mit unserem Stahlriesen wetteifern zu können schienen. Von den Lichtblitzen getroffen, erhoben sich dieselben plötzlich, so als hätte sie eine feurige Nadel gestochen. Sie streckten die Rüssel vor und die gewaltigen Zähne in die Höhe. Es sah aus, als wollten sie sich schon auf unseren Train stürzen. Aus den gewaltigen Kinnladen drang ein heiseres Knurren hervor. Wie durch Ansteckung bemächtigte sich Aller bald eine plötzliche Wuth und rings um unser Lager ertönte ein drohendes Geräusch, als ob hundert Hornisten auf einmal Appell bliesen.

»Auslöschen!« rief Banks.

Der elektrische Strom wurde sofort unterbrochen und der Lärm legte sich augenblicklich wieder.

»Sie lagern im Kreise rund umher, sagte der Ingenieur, und werden bei Tagesanbruch auch noch da sein.

– Hm!« brummte Kapitän Hod, dessen gutes Zutrauen doch ein wenig erschüttert schien.

Was war aber zu thun? Kâlagani wurde darum gefragt. Er machte kein Hehl daraus, daß er unsere Situation etwas beunruhigend fand.

Konnte man daran denken, den Lagerplatz in dieser pechschwarzen Nacht zu verlassen? Das war von vornherein unmöglich. Was hätte das auch nützen können? Die Elephantenheerde wäre uns unzweifelhaft nachgefolgt und unsere Lage erschien dann eher schlimmer, als am hellen Tage. Wir kamen also dahin überein, erst mit dem Morgengrauen aufzubrechen, mit möglichster Vorsicht und Schnelligkeit weiter zu dampfen, aber unser furchtbares Gefolge auf keine Weise zu reizen.

»Und wenn nun die Thiere nicht ablassen, uns zu folgen? fragte ich.

– So werden wir versuchen, eine Oertlichkeit zu erreichen, wo das Steam-House vor ihrem Angriffe gesichert ist. >

– Werden wir eine solche aber innerhalb der Vindhya-Berge finden? sagte Kapitän Hod.

– Doch, es giebt eine, fiel der Hindu ein.

– Und welche? fragte Banks.

– Den Puturia-See.

– Wie weit ist er von hier?

– Gegen neun Meilen.

– Aber Elephantm schwimmen auch, antwortete Banks, und vielleicht besser als irgend ein anderer Vierfüßler! Man hat schon beobachtet, daß sie sich einen halben Tag lang auf der Wasseroberfläche erhielten. Ist nicht auch zu fürchten, daß jene uns auf den Puturia-See nachfolgen und das Steam-House damit in eine noch gefährlichere Lage käme?

– Ich sehe keinen anderen Ausweg, einem Angriffe zu entgehen!

– So werden wir ihn versuchen!« antwortete der Ingenieur.

Es blieb uns in der That nichts anderes übrig. Vielleicht wagten sich die Elephanten unter diesen Verhältnissen doch nicht ins Wasser, oder wir konnten sie wenigstens überholen.

Mit Ungeduld erwarteten wir den Tag. Bald fing der Morgen an zu grauen. Während der Nacht war es zu keiner feindlichen Demonstration gekommen, mit Sonnenaufgang zeigte es sich aber, daß auch kein Elephant von der Stelle gewichen und das Steam- House von allen Seiten umschlossen war.

Da entstand eine allgemeine Bewegung auf dem Ruheplätze. Es schien, als ob die Elephanten alle einem Commando gehorchten. Sie schwangen die Rüssel, rieben die Stoßzähne am Boden, machten gleichsam Toilette, indem sie sich mit frischem Wasser bespritzten, und nagten endlich eine Portion des fetten Grases ab, an dem es dieser Stelle nicht fehlte. Endlich näherten sie sich dem Steam-House, manche derselben soweit, daß man sie aus dessen Fenstern schon mit Spießen hätte erreichen können.

Banks empfahl uns indessen ausdrücklich, ihnen auf keine Weise zu nahe zu treten. Es erschien zu wichtig, ihnen keine Veranlassung zu einem Angriffe zu bieten.

Einzelne von den Elephanten drängten sich jetzt immer mehr an unseren Stahlriesen heran. Offenbar wollten sie sehen, was an diesem gewaltigen, augenblicklich unbeweglichen Thiere sei. Erkannten sie in ihm wohl einen ihresgleichen? Vermutheten sie in ihm irgend welche geheimnisvolle Kraft? Am vergangenen Tage hatten sie keine Gelegenheit gehabt, jenen in Thätigkeit zu sehen, da sich auch die ersten Reihen immer in einer gewissen Entfernung hinter unserem Zuge hielten.

Was würden sie aber beginnen, wenn sie ihn erst schnaufen hörten, wenn sein Rüssel Dampfwirbel ausstieß, wenn sie ihn seine großen, gegliederten Füße heben, sich in Bewegung setzen und unsere rollenden Wagen mitschleppen sahen?

Oberst Munro, Kapitän Hod, Kâlagani und ich hatten vorn auf dem Wagen Platz genommen. Der Sergeant Mac Neil und seine Genossen hielten sich auf dem hinteren Theile auf.

Kâlouth stand vor seiner Feuerthür und beschickte den Rost noch immer mit Brennmaterial, obwohl der Dampf schon eine Spannung von fünf Atmosphären hatte.

Banks saß im Thürmchen neben Storr, die Hand am Regulator.

Die Zeit zur Abfahrt war herangekommen. Auf ein Zeichen von Banks öffnete der Mechaniker den Hahn zur Dampfpfeife,, die ihren schrillenden Laut ertönen ließ.

Die Elephanten erhoben die Ohren, dann wichen sie ein wenig zurück und räumten uns auf einige Schritte den Weg.

Jetzt strömte der Dampf in die Cylinder, eine Wolke drang aus dem Rüssel hervor, die Räder begannen sich zu bewegen, wirkten auf die Füße des Stahlriesen und der ganze Zug rückte von der Stelle.

Meine Gefährten werden Alle zustimmen, wenn ich sage, daß sich unter den Thieren der ersten Reihe zuerst eine gewisse Bestürzung bemerkbar machte. Sie wichen wenigstens auseinander und die Straße bot jetzt genügend Raum, um das Steam-House mit der Schnelligkeit eines in kurzem Trabe dahintrottenden Pferdes fortzutreiben.

Sofort aber setzte sich auch die ganze »proboscidische Masse« – ein Ausdruck des Kapitän Hod – vor und hinter uns mit in Bewegung. Die ersten Gruppen derselben nahmen die Spitze des Zuges ein, die letzten folgten dem Train. Alle schienen entschlossen, nicht von unserer Seite zu weichen.

Dabei begleiteten uns, da der Weg hier gerade breiter war, andere Elephanten noch an beiden Seiten, sowie etwa Reiter neben einem Wagen. Jetzt drängte sich Alles durcheinander, Männchen und Weibchen, Thiere von jeder Größe und von jedem Alter, Jünglinge von fünfundzwanzig Jahren und »gemachte Männer« von sechzig, alte Pachydermen, welche vielleicht über hundert Jahre zählten, und Babies neben ihren Müttern, die Lippen – nicht, wie man früher meinte, den Rüssel – an deren Brust und unterwegs saugend. Die ganze Gesellschaft hielt eine gewisse Ordnung ein, drängte sich nicht mehr als nöthig und regulirte ihren Schritt nach dem des Stahlriesen.

»Wenn sie uns in dieser Weise bis zum See begleiten, bemerkte Oberst Munro, so habe ich nichts dagegen....

– Gewiß, antwortete Kâlagani, was wird aber geschehen, wenn die Straße sich wieder verengert?«

Hierin lag allerdings eine Gefahr.

Während der drei Stunden, welche wir brauchten, um zwölf Kilometer von den fünfzehn zurückzulegen, welche zwischen dem letzten Halteplatz und dem Puturia- See lagen, ereignete sich nichts besonderes. Nur zwei- bis dreimal stellten sich einige Elephanten quer auf die Straße, als wollten sie dieselbe sperren. Der Stahlriese schritt jedoch mit horizontal vorgestreckten Stoßzähnen auf sie zu, und spie ihnen heißen Dampf ins Gesicht, wodurch sie leicht veranlaßt wurden, den Durchgang freizugeben.

Um zehn Uhr Morgens hatten wir also noch etwa drei Kilometer bis zum See vor uns. Da – so hofften wir wenigstens – mußten wir in verhältnißmäßig sicherer Stellung sein.

Im Falle die ungeheuere Heerde uns aber wirklich unbelästigt lassen sollte, beabsichtigte Banks, den Puturia- See, ohne daselbst zu halten, im Westen liegen zu lassen, um am nächsten Tage schon aus den Vindhyas herauszukommen. Dann hatten wir bis zur Station Jubbulpore nur noch eine Fahrt von wenigen Stunden.

Ich bemerke hier, daß das Land um uns nicht nur sehr wild, sondern auch völlig verlassen war. Nirgends sah man ein Dorf, nirgends eine Farm – der Mangel an Weideland erklärte das genügend – eine Karawane oder einen einzelnen Reisenden. Seit unserem Eintritt in die Gebirgslandschaft von Bundelkund waren wir noch keiner lebenden Seele begegnet.

Gegen elf Uhr begann das Thal, in dem das Steam-House hindampfte, sich allmälich zusammenzuziehen. Wie Kâlagani vorausgesagt, wurde die Straße bis zur Stelle, wo sie am See ausmündete, sehr schmal.

Unsere ohnehin beunruhigende Lage verschlimmerte sich dadurch natürlich noch weiter.

Wären die Elephanten nur vor oder hinter unserem Zuge hergetrabt, so hätte das ja keine besonderen Schwierigkeiten geboten. Aber die, welche uns zur Seite marschirten, konnten unmöglich länger daselbst bleiben. Entweder drängten uns diese gegen die Felsenwand neben der Straße, oder sie stürzten selbst in eine der Schluchten, die sich da und dort zwischen derselben öffneten. Instinctmäßig suchten die Thiere sich theils vor, theils hinter uns noch einen Platz zu erobern, wodurch wir so eingeengt wurden, daß unser Zug sich weder vor-, noch rückwärts bewegen konnte.

»Die Sache wird unangenehmer, sagte Oberst Munro.

– Ja freilich, erwiderte Banks, es wird nichts anderes übrig bleiben, als in die Masse einzudringen.

– Nun dann, darauf zu, darauf zu! rief Kapitän Hod. Alle Teufel! Die stählernen Stoßzähne unseres Riesen werden doch gegen die Elfenbeinzähne jener dummen Thiere aufkommen!«

Für den launigen Kapitän waren die Proboscidien jetzt schon nichts mehr als »dumme Thiere«.

»O gewiß, fiel der Sergeant Mac Neil ein, wir sind aber Einer gegen Hundert!

– Das gilt jetzt gleich, rief Banks; schnell vorwärts, sonst marschirt die ganze Heerde da hinten über unsere Köpfe weg!«

Die Einlaßventile wurden weiter geöffnet und der starke Dampfdruck brachte den Stahlriesen in schnellere Bewegung. Seine Stoßzähne erreichten einen der Elephanten dicht vor ihm.

Das Thier schrie laut auf vor Schmerz und die ganze Truppe stimmte bald mit ein. Ein Kampf, dessen Ausgang nicht vorauszusehen war, schien nun unvermeidlich.

Wir hatten die Waffen ergriffen, die Büchsen mit Spitzkugeln, die Flinten mit explodirenden Geschossen geladen und die Revolver in Bereitschaft gesetzt, um jeden Angriff nachdrücklich abweisen zu können.

Ein gewaltiges männliches Thier wandte sich, die Zahne zum Stoße bereit und die Hinterbeine fest auf die Erde gestemmt, zuerst in voller Wuth gegen das Steam-House.

»Ein »Gunesch!« rief Kâlagani.

– Ah, der hat ja nur einen Zahn! meinte Kapitän Hod, verächtlich die Achseln zuckend.

– Dafür ist er um so gefährlicher!« erwiderte der Hindu.

Kâlagani hatte jenen Elephanten mit dem Namen bezeichnet, den die Jäger für die Männchen mit nur einem Stoßzahn gebrauchen. Die Indier zollen diesen Thieren ganz besondere Verehrung, vorzüglich, wenn jenen der rechte Zahn fehlt. Unser Feind gehörte zu dieser Art und war, wie Kâlagani gesagt hatte, nur um so mehr zu fürchten.

Das zeigte sich auch bald. Der Gunesch stieß einen langen Ton, wie von einem Horn, aus, schlug den Rüssel zurück, dessen sich die Elephanten übrigens nie im Kampf bedienen, und drang auf unseren Stahlriesen ein.

Der Stoßzahn traf geradlinig das Deckblech der Brust, brach aber, als er hinter diesem auf die feste Kesselwand traf, glatt weg.

Wir fühlten den Stoß im ganzen Zuge. Dennoch bewegte sich dieser nach vorwärts und drängte den Gunesch, der ihn noch immer aufzuhalten suchte, unwiderstehlich zurück.

Der Ruf des letzteren war jedoch verstanden worden. Die ganze Heerde vor uns machte jetzt Halt und bildete ein unübersteigliches Hinderniß von lebenden Massen. Gleichzeitig stießen die hinteren Gruppen, welche ihren Weg fortsetzten, heftig gegen die letzte Veranda. Konnten wir der drohenden Zermalmung entgehen?

Einige von ihnen, die uns sonst zur Seite marschirten, faßten die Trittbretter der Wagen und schüttelten sie gewaltig.

Hielten wir an, so war es um den ganzen Train geschehen – jetzt galt es, sich nach Kräften zu vertheidigen. Büchsen und Flinten wurden auf die Angreifer gerichtet.

»Daß kein Schuß verloren geht! rief Kapitän Hod. Zielt nach dem Ursprung des Rüssels oder nach der Stelle unter den Augen; nur so ist etwas auszurichten!«

Wir thaten wie Kapitän Hod gesagt. Mehrere Schüsse krachten schnell hintereinander – ein wüthendes Schmerzgeheul antwortete darauf.

Drei oder vier gut getroffene Elephanten hinter und neben uns – ein glücklicher Umstand, da uns der Weg nicht versperrt wurde – stürzten zu Boden. Die ersten Gruppen wichen ein Stück zurück und der Zug konnte etwas vorwärts dringen.

»Wieder laden und abwarten!« befahl Kapitän Hod.

Wenn er unter dem Abwarten verstand, daß wir es erst zu einem ernsten Angriff kommen lassen sollten, so dauerte das nicht eben lange. Die ganze Heerde drängte sich jetzt gegen uns heran und wir schienen rettungslos verloren.

Ringsum ertönte ein wüthendes Geheul und Gebrüll. Man hätte glauben können, Kriegs-Elephanten vor sich zu haben, welche die Hindus durch besondere Mittel zur höchsten Wuth, die sie »Musth« nennen, anzustacheln verstehen. Man kann sich kaum etwas Entsetzlicheres vorstellen. In Guicowar bildet man »Elephantadors,« um gegen diese furchtbaren Thiere zu kämpfen; aber auch der verwegendste derselben wäre wohl vor den schrecklichen Feinden, welche das Steam-House bestürmten, zurückgewichen.

»Vorwärts! rief Banks.

– Feuer!« commandirte Hod.

Unter das beschleunigte Schnaufen der Maschine mischte sich der Knall der Gewehre. Auf diese sich hin und her schiebende Masse konnte man freilich nicht so sorgsam zielen, wie der Kapitän das empfohlen hatte. Jede Kugel fand zwar ein Stück Fleisch, um hineinzudringen, sie traf damit aber keineswegs immer tödtlich. Die verwundeten Elephanten wurden nur um so wüthender und antworteten auf unsere Flintenschüsse durch die Stöße ihrer gewaltigen Zähne, welche die Wände des Steam-Houses durchlöcherten.

Mit den Detonationen der Feuerwaffen, die man auf allen Seiten hörte, und dem Krachen der explodirenden Geschosse im Körper der getroffenen Thiere verband sich auch ferner das Zischen des durch künstlichen Zug noch mehr erhitzten Dampfes. Der Druck desselben nahm fortwährend zu. Der Stahlriese zwängte sich in den Haufen hinein, theilte ihn und drängte ihn zurück. Dazu arbeitete er mit dem beweglichen Rüssel, der gleich einer furchtbaren Keule auf die Fleischmassen niederfiel, die seine Stoßzähne zerrissen.

So kamen wir auf der engen Straße doch langsam vorwärts. Manchmal glitten wohl die Räder über dem Boden, griffen aber doch wieder mit ihren gefurchten Kränzen ein und wir näherten uns dem See mehr und mehr.

»Hurrah! rief Kapitän Hod, wie ein Soldat, der sich in das dichte Kampfgewühl stürzt.

– Hurrah! Hurrah!« riefen wir Alle nach ihm.

Da senkte sich eben ein Rüssel auf die vordere Veranda nieder. Ich sah schon den Augenblick kommen, wo Oberst Munro von dem lebenden Lasso emporgehoben und unter die Füße der Elephanten geschleudert werden würde. Das wäre sicherlich so weit gekommen, wenn nicht Kâlagani noch rechtzeitig zugesprungen wäre und den Rüssel durch einen kräftigen Axthieb getrennt hätte.

Der Hindu verlor also, obschon er sich an der allgemeinen Vertheidigung betheiligte, Sir Edward Munro doch niemals aus den Augen. Diese Ergebenheit gegen die Person des Obersten, welche er niemals verleugnete, lehrte uns wiederholt, wie er sich bewußt war, unter uns gerade diesen vorzüglich beschützen zu müssen.

O, welche unwiderstehliche Macht entwickelte doch unser Stahlriese! Mit welcher Sicherheit drang er in die Masse der Feinde ein, gleich einem Keil, der ja zuletzt jedes Hinderniß zu überwinden vermag. Da nun die hinter uns befindlichen Elephanten gleichzeitig nachdrängten, so kam unser Zug ohne Aufenthalt, wenn auch nicht ohne Erschütterungen, fast schneller vorwärts, als wir zu hoffen wagten.

Plötzlich entstand noch ein anderes Geräusch, das sich mitten unter dem allgemeinen Lärmen vernehmbar machte.

Eine Anzahl Elephanten zermalmte eben den zweiten Wagen, den sie an die Felsenwand drängten.

»Hierher zu uns! Schnell! Schnell!« rief Banks den Leuten zu, welche die Rückseite des Steam-Houses vertheidigten.

Goûmi, der Sergeant und Fox hatten sich schon aus dem zweiten Wagen geflüchtet.

»Wo steckt aber Parazard? fragte Kapitän Hod.

– Er will seine Küche nicht verlassen, antwortete Fox.

– So holt ihn mit Gewalt!«

Unser Koch hielt es offenbar für unvereinbar mit seiner Ehre, den ihm anvertrauten Posten aufzugeben. Den starken Armen Goûmis, wenn diese einmal anfaßten, hätte Jemand aber ebensowenig widerstehen können, wie den Backen einer Blechscheere. Monsieur Parazard sah sich also plötzlich wider Willen in den Speisesaal versetzt.

»Seid Ihr Alle da? rief Banks.

– Alle, antwortete Goûmi.

– So trennt die Verkuppelung!

– Die Hälfte unseres Zuges opfern! .... fuhr Kapitän Hod auf.

– Es muß sein!« erkärte Banks.

Die Ketten wurden gelöst, die Laufbrücke durch Axtschläge zertrümmert und unser zweiter Wagen blieb nun stehen.

Es war die höchste Zeit. Schon wurde der Wagen gepackt, emporgehoben und umgeworfen, und die Elephanten stürzten über denselben hin, um ihn durch ihr Gewicht vollends zu zerstören. Er bildete nur noch eine unförmige Ruine, welche jetzt die Straße hinter uns sperrte.

»Sehr schön! bemerkte Kapitän Hod, aber in einem Tone, der uns Alle zum Lachen reizte, und da sagen die Leute noch, so ein Thier könne nicht einmal ein Gottesküchlein zertreten!«

Wenn die nun einmal wüthenden Elephanten mit dem ersten Wagen eben so verfuhren wie mit dem zweiten, konnten wir uns keiner Täuschung über das unser harrende Geschick mehr hingeben.

»Schüre das Feuer, Kâlouth!« rief der Ingenieur.

Noch einen halben Kilometer, eine letzte Anstrengung und wir hatten den Puturia-See erreicht.

Auch jetzt versagte der gewaltige Stahlriese unter der Hand Storrs, der die Ventile so weit als möglich öffnete, den verlangten Dienst nicht. Er erzwang sich den Durchgang durch diesen Wall von Elephanten, bohrte ihnen die Stoßzähne in den Rücken, und sprühte ihnen kochenden Dampf entgegen, wie damals den Pilgern am Phalgou, oder übergoß sie mit Strahlen siedenden Wassers! ..... O, er that mehr als seine Schuldigkeit!

Endlich wurde der See jenseits der letzten Krümmung des Weges sichtbar.

Wenn unser Zug noch zwei Minuten Widerstand leistete, so waren wir gerettet.

Die Elephanten ahnten das, wie es schien – ein Beweis ihrer Intelligenz, welche Kapitän Hod vertheidigt hatte. Sie versuchten zum letzten Male, unseren Zug umzustürzen. Wir eröffneten dagegen das Feuer von Neuem. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln in die nächsten Reihen ein. Höchstens fünf oder sechs Elephanten sperrten uns noch den Weg, Die Meisten fielen und die Räder knarrten über einen von Blut getränkten Boden.

Etwa hundert Schritte vom See mußten wir noch diese letzten Thiere zu verdrängen suchen. »Noch einmal Dampf! Fest darauf!« rief Banks dem Mechaniker zu.

Der Stahlriese schnaubte, als würden noch ganz neue Maschinenkräfte in ihm geboren. Unter einem Drucke von acht Atmosphären zischte der Dampf aus den Sicherheitsventilen. Hätten wir diese nur im Geringsten belastet, so mußte der Kessel, dessen Wände erzitterten, unbedingt springen. Es war unnöthig. Nichts vermochte der Gewalt des Stahlriesen mehr zu widerstehen. Fast sprungweise stürmte das Ungethüm vorwärts. Was von unserem Zuge noch übrig war, folgte ihm polternd und schwankend und zermalmte, auf die Gefahr hin, selbst umzustürzen, die Glieder der gefallenen Elephanten. Wenn unser Wagen umfiel, wäre es freilich noch immer um alle Insassen desselben geschehen gewesen.

Dieses Unglück sollte uns erspart bleiben, wir erreichten das Ufer des Sees und bald schwamm der Zug auf dem ruhigen Wafser.

»Gott sei gelobt!« rief Oberst Munro.

Zwei oder drei in ihrer Wuth verblendete Elephanten, eilten in den See nach und versuchten noch auf der Wasserfläche Die zu verfolgen, welche sie auf dem festen Lande nicht zu besiegen vermochten.

Die Tatzen des Stahlriesen thaten jedoch ihre Schuldigkeit. Der Zug entfernte sich bald vom Ufer und einige wohlgezielte letzte Schüsse befreiten uns von den »See-Ungeheuern« gerade in dem Augenblicke, als sie die hintere Veranda mit den Rüsseln packen wollten.

»Nun, mein Herr Kapitän, fragte Banks, was halten Sie jetzt von der Sanftmuth der indischen Elephanten?

– Pah, erwiderte Kapitän Hod, gegen die Raubthiere ist das immer noch nichts! Setzen Sie nur dreißig Tiger an die Stelle der hundert Pachydermen, und ich wette, was Sie wollen, daß in diesem Augenblicke Niemand von uns übrig wäre, das erlebte Abenteuer zu berichten!«

< Achtes Capitel.
Zehntes Capitel. >



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