Frei Lesen: Der Archipel in Flammen

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Jules Verne

Der Archipel in Flammen

Fünfzehntes Kapitel.

eingestellt: 28.7.2007



Volle dritthalb Stunden hatte der Kampf zwischen der Flottille und der Korvette gedauert. Auf seiten der Korsaren mußten an 150 Mann gefallen oder blessiert sein; von den 250 Mann Besatzung der Korvette nicht weniger! was noch am Leben von ihr war, befand sich mit ihrem Kapitän, den Offizieren und den Passagieren in der Gewalt des erbarmungslosen Sakratif.

Sakratif oder Starkos war tatsächlich einundderselbe. Bisher hatte niemand eine Ahnung davon, daß sich unter diesem Namen ein Grieche verbarg, ein Sohn der Landschaft Magnos, ein Verräter, den die Tyrannen des Landes gedungen hatten, ein Renegat! Ja! Nikolas Starkos war es, der diese Piratenflotte befehligte, deren grausige Untaten Entsetzen über diese Meere gebracht hatte, der mit diesem schmählichen Handwerk einen noch schmählicheren Schacher betrieb; der an Barbaren, an Ungläubige seine den blutigen Gemetzeln entronnenen Landsleute verschacherte! Er, Sakratif! und dieser erschlichene Name, dieser Kriegs- oder vielmehr Piratenname war der Name des Sohnes der Andronika Starkos!

Sakratif – wie wir ihn von jetzt ab zu nennen haben – hatte die Insel Scarpanto seit Jahren zum Mittelpunkt seiner räuberischen Unternehmungen gemacht. Dort in den unbekannten Kanälen und Engen der östlichen Küste hätte man die Hauptstützpunkte seiner Flotte gefunden. Dort hatten sich Kameraden um ihn geschart, die allen Glauben abgeschworen, alles Gesetz für null und nichtig erklärt hatten, die ihm den blindesten Gehorsam entgegenbrachten, von denen er sich jeder Gewalttat, jeder Freveltat versehen, denen er jeden verwegenen Raubzug zumuten konnte. Dort verfügte er über annähernd zwei Dutzend Schiffe, über die er gebot wie ein Selbstherrscher.

Nach seiner Abfahrt von Korfu an Bord der »Karysta« war Sakratif direkt nach Scarpanto gesegelt, mit der Absicht, seinen Kriegszug im Archipel wieder zu beginnen, und in der Hoffnung, daß ihm die Korvette in den Wurf kommen werde, die er in See hatte stechen sehen und deren Bestimmungsort er kannte. Während er aber seine Aufmerksamkeit der »Syphanta« widmete, ließ er Hadschina und ihre Millionen nicht außer acht, und ebenso wenig gab er die Rachepläne gegen Henry dAlbaret auf.

Die Piratenflotte machte sich auf die Suche nach der Korvette; aber wenngleich Sakratif auch oft von ihr und von den Repressalien vernahm, die sie über das Raubgesindel im Archipel verhängte, so gelang es ihm doch nicht, sie zu stellen. Nicht er war es, wie man wissen wollte, der bei Lemnos befehligte, wo Kapitän Stradena den Tod gefunden hatte; wohl aber war er es gewesen, der bei Thasos auf der Sakolewa, den Kampf sich zu nutze machend, aus dem Hafen entwichen war. Bloß war ihm damals noch nicht bekannt, daß das Kommando über die Korvette von Henry dAlbaret geführt wurde: das erfuhr er erst, als er ihm auf dem Sklavenmarkte von Arkassa gegenüberstand.

Als Sakratif aus Thasos fuhr, war er zunächst in Syra vor Anker gegangen und knapp 48 Stunden vor der Korvette wieder in See gegangen. In der Annahme, daß die Sakolewa nach Kreta gesteuert sein müsse, war man nicht fehlgegangen. In Grabusa wartete die Brigg auf Sakratif, um nach Scarpanto mit ihm zurückzufahren, wo er einen neuen Raubzug plante. Dort bemerkte die Korvette die Brigg kurz nach ihrer Ausfahrt, nahm die Jagd auf, konnte ihrer, da sie die größere Fahrgeschwindigkeit für sich hatte, aber nicht habhaft werden.

Auch Sakratif hatte die »Syphanta« recht wohl erkannt. Sie anzurennen und durch Entern zu kapern, seinen Haß zu befriedigen durch ihre Vernichtung, war sein erster Gedanke gewesen. Aber er überlegte und fand, daß es richtiger sei, wenn die Korvette seine Verfolgung längs der Küste von Kreta aufnähme und ihn bis in die Gewässer von Scarpanto nachsetze, wo er zunächst in einem der allein ihm bekannten Schlupfhäfen verschwinden könne.

An diesem Plane hatte er festgehalten und in Scarpanto alles zum Ueberfall der »Syphanta« vorgesehen, als der Zufall die Lösung dieses Dramas beschleunigen sollte.

Die weiteren Vorgänge sind dem Leser bekannt; ebenso, was Sakratif auf den Sklavenmarkt in Arkassa führte, und wie er mit Henry dAlbaret, dem Kommandanten der »Syphanta« zusammenstieß, nachdem er Hadschina Elisundo unter den Gefangenen im Batistan wiedergefunden hatte.

Sakratif, in der Meinung, Hadschina sei noch immer die reiche Erbin des korfiotischen Bankiers, hatte alles daran gesetzt, sie mit den übrigen Sklaven an sich zu bringen. Die Dazwischenkunft Henry dAlbarets hatte diesen Plan zu nichte gemacht. Hierdurch aber in seinem Entschlusse, sich Hadschinas zu bemächtigen und an seinem Nebenbuhler zu rächen, die Korvette in den Grund zu bohren und ihre gesamte Besatzung über die Klinge springen zu lassen, bestärkt, zog Sakratif das unter Skopelo auf Kreuzfahrt begriffene Geschwader an sich und segelte nach der Westküste der Insel zurück. Daß Henry dAlbaret Scarpanto ohne Verzug verlassen würde, um seine Gefangenen in die Heimat zu schaffen, darüber konnte niemand im Zweifel sein. Sobald Sakratif sein Geschwader beisammen hatte, wurde deshalb sofort in See gestochen. Die Witterungsverhältnisse hatten seine Fahrt begünstigt und seine Unternehmungen glückten: die »Syphanta« fiel in seine Gewalt.

Als Sakratif den Fuß auf das Verdeck der Korvette setzte, war es drei Uhr nachmittags. Die Brise begann wieder frisch zu werden: dadurch gewannen die anderen Schiffe die Möglichkeit sich auf die Stellungen zurück zu begeben, von wo aus sie die »Syphanta« unter dem Feuer ihrer Geschütze hielten. Die an den Flanken der Korvette hängenden beiden Briggs mußten dagegen abwarten, bis ihr Befehlshaber sich dort an Bord begäbe.

Zur Zeit dachte derselbe hieran nicht, und etwa hundert Korsaren blieben mit ihm an Bord der Korvette.

Noch hatte Sakratif nicht das Wort an den Kommandanten dAlbaret gerichtet. Er hatte sich begnügt, mit Skopelo ein paar Worte zu wechseln, dem er Befehl gab, die Gefangenen, Offiziere und Matrosen unter Deck zu schaffen, dessen Luken sich hinter ihnen schlossen. Welches Schicksal behielt er ihnen vor? Jedenfalls einen furchtbaren Tod; zusammen mit ihrem Schiffe, zusammen mit der »Syphanta« sollten sie den Untergang finden!

Auf dem Oberdeck standen bloß noch Henry dAlbaret und Kapitän Todros, entwaffnet, gefesselt, bewacht.

Umringt von einem Dutzend seiner wildesten Gesellen, trat Sakratif einen Schritt auf sie zu.

»Es war mir nicht bekannt, daß die »Syphanta« von Henry dAlbaret befehligt würde. Hätte ich das gewußt, so würde ich nicht gezaudert haben, ihm den Kampf schon in den Meeren von Kreta anzubieten: der Weg nach Scarpanto, um der Gnadenbrüderschaft das Feld streitig zu machen, wäre ihm dann erspart geblieben!«

»Hätte sich Nikolas Starkos uns in den Meeren von Kreta gestellt,« versetzte dAlbaret, »so hinge er jetzt an der Fockraa der »Syphanta«!«

»Wirklich?« höhnte Sakratif – »eine prompte Justiz!«

»Wie sie einem Korsarenhäuptling zukommt!«

»Hütet Eure Zunge, dAlbaret!« rief Sakratif; »noch hängt die Fockraa am Mast Eurer Korvette ... ein Wink von mir ...«

»Gebt ihn!«

»Einen Offizier knüpft man nicht auf!« rief Kapitän Todros dazwischen, »einen Offizier erschießt man! Solchen ehrlosen Tod ...«

»... hat man von ehrlosen Schurken zu erwarten, Todros!« fiel ihm dAlbaret ins Wort.

Diesem Worte folgte ein Wink Sakratifs, dessen Bedeutung seine Korsaren allzu gut kannten.

Wer Wink bedeutete dAlbarets Todesurteil.

Ein halbes Dutzend Korsaren stürzte sich auf Henry dAlbaret, während die anderen den Kapitän Todros hielten, der an seinen Fesseln riß wie ein Rasender.

Der Kommandant der »Syphanta« wurde nach dem Vorderschiff geschleppt unter den gräßlichsten Flüchen und Verwünschungen. Schon war das Hißtau um die Spitze der Raa geschlungen, und nur noch Sekunden konnten verstreichen, bis die schmähliche Hinrichtung an der Person eines französischen Offiziers vollzogen war – als Hadschina Elisundo auf dem Verdeck erschien.

Auf Sakratifs Befehl war das junge Mädchen aus dem Zwischendeck heraufgeholt worden. Daß Nikolas Starkos der gefürchtete Korsarenhäuptling war, wußte sie nun; aber weder ihre Ruhe noch ihr Stolz sollten sie verlassen.

Zunächst suchten ihre Blicke Henry. Ob er seine dezimierte Mannschaft überlebt habe, wußte sie nicht ... Da sah sie ihn! ... er war am Leben ... am Leben, um die Todesstrafe zu erleiden!

Sie lief auf ihn zu mit dem Schrei: »Henry! ... Henry!«

Die Korsaren wollten sie auseinander reißen, als Sakratif auf das Vorderschiff der Korvette zutrat und wenige Schritte vor Hadschina und Henry stehen blieb.

Mit grausamem Hohne betrachtete er sie.

»Also Hadschina Elisundo in der Gewalt von Nikolas Starkos!« rief er, die Arme übereinander schlagend; »die Erbin des reichen Bankiers von Korfu also, in meinen Händen!«

»Die Erbin des Bankiers von Korfu wohl, aber nicht das Erbe!« erwiderte Hadschina kalt.

Für diese Unterscheidung konnte Sakratif kein Verständnis finden. Deshalb fuhr er fort:

»Ich gehe wohl nicht irre, wenn ich annehme, die Braut von Nikolas Starkos wird ihm keinen Korb geben, weil sie ihn unter dem Namen Sakratif wiederfindet!«

»Ich – Braut von Euch!« rief Hadschina.

»Ja doch!« versetzte Sakratif mit noch schärferer Ironie. »Daß Ihr Euch dankbar erweist gegen den edelmütigen Kommandant der »Syphanta« – dafür daß er Euch freikaufte, – ist ja in Ordnung. Aber was er getan, war mein Wille auch! Um Euretwillen, nicht um der andern Sippe willen, bot ich auf der Auktion. Ja! Bloß um Euretwillen setzte ich all mein Hab und Gut aufs Spiel! Ein Moment noch, schöne Hadschina! und ich war Euer Gebieter ... oder vielmehr Euer Sklave!«

Mit diesen Worten tat Sakratif einen Schritt weiter vorwärts ... Hadschina schmiegte sich enger an Henry dAlbaret.

»Elender!« schrie sie.

»Freilich, Hadschina! elend, recht elend!« versetzte Sakratif; »gerade um meines Elends willen rechne ich ja auf die Millionen!«

Bei diesen Worten trat das Mädchen auf Sakratif zu.

»Nikolas Starkos,« sprach sie mit ruhiger Stimme, »von dem Vermögen, nach welchem Ihr begehrt, besitzt Hadschina Elisundo nichts mehr! Dieses Vermögen hat sie verausgabt, um die Sünde gut zu machen, durch die es ihr Vater erworben hat! Nikolas Starkos, Hadschina Elisundo ist jetzt ärmer als der ärmste dieser Elenden, die auf der »Syphanta« in die Heimat fuhren!«

Diese unvermutete Enthüllung rief bei Sakratif eine gänzliche Umwandlung hervor. Seine Haltung wurde im Nu eine andere. In seinen Augen blitzte die Wut. Ja! er rechnete noch immer auf jene Millionen, die Hadschina Elisundo jetzt gern geopfert hätte, um Henry dAlbaret das Leben zu retten! Aber von diesen Millionen – sie hatte die Worte gesprochen mit einem Ausdruck solcher Wahrhaftigkeit, daß aller Zweifel ausgeschlossen war – von diesen Millionen besaß sie keinen Pfennig mehr!

Sakratif betrachtete Hadschina ... er betrachtete Henry dAlbaret. Skopelo hielt ihn im Auge, kannte er ihn doch zur Genüge, um zu wissen, welche Lösung dieses Drama nehmen würde. Zudem waren ihm Befehle zur Vernichtung der »Syphanta« bereits gegeben worden: er harrte bloß noch des Winkes, sie auszuführen.

Sakratif drehte sich zu ihm herum.

»Los, Skopelo!« befahl er.

Von einigen Spießgesellen gefolgt, stieg Skopelo die Treppe hinunter, die zu den Stückpforten führte, und schritt nach der Pulverkammer, die am Hinterschiff der »Syphanta« lag.

Gleichzeitig befahl Sakratif den Korsaren, auf die noch an den Flanken der Korvette hängenden Briggs zurückzutreten.

Henry dAlbaret hatte begriffen. Nicht bloß sein Tod allein sollte Sakratifs Rache stillen. Hunderte von Unglücklichen waren zum Untergange mit ihm verdammt, um den Haß dieses Ungeheuers vollständiger zu stillen!

Die beiden Briggs hatten schon die Enterhaken gelöst und Segel an den Wind gebracht zur Unterstützung ihrer Ruder, um sich von der Korvette zu entfernen. Etwa zwei Dutzend Korsaren waren nur noch an Bord der Korvette; ihre Boote warteten längs der »Syphanta« des Befehls, zusammen mit ihrem Häuptling abzustoßen.

Da erschien Skopelo mit seinen Leuten wieder auf Deck.

»In die Boote!« kommandierte Skopelo.

»Alles in die Boote!« schrie Sakratif mit entsetzlicher Stimme. »In ein paar Minuten wird nichts mehr zu sehen sein von diesem verfluchten Schiffe! Ha, du wolltest keinen ehrlosen Tod, Henry dAlbaret! Sei es! die Explosion wird weder dich, noch die Gefangenen, noch die Mannschaft, noch die Offiziere der »Syphanta« verschonen! Bedanke dich bei mir, daß ich dir solchen Tod in so guter Gesellschaft lasse!«

»Ja! bedanke dich bei ihm, Henry!« sagte Hadschina, »bedank dich bei ihm! So sterben wir wenigstens zusammen!«

»Du sterben, Hadschina!« versetzte Sakratif; »nein, meine Schöne! Du sollst leben, leben als meine Sklavin! ... verstehst du? als meine – Sklavin!«

»Der Elende!« rief Henry dAlbaret.

Das junge Mädchen hatte sich eng an Henrys Brust geschmiegt ... Sie in der Gewalt dieses Menschen!

»Packt sie!« befahl Sakratif.

»Und ins Boot hinunter!« ergänzte Skopelo ... »die Zeit drängt!« Zwei Piraten hatten sich auf Hadschina gestürzt! sie rissen das Mädchen zur Schanzkleidung der Korvette.

»Und nun,« schrie Sakratif ... »in die Luft mit Schiff und Mann ... alle in den Tod ...«

»Ja! alle, alle! ... und deine Mutter mit!«

Die gefangene Greisin stand auf dem Deck ... gleich einem Gespenst ... diesmal mit unverhülltem Antlitz.

»Meine Mutter!« ... schrie Sakratif ... »meine Mutter an Bord!«

»Ja, Nikolas Starkos! Deine Mutter!« antwortete Andronika ... »und von deiner Hand werde ich sterben!«

»Hinweg mit ihr!« brüllte Sakratif; »ins Boot mit ihr!«

Mehrere seiner Korsaren stürzten sich auf Andronika.

Da aber wurde das Deck der »Syphanta« überflutet von all der Mannschaft, die noch am Leben war. Es war ihnen gelungen, die Luken im Zwischendeck, wo sie eingesperrt lagen, zu sprengen und zum Vorderschiff hinaus zu brechen.

»Hierher! ... hierher!« schrie Sakratif.

Die Korsaren, die noch auf dem Verdeck der Korvette waren, suchten, von Skopelo mit fortgerissen, zu ihrem Häuptling zu gelangen. Die mit Beilen und Dolchen bewaffnete Mannschaft der Korvette hatte sie schnell bis auf den letzten Mann niedergehauen.

Sakratif fühlte sich verloren. Zum wenigsten fanden aber alle, die er mit seinem Hasse verfolgte, mit ihm den Tod.

»Flieg in die Luft, verfluchtes Schiff!« schrie er; »flieg in die Luft!«

»In die Luft! ... unsre »Syphanta«! Nun und nimmer!«

Xaris war es, der den Ruf getan ... Xaris, der jetzt mit der brennenden Lunte auf das Deck herauf stürzte, die er von einem Pulverfasse in der Pulverkammer gerissen hatte ... Mit einem Sprunge war er neben Sakratif ... und mit einem Hiebe seiner Axt hatte er ihn auf das Deck gestreckt!

Andronika schrie auf. Alles, was im Herzen einer Mutter von mütterlichem Gefühl für einen so verbrecherischen Sohn noch leben kann, kam in ihr zum Ausbruch. Wie gern hätte sie den Todesstreich von seinem Haupte gewandt!

Sie trat zu der Leiche heran, sie kniete neben ihr nieder, als wolle sie ihm im letzten Augenblick verzeihen, ihr letztes Lebewohl sagen. Dann brach sie neben ihm zusammen.

Henry dAlbaret stürzte zu ihr.

»Tot!« rief er. »Verzeih Gott dem Sohne aus Mitleid mit der Mutter!«

Inzwischen waren einige von den Korsaren bis zu den Briggs hinüber gelangt. Im Nu verbreitete sich die Kunde vom Tode des Häuptlings.

»Rache! Rache dem Häuptling!« schrie es von allen Seiten, und die Kanonen der Korsarenflotte dröhnten wieder gegen die »Syphanta«.

Diesmal umsonst! Henry dAlbaret befehligte wieder die Korvette. Was von seiner Mannschaft noch am Leben war – etwa hundert alles in allem – trat an die Geschütze und Karronaden, die den Salven der Korsaren siegreiche Antwort gaben. Bald war die eine Brigg, – die Sakratifs Flagge getragen hatte – unter Wasser gesetzt und versank unter greulichen Flüchen ihrer Besatzung.

»Drauf, Jungens! drauf!« schrie Henry dAlbaret, »wir retten noch unsere »Syphanta!«

Auf allen Seiten tobte der Kampf wieder. Aber der unbezwingliche Sakratif riß seine Korsaren nicht mehr mit fort ... und auf die Gefahren eines neuen Enterversuchs wagten es die Korsaren nicht ankommen zu lassen.

Bald blieben bloß fünf Fahrzeuge von der Korsarenflottille noch übrig. Den Kanonen der »Syphanta« konnten sie nicht mehr standhalten; die Brise ausnützend, ergriffen sie die Flucht.

»Vivat Griechenland!« rief Henry dAlbaret, während seine Flagge wieder an der Spitze des Großmastes aufstieg.

»Vivat Frankreich!« antwortete die gesamte Mannschaft, die beiden Länder vereinend, die während des Unabhängigkeitskrieges so enge Kameradschaft gehalten hatten.

Es war nun die fünfte Nachmittagsstunde herangekommen. Trotz so vieler Strapazen wollte kein Mann früher an Ruhe denken, als bis die Korvette wieder in seetüchtigem Zustande war. Ueber den hierzu notwendigen Arbeiten kam der Abend heran, und in der achten Stunde war die »Syphanta« wieder auf nordwestlicher Fahrt begriffen.

Andronikas Leiche wurde auf dem Hinterdeck mit all der hohen Achtung beigesetzt, die das Andenken an ihre Vaterlandsliebe forderte. Henry dAlbaret wollte ihre sterblichen Reste im Schoße des Vaterlandes betten, dem sie so tapfer gedient! An Nikolas Starkos Leiche hingegen wurde eine Kugel gebunden, und Kugel mit Leiche in das Meer jenes Archipels gesenkt, über den er als Korsar Sakratif soviel Jammer und Elend gebracht hatte.

24 Stunden nachher, am 7. September, gegen 6 Uhr abends, sichtete die »Syphanta« die Insel Aegina und fuhr in den Hafen derselben ein, nach einjähriger Kreuzfahrt, die den griechischen Meeren ihre Sicherheit wiedergegeben hatte.

Dort erzitterte die Luft von dem Hurrageschrei der Passagiere. Dann verabschiedete sich Henry dAlbaret von seinen Offizieren und seiner Mannschaft und legte den Befehl über die Korvette, die Hadschina Elisundo der neuen Regierung zum Geschenk machte, in die Hände des Kapitäns Todros.

Wenige Tage später fand unter gewaltigem Zulauf der Bevölkerung und in Gegenwart des Stabes und der Mannschaft der »Syphanta«, wie der durch die »Syphanta« befreiten Gefangenen die Vermählung Henry dAlbarets mit Hadschina Elisundo statt. Am andern Tage schifften sich beide mit Xaris, der sie nicht verlassen durfte, nach Frankreich, aber mit der Absicht, nach Griechenland zurückzukehren, sobald sich dessen Verhältnisse gefestigt hätten.

In die so lange unsicheren Meere Griechenlands zog wieder Ruhe und Frieden ein. Die letzten Korsaren waren verschwunden, und niemals wieder traf die »Syphanta« unter Todros Befehl auf jene Schwarzflagge, die mit Sakratif ins Meer gesunken war.

Kein »Archipel in Flammen« war es, der Griechenlands Erde einschloß, sondern, nachdem die letzten Brände ausgetobt hatten, jener gesegnete, dem Handel mit dem fernsten Orient wieder erschlossene Archipel!

Dank dem Heldenmute seiner Kinder, erstand das Königreich der Hellenen und gewann seinen Platz unter den freien und selbständigen Staaten Europas. Am 22. März 1829 unterzeichnete der Sultan eine Konvention mit den verbündeten Mächten. Am 22. September sicherte die Schlacht von Patras den Griechen den Sieg, und 1832 wurde durch den Londoner Vertrag dem Prinzen Otto von Bayern die Krone übertragen. Das Königtum Griechenland war begründet.

Zu dieser Zeit kehrten Henry und Hadschina dAlbaret in die sonnige Heimat zurück, freilich unter bescheidenen Vermögensverhältnissen. Aber was fehlte ihnen zum Glücke, da sie dessen in sich selber im Uebermaße fanden?

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