Frei Lesen: Der Archipel in Flammen

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Jules Verne

Der Archipel in Flammen

Viertes Kapitel.

eingestellt: 28.7.2007



Während die »Karysta« nordwärts segelte, nach einem Ziele, das bloß ihrem Kapitän bekannt war, spielte sich auf Korfu ein Ereignis ab, das zwar nur privaten Charakters war, nichtsdestoweniger aber die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Hauptpersonen dieser Erzählung lenken sollte.

Seit dem Jahre 1815 waren bekanntlich zufolge der damals geschlossenen Verträge die Ionischen Inseln unter englisches Protektorat gestellt worden, nachdem sie bis 1814 demjenigen Frankreichs den Vorzug gegeben hatten. Als größte und bedeutendste der ganzen Gruppe, zugleich auch am weitesten westlich gelegen, gilt Korfu; sonst sind aus der Gruppe noch zu nennen: Cerigo, Zante, Ithaka, Kefalonia, Leukadia und Paxos. Korfu ist das Korkyra des Altertums, bekannt in demselben durch den König Alkinous, den edelsinnigen Gastfreund des Jason und der Medea und aus dem trojanischen Kriege durch die Landung des Ulysses; im Mittelalter im wechselseitigen Besitze von Franken, Bulgaren, Sarazenen und Neapolitanern, im 16. Jahrhundert durch den algerischen Seeräuber Barbarossa, im 18. verteidigt durch den Grafen von Schulenburg, gegen Ausgang des ersten Kaiserreichs durch General Donzelot, und von da ab Sitz eines britischen Oberkommissariats.

Zur Zeit unserer Erzählung unterstand dies letztere dem Befehle Sir Frederick Adams, Gouverneurs der Ionischen Inseln. Angesichts der Möglichkeiten, die durch den Krieg der Griechen gegen die Türken entstehen konnten, standen ihm unausgesetzt mehrere Fregatten zum Zwecke polizeilicher Überwachung dieser Gewässer zur Disposition. Dazu waren tatsächlich andere als Fahrzeuge solcher Ordnung nicht zu verwenden, denn den griechischen Archipel machten nicht bloß Griechen und Türken und Träger von Kaperbriefen, sondern vorzugsweise Seeräuber zu jener Zeit unsicher, die keine Nationalität verschonten, sondern jedes Schiff enterten und plünderten, dessen sie habhaft werden konnten.

Es kamen damals in Korfu Fremde aller Art zusammen, vorzugsweise solche, die während der letzten 3–4 Jahre durch die verschiedenen Phasen des Unabhängigkeitskriegs nach Griechenland gezogen worden waren. Von Korfu schifften sich die einen nach dem Kriegsschauplatz ein, während die anderen sich in Korfu aufhielten, um sich von den grenzenlosen Strapazen, die der Krieg auferlegte, eine Zeitlang zu erholen.

Unter diesen letzteren haben wir eines jungen Franzosen zu gedenken, der, von leidenschaftlicher Begeisterung für die edle Sache erfüllt, seit fünf Jahren tätigen und ruhmvollen Anteil an den wichtigsten Ereignissen genommen hat, deren Schauplatz die hellenische Halbinsel war.

Henry dAlbaret, Schiffsleutnant der damals königlichen Marine von Frankreich, und zwar einer der jüngsten im Range, auf unbeschränkte Zeit beurlaubt, 29 Jahre alt, von mittlerer Größe und kräftiger Natur, war seit Anfang des Krieges unter die Flagge der französischen Philhellenen getreten und erfreute sich zufolge seiner vornehmen und männlich-schönen Erscheinung und angenehmen Umgangsformen, seines freien, offenen Wesens und seiner guten, weitreichenden Beziehungen einer ziemlich allgemeinen Beliebtheit.

Henry dAlbaret stammte aus einer reichen Pariser Familie. Seine Mutter hatte er kaum gekannt. Sein Vater war zu der Zeit ungefähr gestorben, als der Sohn mündig wurde, also im zweiten oder dritten Jahre nach dessen Absolvierung der Seemannsschule. Hierdurch in den Besitz eines ziemlich bedeutenden Vermögens gelangt, hatte er trotzdem den Seemannsberuf nicht aufgegeben, sondern war vielmehr als einer der ersten mit nach Griechenland geeilt, um seine seemännischen Kenntnisse in den Dienst dieses um seine Freiheit ringenden unglücklichen Landes zu stellen. Unter Maurocordato hatte er 1822 bei Arta, dann vor Missolunghi, 1823 unter Marco Botsaris, 1824 in den siegreichen Seegefechten gegen Mehemet-Ali, 1824 unter dem Obersten Fabvier bei Tripolitsa, 1826 im Juli bei Chaidari gekämpft. In dieser furchtbaren Schlacht, die den Philhellenen unersetzliche Verluste schlug, hatte er Andronika Starkos das Leben gerettet. Bald darauf war er wieder zu seinem Kommandanten, dem Oberst Fabvier, gestoßen, um neben ihm bei Methenä zu kämpfen.

Mit 1500 Mann verteidigte zur Zeit Kommandant Guras die Akropolis von Athen. In diese Feste hatten sich 500 Weiber und Kinder gerettet, denen durch die Türken bei der Eroberung der Stadt die Flucht abgeschnitten worden war. Guras hatte Proviant für ein Jahr, verfügte über Material von vierzehn Kanonen und drei Haubitzen, hatte aber keine Munition mehr. Oberst Fabvier faßte nun den Entschluß, die Akropolis mit Munition zu versorgen. Er rief Freiwillige auf zu diesem Wagestück: 530 Mann entsprachen seinem Rufe, darunter 40 Philhellenen und an der Spitze derselben Henry dAlbaret. Jeder dieser verwegenen Parteigänger schiffte sich mit einem Sack Pulver unter Fabiers Befehl zu Methenä ein.

Am 13. Dezember landet dies kleine Korps fast direkt am Fuße der Akropolis. Ein Mondstrahl trifft und verrät sie. Die Türken begrüßen sie mit Gewehrsalven. Fabvier kommandiert: »Vorwärts!« Alle Mann klettern mit ihren Pulversäcken, die aller Augenblicke explodieren und sie in Stücke reißen können, den Graben hinauf und dringen durch die offnen Tore in die Feste. Siegreich schlagen die Belagerten die Türken zurück. Aber Fabvier ist verwundet, sein Major fällt, von einer Kugel getroffen, und auch Henry dAlbaret sinkt. Die Regulären mit ihren Offizieren sind nun in der Feste eingeschlossen zusammen mit den Belagerten, denen sie mit solchem Todesmute Hilfe gebracht haben und die sie nun nicht wieder ziehen lassen wollen.

In der Feste muß nun der junge Offizier, dessen Blessur zum Glück nicht schwerer Natur ist, alle Not mit den Belagerten teilen, die schließlich auf ein paar Rationen Gerste als einzige Nahrung angewiesen sind. Ein halbes Jahr verstreicht, ehe ihm durch die mit dem Türkengeneral Kiutaghi abgeschlossene Kapitulation die Freiheit zuteil wird. Erst am 5. Juni 1827 ist Oberst Fabvier mit seinen Freiwilligen und den Belagerten in der Lage, die Feste zu verlassen und sich auf Transportschiffe nach Salamis zu begeben.

Henry dAlbaret mochte, trotzdem er noch sehr schwach war, nicht länger in Athen verweilen und schiffte sich nach Korfu ein. Hier suchte er nun seit acht Wochen Erholung von seinen Strapazen und Genesung von seinen Leiden; hier harrte er der Stunde, da er seinen Posten in der vordersten Reihe wieder bekleiden könnte, als der Zufall seinem Leben, das bislang nur militärischen Pflichten geweiht war, ein neues Interesse verleihen sollte.

In Korfu, am äußersten Ende der Strada Reale, stand ein altes Haus von unscheinbarem Aussehen, halb im griechischen, halb im italienischen Stil gebaut. Dort wohnte ein Mann, der sich wenig sehen ließ, von dem aber viel gesprochen wurde, nämlich der Bankier Elisundo. Ob er ein Sechziger war oder ein Siebziger, hätte kaum jemand sagen können. Seit etwa 20 Jahren wohnte er in dem düstern Hause, aus dem er kaum je den Fuß setzte. Statt dessen aber fanden um so mehr Leute den Weg zu ihm, und zwar Leute aller Länder und aller Stände, und alles Leute, die ihn brauchten. Ganz ohne Frage wurden in diesem unscheinbaren, aber aufs beste renommierten Bankhause sehr bedeutende Geschäfte abgeschlossen. Elisundo galt zudem für einen schwerreichen Mann. Kein Haus auf den ionischen Inseln bis nach Zara und Ragusa in Dalmatien hin hätte mit dem Bankhause Elisundo in Korfu in Konkurrenz treten können. Eine Tratte vom Bankhause Elisundo war so gut wie bares Geld. Auf unsichre Geschäfte ließ Elisundo sich niemals ein, ja er galt sogar für übervorsichtig, um nicht zu sagen engherzig, in Geschäftssachen. Ohne vorzügliche Referenzen und goldsichre Bürgschaften lehnte er allen Verkehr ab; dagegen schien seine Kasse, sobald diese Bedingungen erfüllt waren, unerschöpflich zu sein. Fast all seine Geschäfte besorgte Elisundo selbst; es war nur ein einziger Mensch in seinem Hause, von welchem später die Rede sein wird, dem die unwichtigeren Kontorarbeiten oblagen. Elisundo war sowohl sein eigener Kassierer als sein eigener Buchhalter. Keine Tratte ging anders aus dem Hause als durch seine Hände, kein Brief ging aus dem Hause, der nicht von ihm geschrieben war. Nie hatte im Kontor von Elisundo ein fremder Kommis gesessen: ein Umstand, der nicht wenig dazu beitrug, dem Bankhause einen besonderen Charakter, den von ihm geschlossenen Geschäften ein strenges Geheimnis zu wahren.

Woher der Bankier gebürtig war? Aus Illygrien oder Dalmatien, hieß es. Aber Genaues in dieser Hinsicht wußte niemand. Stumm wie das Grab über seine Vergangenheit, noch stummer als das Grab über alles, was sein gegenwärtiges Leben anbetraf, mied er allen Umgang mit der Gesellschaft Korfus. Als die Inselgruppe unter Frankreichs Protektorat gestellt wurde, war seine Existenz bereits ganz dieselbe wie zu der spätern Zeit, als ein britischer Gouverneur auf den Inseln amtierte. Höchst wahrscheinlich war nicht alles buchstäblich zu nehmen, was über das Vermögen des Mannes, das die Leute nach Hunderten von Millionen schätzten, gesprochen wurde. Aber reich, sehr reich mußte Elisundo sein, wenn er auch höchst bescheiden lebte und kaum Bedürfnisse zu haben schien. Elisundo war Witwer und zwar schon, als er sich in Korfu mit einem damals zweijährigen Töchterchen niederließ. Jetzt war dies Töchterchen, das den Namen Hadschina führte, 22 Jahre alt und führte dem Vater das Haus.

Ueberall, auch in jenen Ländern des Orients, die durch Frauenschönheit berühmt sind, würde Hadschina Elisundo als ein Weib von wunderbarer Schönheit gegolten haben, und zwar trotz dem etwas ernsten Ausdruck ihrer Züge. Wie hätte dieser Ausdruck aber anders sein sollen in dieser Umgebung, in der sich ihre ganze Jugend abgespielt hatte? ohne die führende Hand einer Mutter? ohne eine Genossin, mit der sie die ersten Mädchengedanken hätte austauschen können? Hadschina Elisundo war von mittlerer Größe, aber von vornehmer Figur. Durch ihre griechische Herkunft mütterlicherseits erinnerte sie an den Typus jener schönen jungen Weiber Lakoniens, die über alle Weiber des Peloponnes den Sieg davontrugen.

Von einer besonderen Zärtlichkeit war zwischen Tochter und Vater keine Rede; sie konnte auch kaum vorhanden sein. Der Bankier lebte allein, still, zurückgezogen – er gehörte zu jenen Menschen, die zumeist den Kopf wenden und die Augen bedecken, als wenn ihnen das Licht weh täte. Wenig mitteilsam sowohl in seinem Privatleben wie im öffentlichen Leben, ging er niemals aus sich heraus, selbst im Verkehr mit seinen Geschäftskunden nicht. Wie hätte also Hadschina solchem abgeschlossenen Leben Reiz abgewinnen können, da sie im Bereich der Mauern, hinter denen ihr Leben verfloß, kaum den Weg zum Vaterherzen offen fand!

Zum Glück lebte in ihrer Nähe eine gutmütige, treue, liebevolle Seele, die bloß lebte für ihre junge Herrin, die mit ihr traurig war, deren Züge sich aufhellten, wenn sie auf den Zügen der Herrin Fröhlichkeit sah. Ihr ganzes Leben ging auf im Leben ihrer Hadschina. Es war kein Hund, wie man nach diesen Worten vielleicht meinen könnte – nein! es war ein Mann, aber ein Mann, der verdient hätte, ein Hund zu sein: er war bei Hadschinas Geburt schon im Hause Elisundo gewesen – er hatte Hadschina, seit sie auf der Welt war, nie verlassen – er hatte sie gewiegt als kleines Kind – er diente ihr, treu und ehrlich, seit sie als junges Mädchen in die Welt getreten war.

Der Mann war ein Grieche mit Namen Xaris, ein Milchbruder von Hadschinas Mutter und war ihr, als sie den Bankier von Korfu heiratete, dorthin gefolgt. Also war er schon über 20 Jahre in Elisundos Hause, wo er eine Stellung einnahm höher als die eines gewöhnlichen Dieners oder Angestellten, denn sobald es sich um leichtere Schreibarbeit handelte, half er auch Elisundo.

Xaris war, gleich gewissen typischen Erscheinungen Lakoniens, ein Mann von hoher Figur, breitschultrig, von außergewöhnlicher Muskelstärke. Er hatte ein hübsches Gesicht, ein Paar schöne Augen mit freiem, offenem Blick, eine lange, gebogene Nase, einen stattlichen schwarzen Schnurrbart. Auf dem Kopfe trug er die wollne Mütze von dunkler Farbe, um die Hüften die gefällige Fustanella seiner Heimat.

Wenn Hadschina Elisundo ausging, um Einkäufe zu machen, oder um sich zum Gottesdienste in die katholische Kirche »Zum heiligen Spiridion« zu begeben, oder um ein bißchen Seeluft zu schöpfen, die den Weg kaum bis in das Haus auf der Strada Reale fand, war Xaris immer Hadschinas Begleiter. Viel junge Korfioten hatten so Hadschina sehen können auf der Esplanade und auch in den Straßen der Vorstadt Kastrades, die sich längst der Bai dieses Namens hinzieht. Mehr denn einer hatte versucht, den Weg zu ihrem Vater zu finden. Wen hätte die Schönheit des jungen Mädchens nicht hinreißen, wen schließlich nicht auch die Millionen des Hauses Elisundo locken sollen? Aber gegen alle Anträge dieser Art hatte Hadschina sich ablehnend verhalten. Der Bankier selber hatte sich niemals eingemischt, um sie zu andern Entschlüssen zu bringen. Und doch hätte der brave Xaris alle Seligkeit, auf die ihm eine grenzenlose Hingabe und Treue ein Anrecht in der andern Welt gab, dafür hingegeben, wenn seine junge Herrin Glück und Seligkeit in dieser Welt gefunden hätte!

So also lagen die Dinge in diesem strengen, traurigen in einem Winkel der Hauptstadt von Alt-Korlyra gleichsam isoliert liegenden Hause; das war das Haus, in welches die Zufälligkeiten des Lebens Henry dAlbaret führen sollten.

Zuerst waren es Beziehungen geschäftlicher Natur, die sich zwischen dem Bankier und dem französischen Offizier anbahnten. Von Paris brachte derselbe Tratten über hohe Summen auf das Bankhaus Elisundo mit, die er in Korfu diskontierte. Von Korfu aus ließ er sich die Geldbeträge senden, die er während seines Aufenthaltes im philhellenischen Lager brauchte. Wiederholt kam er auf die Insel, und so konnte es nicht fehlen, daß er die Bekanntschaft von Hadschina Elisundo machte. Die Schönheit des jungen Mädchens hatte ihn überrascht. Die Erinnerung an sie folgte ihm auf die Schlachtfelder von Morea und Attika.

Nach dem Fall der Akropolis konnte Henry dAlbaret nichts Klügeres tun, als sich wieder nach Korfu zu begeben. Seine Blessur war noch nicht ausgeheilt. Die unsäglichen Leiden der Belagerung hatten seine Gesundheit erschüttert. Auf ein paar Stunden am Tage fand er im Hause des Bankiers immer gastfreundliche Aufnahme, wenn er auch nicht dort wohnte: und schon solches Entgegenkommens hatte sich von seiten des verschlossenen Elisundo kein anderer Fremder zu erfreuen.

Über solcher Lebensweise verfloß ungefähr ein Vierteljahr. Mit der Zeit verloren seine täglichen Besuche im Hause Elisundo an geschäftlichem Charakter und nahmen ein anderes Interesse: Hadschina hatte es dem jungen Offizier angetan. Wie hätte ihr das verborgen bleiben sollen, wenn sie ihn kaum aus ihrer Nähe weichen, wenn sie ihn im Zauber ihrer Stimme, ihres Blickes befangen sah? hatte sie ihm doch, ohne alles züchtige Bedenken, alle Sorge, alle Pflege gewidmet, die der noch immer schlechte Stand seiner Gesundheit notwendig machte! konnte sich doch Henry dAlbaret unter der Hand solcher Pflegerin nicht anders als im siebenten Himmel fühlen!

Zudem hielt Xaris mit der Sympathie, die ihm der offne, liebenswürdige Charakter des jungen Offiziers einflößte, nicht hinter dem Berge. Seine Anhänglichkeit an ihn gewann mit jedem Tage schärferen Ausdruck.

»Du hast recht, Hadschina,« sagte er oft zu dem jungen Mädchen; »Griechenland ist dein Vaterland und mein Vaterland, und daß Herr Henry im Kampfe für unser Vaterland gelitten hat, das dürfen wir ihm nie vergessen!«

»Er liebt mich!« sagte Hadschina daraufhin eines Tages zu Xaris ... und sagte es zu ihm mit all der Herzensgüte, die sie bei allen Dingen an den Tag legte.

»Ei! warum soll er dich nicht lieben? warum sollst du seine Liebe nicht erwidern?« antwortete Xaris; »dein Vater wird alt, Hadschina! ich werde auch nicht ewig da sein. Und wo könntest du im Leben einen sicheren Beschützer finden als Henry dAlbaret?«

Hadschina hatte nichts darauf erwidert. Was hätte sie anderes sagen können, als daß sie die Liebe erwidere, die Henry ihr entgegenbrachte? Aber eine Scheu durchaus natürlicher Art wehrte ihr, solche Empfindung zu offenbaren, selbst Xaris zu offenbaren, vor dem sie sonst keine Geheimnisse hatte.

Auf diesen Standpunkt waren die Dinge gediehen. Für niemand in der korfiotischen Gesellschaft war derselbe Geheimnis; und ehe noch irgend hierüber offiziell etwas verlautet, wurde von der Heirat zwischen Henry dAlbaret und Hadschina Elisundo wie von einer ausgemachten Sache gesprochen.

Die Bemerkung dürfte hier am Platze sein, daß es dem Bankier selber durchaus nicht unangenehm zu sein schien, daß der junge Offizier seiner Tochter den Hof machte. Wie Xaris bereits Hadschina gesagt hatte: der Bankier fühlte recht gut, daß ihm das Alter nahe rückte, mit schnellen Schritten nahe rückte. So große Dürre auch in seinem Herzen herrschte, so mußte doch Platz dort noch sein für die Furcht, daß Hadschina, wenn er das Zeitliche segnete, im Leben allein stehen würde. Daß Hadschina seine Erbin, die einzige Erbin seines ganzen Vermögens sein würde, stand auf einem andern Blatte: für Henry dAlbaret zudem hatte die Vermögensfrage niemals Interesse gehabt, keinen Augenblick war bei ihm in Betracht gekommen, ob Hadschina reich sei oder arm. Seine Liebe für das junge Mädchen erwuchs aus ganz anderen, besseren Regungen und nicht aus Interessen plebejischer Natur. Um ihrer Herzenseinfalt willen liebte er sie nicht minder als um ihrer körperlichen Schönheit willen, um der lebhaften Sympathie willen, die ihm Hadschinas Leben in solch trübseliger Umgebung einflößte, nicht minder als um ihres Edelsinns, ihrer Lebensklugheit, ihrer Willensstärke willen!

All diese Eigenschaften traten scharf bei ihr hervor, sobald sie auf das im Joche der Tyrannei schmachtende Griechenland und auf das übermenschliche Ringen seiner Söhne, ihm die Freiheit zu schaffen, zu sprechen kam. Daß auf diesem Gebiete zwischen den beiden jungen Leuten die vollste Harmonie herrschte, wird keinem unserer Leser unverständlich sein.

Wieviel herrliche Zeit verfloß für sie im Gespräch über all diese Dinge, das sie in dieser schönen griechischen Sprache führten, die Henry jetzt so geläufig sprach wie seine Muttersprache: wenn er erzählte von den Schlachten, die die mutigen Scharen der Griechen geschlagen, von den Seesiegen, die sie erfochten hatten! wenn er das Loblied der griechischen Frauen sang, die zusammen mit den Männern in den Kampf zogen, denen Hadschina, ach! wie gern! gefolgt wäre, wäre sie Herrin ihres Willens gewesen.

Und eines Tages, als die Rede wieder kam auf diese Heldinnen Griechenlands, da nannte Henry dAlbaret neben anderen Namen auch den Namen Andronika Starkos ... und Elisundo, der bei diesem Gespräch zugegen war, machte eine Gebärde – eine Gebärde so lebhafter Natur, daß sie die Aufmerksamkeit der Tochter weckte.

»Was ist dir denn, Vater?« fragte sie.

»Nichts,« versetzte der Bankier. Nach kurzer Pause richtete er aber, im Tone eines Menschen, der recht gleichgültig erscheinen will, die Frage an den jungen Offizier: »Sie haben die Frau gekannt, die Andronika?«

»Jawohl, Herr Elisundo.«

»Und wissen Sie auch, was aus ihr geworden ist?«

»Nein, das weiß ich nicht,« erwiderte Henry dAlbaret; »nach dem Treffen von Chaidari wird sie sich wohl nach dem Magnos zurückbegeben haben, wo sie ja zu Hause ist. Lange wird es wohl aber nicht dauern, bis ich sie auf den Schlachtfeldern Griechenlands wieder treffen werde.«

»Gewiß!« setzte Hadschina hinzu, »und dort ist auch ihr Platz!«

Weshalb Elisundo diese Frage über Andronika Starkos gestellt hatte? niemand begehrte das von ihm zu wissen: er hätte doch sicher bloß ausweichende Antwort gegeben. Aber seiner Tochter, die über des Vaters Leben und Lebensbeziehungen nur schwach unterrichtet war, ließ die Sache keine Ruhe. War es wohl möglich, daß zwischen ihrem Vater und dieser von ihr bewunderten Heldin mit Namen Andronika irgend welches Verhältnis bestand?

Zudem war Elisundo in allem, was den Unabhängigkeitskampf der Griechen anbetraf, zurückhaltend, verschlossen. Nach welcher Seite hin er neigte, ob er den Bedrückern Glück und Erfolg wünschte oder den Bedrückten, wäre schwer gewesen zu sagen – soweit er überhaupt der Mann war, jemand was zu wünschen oder überhaupt was zu wünschen. Eins allerdings stand bei dem Manne außer Zweifel: daß ihm die Post aus der Türkei ganz ebenso viel Briefschaften brachte wie aus Griechenland. Aber wiederholt zu werden verdient hier, daß Elisundo dem Offizier darum, weil derselbe sich für die Hellenen begeistert hatte und für die Hellenen sein Leben in die Schanze schlug, in seinem Hause um keinen Deut weniger freundlich gegenüber trat, als wenn die Dinge umgekehrt gelegen hätten!

Mittlerweile konnte aber Henry dAlbaret seinen Aufenthalt in Korfu nicht länger hinausziehen. Seine Genesung hatte gute Fortschritte gemacht, er war wieder in den Vollbesitz seiner Kräfte gelangt und von dem entschiedenen Willen beseelt, das, was er als Pflicht betrachtete, zum vollen Ende zu führen. Er sprach oft mit dem jungen Mädchen darüber.

»Freilich ist es Ihre Pflicht!« gab ihm Hadschina zur Antwort; »und so großen Schmerz mir auch Ihre Abreise verursachen mag, Henry, so begreife ich doch, daß Sie zu Ihren Waffengefährten zurück müssen. So lange Griechenland nicht im Besitz seiner Freiheit ist, so lange wird es danach ringen müssen!«

»Ich gehe auf den Kriegsschauplatz, Hadschina! es muß sein!« sagte Henry eines Tages; »könnte ich aber die Gewißheit mit fortnehmen, daß Sie mich lieben, daß Sie meine Liebe erwidern ...«

»Henry, ich habe keinen Grund, die Empfindungen zu verheimlichen, die Sie mir einflößen,« versetzte Hadschina; »ich bin kein Kind mehr und blicke der Zukunft mit dem schicklichen Ernste ins Auge. Ich glaube an Sie,« setzte sie hinzu und reichte ihm die Hand – »glauben auch Sie an mich! Ganz wie Sie mich heute verlassen, so sollen Sie mich finden bei Ihrer Rücklehr!«

Henry dAlbaret hatte die Hand gedrückt, die ihm Hadschina als Pfand ihrer Empfindungen reichte.

»Ich danke dir von ganzem Herzen,« antwortete er ihr; »ja! wir gehören einander ... schon heute! und mag auch unser Abschied darum schmerzlicher sein, so werde ich wenigstens jene Zuversicht mit mir nehmen, daß mir deine Liebe gehört! Aber bevor ich dich verlasse, Hadschina, will ich mit deinem Vater reden ... will auch die weitere Gewißheit mit mir nehmen, daß er unsere Liebe gutheißt, daß uns von seiner Seite nichts in den Weg gelegt wird!«

»Das wird nur klug sein, Henry,« erwiderte das junge Mädchen; »hole dir sein Jawort, wie du das meinige besitzest!«

Henry dAlbaret durfte mit der Ausführung dieser Absicht nicht säumen, denn sein Entschluß, wieder in das Korps des Obersten Fabvier zu treten, stand fest.

Die Dinge hatten sich inzwischen für die Griechen immer ungünstiger gestaltet; die Londoner Konvention hatte noch keinerlei Wirkung getan und die Frage, ob sich die Mächte dem Sultan gegenüber nicht bloß auf offiziöse Noten, also völlig platonische Schritte beschränkten, lag äußerst nahe.

Zudem schienen die Türken, durch ihre Erfolge geblendet, von irgendwelchem Verzicht auf ihre Forderungen nicht das geringste wissen zu wollen. Trotz der beiden Geschwader, die jetzt im ägyptischen Meere kreuzten – eines britischen unter dem Kommando des Admirals Corington und eines französischen unter Admiral Rigny, – und trotzdem die griechische Regierung, um die Verhandlung unter besserer Sicherheit führen zu können, ihren Sitz nach Aegina verlegt hatte: entwickelten die Türken einen Starrsinn, der ganz danach angetan war, die Dinge, wenn sie nicht schon zum äußersten gelangt waren, zum äußersten zu treiben. Der Standpunkt der Türken war übrigens recht wohl begreiflich, angesichts der Flotte von 92 Schiffen türkischer, ägyptischer und tunisischer Flagge, die seit dem 7. September in der weiten Reede von Navarino lag, und die dem türkischen Befehlshaber Ibrahim Pascha ein unermeßliches Kriegsmaterial zuführte zur Deckung aller für einen Feldzug gegen die Hydrioten notwendigen Erfordernisse.

Und gerade Hydra war der Platz, wo Henry dAlbaret wieder zu dem Freiwilligen-Korps stoßen wollte. Diese an der Spitze von Argolis gelegene Insel ist eine der reichsten im ganzen Archipel. Blut und Geld hatte sie für die Sache der Hellenen in reichem Maße geopfert, ihre unerschrockenen Söhne Tombasis, Miaulis, Tsamados waren die Schrecken aller türkischen Seefahrer geworden, und nun drohte ihr die schrecklichste Vergeltung.

Henry dAlbaret mußte also, wenn er den Soldaten Ibrahims noch in Hydra zuvorkommen wollte, Korfu schnell verlassen. Infolgedessen setzte er seine Abfahrt auf den 21. Oktober fest.

Ein paar Tage vorher suchte der junge Offizier, gemäß seiner Absprache mit Hadschina, Elisundo auf und hielt um die Hand seiner Tochter an. Er verhehlte ihm nicht, daß sich Hadschina glücklich schätzen würde, wenn er seinem Antrage zustimmte. Zudem kam ja fürs erste bloß seine Einwilligung in Betracht, denn die Hochzeit sollte erst nach Henrys Rückkehr aus dem Feldzug gefeiert werden. Lange würde übrigens, wenigstens hoffte er so, seine Abwesenheit nicht dauern.

Dem Bankier waren die Verhältnisse des jungen Offiziers, seine Stellung, sein Vermögen, die Achtung, in welcher seine Familie in Frankreich stand, zur Genüge bekannt. In dieser Hinsicht war irgend welche Auseinandersetzung nicht von nöten. Nicht anders stand es auf seiner Seite. Sein Ruf stand außer Frage, über sein Haus hatte niemals das geringste verlautet, was dessen Ansehen hätte gefährden können. Da Henry dAlbaret mit keinem Worte die Vermögensverhältnisse des Bankiers berührte, unterließ dies auch der Bankier. Ueber den Antrag selbst sprach er sich günstig aus und gab seine Zustimmung: da er einzig und allein das Glück seines Kindes im Auge hätte, könne ihn selber der Antrag des Offiziers nur glücklich machen.

Die ganze Unterhaltung wurde in ziemlich kühlem Tone geführt: wichtig dabei war zunächst nur, daß sie überhaupt zustande gekommen war. Henry dAlbaret hatte jetzt das Wort des Bankiers, und der Bankier erhielt hierfür den Dank von seiner Tochter, den er mit seiner gewohnten Zurückhaltung entgegennahm.

Alles schien also zur größten Zufriedenheit des jungen Paares zu verlaufen, aber auch, wie nicht ungesagt bleiben darf, zur höchsten Freude des alten Xaris. Der vortreffliche Mensch weinte wie ein Kind und hätte den jungen Offizier für sein Leben gern geherzt und geküßt.

Die Zeit, die Henry nun noch bei Hadschina verweilen konnte, war nur noch kurz. Die Brigg, auf der er sich einschiffen wollte, sollte von Korfu am 21. laufenden Monats nach Hydra in See gehen. Das junge Paar wich kaum voneinander. In süßem Geplauder saßen sie in der untern Stube, im Erdgeschoß des düstern Gebäudes, sprachen von der Zukunft, die ihnen gehörte, wenn auch die Gegenwart ihnen noch entrönne. Darüber vergaßen sie aber der griechischen Sache nicht, in deren Dienst sich Henry wieder stellte.

So kam der 20. Oktober heran, der letzte Tag, der ihnen blieb, denn der andere Tag stand für die Abfahrt des Offiziers fest. Wieder saßen sie unten in dem großen Wohnraume und plauderten, als plötzlich Xaris hineingestürmt kam.

Er fand keine Worte. Er war außer Atem. Er war gerannt, gerannt wie ein Toller! In wenigen Minuten hatten ihn seine kräftigen Beine durch die ganze Stadt getragen, von der Zitadelle bis zum Ende der Strada Reale.

»Ei, was bringst du denn, Xaris? ... was ist dir denn? ... warum denn diese Aufregung?« fragte Hadschina.

»Was mir ist? was mir ist?« keuchte Saris ... »eine Nachricht, eine wichtige Nachricht bringe ich ... eine ernste, wichtige Nachricht!«

»So sprechen Sie doch, Xaris! sprechen Sie!« drängte nun auch Henry, da er nicht wußte, ob er sich freuen solle oder sich ängstigen müsse.

»Ich kann nicht ... ich kann nicht,« versetzte Xaris, dem die Aufregung tatsächlich die Kehle zuschnürte.

»Ists eine Nachricht vom Kriegsschauplatz?« fragte das Mädchen, ihn an der Hand fassend.

»Ja doch! ... ja doch!«

»Aber so sprich doch!« wiederholte sie ... »sprich doch, lieber Xaris! ... was ist denn vorgegangen?«

»Türken ... heute geschlagen ... bei Navarino!«

Auf diese Weise erhielten Henry und Hadschina die Kunde von der Seeschlacht am 20. Oktober.

Durch den Lärm, den Xaris gemacht hatte, herbeigelockt, war der Bankier in die Stube getreten. Als er vernahm, um was es sich handelte, preßten sich unwillkürlich seine Lippen aufeinander und seine Stirn zog sich in Falten; aber er zeigte weder Befriedigung noch Verdruß, während das junge Paar seiner Freude die Zügel schießen ließ.

Die Nachricht von der Seeschlacht von Navarino war gerade erst in Korfu eingelangt. Aber schon wußte man alle Einzelheiten, denn die optischen Telegraphen längs der albanesischen Küste hatten bereits ausführliche Meldungen übermittelt.

Zu dem britischen und dem französischen Geschwader war das russische Geschwader mit 27 Schiffen und 1276 Geschützen gestoßen, und die drei Geschwader vereint hatten die Einfahrt zur Reede von Navarino forciert und die türkische Flotte angegriffen. Obwohl die Türken der Zahl nach in der Uebermacht waren, denn ihre Flotte zählte 60 Schiffe aller Größen, die mit 1994 Geschützen armiert waren, so waren sie doch besiegt worden. Zahlreiche ihrer Schiffe waren mit ihrer Besatzung in den Grund gebohrt oder in die Luft gesprengt worden. Ibrahim Pascha durfte also für seine Expedition gegen Hydra auf eine Unterstützung durch seine Flotte nicht mehr zählen.

Dies war ein Ereignis von erheblicher Wichtigkeit. Sie bedeutete tatsächlich den Ausgangspunkt einer neuen Wendung für die Sache der Griechen. Mochten auch die Mächte schon jetzt entschlossen sein, diesen Sieg nicht zur Vernichtung der Pforte auszunutzen, so schien doch nunmehr festzustehen, daß sie gemeinsam für die Abtrennung Griechenlands von der Türkei eintreten, daß sie der Errichtung eines selbstherrlichen griechischen Königreichs binnen absehbarer Zeit das Wort reden würden.

Diese Ansicht herrschte auch im Bankhause Elisundo. Hadschina, Henry, Xaris hatten jubelnd in die Hände geklatscht, und ihre Freude hallte in der ganzen Stadt wider. Den Söhnen Griechenlands hatten die Kanonen von Navarino soeben die Freiheit gekündet!

Die Nachricht von diesem Siege der verbündeten Mächte oder vielmehr – und das ist zutreffender – von der Vernichtung der türkischen Seemacht brachte zunächst auch eine Aenderung in die Absichten des jungen Offiziers; denn Ibrahim Pascha mußte jetzt den gegen Hydra geplanten Handstreich aufgeben. Von einem solchen konnte fürs erste nicht mehr die Rede sein. Henry dAlbaret änderte nun seine am 20. Oktober gefaßten Pläne. Daß er sich dem den Hydrioten zu Hilfe geeilten Freiwilligenkorps anschloß, war hinfort nicht mehr nötig. Er beschloß vielmehr, in Korfu die Vorgänge abzuwarten, die auf diese Schlacht bei Navarino naturgemäß folgen mußten.

Auf alle Fälle ließ sich jetzt wohl annehmen, daß über Griechenlands Schicksal keine Zweifel mehr schwebten, daß Europa es nicht zermalmen lassen würde, daß in absehbarer Zeit der Halbmond der Freiheitsflagge das Feld räumen würde, daß Ibrahim Pascha, der sich schon auf das mittlere Land und die Küstenstädte im Peloponnes gedrängt sah, schließlich gezwungen sein würde, auch diese letzten Plätze zu räumen.

An welchen Punkt der Halbinsel sollte sich unter solchen Umständen Henry dAlbaret begeben? Jedenfalls rüstete sich Oberst Fabvier zum Abmarsch von Mitylene, um den Feldzug gegen die Türken auf der Insel Scio zu eröffnen; seine Rüstungen nahmen aber sicher noch einige Zeit in Anspruch. Es lag also gar keine Veranlassung vor, an sofortigen Aufbruch zu denken.

In solcher Weise beurteilte der junge Offizier die Sachlage; und Hadschina schloß sich seinem Urteile an. Was zunächst hieraus folgte, war, daß für den Aufschub der Hochzeit kein plausibler Grund mehr vorhanden war. Zudem erhob Elisundo selber keinen Einwand gegen sofortige Feier derselben. Und so geschah es denn, daß für dieselbe die Zeit zu Ende Oktober festgesetzt wurde. Die Feier sollte ohne allen Pomp, und in aller Ruhe vor sich gehen, viel Leute, womöglich die ganze Stadt dazu einzuladen, erschien unnütz, denn weder Hadschina noch Henry dAlbaret sehnten sich nach Zeugen ihres Glückes. Aber einige Vorbereitungen erwiesen sich doch als notwendig, und man traf dieselben, ohne viel Aufhebens zu machen.

Es war der 23. Oktober, also bloß noch sieben Tage bis zur Hochzeit. Daß sich noch irgend ein Hindernis einstellen, irgend eine Verzögerung notwendig machen würde, schien nicht zu befürchten zu sein. Und doch vollzog sich eine Tatsache, die Hadschina und Henry auf das lebhafteste beunruhigt haben würde, wenn sie ihnen bekannt geworden wäre.

Am 23. Oktober lief mit der Frühpost bei dem Bankier ein Schreiben ein, dessen Inhalt ihm einen unerwarteten Schlag versetzte. Er zerknüllte das Schreiben, zerriß das Schreiben, ja er verbrannte das Schreiben. Und das waren bei einem Manne, der sich sonst so völlig in der Gewalt hatte, doch Dinge, die auf eine seelische Erregung sehr tiefer Art deuteten!

Und dann hätte man die Worte aus seinem Munde hören können, wenn er sie nicht gar so leise in sich hinein geflüstert hätte:

»Warum ist dieser Wisch nicht acht Tage später eingelaufen? Verflucht die Kreatur, die ihn geschrieben hat!«

< Drittes Kapitel.
Fünftes Kapitel. >



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