Frei Lesen: Der Archipel in Flammen

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Jules Verne

Der Archipel in Flammen

Fünftes Kapitel.

eingestellt: 28.7.2007



Die ganze Nacht hindurch war die »Karysta« von Vitylo aus in südwestlicher Richtung, also schräg durch den Busen von Koron, gefahren. Nikolas Starkos war wieder in seine Kabine hinunter gegangen und gedachte vor Tagesanbruch nicht wieder auf Deck zu kommen.

Der Wind war günstig – eine jener frischen Brisen aus Südost, die gewöhnlich in diesen Meeren zu Sommersausgang und Frühlingsanfang zur Zeit der Solstitien oder Tag- und Nachtgleiche herrscht, wenn sich die Dünste des Mittelmeeres in Regen auflösen.

Gegen Morgen wurde das Kap Gallo an der Spitze Messeniens umsegelt, und die letzten, seine jähen Schroffen überragenden Gipfel des Taygetes verschwammen bald in den Dunstschleiern der aufsteigenden Sonne.

Sobald die Sakolewa die Spitze des Kaps hinter sich hatte, stand Nikolas Starkos wieder auf dem Verdeck. Sein erster Blick wandte sich gen Osten.

Die Landschaft Magnos war nicht mehr sichtbar. In dieser Himmelsrichtung stiegen jetzt die mächtigen Vorberge des Hagios-Dimitrios auf, ein kurzes Stück hinter dem Vorgebirge.

Einen Moment reckte sich der Arm des Kapitäns gen Osten. War es eine Gebärde der Drohung? oder ein ewiger Scheidegruß, der Heimat zugeworfen? Wer hätte es sagen können? Aber Gutes verhieß der Blick nicht, den die Augen des Mannes in diesem Moment schossen Blitze.

Die Sakolewa, die unter dem Druck ihrer Quadrat- und ihrer lateinischen Segel flotte Fahrt machte, setzte jetzt die Steuerbordhalsen und fing an, nordwestlichen Kurs zu nehmen. Da aber der Wind vom Lande her kam, zeigte das Meer die günstigsten Bedingungen für eine Schnellfahrt. Die Sakolewa ließ die Oinussischen Inseln, Cabrera, Sapienza und Venetia zur Linken, lenkte dann direkt durch die Enge zwischen Sapienza und dem Festlande, um in Sicht von Modon zu gelangen. Jetzt entrollte sich vor ihr die messenische Küste mit dem grandiosen Panorama ihrer Berge scharf vulkanischen Charakters. Dies Messenien war, nach endgültiger Konstituierung Griechenlands als Königreich, zu einer der 13 Naumachien oder Präfekturen ersehen, aus denen dasselbe, mit Einschluß der ionischen Inseln, besteht. Zur Zeit dieser Erzählung bildete Messenien aber bloß einen der vielen Kriegsschauplätze und befand sich, je nachdem die Würfel fielen, bald in den Händen Ibrahim Paschas, bald in den Händen der Griechen, gleich wie es im Altertum der Schauplatz jener drei messenischen Kriege war, die gegen die Spartaner geführt wurden und die Namen Aristomenes und Epaminondas zu Glanz und Ruhm erhoben.

Nikolas Starkos hatte sich, sobald er den Kurs seiner Sakolewa nach dem Kompaß kontrolliert und Ausschau nach dem Wetter gehalten hatte, ohne ein Wort zu sprechen, auf das Hinterdeck begeben. Daraufhin wurden am Vorderdeck allerhand Meinungen ausgetauscht zwischen der alten Mannschaft und dem tagsvorher in Vitylo geworbenen Sukkurs – im ganzen waren es einige zwanzig Mann, die, weil der zweite Offizier zur Zeit nicht an Bord war, unter dem Befehl eines einfachen Hochbootsmanns standen, der aber bloß das Sprachrohr des Kapitäns war.

»Viel redet er nicht gerade, der Kapitän!«

»So selten wie möglich; aber wenn er redet, hats Hand und Fuß und heischt auf der Stelle Gehorsam.«

»Wohin fährt denn die »Karysta«?« »Das weiß man niemals.«

»Mohrenelement! wir sind auf Treu und Glauben geworben, und da kanns uns schließlich gleichgiltig bleiben.«

»Stimmt! und verlassen könnt ihr euch darauf, daß es immer dorthin gehen muß, wohin der Kapitän uns führt.«

»Aber mit ihren beiden Kanonen kleinen Formats auf dem Vorderschiff kann sich die »Karysta« doch nicht einfallen lassen, Jagd auf Kauffahrteischiffe des Archipels zu machen?«

»Piraterie ist auch nicht ihre Aufgabe. Kapitän Starkos hat dazu andere Schiffe, voll armierte Schiffe mit ausreichender und tüchtiger Besatzung. Die »Karysta« dient ihm gewissermaßen als Vergnügungsjacht. Ihr merkts ja selber, wie harmlos sie aussieht, und dies harmlose Aussehen ists ja, worauf die Kreuzer, Franzosen, und Briten, Griechen und Türken, so gründlich hereinfallen.«

»Aber die Prisen-Anteile ...?«

»Prisen-Anteile fallen denen zu, die Prisen machen, und zu denen werdet ihr schon auch gehören, wenn die Sakolewa ihre Fahrtbestimmung erfüllt hat. Die Hände behaltet ihr schon nicht im Schoße, das laßt euch gesagt sein! und wenns Gefahr setzt, setzts auch Profit, das laßt euch gesagt sein!«

»Also gibts jetzt in den Gewässern von Griechenland und seinen Inseln nichts zu tun?«

»Nichts! noch weniger im adriatischen Meere, wenn den Kapitän die Laune anwandeln sollte, dorthin zu steuern ... Bis auf neues Kommando sind wir also ehrsames Seevolk an Bord einer ehrsamen Sakolewa, die auf ehrsamer Fahrt begriffen ist im Ionischen Meere ... aber das Blättchen wird sich wenden!«

»Und je früher, desto bester!« Die neu geworbene Mannschaft gab, wie man sieht, dem alten Stamme nichts nach, wenn es Prisen zu machen galt oder wenn es Arbeit vorm Feinde gab. Bedenken, Gewissensbisse, ja auch nur bloße Vorurteile in solcher Hinsicht durfte man bei dieser ganzen Küstenbevölkerung des untern Magnos nicht suchen. Die Leute waren tatsächlich des Mannes würdig, der das Kommando über sie führte, und dieser Mann wußte genau, daß er sich auf sie verlassen konnte.

Den Kapitän kannten nun wohl die Leute von Vitylo, nicht aber den zweiten Offizier an Bord, der sowohl Seemann war als Kaufmann – den Judas des Kapitäns, mit einem Worte! das war ein gewisser Skopelo, gebürtig auf Cerigotto, einem an der südlichen Grenze des Archipels, zwischen Cerigo und Kreta gelegenen und gar übel beleumundeten Eiland. Und weil sie ihn nicht kannten, darum wandte sich jetzt einer von der neugeworbenen Mannschaft an den Hochbootsmann mit der Frage:

»Na, und der Leutnant?«

»Der Leutnant ist gar nicht an Bord,« ward ihm zur Antwort.

»Kriegt man ihn nicht zu sehen?«

»Doch!«

»Wann?«

»Sobald es notwendig sein wird, daß man ihn sieht.«

»Wo steckt er denn?«

»Dort, wo er stecken muß!«

Mit dieser Antwort, die keine war, mußte man sich abfinden. Uebrigens rief jetzt die Pfeife des Hochbootsmanns alle Mann auf Deck, die Schoten zu steifen. Was machte dem Geschwätz auf dem Verdeck mit einemmal ein Ende.

Um im Abstand von einer Meile an der Küste zu bleiben, mußte schärfer geluvt werden. Um Mittag herum trat die »Karysta« in Sicht von Modon. Aber Modon war nicht das Ziel ihrer Fahrt. Sie ging also nicht bei dieser kleinen, auf den Trümmern des alten Methone erbauten Stadt vor Anker, die auf der Spitze eines Vorgebirges liegt, das seine Felsgrate nach der Insel Sapienza zu wendet. Bald verschwindet hinter solchem scharfen Schroffe der an der Hafeneinfahrt errichtete Leuchtturm.

Inzwischen war an Bord der Salolewa ein Signal gezogen worden: ein schwarzer Wimpel mit rotem Halbmond war an der Spitze der großen Raa gehißt worden. Vom Lande her erfolgte aber keine Antwort. Deshalb wurde die Fahrt in nördlicher Richtung fortgesetzt.

Abends gelangte die »Karysta« vor die Einfahrt zur Reede von Navarino, einer Art großen Sees auf hoher See, der in einen Saum hoher Berge gefaßt ist. Auf einen Moment trat die von der wirren Masse ihrer Citadelle überragte Stadt durch das Tor eines gigantischen Felsens hindurch in Sicht. Hier lag die äußerste Spitze jenes von der Natur aufgeworfenen Dammes, an welchem sich die Wut der Nordweststürme bricht, die aus dem Schlauche von gewaltiger Länge, den das Adriatische Meer darstellt, über das Ionische Meer hinfegen.

Den Kamm der letzten Höhenzüge im Osten erhellte noch die scheidende Sonne; schon verdunkelte aber nächtlicher Schatten die weite Reede.

Diesmal hätte die Mannschaft meinen können, die »Karysta« würde in Navarino vor Anker gehen. Sie steuerte nämlich direkt in die Enge von Megalo-Thuro im Süden der schmalen Insel Sphakteria, die sich über eine Länge von etwa 4000 Meter erstreckt. Dort erhoben sich schon zwei Grabmäler, errichtet zweien der edelsten Opfer, die der Freiheitskampf gefordert hatte: das Denkmal des im Jahre 1825 ermordeten französischen Kapitäns Mallet und im Hintergrunde einer Grotte dasjenige des Grafen Santa-Rose, eines italienischen Philhellenen, ehemaligen Ministers von Piemont, der im selben Jahre für die nämliche Sache den Heldentod starb.

Knapp zehn Kabellängen war die Sakolewa nur noch von der Stadt, als sie umlegte, mit dem Focksegel dem Winde zugewandt. Ein rotes Fanal stieg jetzt herauf, wie vordem der schwarze Wimpel, und wiederum an der Spitze der großen Raa. Doch auch auf dieses Signal erhielt die »Karysta« keine Antwort. Sie hatte also nichts auf dieser Reede zu verrichten, auf der sich zur Zeit eine stattliche Zahl türkischer Schiffe befand. Die »Karysta« manövrierte nun so, daß sie an dem fast in der Mitte gelegenen, grau in grau gehaltenen Eilande Kuloneski vorbei und dem Gestade von Sphakteria wieder nahe kam. Auf Kuloneski waren im Anfangsjahr des Kriegs, 1821, mehrere hundert Türken überfallen, gefangen genommen und dem Hungertode überantwortet worden, trotzdem sie sich nur auf die Zusage, auf türkischen Boden überführt zu werden, ergeben hatten. Vier Jahre nachher, 1825, als Ibrahims Truppen das von Maurocordato persönlich verteidigte Sphakteria belagerten, wurden zur Vergeltung hierfür achthundert Griechen niedergemacht.

Die Sakolewa steuerte nun in die Enge von Sikia, die sich im Norden der Insel, zwischen dem Vorgebirge Koryphasion und ihrer Nordspitze, gelegen, auf eine Breite von 200 Metern erstreckte. Wer sich in dieses Fahrwasser hinein wagte, mußte dasselbe ganz genau kennen, denn es ist für Fahrzeuge mit nur einigem Tiefgang fast unpassierbar. Aber Nikolas Starkos steuerte, gleich dem besten Lotsen der Reede, kühn zwischen den steilen Felsen der Spitze der Insel hindurch und um das Vorgebirge von Koryphasion herum. Als er vor der Reede mehrerer Geschwader ansichtig wurde, einiger dreißig französischen, englischen und russischen Schiffe, ging er ihnen behutsam aus dem Wege, fuhr in der Nacht an der messenischen Küste hin, segelte zwischen dem Festland und der Insel Prodana hindurch und fuhr mit Tagesanbruch, von einer frischen Südostbrise getragen, an dem scharfgewundenen Gestade hin durch die friedlichen Gewässer des Busens von Arkadia.

Da stieg die Sonne über dem Gipfel jenes Ithome herauf, von dem aus der Blick über das alte Messene hin auf der einen Seite über den Golf von Koron, auf der andern über den Golf hin reicht, dem die Stadt Arkadia ihren Namen gegeben hat. Weithin, von der Brise beim Schein der ersten Sonnenstrahlen leicht gekräuselt, glitzerte das Meer. Vom Morgengrauen an steuerte Nikolas Starkos sein Schiff so, daß er der Stadt, die auf einer der eingebuchteten Küstenstellen an der offnen breiten Reede lag, so nahe wie möglich kam.

Gegen 10 Uhr trat der Oberbootsmann auf das Hinterdeck und postierte sich in der Haltung eines Untergebenen, der auf Befehle wartet, vor den Kapitän.

Der ganze gewaltige Gebirgssattel des arkadischen Hochlands rollte sich nun im Osten auf. In mittlerer Höhe Dorfschaften, versteckt in den dichten Oliven- und Mandelhainen und Weingeländen; Bäche, die zwischen Myrten- und Lorbeerhainen einem größeren Gewässer zufließen; auf alle Höhen, an alle Bergrücken geklebt, allen Himmelsrichtungen sich anschmiegend, Tausende von Anpflanzungen jener berühmten Reben von Korinth, die keinen Zoll Boden frei ließen; tiefer unten, auf den ersten Terrassen, die roten Häuser der Stadt, die wie große Straminfetzen auf dem Fond eines Cypressenvorhangs glitzern: so ungefähr zeigt sich dieses herrliche Panorama einer der schönsten, an malerischen Eindrücken reichsten Küsten des Peloponnes.

Je näher man aber an Arkadia herankam, an jenes alte Kyparissia, das zur Zeit des Epaminondas der wichtigste Hafen von Messenien war, zur Zeit der Kreuzzüge zu einem Lehen Ville-Hardouins wurde: desto trübseliger gestaltete sich das Bild, desto tieferes Weh mußte Menschen beschleichen, in deren Herzen noch Raum ist für pietätvolle Erinnerungen!

Zwei Jahre früher hatte Ibrahim Pascha die Stadt zerstört, Kinder, Weiber und Greise gemordet! In Trümmern lag ihre alte, auf der Stätte der einstigen Akropolis gebaute Burg; in Trümmern ihre von fanatischen Muselmanen verwüstete Sankt-Georgskirche; in Trümmern lagen ihre Wohnstätten und öffentlichen Bauten!

»Deutlich zu sehen,« flüsterte Nikolas Starkos, der vor diesem Bilde grausiger Verwüstung kein Mitleid fühlte, »daß, unsere Freunde aus Aegypten hier gewesen sind!«

»Und nun sind die Türken hier Herren,« versetzte der Oberbootsmann.

»Ja ... auf lange Zeit hin ... und, wie man hoffen darf, auf immer!« setzte der Kapitän hinzu.

»Legt die Karysta hier an oder fahren wir weiter?«

Nikolas Starkos beobachtete scharf das Gestade, von dem er nur wenige Kabellängen noch entfernt war. Dann richteten sich seine Blicke auf die eine Meile weiter im Hintergrunde, auf einem Vorwalle des Psykhro, eines Berges von stattlicher Höhe gelegene Stadt. Er schien unschlüssig, was angesichts von Arkadia zu tun geraten sei: an der Mole zu landen oder wieder in See zu stechen.

Der Bootsmann wartete noch immer auf Antwort auf seine Frage.

»Zieht das Signal!« sprach endlich Nikolas Starkos.

Das rote Wimpel mit dem silbernen Halbmond stieg an die Raa hinauf und flatterte in der Luft.

Kurz darauf flatterte ein ähnliches Wimpel an der Spitze eines am Hafentore errichteten Mastes.

»Ans Land!« befahl der Kapitän.

Das Steuer wurde gesenkt und die Sakolewa drehte bei. Als sie die Einfahrt gewonnen hatte, ließ sie sich von der Flut tragen. Bald wurden die Focksegel eingeholt, dann das große Segel, und die »Karysta« glitt unter ihrem Klüver bis an die Mole. Dort wurde Anker geworfen, dann ein Boot ins Wasser gelassen und mit vier Ruderern bemannt, das im Nu vor einer kleinen steinernen Treppe lag, die in den Hafenfelsen ausgehauen war.

Dort stand ein Mann, der den Kapitän mit den Worten begrüßte:

»Skopelo harrt Eurer Befehle, Nikolas Starkos!«

Eine freundliche Bewegung mit der Hand war die ganze Antwort von seiten des Kapitäns.

Er ging voraus, die Terrasse hinauf, bis er die ersten Häuser der Stadt erreicht hatte. Ueber die Trümmer der letzten Belagerung hinweg, mitten durch die von türkischen und arabischen Soldaten gefüllten Gassen lenkte er die Schritte zu einer ziemlich unversehrt gebliebenen Herberge, die den Minervakopf als Schild führte. Hier trat er mit seinem Begleiter ein.

Kurz darauf saßen sie in der Gaststube, vor sich zwei Gläser und eine Flasche Raki, über Goldwurz destillierter starker Schnaps. Zigaretten wurden aus dem hellen, wohlriechenden Missolunghi-Tabak gedreht, angesteckt und geraucht; dann nahm die Unterhaltung zwischen den beiden Männern ihren Anfang, von denen der eine mit sichtlichem Behagen den untertänigen Diener des andern zu spielen schien.

Ein böses, gemeines, hinterhältiges, nichtsdestoweniger kluges Gesicht, das dieser Skopelo hatte! Wenn man ihn auf fünfzig Jahre schätzte, so traf man wohl das rechte, wenngleich er etwas älter aussah. Das richtige Pfandleihergesicht mit kleinen falschen, aber lebendigen Augen, einer krummen Nase, Händen mit Hakenfingern und Füßen von erstaunlicher Länge: Füßen, auf die sich die Redensart hätte anwenden lassen, die von den Füßen der Albanesen gebraucht wird: »wenn die große Zehe in Macedonien steht, steht die Ferse noch in Böotien!« Ein rundes Gesicht ohne Schnurrbart, mit ein paar grauen Stoppeln am Kinn; ein kräftiger Kopf mit kahler Schädelkuppe auf einem mager gebliebenen Körper von mittlerer Größe.

Dieser echte Typus der arabischen Juden von christlicher Abkunft trug ein äußerst schlichtes Gewand: die Jacke und Weste des Levante-Matrosen, mit einer Art weiten Faltenkittels darüber.

Skopelo war ganz der Geschäftsmann, den solches Seeräubergesindel, wie es im griechischen Archipel hauste, zur Wahrung seiner Interessen brauchte: Aeußerst gewandt in der Unterbringung von Beute in Gestalt von Ware ebensowohl wie im Verkauf von Kriegs- und andern Gefangenen, die auf die türkischen Handelsmärkte und in die Barbareskenstaaten geschafft wurden.

Welcher Art ein Gespräch zwischen Nikolas Starkos und Skopelo sein konnte, um welche Dinge es sich drehen mußte, wie von ihnen die Vorgänge auf dem Kriegsschauplatze aufgefaßt und taxiert wurden, welchen Profit sie daraus zu ziehen gedachten, darüber läßt sich ein Urteil nur allzu leicht bilden.

»Wie steht es zur Zeit in Griechenland?« fragte der Kapitän.

»Wohl noch so, wie Ihr es verlassen habt, Kapitän!« versetzte Skopelo; »die »Karysta« kreuzt doch nun reichlich vier Wochen an der Küste von Tripolis und wahrscheinlich habt Ihr seit Eurer Ausfahrt keine Nachricht vom Kriegsschauplatz bekommen.«

»Nein, keine!«

»Eins will ich Euch melden, Kapitän: die türkischen Schiffe liegen in Bereitschaft, Ibrahim Pascha mit seinen Soldaten nach Hydra zu bringen.«

»Jawohl,« antwortete Nikolas Starkos; »ich habe sie gestern abend selber gesehen, als ich die Rede von Navarino passierte.«

»Seit Eurer Ausfahrt von Tripolis seid Ihr nirgends gelandet?« fragte Skopelo.

»Doch ... einmal! ich war ein paar Stunden in Vitylo ... um die Mannschaft vollzählig zu machen. Aber seit wir die Küsten von Magnos aus dem Gesicht gekommen, ist mir vor meiner Ankunft in Arkadia auf kein Signal Antwort gegeben worden.«

»Wahrscheinlich kein Grund dazu dagewesen,« versetzte Skopelo.

»Sprich,« fuhr Nikolas Starkos fort, »was treiben zur Zeit Miaulis und Kanaris?«

»Beide sind auf den Kleinkrieg angewiesen, Kapitän! müssen es probieren mit Handstreichen, die bloß keine Erfolge bringen können, niemals einen wirklichen Sieg ... drum haben die Seeräuber, so lange die beiden Jagd machen auf Türkenschiffe, leichtes Spiel im ganzen Archipel!«

»Und spricht die Welt noch immer von ...?«

»Von Sakratif?« ergänzte Skopelo, die Stimme leicht senkend; »jawohl! überall ... und allezeit, Nikolas Starkos, und bloß seine Sache ists, daß noch mehr von ihm gesprochen wird!«

»Es wird mehr von ihm gesprochen werden!«

Nikolas Starkos war, nachdem er sein Glas Raki ausgetrunken hatte, das Skopelo von neuem füllte, aufgestanden, ging in der Gaststube auf und nieder, blieb dann vor dem Fenster stehen, kreuzte die Arme über der Brust und lauschte dem derben Gesange der türkischen Soldaten, der aus der Ferne herüberschallte. Endlich setzte er sich wieder Skopelo gegenüber und gab dem Gespräch ganz schroff eine andere Wendung.

»Aus deinem Signal habe ich gesehen, daß du Gefangenenfracht hier hast?« fragte er.

»Jawohl, Nikolas Starkos,« versetzte Skopelo, »genug für eine Barkasse von 400 Tonnen! alles, was von dem Gemetzel nach der Niederlage bei Kremmydi noch übrig ist! Mord und Brand! Diesmal habens die Türken ein bißchen zu arg gemacht! wenns nach ihnen gegangen wäre, so wäre kein einziger Sklave geblieben!«

»Es sind Männer und Weiber?«

»Jawohl, und Kinder auch ... alles vertreten!«

»Wo stecken sie?«

»In der Citadelle von Arkadia.«

»Hast sie teuer bezahlt?«

»Hm! sonderlich entgegenkommend war der Pascha nicht gerade!« versetzte Skopelo; »er denkt, mit dem Unabhängigkeitskriege dürfte es zu Ende gehen ... leider! Gibts keinen Krieg mehr, dann gibts keine Schlachten mehr, und ohne Schlacht keine Razzia, wie es unten in der Berberei heißt, und ohne Razzia keine Ware, weder Menschen noch andere! Werden die Gefangenen aber rar, dann steigen sie im Preise, Kapitän! es muß nun einmal jeder sehen, wo er bleibt! Aber ich weiß aus guter Quelle, daß jetzt Sklavenmangel auf den afrikanischen Märkten herrscht! – wir haben also Aussicht, was wir noch haben, zu sehr guten Preisen an den Mann zu bringen!«

»Kann sein!« versetzte Nikolas Starkes; »ist alles bereit, und kannst du an Bord kommen?«

»Alles in Bereitschaft! mich hält hier nichts mehr!« »Gut, Skopelo! in 8–10 Tagen spätestens wird das Schiff von Skarpanto herüber kommen und die Fracht abholen. Sie wird doch ohne Anstand ausgeliefert?«

»Ohne Anstand, es ist alles abgemacht,« versetzte Skopelo; »aber gegen Kasse! wir müssen also zuvor mit Elisundo, dem Bankier, verhandeln, daß er unsre Tratten zeichnet. Sein Giro genügt; Tratten mit dem Giro Elisundo wird der Pascha nehmen als Bargeld!«

»Ich will an Elisundo schreiben, daß ich binnen kurzem in Korfu vor Anker gehen und dies Geschäft ins reine bringen will ...«

»... und ein anderes mit, das wohl nicht weniger dringlich ist, Nikolas Starkos!« setzte Skopelo hinzu.

»Vielleicht!« entgegnete der Kapitän.

»Wäre wahrhaftig nicht mehr als recht und am Platze!« sagte Skopelo; »Elisundo ist reich, wie es heißt sehr reich, und was ihn reich gemacht hat, ist doch bloß sein Handel mit uns ... und dabei laufen doch bloß wir das Risiko dabei ... das Risiko, auf den Pfiff des Hochbootsmanns an der Fockraa aufgeknüpft zu werden! ... Mord und Brand! bei solchen Zeitläuften war es ein feines Geschäft, Bankier der Seeräuber vom griechischen Archipel zu sein! Drum wiederhole ich, Nikolas Starkos! es wäre bloß recht und am Platze!«

»Was wäre bloß recht und am Platze?« fragte der Kapitän, seinem Offizier scharf ins Gesicht sehend.

»Ei! Ihr wißts nicht, Kapitän?« versetzte Skopelo; »na, wahrlich, Kapitän! ich soll es Euch wohl zum hundertstenmale sagen? he?«

»Kann sein!«

»Elisundos Töchterchen ...«

»Was recht und am Platze ist, wird kommen,« versetzte einfach Nikolas Starkos und stand auf, verließ die Herberge »zur Minerva« und begab sich zum Hafen zurück, dorthin, wo sein Boot wartete.

»Steige ein,« sprach er zu Skopelo; »die Tratten mit Elisundo bringen wir in Korfu ins reine; dann fährst du nach Arkadia zurück und besorgst die Fracht!«

»Fahren wir ab!« versetzte Skopelo.

Eine Stunde darauf fuhr die »Karysta« aus dem Golfe. Aber vor Tagesausgang konnte Nikolas Starkos ein fernes Grollen hören, das ihm das Echo von Süden herzutrug.

Das war die Kanonade der vereinigten Geschwader auf der Reede von Navarino.

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