Frei Lesen: Der Chancellor

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Jules Verne

Der Chancellor

XII.

eingestellt: 22.7.2007



Am 22. und 23. October.

– Robert Kurtis hat dem Kapitän Alles mitgetheilt.

Kapitän Huntly ist, wenn auch nicht in der That, so doch dem Wortlaute nach sein Vorgesetzter, und er darf ihm Nichts verheimlichen.

Bei dieser Nachricht hat Kapitän Huntly kein Sterbenswörtchen geantwortet, sondern ist nur mit der Hand über die Stirn gefahren, wie ein Mensch, der sich irgend einen Gedanken vertreiben will; dann ist er ruhig in seine Cabine zurückgekehrt, ohne einen Befehl zu ertheilen.

Robert Kurtis, der Lieutenant, der Ingenieur Falsten und ich, wir treten zu einer Berathung zusammen, und ich erstaune über die Kaltblütigkeit, die Jeder unter diesen Umständen an den Tag legt.

Alle Möglichkeiten einer Rettung werden erwogen, und Robert Kurtis faßt unsere Lage in folgende Worte zusammen:

»Die Feuersbrunst kann unmöglich beschränkt werden, und schon ist der Mannschaftsschlafraum am Vordertheil kaum noch zu bewohnen. Der Augenblick muß also, und das vielleicht bald kommen, an dem die Flammen das Verdeck durchbrechen. Wenn vor Eintritt dieser Katastrophe das Meer es erlaubt, werden wir das Schiff auf den Booten verlassen. Ist es uns dagegen unmöglich, den Chancellor zu verlassen, so kämpfen wir gegen das Feuer bis zum letzten Athemzuge. Wer weiß, ob wir seiner nicht leichter Herr werden, wenn es zum Durchbruch gekommen ist. Vielleicht bekämpfen wir den Feind, der sich offen zeigt, erfolgreicher, als den, der sich verbirgt!

– Das entspricht meiner Ansicht, bemerkte ruhig der Ingenieur.

– Auch der meinigen, setzte ich hinzu. Doch, Mr. Kurtis, ziehen Sie gar nicht in Betracht, daß dreißig Pfund jener furchtbaren explosiven Substanz sich im Kielraum befinden?

– Nein, Mr. Kazallon, antwortet Robert Kurtis, mit einem Uebermaße von kaltem Blute, das ist nur ein Detail, welches mich nicht besonders kümmert. Warum sollte es auch? Kann ich das gefahrdrohende Colli mitten aus dem brennenden Cargo heraussuchen? Und das aus einem Raume, dem wir jeden Luftzutritt verwehren müssen? Nein, daran denke ich gar nicht! Noch bevor ich ausspreche, kann das Pikrat seine entsetzliche Wirkung äußern, das ist wohl wahr. Indeß entweder erreicht das Feuer jenes oder nicht! Der erschwerende Umstand, den Sie anführen, ist für mich nicht weiter vorhanden. Es liegt in der Hand Gottes und nicht in der meinigen, uns diese schreckliche Katastrophe zu ersparen!«

Robert Kurtis hat diese Worte in ernstem Tone gesprochen, und wir senken die Köpfe, ohne darauf zu antworten. Da der Zustand des Meeres eine Benutzung der Boote ganz unmöglich macht, so dürfen wir an jenen besonderen Umstand nicht weiter denken.

»Die Explosion ist ja nicht unbedingt nothwendig, hätte wohl ein Formalist gesagt, sie ist nur eine zufällige!«

Eine ähnliche Bemerkung äußerte der Ingenieur auch wirklich.

»Auf eine Frage möchte ich Sie noch um eine Antwort bitten, Mr. Falsten, sagte ich. Kann das Natron-Pikrat sich auch ohne Stoß entzünden?

– Gewiß, entgegnete der Ingenieur. Unter gewöhnlichen Verhältnissen ist das Pikrat nicht mehr entzündlich, als das Pulver, aber ebenso wie dieses.«

Falsten hatte das Wort »ergo« gebraucht. Sollte man nicht glauben, er docire in einem Cursus der Chemie?

Wir sind nach dem Verdeck zurückgegangen. Robert Kurtis ergreift meine Hand.

»Mr. Kazallon, sagt er, ohne einen Versuch seine Erregung zu verbergen, diesen Chancellor, dieses schöne Schiff, das ich so sehr liebe, durch Feuer zerstören zu sehen, ohne etwas dagegen thun zu können ...

– Mr. Kurtis, Ihre Erregung ...

– Ich könnte sie nicht bezwingen! Sie allein sind Zeuge dessen, wie viel ich leide. – Doch, es ist vorüber, fügte er hinzu, – aber ich sah den Kampf, den er bestand.

– Ist die Situation ganz verzweifelt? fragte ich darauf.

– Nun, unsere Lage ist folgende, antwortete wieder ruhig Robert Kurtis. Wir befinden uns über einer Mine, deren Lunte schon entzündet ist. Jetzt ist nur die Frage die, wie lang diese Lunte wohl ist.«

Dann zieht er sich zurück.

Jedenfalls ist es der Mannschaft und den übrigen Passagieren noch unbekannt, wie ungeheuer ernst unsere Lage ist.

Seit er von der Feuersbrunst gehört hat, beschäftigt sich Mr. Kear damit, seine werthvollsten Objecte zusammen zu raffen und denkt an seine Frau natürlich gar nicht. Nachdem er gegen den zweiten Officier halb befehlend den Wunsch geäußert hat, das Feuer zu löschen, und ihn für alle Folgen desselben verantwortlich gemacht, zieht er sich in seine Cabine im Hintertheil zurück und kommt nicht wieder zum Vorschein. Mrs. Kear seufzt und stöhnt und findet trotz ihrer sonstigen Lächerlichkeiten doch allgemeines Mitleid. Miß Herby glaubt sich unter diesen Umständen von den Pflichten gegen ihre Herrin nur um so weniger entbunden, und widmet Jener die erdenklichste Sorgfalt. Ich muß das Benehmen dieses jungen Mädchens bewundern, der ihre Pflicht über Alles geht.

Am nächsten Tage, dem 23. October, läßt der Kapitän den zweiten Officier nach seiner Cabine rufen. Zwischen Ihnen entspinnt sich folgendes Gespräch, dessen Inhalt mir Robert Kurtis mitgetheilt hat.

»Mr. Kurtis, sagt der Kapitän mit irrem Blicke und den offenbaren Anzeichen geistiger Störung, ich bin doch wohl Seemann, nicht wahr?

– Gewiß, Herr Kapitän.

– Nun gut, stellen Sie sich vor, daß ich von meinem Geschäfte nichts verstehe ... ich weiß nicht, was mit mir vorgeht ... ich vergesse ... ich bin mir unklar. Sind wir seit unserer Abreise von Charleston nicht nach Nordosten gesegelt?

– Nein, antwortet der zweite Officier, wir fuhren auf Ihren Befehl nach Südosten.

– Wir haben aber doch nach Liverpool geladen?

– Gewiß.

– Und der ... ? Wie heißt doch das Schiff, Mr. Kurtis?

– Der Chancellor.

– Ah, richtig, der Chancellor! Wo befindet er sich jetzt?

– Im Süden des Wendekreises.

– Gut, gut; ich verpflichte mich auch nicht, ihn nach Norden zurückzuführen! Nein! Nein! Das könnte ich nicht ... ich wünsche meine Cabine nicht wieder zu verlassen ... ich kann den Anblick des Meeres nicht ertragen! ...

– Herr Kapitän, antwortet Robert Kurtis, ich hoffe, daß unsere Sorgfalt...

– Ja, ja, ist schon gut, ... wir werden später sehen – indeß, ich habe einen Befehl für Sie, den letzten, den Sie von mir empfangen werden.

– Ich höre, entgegnete der zweite Officier.

– Mein Herr, nimmt der Kapitän das Wort, von jetzt ab existire ich nicht mehr an Bord und Sie übernehmen das Commando des Schiffes ... Die Verhältnisse sind stärker als ich, ... ich vermag nicht zu widerstehen ... Mein Kopf schwindelt! ... O, ich leide sehr, Mr. Kurtis«, fügt Silas Huntly hinzu und drückt seine beiden Hände gegen die Stirn.

Aufmerksam betrachtet der zweite Officier Den, der bisher an Bord befehligte und begnügt sich zu antworten:

»Es ist gut, Herr Kapitän.«

Nach dem Verdeck zurückgekehrt, erzählt er mir das Vorgefallene.

»Ja wohl, sage ich, wenn der Mann auch noch nicht ganz von Sinnen ist, so leidet er doch am Gehirn und es ist besser, daß er sich seines Mandats freiwillig begeben hat.

– Ich trete unter sehr ernsten Umständen an seine Stelle, erwidert mir Robert Kurtis. Doch, wie dem auch sei, ich werde meine Pflicht zu thun wissen.«

Nach diesen Worten ruft der zweite Officier einen Matrosen herbei und befiehlt ihm, den Hochbootsmann zu suchen.

Der Hochbootsmann erscheint in kurzer Zeit.

»Hochbootsmann, sagt Robert Kurtis zu ihm, lassen Sie die Mannschaften sich am Großmast versammeln.«

Der Hochbootsmann zieht sich zurück und wenige Minuten später umringen die Leute des Chancellor den bezeichneten Platz.

Robert Kurtis begiebt sich mitten unter sie.

»Jungens, sagt er mit ruhig ernster Stimme, in der Lage, in welcher wir uns befinden, und aus anderen mir bekannten Gründen hat Mr. Silas Huntly sein Commando als Kapitän niederlegen zu sollen geglaubt. Von heute an commandire ich an Bord.«

So vollzog sich dieser Wechsel, der nur zu unser Aller Besten dienen kann. Jetzt haben wir einen energischen und verläßlichen Mann an der Spitze, der vor keiner für das allgemeine Wohl erforderlichen Maßnahme zurückschrecken wird. Die Herren Letourneur, Ingenieur Falsten und ich bringen Robert Kurtis unsere Glückwünsche dar, wobei der Hochbootsmann und der Lieutenant sich uns anschließen.

Das Schiff steuert nach Südwesten, und Robert Kurtis, der so viele Segel als möglich beisetzen läßt, sucht die nächste Insel der Kleinen Antillen auf kürzestem Wege zu erreichen.

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