Frei Lesen: Der Chancellor

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Jules Verne

Der Chancellor

XXXVIII.

eingestellt: 22.7.2007



Vom 1. bis 5. Januar. –

Es sind nun drei Monate verflossen, daß wir Charleston auf dem Chancellor verlassen, und zwanzig Tage, die wir schon auf dem Flosse, von der Gnade der Winde und Strömungen abhängig, verbracht haben! Sind wir weiter nach Westen, nach der amerikanischen Küste gekommen, oder hat uns das Unwetter noch weiter von jedem Lande verschlagen? Es ist jetzt sogar unmöglich geworden, hierüber klar zu werden. Bei dem letzten, uns so verderblichen Sturme sind auch die Instrumente des Kapitäns trotz aller Vorsichtsmaßregeln beschädigt worden, und Robert Kurtis besitzt jetzt weder einen Compaß, um die Richtung zu bestimmen, in der wir fahren, noch einen Sextanten, um eine Höhenmessung vorzunehmen. Sind wir nun einer Küste nahe oder noch Hunderte von Meilen von einer solchen entfernt?

Man kann es nicht wissen, doch ist, da alle Umstände gegen uns gewesen sind, vielmehr zu befürchten, daß wir noch weiter hinaus getrieben wurden.

Diese absolute Unkenntniß unserer Lage hat etwas Beängstigendes; doch, so wie die Hoffnung nie des Menschen Herz verläßt, so lieben wir es trotz aller Gegengründe zu glauben, daß eine Küste in der Nähe sei. Jeder beobachtet den Horizont und sucht in dessen glatt verlaufender Linie ein Land zu entdecken. Wie häufig täuschen uns Passagiere die Augen! Ein Nebel, eine Wolke, eine Bewegung des Wassers! Kein Land erscheint, kein Schiff verirrt sich in den unendlichen Kreis um uns, in dem Himmel und Meer verschmelzen, und dessen Mitte das Floß unverändert einnimmt.

Am 1. Januar haben wir unseren letzten Zwieback verzehrt oder richtiger, unseren letzten Brocken Zwieback! Am 1. Januar! Welche Erinnerungen weckt dieser Tag, und wie traurig erscheint uns dagegen der heutige! Das neue Jahr, der erste Tag desselben, wie brachte man sich einander seine Wünsche dar, schmeichelte man sich mit den Hoffnungen, die das Herz erfüllten – uns ziemt sich nichts von alle Dem! Die Worte: »Ich wünsche Ihnen ein glückliches Neujahr!«, die man doch nur mit freudigem Angesichte aussprechen kann, wem von uns kämen sie jetzt über die Lippen? Wer vermöchte auch nur einen Tag für sich selbst noch zu hoffen?

Da nähert sich mir der Hochbootsmann, sieht mich ganz eigenthümlich an und sagt:

»Mr. Kazallon, ich wünsche Ihnen einen glück ...

– Ein glückliches neues Jahr?

– Nein! Nur einen glücklichen Tag, und das will schon viel sagen, denn wir haben nichts mehr zu essen auf dem Flosse!«

Nichts mehr! Wir wußten es ja, und doch, als die Stunde der Vertheilung kam, traf es uns, wie ein neuer Schlag. Man mochte an diesen absoluten Mangel an Allem nicht glauben!

Gegen Abend fühle ich ein heftiges Zusammenziehen des Magens; dann folgt ihm ein schmerzhaftes Gähnen, das sich zwei Stunden nachher ein wenig mindert.

Am nächsten Tage, dem 3. Januar, bin ich sehr erstaunt, nicht mehr zu leiden. Ich fühle in mir eine furchtbare Leere, doch ist das ebenso ein Gefühl geistiger wie körperlicher Zerschlagenheit. Mein schwerer Kopf schwankt auf den Schultern, und es wird mir schwindelig, so als ob ich in einen Abgrund blickte.

Die Erscheinungen gleichen sich aber nicht bei Allen von uns, und einige meiner Gefährten leiden schon ganz entsetzlich, unter Anderen Daoulas, der Zimmermann, und der Bootsmann, die von Natur starke Esser sind. Die Hungersqualen pressen ihnen unwillkürlich Schmerzensschreie aus, und sie schnüren sich mit einem Stricke zusammen. Wir sind aber jetzt erst am zweiten Tage!

O, jenes halbe Pfund Zwieback, jene mageren Rationen, die uns noch vor wenig Tagen so unzureichend erschienen, wie vergrößert sie unser Verlangen, wie enorm erscheinen sie uns jetzt, da wir gar nichts mehr haben! Wenn man uns jetzt diese Stückchen Zwieback noch zutheilte, nur die Hälfte, ja, nur den vierten Theil davon, wir würden mehrere Tage damit ausreichen! Bissen für Bissen würden sie nur verzehrt werden!

Wenn in einer belagerten Stadt Mangel herrscht, kann man in dem Kehricht, in den Flüssen, in einem Winkel einen abgenagten Knochen finden, eine weggeworfene Wurzel, die den Hunger eine Zeit lang wegtäuscht! Auf diesen Brettern aber, welche die Wogen unzählige Male überflutheten, in deren Fugen man schon gierig nachgesucht, deren Ecken und Winkel, in die der Wind einige Brosamen hätte treiben können, man schon wieder und wieder ausgescharrt hat, was könnte man hier wohl zu finden hoffen?

Wie lang werden uns die Nächte – noch länger als die Tage! Vergeblich erhofft man vom Schlafe eine vorübergehende Milderung dieser Leiden. Wenn sich unsere bleiernen Augenlider ja einmal schließen, so verfallen wir vielmehr einer fieberhaften Betäubung, die uns mit Alpdrücken quält.

Und doch, die letzte Nacht unterlag ich der Erschöpfung und habe einige Stunden ruhen können.

Am anderen Tage erwache ich um sechs Uhr Morgens durch lautes Geschrei. Ich springe auf und sehe im Vordertheile den Neger Jynxtrop, die Matrosen Owen, Flaypol, Wilson, Burke und Sandon wie zum Angriffe zusammengetreten. Diese Schurken haben sich der Werkzeuge des Zimmermanns, der Aexte, des Beiles, der Meißel u.s.w. bemächtigt, und bedrohen damit den Kapitän, den Bootsmann und Daoulas. Ich geselle mich schleunigst zu Robert Kurtis und den Seinen. Falsten folgt mir unmittelbar. Wir haben als Waffen zwar nur unsere Messer, sind aber nicht minder entschlossen, uns zu vertheidigen.

Owen und die Uebrigen dringen auf uns zu. Die Verblendeten sind betrunken: in der Nacht haben sie das Branntweinfäßchen gestohlen und es fast ausgetrunken.

Was mögen sie wollen?

Owen und der Neger, die noch am Meisten bei Sinnen zu sein scheinen, reizen die Anderen auf, uns niederzumachen, und Jene unterliegen gewissermaßen einer Art Säuferwahnsinn.

»Nieder mit Kurtis! rufen sie. Ins Meer mit dem Kapitän! Owen commandirt! Owen commandirt!«

Owen ist der Anführer der Rotte, ihm folgt der Neger. Der Haß dieser beiden Kerle gegen ihren Officier äußert sich jetzt in einem Gewaltstreiche, der im Falle des Gelingens unsere Lage gewiß nicht zu bessern im Stande wäre. Ihre Partner, welche kaum denken können, aber sich besser bewaffnet haben als wir, sind uns jetzt immerhin furchtbar.

Als Robert Kurtis sie heran kommen sieht, geht er ihnen entgegen und ruft mit fester Stimme:

»Die Waffen weg!

– Den Tod dem Kapitän!« heult Owen.

Dieser Schuft treibt seine Genossen durch Handbewegungen an; doch Robert Kurtis weicht der betrunkenen Rotte aus und stellt sich gerade vor ihn hin.

»Was willst Du? fragt er Jenen.

– Keinen Commandanten auf dem Flosse! antwortet Owen, hier sollen Alle gleich sein!«

Der Verblendete! Als ob wir, das Elend vor uns, nicht Alle schon gleich wären!

»Owen, wiederholt der Kapitän noch einmal, die Waffen weg!

– Tapfer drauf, Ihr Anderen!« brüllt Owen.

Es entspinnt sich ein Kampf. Owen und Wilson stürzen auf Robert Kurtis, der ihre Schläge mit einem Pfahle abwehrt, während Burke und Flaypol auf den Bootsmann eindringen. Ich habe den Neger Jynxtrop als Gegner, der ein Beil schwingend mich zu treffen sucht. Ich versuche ihn mit den Armen zu umschlingen, um seine Bewegungen zu verhindern, aber die Muskelkraft dieses Spitzbuben übertrifft die meinige, und nach einigen Augenblicken des Widerstandes fühle ich, daß ich wohl unterliegen muß, als Jynxtrop plötzlich auf die Plateform hinrollt und mich im Sturze mit sich reißt. André Letourneur hat ihn an einem Beine gepackt und dadurch umgeworfen.

Diese Hilfe hat mich gerettet. Der Neger hat beim Fallen sein Beil verloren, dessen ich mich bemächtige, und eben will ich ihm den Schädel spalten, als Andrés Hand nun auch mich zurückhält.

In der That, die Empörer sind schon auf das Vordertheil zurückgedrängt. Robert Kurtis hat, nachdem er Owens Axthieb glücklich parirt, selbst ein Beil erlangt und schlägt damit aus vollen Kräften zu.

Owen springt aber zur Seite, und das Beil dringt Wilson mitten in die Brust. Der Elende stürzt rückwärts zusammen, vom Flosse herunter und verschwindet im Wasser.

»Rettet ihn! Rettet ihn! ruft der Hochbootsmann.

– Der ist todt! erwidert Daoulas.

– Eben deswegen ...«, sagt noch der Bootsmann, ohne den Satz ganz auszusprechen.

Aber Wilsons Tod endet den Kampf. Flaypol und Burke sind im höchsten Stadium der Trunkenheit besinnungslos hingesunken, und wir stürzen uns auf Jynxtrop, der fest an den Fuß des Mastes gebunden wird.

Der Zimmermann und der Hochbootsmann haben indessen Owen überwältigt. Mit der blutigen Axt in der Hand nähert sich ihm Robert Kurtis und sagt:

»Verrichte Dein letztes Gebet. Du stirbst!

– Sie haben gewiß rechte Lust, mich aufzuessen!« erwidert Owen mit einer Frechheit ohne Gleichen.

Diese trotzige Antwort rettet ihm das Leben. Robert Kurtis wirft die Axt weg, die er schon zum Schlage erhoben hat, und setzt sich leichenblaß auf dem Hintertheile des Flosses nieder.

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