Frei Lesen: Der Chancellor

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Jules Verne

Der Chancellor

XLIII.

eingestellt: 22.7.2007



Vom 11. bis 14. Januar.

– Owen ist in der Nacht unter tetanischen Zuckungen, welche einen seltenen Grad der Intensität erreichten, gestorben. Es ist nur zu wahr! Die vergiftete Tonne hat früher Kupfervitriol enthalten, das ist Thatsache. Durch welchen unglücklichen Mißgriff diese Tonne gerade als Wasserbehälter benutzt wurde und durch welchen bedauernswerthen Zufall gerade sie auf das Floß mit verladen worden ist?... Alles das kommt ja wenig in Betracht. Eins steht fest: daß wir kein Wasser mehr haben!

Owens Körper mußte sofort ins Meer geworfen werden, da er unmittelbar nach dem Tode in Zersetzung überging, und der Hochbootsmann hätte nicht einmal seine Leine mit dem todten Fleisch als Köder versehen können, da dieses jeden Zusammenhang verloren hatte. Der Tod dieses Elenden ist für uns nicht einmal von Nutzen gewesen!

Wir Alle kennen unsere thatsächliche Situation und verhalten uns still in dumpfem Brüten. Was sollten wir auch sprechen? Schon den Ton unserer Stimme zu hören berührt uns schmerzlich. Bei unserer übermäßigen Reizbarkeit ist es besser, daß wir gar nicht reden, denn das geringste Wort, ein Blick, eine Geste könnte ausreichen, unberechenbare Folgen hervorzurufen. Ich begreife nicht, wie es kommt, daß wir noch nicht Alle von Sinnen sind!

Am 12. Januar haben wir keinen Tropfen Wasser erhalten, da der letzte Tropfen Tags vorher ausgeschöpft war. Am Himmel ist keine Wolke, die etwas Regen verspräche, und ein Thermometer zeigte im Schatten gewiß 40° C., wenn auf dem Flosse überhaupt an Schatten zu denken wäre.

Am 13. ist die Lage die gleiche. Das Meerwasser beginnt auch mir die Füße wund zu ätzen, doch das beachte ich fast gar nicht. Auch der Zustand Derjenigen, die an diesem Uebel schon länger leiden, ist dadurch nicht wesentlich verschlimmert. O, dieses Wasser, das uns rings umgiebt, wenn ich bedenke, daß wir es durch Verdampfen oder Gefrierenlassen trinkbar zu machen im Stande wären!

In Dampf oder Eis verwandelt würde es keine Spur Salz mehr enthalten, und man könnte es genießen! Aber uns fehlen alle Hilfsmittel, und wir vermögen sie auch nicht herzustellen.

Heute haben sich, auf die Gefahr hin, von Haien verschlungen zu werden, der Bootsmann und zwei Matrosen gebadet. Solch ein Bad gewährt ihnen eine gewisse Erleichterung und erfrischt sie doch einigermaßen. Drei meiner Genossen und ich, – die wir nicht schwimmen können, – haben uns an ein Seil befestigt und sind wohl eine halbe Stunde lang im Meer geblieben. Robert Kurtis überwachte dabei die Wellen, und zum Glück hat sich kein Haifisch genähert. Trotz unserer Bitten und ihrer quälenden Leiden hat Miß Herbey unserm Beispiel nicht folgen wollen.

Am 14., gegen elf Uhr Morgens, nähert sich mir der Kapitän und flüstert mir ins Ohr:

»Vermeiden Sie jede Bewegung, die Sie verrathen könnte, Herr Kazallon, denn ich könnte mich irren, und ich möchte den Andern eine neue Enttäuschung ersparen.«

Ich sehe Robert Kurtis erwartungsvoll an.

»Dieses Mal, sagt er zu mir, habe ich wirklich ein Schiff wahrgenommen!«

Der Kapitän hat wohl daran gethan, mich vorzubereiten, denn ich wäre gewiß nicht meiner ersten Bewegung Meister geworden.

»Schauen Sie, fügt er hinzu, da hinten über Backbord!«

Ich erhebe mich, affectire eine mir gewiß ganz fremde Gleichgiltigkeit, und meine Augen schweifen über den mir von Robert Kurtis bezeichneten Bogen am Horizont.

Meine Augen sind freilich nicht die eines Seemannes, aber ich erkenne doch, als kaum unterscheidbare Silhouette, ein Schiff unter Segel.

Fast zu gleicher Zeit ruft der Hochbootsmann, dessen Blicke einige Secunden nach dieser Gegend hinausschweifen:

»Ein Schiff in Sicht!«

Die Meldung eines entfernten Schiffes erweckt nicht unmittelbar die Bewegung, welche man wohl hätte erwarten sollen, und bringt jedenfalls keinerlei Aufregung hervor, ob man nun an dieselbe nicht glauben wollte, oder die Kräfte schon zu sehr erschöpft waren; kein Mensch erhebt sich. Aber der Bootsmann ruft wiederholt: »Ein Schiff! Ein Schiff!« Und Aller Blicke heften sich an den Horizont.

Dieses Mal ist die Thatsache nicht zu leugnen, wir sehen es, das unerwartete Fahrzeug. Wird es auch uns sehen?

Inzwischen besprechen die Matrosen die äußere Erscheinung des Fahrzeuges und seine Richtung, vorzüglich die letztere.

Robert Kurtis erklärt nach einer aufmerksamen Betrachtung desselben:

»Es ist eine Brigg, die mit Steuerbordhalsen dicht am Winde läuft. Hält sie ihren jetzigen Cours nur zwei Stunden lang ein, so muß sie unsern Weg kreuzen.«

Zwei Stunden! – Zwei Jahrhunderte! Das Schiff kann seinen Cours aber jede Minute wechseln und wird das um so wahrscheinlicher thun, weil es offenbar durch Laviren gegen den Wind Fahrt zu machen sucht. Bestätigt sich aber diese Annahme, so wird es nach Vollendung seines »Schlags« (d. i. die Strecke, welche ein lavirendes Schiff in ein und derselben Richtung zurücklegt) Backbordhalsen beisetzen und sich wieder entfernen. O, wenn es mit dem Wind im Rücken oder von der Seite segelte, wir hätten ein Recht, zu hoffen!

Uns handelt es sich jetzt darum, die Aufmerksamkeit jenes Schiffes zu erregen. Robert Kurtis ordnet alle möglichen Signale an, denn die Brigg ist wohl noch ein Dutzend Meilen von uns im Osten entfernt, und unsere Rufe könnten unmöglich gehört werden. Auch kein Feuergewehr steht uns zur Verfügung, dessen Detonationen so weit hin drängen. Wir wollen also eine ganz beliebige Flagge am Maste aufhissen. Miß Herbeys rothes Shawltuch sticht am lebhaftesten von der Färbung des Meeres und des Himmels ab.

Das Tuch wird möglichst hoch angebracht, und eine leichte Brise, die gerade jetzt die Oberfläche der Wellen kräuselt, entfaltet es vollständig. Sein wiederholtes lustiges Flattern erfüllt unsere Herzen mit froher Hoffnung. Wenn ein Mensch am Ertrinken ist, weiß man ja, mit welcher Kraft er sich an einen Strohhalm klammert. Die Flagge ist dieser Strohhalm für uns!

Eine ganze Stunde lang bewegen uns tausend abwechselnde Gefühle. Ohne Zweifel hat sich die Brigg dem Flosse genähert, doch bisweilen scheint es, als ob sie anhielte, und man zerquält sich mit der Frage, ob sie nicht im Begriff ist, zu wenden.

O Gott, wie langsam schleppt dieses Schiff sich hin! Es fährt mit vollen Segeln, und doch ist sein Rumpf auch jetzt noch kaum über dem Horizonte sichtbar. Doch der Wind ist schwach und legt sich immer mehr!... Wir gäben ganze Jahre unseres Lebens darum, jetzt eine Stunde älter zu sein!

Gegen halb ein Uhr schätzen der Kapitän und der Hochbootsmann die Entfernung des Schiffes noch auf neun Meilen. In anderthalb Stunden ist es uns demnach nur drei Meilen näher gekommen, und kaum mag der Lufthauch, der noch über dem Flosse weht, bis zu ihm reichen. Mir scheinen seine Segel gar nicht mehr zu schwellen, sondern an den Masten schlaff herab zu hängen. Ich beobachte, gegen den Wind gerichtet, ob eine Brise wieder aufspringt; aber die Wellen scheinen zu träumen, und der Athem des Windes, der unsere Hoffnungen weckte, erstirbt.

Ich befinde mich auf dem Hintertheile neben den Mrs. Letourneur und der Miß Herbey; unsere ängstlichen Blicke richten sich abwechselnd auf das Schiff und den Kapitän. Robert Kurtis steht unbeweglich vorn, an den Mast gelehnt, der Hochbootsmann dicht neben ihm; ihre Augen wenden sich keinen Moment von der Brigg ab. Von ihrem Antlitz, das jetzt ja nicht ausdruckslos bleiben kann, lesen wir die Empfindungen ab, welche sie erregen. Nicht ein Wort kommt über ihre Lippen, bis der Zimmermann mit einem gar nicht wiederzugebenden Tone ausruft:

»Es wendet!«

Unser ganzes Ich scheint sich jetzt in die Augen zusammen zu drängen, und erstarrt stehen die Einen wie Bildsäulen, die Andern liegen auf den Knien. Ein furchtbarer Fluch entfährt dem Munde des Hochbootsmannes. Auf neun Meilen Entfernung hat das Schiff unsere Signale unmöglich wahrnehmen können! Das Floß stellt ja in dem unendlichen Raume nur ein Pünktchen dar, das in dem Glanze der blendenden Sonnenstrahlen wohl ganz verschwindet! Man hat uns nicht gesehen! Könnte der Kapitän jenes Schiffes, er sei wer auch immer, wenn er uns bemerkt hätte, so unglaublich unmenschlich sein, zu entfliehen, ohne uns geholfen zu haben? Nein! Das ist unmöglich! Nein, er hat uns nicht gesehen!

»Macht Feuer! Laßt Rauch aufsteigen! ruft Robert Kurtis. Verbrennt die Planken des Flosses! Freunde! Meine Freunde! Das ist ja die letzte Möglichkeit, uns bemerkbar zu machen!«

Im Vordertheile werden einige Bretter zu einem Scheiterhaufen zusammen getragen. Nicht ohne Mühe setzen wir diese, da sie zu naß sind, in Brand, aber sie geben deshalb auch einen um so dichteren und weiterhin sichtbaren Rauch. Bald wirbelt eine schwarze Säule gerade empor. Wenn es jetzt Nacht wäre oder doch vor dem Verschwinden der Brigg dunkel würde, müßten die Flammen trotz der Entfernung bis zu jener hin erkennbar sein!

Doch – die Stunden verrinnen, das Feuer erlischt!...

Um in solchen Augenblicken sich mit frommer Ergebenheit dem göttlichen Willen zu unterwerfen, muß man mehr Macht über sich haben, als ich besitze. Nein! Jetzt schwindet mein Vertrauen auf Gott, der unsere Folterqualen durch solche aufblitzende Hoffnungsstrahlen noch erhöht, und ich lästere ihn, wie ihn der Hochbootsmann gelästert hat! ... Da legt sich eine schwache Hand ganz leise auf meine Schulter, und Miß Herbey zeigt nach dem Himmel!

Doch, ich ertrage es nicht länger! Ich mag nichts mehr sehen und vergrabe mich seufzend unter unserer Segeldecke....

Inzwischen hat das Fahrzeug andere Halsen beigesetzt, dann entfernt es sich langsam nach Osten, und drei Stunden später vermochten auch die schärfsten Seemannsaugen kein Stückchen Leinwand mehr am Horizonte zu erblicken!

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