Frei Lesen: Der Chancellor

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Jules Verne

Der Chancellor

LI.

eingestellt: 22.7.2007



Am 24. Januar.

– Wo sind wir? Nach welchem Theile Amerikas zu wurden wir verschlagen? Zweimal habe ich Robert Kurtis darüber gefragt, doch vermochte er mir keine bestimmte Antwort darauf zu geben. Da er jedoch die Richtung der Strömungen und der Winde immer aufgezeichnet hat, so glaubt er, daß wir im Ganzen weiter nach Westen, also nach dem Lande zu, getrieben seien.

Heute zeigt die Luft gar keine Bewegung, und dennoch verräth die hohlgehende See, daß im Osten das Wasser aufgeregt worden ist. Jedenfalls wird ein Sturm über jene Theile des Atlantischen Oceans hinweg gebraust sein. Das Floß arbeitet schwer, und Robert Kurtis, Falsten und der Zimmermann setzen ihre letzten Kräfte daran, seine Theile, die sich zu lockern drohen, sicherer zu befestigen.

Warum bemühen sie sich noch damit? Möchten diese Planken doch endlich auseinander weichen und der Ocean uns verschlingen! Es ist zu viel, ihm unser elendes Leben noch abringen zu wollen.

In Wahrheit haben unsere Qualen den höchsten Grad erreicht, den Menschen wohl zu ertragen vermögen, und unmöglich können sie noch über diesen hinausgehen! Die Hitze ist ganz unausstehlich, der Himmel gießt geschmolzenes Blei über uns aus. Der Schweiß läuft durch unsere Lumpen, und diese Transpiration erhöht noch unseren Durst. Nein, ich kann es nicht wiedergeben, was ich empfinde. Die Worte gehen aus, wenn es gilt, übermenschliche Qualen zu schildern.

Die einzige Möglichkeit, durch welche wir uns früher einige Erquickung zu verschaffen vermochten, ist uns jetzt ebenfalls abgeschnitten. Niemand kann mehr daran denken, sich zu baden, denn seit Jynxtrops Tode umringen uns die Haifische in ganzen Schaaren.

Heute habe ich versucht, mir etwas trinkbares Wasser zu verschaffen, indem ich Meerwasser verdunstete. Doch trotz der größten Geduld gelang es mir kaum, ein Stück Leinenzeug anzufeuchten. Außerdem widerstand der sehr abgenutzte Siedekessel dem Feuer nicht mehr, schmolz zusammen, und ich war genöthigt, die Operation einzustellen.

Der Ingenieur Falsten ist jetzt ebenfalls ganz gebrochen und wird uns höchstens um einige Tage überleben. Wenn ich die Augen einmal aufschlage, sehe ich ihn kaum mehr. Liegt er irgendwo unter Segeln, oder ist er todt? Nur der energische Kapitän Kurtis steht auf dem Vordertheile und lugt ins Weite. Wenn man sich vorstellt, daß dieser Mann ... noch Hoffnung hat!

Ich selbst strecke mich auf dem Boden aus und erwarte den Tod. Je eher er kommt, desto willkommener soll er mir sein!

Wie viele Stunden mir in dieser Weise verflossen sind ... ich weiß es nicht, doch ich höre ein gellendes Gelächter, einer von uns muß wahnsinnig geworden sein!

Das Lachen verdoppelt sich. Ich erhebe den Kopf gar nicht. Wozu auch? Einige unzusammenhängende Worte erreichen dennoch mein Ohr.

»Eine Wiese! Eine Wiese! Grüne Bäume! Eine Schenke unter den Bäumen! Schnell, schnell! Branntwein her! Gin! Wasser! Eine Guinee für den Tropfen! Ich bezahl es! Ich habe Gold, viel Gold!«

Armer Verblendeter! Für alle Reichthümer Alt-Englands könntest Du jetzt keinen Tropfen Wasser erkaufen.

Der Matrose Flaypol ist es, der von Delirien erfaßt, ausruft:

»Land! Da ist das Land!«

Dieses Wort hätte bei uns auch Todte erweckt. Ich mache eine schmerzliche Anstrengung und erhebe mich. Kein Land ist sichtbar. Flaypol läuft auf der Plateform umher, er lacht, singt und giebt Zeichen nach der eingebildeten Küste hin! Unleugbar sind die directen Sinnesthätigkeiten des Gehörs, des Gesichts und Geschmacks bei ihm gänzlich erloschen, doch ist er von einer rein cerebralen Erscheinung vollkommen erfüllt. Er spricht auch mit abwesenden Freunden. Er führt sie nach der Schenke in Cardiff, dort bietet er ihnen Gin, Whisky, Wasser an, – Wasser vorzüglich; Wasser, das ihn trunken macht! Da geht er über alle die daliegenden Körper weg, stolpert bei jedem Schritte, fällt hin und erhebt sich wieder, singt mit weinseliger Stimme und hat das Aussehen, als befände er sich im stärksten Grade der Trunkenheit. Unter der Herrschaft seines Wahnsinns leidet er nicht, und sein Durst ist gestillt! O, ich möchte seine Sinnestäuschungen auch haben!

Wird der Unglückliche ebenso enden, wie der Neger Jynxtrop, und sich zuletzt in die Fluthen stürzen?

Daoulas, Falsten und der Hochbootsmann müssen das erwartet haben, denn wenn er sich umbringen sollte, wollen sie es »nicht ohne Vortheil für sich« geschehen lassen! Sie erheben sich, sie folgen ihm, sie belauern ihn, und wenn Flaypol sich ins Meer stürzte, dieses Mal würden sie ihn den Haifischen aus den Zähnen reißen!

Doch, es sollte so nicht kommen. Im Verlaufe seiner Hallucinationen ist Flaypol im letzten Stadium der Trunkenheit angelangt, so, als ob er sich durch die geistigen Getränke wirklich berauscht hätte, die er freigebig ausbot, und wie eine todte Masse stürzt er in einem Winkel zusammen, um einem bleiernen Schlafe zu verfallen.


 

< L.
LII. >



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