Frei Lesen: Der Chancellor

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Jules Verne

Der Chancellor

LIII.

eingestellt: 22.7.2007



Am 26. Januar.

– Der Vorschlag ist gemacht. Alle haben ihn gehört, Alle verstanden. Seit einigen Tagen schon war er zur fixen Idee geworden, welche nur Niemand in ihrer Nacktheit auszusprechen wagte.

Man will das Loos entscheiden lassen.

Jeder soll einen Theil von dem erhalten, den das Loos zum Opfer bezeichnen wird.

Nun gut, es sei! Wenn mich das Loos träfe, ich würde mich nicht beklagen.

Mir scheint, daß eine Ausnahme zu Gunsten der Miß Herbey vorgeschlagen worden ist, und daß sie von André Letourneur angeregt wurde. Doch ein Murmeln des Unmuths wird unter den Matrosen hörbar. Wir sind elf an Bord. Jeder hat also zehn Chancen für und nur eine gegen sich; die vorgeschlagene Ausnahme würde dieses Verhältniß umstoßen. Miß Herbey muß das Schicksal aller Anderen theilen.

Es ist nun zehn ein halb Uhr geworden. Der Hochbootsmann, den Daoulas Vorschlag wieder belebt hat, dringt darauf, daß die Verloosung sogleich vorgenommen werden solle. Er hat recht. Uebrigens hängt wohl Keiner von uns besonders am Leben, und der, den das Loos treffen wird, geht ja den Uebrigen nur um wenige Tage, vielleicht nur um wenige Stunden im Tode voran. Man weiß das; der Tod hat seinen Stachel verloren. Aber nicht einen oder zwei Tage mehr von diesem Hunger leiden, und diesen entsetzlichen Durst empfinden, das will man, das wird man erreichen.

Ich weiß nicht, wie es gekommen ist, daß sich alle unsere Namen in einem Hute befinden; es kann nur Falsten gewesen sein, der sie auf ein aus seinem Notizbuche herausgerissenes Stück Papier geschrieben hat.

Die elf Namen sind vorhanden, und man kommt ohne Gegenrede dahin überein, daß der letzte Name, welcher gezogen wird, das Opfer bezeichnen soll.

Wer wird die Ausloosung vornehmen? Alle zaudern ein wenig.

»Ich«, antwortet da Einer von uns.

Ich sehe mich um und erkenne Mr. Letourneur.

Er steht da, bleich, mit vorgestreckter Hand, seine weißen Haare fallen ihm über die ausgehöhlten Wangen, und er erschreckt durch seine gespenstige Ruhe!

Ach, unglücklicher Vater, ich verstehe Dich; ich weiß es, warum gerade Du die Namen aufrufen willst! Deine väterliche Opferfreudigkeit wird auch so weit gehen.

»Wenn es Ihnen gefällig ist!« sagt der Hochbootsmann.

Mr. Letourneur senkt die Hand in den Hut, ergreift ein Billet, entfaltet es, spricht mit lauter Stimme den Namen aus, den es trägt, und übergiebt es Demjenigen, den es bezeichnet.

Der erste herausgezogene Name ist der Burkes, der einen Freudenschrei ausstößt.

Der zweite der Flaypols.

Der dritte der des Hochbootsmannes.

Der vierte der Falstens.

Der fünfte der Robert Kurtis.

Der sechste der Sandons.

Die Hälfte der Namen und einer darüber ist ausgerufen.

Der meinige ist nicht gekommen, und ich suche die Chancen zu berechnen, die mir noch bleiben: Vier gute gegen eine schlechte.

Seitdem Burke jenen Schrei ausstieß, hat Niemand ein Wort vernehmen lassen.

Mr. Letourneur fährt in seinem traurigen Geschäfte fort.

Der siebente Name ist der der Miß Herbey, aber das junge Mädchen verräth kein Zeichen der Freude.

Der achte Name ist der meinige. Ja! Der meinige!

Der neunte Name:

»Letourneur!«

– Welcher? fragt der Hochbootsmann.

– André!« antwortet Mr. Letourneur.

Da hört man einen wiederholten Schrei, und André stürzt bewußtlos zusammen.

»Nur vorwärts!« ruft der Zimmermann Daoulas, dessen Name mit dem des Mr. Letourneur allein noch im Hute zurückgeblieben ist.

Daoulas betrachtet seinen Rivalen als das Opfer, das er verschlingen will. Mr. Letourneur selbst zeigt fast ein Lächeln. Er führt seine Hand wieder in den Hut, er zieht das vorletzte Loos heraus, entfaltet es langsam, und ohne daß seine Stimme zittert und mit einer Seelenstärke, welche ich diesem Greise kaum zugetraut hätte, spricht er den Namen »Daoulas!« aus.

Der Zimmermann ist gerettet, und ein Stoßseufzer entringt sich seiner Brust.

Dann nimmt Mr. Letourneur noch das letzte Billet und zerreißt es, ohne es erst zu öffnen.

Doch ein Stückchen des zerrissenen Papieres stiegt von Niemand beachtet nach einer Ecke des Flosses. Ich krieche darnach hin, ich ergreife es, und auf einer Ecke desselben lese ich noch: And ...

Mr. Letourneur kommt eiligst auf mich zu, entreißt meinen Händen das winzige Stück Papier, dreht es fest zusammen, und indem er mich scharf und ernst anblickt, wirft er es in das Meer.


 

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