Frei Lesen: Die fünfhundert Millionen der Begum

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Jules Verne

Die fünfhundert Millionen der Begum

Zehntes Capitel.

eingestellt: 4.7.2007



Einen Monat vor der Zeit, da sich die oben erzählten Ereignisse zutrugen, stand in einer deutschen Revue mit dem Titel »Unser Jahrhundert« ein Aufsatz bezüglich France-Villes, der im deutschen Kaiserreiche gerechtes Aufsehen machte, wahrscheinlich weil er die Verhältnisse dieser Stadt nur von ausschließlich materiellem Standpunkte aus beleuchtete.

»Wir haben unsere Leser schon von der merkwürdigen Erscheinung an der fernen Westküste der Vereinigten Staaten unterrichtet. Die große amerikanische Republik hat – in Folge der vielseitigen eingewanderten Elemente, welche ihre Bevölkerung umfaßt – uns schon seit langer Zeit an immer neue Ueberraschungen gewöhnt. Die letzte derselben ist gleichzeitig eine der merkwürdigsten, nämlich die Gründung der Stadt France-Ville, an die vor fünf Jahren noch kein Mensch dachte und welche sich schon heute eines unerwartet blühenden Wohlstandes erfreut.

Diese wunderbare Stadt ist wie durch Zauberkünste an der Küste des Pacifischen Oceans emporgewachsen. Wir wollen hier nicht prüfen, ob der Plan und die erste Idee zu derselben, wie man allgemein behauptet, von einem Franzosen, einem Doctor Sarrasin, ausgegangen ist oder nicht. Die Sache ist nicht unmöglich, da sich der genannte Arzt einer entfernten Verwandtschaft mit unserem berühmten Stahlkönig rühmen kann. Man setzt auch, beiläufig bemerkt, hinzu, daß die Aneignung einer beträchtlichen Erbschaft, welche rechtlicher Weise Herrn Schultze zukam, mit der Gründung von France-Ville in Verbindung steht. Ueberall, wo in der Welt etwas Gutes geschieht, darf man gewiß sein, darin wenigstens ein germanisches Samenkorn zu finden, eine Wahrheit, welche wir mit Genugthuung auch bei dieser Gelegenheit bestätigt sehen.

Doch wie dem auch sei, wir fühlen uns verpflichtet, unseren Lesern eingehende und verläßliche Einzelheiten über diese Musterstadt mitzutheilen.

Man erspare sich die Mühe, den Namen derselben auf der Landkarte zu suchen. Selbst der große Atlas in 378 Foliobänden, herausgegeben von unserem berühmten Tüchtigmann, wo alle Gebüsche und Baumgruppen der Alten und Neuen Welt mit größter Genauigkeit verzeichnet stehen, selbst dieses großartige Denkmal geographischer Wissenschaft enthält noch keine Spur von France-Ville. Noch vor fünf Jahren breitete sich an der Stelle, welche die neue Stadt jetzt einnimmt, eine öde Wüstenei aus. Der betreffende Punkt liegt unter 43° 11 3" nördlicher Breite und 124° 41 17" westlicher Länge von Greenwich. Er findet sich, wie man hieraus ersieht, nahe der Küste des Stillen Oceans, am Fuße der secundären Kette der Felsengebirge, der den Namen Cascaden-Berge erhalten hat, zwanzig Meilen nördlich vom Cap Blanc, Staat Oregon, Nordamerika.

Mit peinlichster Sorgfalt wurde diese geeignetste Stelle unter vielen anderen ziemlich günstigen Oertlichkeiten ausgewählt. Ausschlaggebend für die endliche Entscheidung war ihre Lage in der gemäßigten Zone der nördlichen Halbkugel, welche bezüglich der Civilisation unserer Erde stets den Reigen anführt, wie in der Mitte einer Föderativ-Republik und gleichzeitig eines noch neuen Staates, der ihr vorläufig eine gewisse Unabhängigkeit gewährleistete und der Stadt mit ihrem Gebiete ähnliche Rechte einräumte, wie sie etwa das Fürstenthum Monaco in Europa genießt – unter der Bedingung, nach einer gewissen Reihe von Jahren in den Staatenbund der Union einzutreten; – die Nähe des Oceans, der doch mehr und mehr zur Landstraße der Welt wird; – die bergige fruchtbare und ungemein gesunde Natur des Erdbodens; – die Nachbarschaft einer Bergkette, welche vor den Nord-, Süd- und Ostwinden gleichmäßig schützte und es der vom Meere hereinwehenden Brise überließ, die Atmosphäre der Stadt zu erneuern; – das Vorhandensein eines kleinen Flusses, dessen frisches, süßes, weiches, durch wiederholte Fälle sowohl wie durch rasche Strömung reichlich oxygenirtes Wasser sich noch vollkommen klar ins Meer ergießt; – endlich ein natürlicher Hafen, der durch Dammschüttungen leicht vergrößert werden könnte und den ein bogenförmig verlaufendes Vorgebirge bildete.

Hier sei auch noch einiger minder bedeutender Vorzüge erwähnt, wie der Nähe ergiebiger Marmor- und Steinbrüche, eines Lagers von Kaolin und endlich sogar des Vorkommens goldhaltiger Geschiebe. Gerade um dieses letzteren Umstandes willen hätte man sich beinahe von hier weggewendet; die Begründer der Stadt glaubten, der Eintritt des Goldfiebers könnte ihre besten Pläne durchkreuzen. Zum Glück fanden sich aber nur sehr wenige und ganz kleine Goldkörner vor.

Wenn die Wahl des Terrains auch nur auf Grund der ernstesten und eingehendsten Erwägungen erfolgte, so hatte sie doch nur zwei Tage in Anspruch genommen und auch nicht erst eine besondere Expedition nöthig gemacht. Die Kenntniß unserer Erdkugel ist jetzt so weit vorgeschritten, daß man sich über die entlegensten Punkte derselben, auch ohne sein Zimmer zu verlassen, Auskunft verschaffen kann.

Nach Entscheidung dieses Punktes schifften sich zwei Abgesandte des Gründungs-Comités auf dem nächsten Liverpooler Dampfer ein, gelangten in elf Tagen nach New-York, sieben Tage später nach San-Francisco und mietheten hier ein Dampfboot, das sie nach zehn Stunden an der erwählten Stelle ans Land setzte.

Die unumgänglichen Verhandlungen mit der Legislatur von Oregon wegen Gewinnung der Concession zum Landerwerb längs der Meeresküste am Fuße der Cascaden-Berge und in einer Breite von vier englischen Meilen, sowie die mit einigen tausend Dollars erreichte Abfindung von ein halb Dutzend Pflanzern, welche auf das betreffende Land begründete oder vorgebliche Ansprüche erhoben – Alles das bedurfte kaum der Zeit eines Monats.

Im Januar 1872 war das Gebiet schon besichtigt, vermessen, abgesteckt und näher untersucht, während eine Armee von 20.000 chinesischen Kulis unter Anleitung von 500 europäischen Werkführern und Ingenieuren rüstig an die Arbeit ging, Maueranschläge in ganz Kalifornien, eine permanente Waggon-Annonce im Schnellzuge, der jeden Morgen von San-Francisco abgeht und den ganzen amerikanischen Continent durchfliegt, endlich eine tägliche Reclame in den dreiundzwanzig Journalen der genannten Stadt hatten hingereicht, die notwendigen Arbeitskräfte herbeizuziehen.

Man hatte sogar Abstand nehmen können von der zur Zeit so beliebten »Bekanntmachung im großen Styl«, nämlich durch Ausmeißelung riesiger Buchstaben in den der Bahnstrecke benachbarten Felsengebirgen, obgleich eine Gesellschaft sich unter Ermäßigung der gewöhnlichen Preise dazu erbot. Hierbei ist freilich nicht zu vergessen, daß die massenhafte Zuströmung chinesischer Kulis nach Nordamerika gerade damals eine merkbare Störung auf dem Arbeitsmarkte hervorgerufen hatte. Mehrere Staaten sahen sich genöthigt, jene armen Teufel in Massen auszutreiben, um die Existenz ihrer eigenen Einwohner zu sichern und blutigen Zusammenstößen vorzubeugen. Die Gründung von France-Ville rettete da Viele vor dem Untergange. Der Taglohn wurde für Alle gleichmäßig auf einen Dollar festgesetzt, der jedoch erst nach Vollendung der Arbeit ausgezahlt werden sollte, während die nöthigen Lebensbedürfnisse bis dahin von den Verwaltungsorganen geliefert wurden. Auf diese Weise verhütete man jede Unordnung und jede schamlose Speculation, welche so häufig bei der Versetzung größerer Volksmengen vorzukommen pflegen. Der gesammte Arbeitslohn ward allwöchentlich unter Zuziehung von Deputirten der Arbeiter nach der Bank von San-Francisco abgeführt, während jeder Kuli, der den seinigen in Anspruch nahm, sich verpflichten mußte, seine Stellung zu verlassen und überhaupt nicht hierher zurückzukehren. Es war das eine von der Nothwendigkeit, sich der gelben Bevölkerung wieder entledigen zu können, unbedingt gebotene Maßregel, denn jene wäre auf den Typus und den Geist der neuen Stadt gewiß nicht ohne nachteiligen Einfluß geblieben. Da die Gründer sich überdies das Recht vorbehalten hatten, Jedermann den Aufenthalt hier zu genehmigen oder zu versagen, so ließ sich jene Bestimmung von Anfang an leicht durchführen.

Das erste größere Unternehmen bestand in der Herstellung einer Geleisverbindung mit der Pacific-Railroad, welche zunächst nach Sacramento führte. Man suchte dabei alle größeren Dammschüttungen oder tieferen Einschnitte, die einen üblen Einfluß auf die Gesundheit der Nachbarschaft hätten ausüben können, möglichst zu vermeiden. Diese Arbeit und gleichzeitig die Fertigstellung des Hafens wurde mit außergewöhnlichem Eifer betrieben. Mit dem Monat April trafen auf dem Bahnhofe von France-Ville die bisher noch in Europa zurückgebliebenen Comité-Mitglieder mit dem ersten directen Zuge von New-York ein.

Inzwischen waren der allgemeine Plan der Stadt entworfen und die leitenden Grundsätze für Errichtung der Privatwohnungen und öffentlichen Gebäude festgestellt worden.

An nothwendigem Materiale mangelte es keineswegs; auf die ersten Nachrichten über dieses Project hin beeilte sich die amerikanische Industrie, die Quais von France-Ville mit allen nur denkbaren Baumaterialien zu überschwemmen. Die Gründer geriethen vielmehr wegen der großen Auswahl in Verlegenheit. Sie beschlossen zunächst, daß Quadersteine nur zu öffentlichen Gebäuden und sonst nur zur Ausschmückung benützt, das Mauerwerk für Wohnhäuser aber aus gebrannten Ziegeln errichtet werden solle. Wohlverstanden aber nicht aus jenen unförmigen, groben, mit mehr oder weniger Erde vermischten, oft nur halbgebrannten Ziegeln, sondern aus leichten, nach Form, Gewicht und Dichtigkeit gleichen und ihrer Länge nach von parallelen cylindrischen Luftzügen durchborten Backsteinen. Diese immer aneinander gefügten Oeffnungen sollten dann in der ganzen Mauer verlaufende und an den Enden freimündende Kanäle bilden, um der Luft auf diese Weise vollkommen unbehinderte Circulation sowohl in den Umfassungsmauern der Gebäude als auch in deren Innenwänden zu gewähren . Eine solche Anordnung hatte daneben noch den Vortheil, den Schall bedeutend abzuschwächen und jeden Raum gewissermaßen unabhängig von den nebenliegenden zu machen.

Das Comité sah davon ab, den Bauenden einen gewissen Typus der Häuser vorzuschreiben; es bekannte sich vielmehr als Gegner einer ermüdenden, geschmacklosen Gleichförmigkeit und begnügte sich, nur folgende Grundregeln aufzustellen, nach welchen die Architekten sich zu richten hätten:

1. Jedes Haus soll für sich isolirt mitten auf einem mit Bäumen, Rasenplätzen und Blumen ausgestatteten Platze stehen und für je eine einzige Familie eingerichtet werden.

2. Kein Haus darf mehr als zwei Stockwerke enthalten; Licht und Luft sollen von Niemand zum Nachtheile eines Anderen abgesperrt werden.

3. Die Front jedes Gebäudes soll zehn Meter von der Straße zurückstehen und von letzterer durch ein Gitter in Armhöhe geschieden sein. Der Raum zwischen Gitter und Façade ist als Blumengarten herzurichten.

4. Die Mauern sind aus patentirten, probemäßigen Tubular-Backsteinen zu errichten. Bezüglich der Ausschmückung gilt keinerlei Vorschrift.

5. Die Dächer sind flach, mit leichter Neigung nach allen vier Seiten des Hauses anzulegen, mit Asphalt abzudecken und mit einem gegen Unfall sichernden Schutzgitter zu versehen; auch ist für geeignete Vorrichtung zum schnellen Abfluß der atmosphärischen Niederschläge zu sorgen.

6. Alle Häuser sollen auf Kellerwölbungen ruhen, welche nach allen Seiten offen sind. Wasserleitungen und Abfallrohre verlaufen an dem mittelsten Hauptpfeiler, um ihren Zustand bequem im Auge behalten zu können und im Falle einer Feuersbrunst den nöthigen Wasservorrath bei der Hand zu haben. Der Boden jener, das Straßenniveau mindestens einen halben Meter überragenden Gewölbehalle ist sorgfältig zu besanden. Von letzterer führt eine besondere Treppe nach den Küchen und sonstigen Wirthschaftsräumen, so daß alle darauf bezüglichen Verrichtungen ausgeführt werden können, ohne den Gesichts- oder Geruchssinn zu beleidigen.

7. Küchen, Wirthschaftsräume u. s. w. werden, abweichend von dem gewöhnlichen Gebrauch, in das oberste Stockwerk verlegt und stehen daselbst in bequemer Verbindung mit dem platten Dache, das zu ihnen gewissermaßen einen geräumigen Anhang in freier Luft darstellt. Ein Aufzug, bewegt durch mechanische Kräfte, die den Einwohnern ebenso wie das künstliche Licht und das Wasser zu ganz mäßigen Preisen geliefert werden, besorgt die Beförderung aller Lasten nach jenem Stockwerke.

8. Die Anordnung der Zimmereinrichtung bleibt dem Gutdünken jedes Einzelnen überlassen. Streng verpönt sind nur zwei gefährliche Krankheits-Erzeuger, zwei wirkliche Miasmen-Brutstätten und Gift-Laboratorien: Teppiche und Tapeten! Die von geschickten Ebenisten aus kostbaren Holzarten künstlich zusammengefügten Parquettfußböden könnten nur verlieren, wenn sie unter Wollengeweben von stets zweifelhafter Sauberkeit verborgen würden. Die mit geglätteten und gefirnißten Backsteinen bekleideten Mauern prunken in dem Glanze und der Abwechslung der Gemächer aus der besten Zeit Pompejis und zeigen dabei eine Fülle und Dauerhaftigkeit der Farben, welche die Tapeten mit ihren feinvertheilten Giftsubstanzen nimmermehr erreichen. Man wäscht sie einfach ab wie Spiegel- oder Fensterscheiben, oder wie man Fußböden und Deckenflächen abreibt. Dabei kann sich keine Spur eines Krankheitskeimes in irgend einem Hinterhalte verstecken.

9. Schlaf- und Ankleidezimmer müssen getrennt sein. Es kann nicht warm genug empfohlen werden, das erstere, in dem man ja den dritten Theil des Lebens zubringt, so groß, so luftig und zugleich so einfach als möglich herzustellen. Es hat dasselbe eben nur zum Schlafen zu dienen; vier Stühle, ein eisernes Bett mit Roßhaar-Stahlfedermatratze und eine fleißig ausgeklopfte wollene Decke genügen zu seiner Ausstattung. Daunenbetten, gesteppte und andere Fußdecken sind als die mächtigen Verbündeten epidemischer Krankheiten natürlich ausgeschlossen. Feine, leichte und warmhaltende Wollendecken, welche leicht zu reinigen sind, ersetzen jene vollständig. Ohne über Vorhänge und andere Draperien etwas Besonderes zu bestimmen, folge man doch dem Rathe, dieselben nur aus leicht waschbaren Stoffen zu wählen.

10. Jedes Zimmer erhalte seinen eigenen Kamin, der nach Belieben mit Holz oder Kohle geheizt werden mag, für jede Feuerstelle soll aber auch eine nach außen mündende Oeffnung zum Aufsaugen frischer Luft vorhanden sein. Was den Rauch betrifft, so soll derselbe nicht unmittelbar durch die Dächer entweichen, sondern durch unterirdische Kanäle nach speciellen, auf städtische Kosten zu unterhaltende Oefen geleitet werden, deren jeder den Rauchabgang von je 200 Häusern aufnimmt, von den schwebenden Kohlentheilchen befreit und in einer Höhe von 35 Meter in farblosem Zustande in die Luft entläßt.

Hiermit schließen die für Errichtung der Einzelwohnungen aufgestellten Regeln.

Auch die für das Allgemeine maßgebenden Grundsätze sind nur nach sorgfältigster Erwägung aufgestellt.

Der Plan der ganzen Stadt zeichnet sich zunächst durch seine Einfachheit und Regelmäßigkeit aus, welche eine unbegrenzte Weiterentwickelung gestatten. Die sich rechtwinkelig kreuzenden Straße folgen einander in gleichen Abständen und sind alle gleich breit, mit Bäumen bepflanzt und durch Nummern bezeichnet.

Von ein halb zu einem halben Kilometer unterbricht diese Ordnung eine breitere, alleeartige Straße mit einer nicht bepflanzten Strecke an jeder Seite, welche für die städtischen Pferde- und Dampfeisenbahnen bestimmt ist. Jede Kreuzung einer solchen Allee bildet einen öffentlichen, vorläufig mit schönen Copien der Meisterwerke der Sculptur geschmückten Garten, bis einst die Künstler von France-Ville selbst würdige Originale an Stelle jener Copien geschaffen haben.

Alle Beschäftigungsarten und jede Handelsthätigkeit sind frei.

Zur Erlangung des Aufenthaltsrechtes in France-Ville genügt es, aber ist es auch unbedingt nöthig, gute Empfehlungen beizubringen, sowie den Nachweis der Befähigung zu nützlicher Thätigkeit in einem Gewerbe, einer Wissenschaft oder einer Kunst, und sich endlich zur Einhaltung der städtischen Gesetze zu verpflichten. Eigentliche Müßiggänger bleiben von dem Gemeinwesen ausgeschlossen.

Oeffentliche Gebäude wuchsen schon in großer Zahl empor. Die hervorragendsten derselben sind die Hauptkirche, eine Anzahl Kapellen, die Museen, Bibliotheken und die Volks- und Gelehrtenschulen, welche man so luxuriös und mit Rücksicht auf alle hygienischen Anforderungen hergestellt hat, daß sie jeder Großstadt zur Ehre gereichen würden.

Selbstverständlich unterliegen die Kinder einem weisen Schulzwange, der sie nöthigt, an allen geistigen und körperlichen Uebungen theilzunehmen, welche die gleichmäßige Gehirn- und Muskelausbildung derselben verbürgt. Man gewöhnt sie dabei an eine so strenge Reinlichkeit, daß sie vor einem Flecken auf ihren einfachen Kleidern bald einen wirklichen Abscheu empfinden.

Die Beobachtung der peinlichsten Reinlichkeit seitens des Einzelnen wie der Gesammtheit lag den Gründern von France-Ville übrigens vom Anfang an vorwiegend am Herzen. Zu säubern und immer wieder zu säubern, alle Miasmen, welche jede Anhäufung von Menschen nothwendiger Weise mit sich bringt, schon im Keime zu ersticken und unschädlich zu machen, das betrachtete die städtische Verwaltung überhaupt als ihre wichtigste Aufgabe. Zu dem Zwecke wurde der Abfluß der Kloaken vor der Stadt gesammelt und einem geeigneten Verfahren unterworfen, wodurch er verdichtet und zur bequemen Ueberführung nach den Feldern geeignet gemacht wurde.

Wasser fließt überall in reichlicher Menge. Die mit getheertem Holz gepflasterten Straßen, wie die mit Steinplatten belegten Fußwege erinnern an die Sauberkeit eines holländischen Hauses. Nahrungsmittel werden unablässig besichtigt und untersucht, und drohen solchen Händlern, welche es versuchen sollten, sich auf Kosten der öffentlichen Gesundheit zu bereichern, sehr empfindliche Strafen. Ein Geschäftsinhaber, der ein schlechtes Ei, verdorbenes Fleisch oder einen Liter Milch von zweifelhafter Güte verkauft, wird als Vergifter – und ein solcher ist er ja in der That – behandelt und verurtheilt. Die Handhabung der so notwendigen und doch so schwierigen Gesundheitspolizei ist erfahrenen Männern, wirklichen Specialisten in diesem Fache anvertraut, welche in den Normalschulen hierzu eigens herangebildet werden.

Ihre Befugniß, rechtskräftig einzuschreiten, erstreckt sich sogar bis auf die in großem Style eingerichteten Waschanstalten, welche mit Dampf arbeiten und neben geräumigen Trockensälen vorzüglich auch Desinfections- Zimmer besitzen. Niemand erhält seine Leibwäsche zurück, ohne daß dieselbe gründlich gebleicht worden wäre, und dabei achtet man auch sorgfältig darauf, die Sendungen zweier Familien niemals zu vermengen. Diese einfache Vorsichtsmaßregel ist von ganz unberechenbarem Erfolge.

Krankenhäuser giebt es nur wenige; man bevorzugt allgemein die häusliche Verpflegung und jene dienen nur für wohnungslose Fremde oder ganz außergewöhnliche Fälle. Es ist wohl kaum nöthig, hervorzuheben, daß in den Köpfen der Begründer dieser Musterstadt der Gedanke nicht platzgreifen konnte, ein Krankenhaus in weit größerem Umfange als gewöhnliche Gebäude herzustellen und sieben- bis achthundert Kranke auf einem einzigen Infectionsherde zusammenzupferchen. Im Gegentheil, statt der wissenschaftlich gar nicht zu begründenden Methode, mehrere Kranke an einer Stelle zu vereinigen, strebte man vielmehr darnach, solche möglichst zu isoliren, eine Maßregel, welche deren eigenes, wie das öffentliche Interesse gebieterisch erheischt. Selbst in jedem Privathause sorgt man dafür, einen Kranken in einem abgesperrten Zimmer zu pflegen. So dienen die kleinen Krankenhäuser eigentlich mehr nur als zeitweilige Stationen für dringende Fälle. Zwanzig, höchstens dreißig Kranke finden, jeder in einem Raume für sich, Unterkunft in den leichten, aus Weidenholz errichteten Baracken, die man jedes Jahr einfach abbrennt, um sie neu zu errichten. Diese nach feststehendem Modell errichteten luftigen Bauten gewähren auch noch den Vortheil einer leichten Ueberführung nach dem oder jenem Theile der Stadt und einer dem jeweiligen Bedarf entsprechenden Vermehrung oder Verminderung.

Als nennenswerthe Neuerung ist die Ausbildung eines ganzen Corps geprüfter Krankenpflegerinnen zu betrachten, welche die Verwaltung zur Verfügung der Bewohner bereit hält. Diese sorgfältig ausgewählten Frauen leisten den Aerzten eine gar nicht zu unterschätzende Hilfe. Sie treten in den Schooß der betroffenen Familien, ausgerüstet mit den so nothwendigen und gerade im Momente der Gefahr oft schmerzlich vermißten praktischen Kenntnissen, und erfüllen neben der Aufgabe, den Kranken zu pflegen, auch die andere, der Verbreitung der Krankheit selbst entgegen zu wirken.

Es würde viel zu weit führen, wollte man hier alle hygienischen Verbesserungen aufzählen, welche die Gründer der neuen Stadt daselbst eingeführt haben. Jeder Bewohner erhält bei seiner Ankunft ein kleines Büchlein eingehändigt, das ihm die wichtigsten Grundregeln einer wissenschaftlich geordneten Lebensweise in einfacher leichtverständlicher Sprache erläutert.

Er ersieht daraus, daß das möglichst vollkommene Gleichgewicht aller Functionen eine Grundbedingung der Gesundheit bildet; daß den Organen des Körpers Arbeit und Ruhe gleich nothwendig sind; daß das Gehirn der Ermüdung ebenso bedarf, wie die Muskeln; daß neun Zehntel aller Krankheiten von einer durch die Luft oder durch Nahrungsmittel verbreiteten Ansteckung herrühren. Er wird um seine Wohnung und seine Person also so viel als möglich »Quarantäne-Anstalten« errichten. Die Enthaltung von aufregenden Giften (Spirituosen u. dgl.), tägliche Körperübungen, gewissenhafte Durchführung auch geistiger Arbeit, der Genuß reinen Wassers, gesunden Fleisches und leichter, einfach zubereiteter Gemüse, eine regelmäßige Nachtruhe von sieben bis acht Stunden, das ist so etwa das ABC der Gesundheit.

Während wir von den durch die Begründer aufgestellten Grundzügen ausgingen, haben wir von dieser eigenartigen Stadt unwillkürlich wie von einem in sich vollendeten Gemeinwesen gesprochen. Und in der That erhoben sich, nachdem nur die ersten Gebäude errichtet waren, die weiteren wie durch Zauberschlag aus der Erde. Man muß den »Far-West« (fernen Westen) selbst besucht haben, um dieses wunderbare Emporblühen der Städte zu verstehen. Im Januar 1872 noch eine Einöde, zählte die erwählte Ansiedelungsstelle 1873 schon 6000 Gebäude; im Jahre 1874 standen 9000 vollendet.

An diesem unerhörten Erfolge hat freilich auch die Speculation ihren Antheil. Auf dem ausgedehnten und anfangs ziemlich werthlosen Terrain wurden die Häuser gleich in Massen erbaut und dann zu sehr mäßigen Preisen und unter annehmbaren Bedingungen vermiethet. Die vollständige Zollfreiheit, die politische Unabhängigkeit des kleinen, isolirten Gebietes, der Reiz der Neuheit und die Milde des Klimas lenkten die Auswanderung hierher. Zur Zeit zählt France-Ville schon 100.000 Einwohner.

Von größerem Werthe und für uns von alleinigem Interesse erscheint die Thatsache, daß dieses hygienische Experiment als vollkommen geglückt zu betrachten ist. Während die jährliche Sterblichkeit in den meistbegünstigten Städten Europas und der Neuen Welt nie merkbar unter drei Procent herabgegangen ist, erreicht der fünfjährige Durchschnitt für France-Ville nur anderthalb Procent. Auf die Höhe dieser Ziffer wirkte auch noch eine kleine Sumpffieber-Epidemie, welche ganz im Anfange ausbrach. Die Sterblichkeit des letzten Jahres z. B. erreicht nur ein und ein Viertel Procent. Eine andere gewichtige Erscheinung ist die, daß mit sehr wenigen Ausnahmen alle registrirten Todesfälle von specifischen, meist angeerbten Erkrankungen herrühren. Zufällige Erkrankungen waren dagegen ungemein selten, beschränkter und minder gefährlicher Natur, als an irgend einem anderen Orte. Eigentliche Epidemien kamen gar nicht zur Beobachtung.

Wir werden die weitere Entwickelung dieses Versuches im Großen stets mit Interesse verfolgen. Es wäre vorzüglich werthvoll, festzustellen, ob der Einfluß einer wissenschaftlich geordneten Lebensweise auf eine ganze Generation, oder lieber auf mehrere einander folgende Generationen wohl im Stande wäre, auch angeerbte krankhafte Anlagen aufzuheben.

»Eine solche Hoffnung erscheint gar nicht zu kühn, schreibt einer der Begründer dieser wunderbaren Colonie, und wie weittragend müßten in diesem Falle die Folgen davon sein! Die Menschen würden bis zum neunzigsten oder hundertsten Jahre leben und, wie die meisten Thiere, wie die pflanzlichen Organismen, nur in Folge von Altersschwäche eingehen!«

Ein solcher Traum hat wirklich viel Verführerisches.

Sollen wir indeß unsere innerste Ueberzeugung aussprechen, so glauben wir vorläufig noch nicht sehr fest an den endlichen Erfolg des ganzen Experimentes.

Einen Grund- und Hauptfehler finden wir darin, daß die Leitung in Händen von lateinischer Abstammung ruht und das germanische Element davon principiell ausgeschlossen wurde. Das ist ein übles Vorzeichen. Seit die Welt besteht, ist nichts Beständiges geschaffen worden, außer durch Deutschland, und so wird es auch in Zukunft sein. Die Gründer von France-Ville vermochten wohl den Weg zu bahnen, über einige dunkle Punkte Licht zu verbreiten; aber nicht an diesem Punkte Amerikas, in Syrien ist es, wo wir einst die wahre Musterstadt werden emporwachsen sehen.«

< Neuntes Capitel.
Elftes Capitel. >



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