Frei Lesen: Die fünfhundert Millionen der Begum

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Jules Verne

Die fünfhundert Millionen der Begum

Viertes Capitel.

eingestellt: 4.7.2007



Am 6. November um 7 Uhr Morgens kam Herr Schultze auf dem Bahnhofe von Charing-Croß an. Gegen Mittag stellte er sich in Nummer 93, Southampton row, in einem durch eine hölzerne Barrière in zwei Theile getrennten größeren Zimmer ein, das auf der einen Seite für die Beamten des Hauses, auf der anderen für das Publikum bestimmt war und dessen Mobiliar aus sechs Stühlen, einem dunklen Tische, unzähligen grünen Pappbänden und einem ungeheuren Adreßbuche bestand. Vor dem Tische saßen zwei junge Leute, welche eben dabei waren, ihr aus Brot und Käse bestehendes Frühstück – die gewöhnliche Mahlzeit im Reiche der Schreiber – zu verzehren.

»Ich komme hier recht zu den Herren Billows, Green und Sharp? fragte der Professor mit demselben Tone, mit dem er etwa sein Essen bestellte.

– Mister Sharp ist in seinem Cabinet, – Ihr Name? Und welche Angelegenheit?

– Professor Schultze aus Jena, Langevolsche Erbschaftssache.«

Der junge Mann meldete diese Auskunft durch ein Sprachrohr weiter und erhielt auf dem nämlichen Wege eine Antwort, die er sich freilich hütete, laut zu wiederholen. Man konnte dieselbe etwa übersetzen:

»Zum Teufel mit der Langevolschen Erbschaftssache! Wiederum ein Narr, welcher Ansprüche zu haben glaubt!«

Antwort des jungen Mannes:

»Es ist ein Herr von »respectabler« Erscheinung. Er macht keinen besonders angenehmen Eindruck, gehört aber offenbar nicht zu den gewöhnlichen Leuten.«

Ein weiterer mysteriöser Ausruf.

»Und er kommt aus Deutschland?

– So sagt er wenigstens,«

Durch das Sprachrohr zitterte ein Seufzer.

»Lassen Sie ihn heraufkommen.«

– Zwei Treppen hoch, die Thür gerade aus!« wendete sich der junge Mann nun an Herrn Schultze, indem er ihm den Weg andeutete.

Der Professor verschwand in einem inneren Gang, kletterte zwei Treppen hinauf und stand bald vor einer gepolsterten Thür, an der der Name des Mister Sharp sich in schwarzen Buchstaben von einem Messingschilde abhob.

Der Bezeichnete saß vor einem großen Mahagoni-Schreibtische in einem gewöhnlich ausgestatteten Zimmer mit wollenen Teppichen, lederüberzogenen Stühlen und gewaltigen Actenfascikeln. Er erhob sich kaum in seinem Armstuhl und schien, nach der gewöhnlichen höflichen Methode der meisten Bureaumenschen, fünf Minuten eifrigst mit dem Durchblättern des größten Actenpackets beschäftigt, um zu zeigen, wie sehr seine Thätigkeit beansprucht sei. Endlich geruhte er, sich an Professor Schultze zu wenden, der neben ihm Platz genommen hatte.

»Ich bitte, mein Herr, begann er, mir möglichst kurz auseinander zu setzen, was Sie zu mir führt. Meine Zeit ist außerordentlich beschränkt und ich bin nur im Stande, Ihnen wenig Minuten zu widmen.«

Der Professor lächelte ziemlich gleichgiltig und bewies jenem dadurch, daß ein solcher Empfang auf ihn gar keinen imponirenden Eindruck hervorbringe.

»Vielleicht werden Sie noch einige Minuten zugeben, wenn Sie erst wissen, was mich hierherführt.

– So sprechen Sie, mein Herr.

– Es betrifft den Nachlaß Jean Jacques Langevols aus Bar-le-Duc und ich bin der Enkel von dessen älterer Schwester, Therese Langevol, vermählt im Jahre 1792 mit meinem Großvater, Martin Schultze, früherem Wundarzt der Armee von Braunschweig und verstorben im Jahre 1814. Ich besitze selbst noch drei von meinem Großonkel an seine Schwester gerichtete Briefe und verschiedene Nachrichten über seinen Marsch in die Heimat nach der Schlacht bei Jena, ohne jetzt hier der anderen amtlichen Urkunden zu erwähnen, welche meine directe Abstammung bescheinigen.«

Wir brauchen dem Professor Schultze nicht weiter zu folgen in den Aufklärungen, welche er Mr. Sharp gab. Er wurde dabei, ganz gegen seine Gewohnheit, fast weitschweifig und schien sich über dieses Thema gar nicht erschöpfen zu können. Ihm lag nämlich vor Allem daran, Mr. Sharp, als einen Engländer, von der Nothwendigkeit zu überzeugen, der germanischen Race den Vorrang vor allen Uebrigen zu bewahren. Wenn er überhaupt den Gedanken hegte, seine Ansprüche auf diesen Nachlaß geltend zu machen, so geschah das nur, um ihn jenen französischen Händen zu entreißen, die davon leicht ungeeigneten Gebrauch machen konnten! ... Worin er seinen Gegner in erster Reihe bekämpfte, das war vor Allem dessen Nationalität! ... Einem Deutschen gegenüber würde er jedenfalls Verzicht leisten u. s. w., u. s. w. Die Befürchtung aber, daß ein angeblicher Gelehrter, ein Franzose, jenes gewaltige Capital zur Unterstützung französischer Ideen verwenden könne, brachte ihn aus Rand und Band und legte ihm die Pflicht auf, seine Rechte bis zum Aeußersten geltend zu machen.

Auf den ersten Blick erschien diese Ideenverbindung zwischen der politischen Anschauungsweise und dem reichen Nachlasse nicht recht verständlich. Mr. Sharp besaß aber zu viel geschäftlichen Scharfblick, um den höheren Zusammenhang zwischen den Anforderungen des Vertreters der germanischen Race im Allgemeinen und denen des Professor Schultze im Besonderen bezüglich der Beerbung der Begum zu durchschauen. Beide erschienen ihm übrigens von nahezu gleichem Werthe.

Ein Zweifel hierüber war ja nicht wohl möglich. So erniedrigend es auch für einen akademischen Lehrer der Universität Jena sein mußte, zu Leuten aus untergeordneter Menschenrace in verwandtschaftlichen Beziehungen zu stehen, so lag es doch auf der Hand, daß diesem unvergleichlichen menschlichen Producte etwas französisches Blut, wenigstens mütterlicherseits, beigemischt war. Immerhin handelte es sich hier nur um eine Verwandtschaft in zweiter Linie gegenüber der Abstammung des Doctor Sarrasin, welche natürlich auch nur einen rechtlich untergeordneten Anspruch auf jene Erbschaft bedingte. Der Sollicitor erkannte jedoch schnell die Möglichkeit, dieselbe mit einiger Aussicht auf Erfolg anhängig zu machen und in dieser Möglichkeit auch noch weiter die günstige Lage der Verhältnisse für den Vortheil der Firma Billows, Green und Sharp, nämlich die Gelegenheit, aus dieser jetzt schönen Affaire Langevol eine ganz außerordentlich ertragsreiche zu machen, so etwa eine neue Inscenirung von Boz Dickens »Jarndyce gegen Jarndyce«. Vor den Augen des Mannes der Gesetze breitete sich schon ein ganzer Horizont von Stempelpapier, Acten und Schriftstücken aller Art aus. Oder, was noch mehr werth schien, er dachte im Interesse seiner Clienten an ein durch ihn, Sharp, herbeizuführendes Compromiß, das ihm fast ebensoviel Ehre als Vortheil bringen mußte.

Inzwischen setzte er Herrn Schultze die Ansprüche des Doctor Sarrasin auseinander, brachte die Belege für dieselben bei und deutete dabei mit darauf hin, daß, wenn Billows, Green und Sharp es in die Hand nähmen, die Rechtsansprüche des Professors – »Ansprüche übrigens, mein lieber Herr, welche sich einem ordentlichen Processe gegenüber wohl schwerlich als stichhaltig erweisen dürften« – die er aus seiner Verwandtschaft mit dem Doctor herleite, zu vertheidigen, er darauf rechne, daß der allgemein anerkannte Gerechtigkeitssinn der Deutschen es auch Billows, Green und Sharp nicht verüblen werde, wenn sie, der Erkenntlichkeit des Professors gewiß, jenen anderen, begründeteren Ansprüchen gegenüber seine Sache zu führen versuchten.

Der Professor war ein viel zu offener Kopf, um die Logik in der Darlegung des Geschäftsmannes nicht zu begreifen. Er bemühte sich, ihn nach dieser Seite hin zu beruhigen, ohne sich, bezüglich der »Erkenntlichkeit«, gerade bestimmt zu binden. Mr. Sharp bat ihn nun in höflichster Form um die Erlaubniß, seine Angelegenheit nach eigenem Ermessen prüfen zu dürfen, und geleitete ihn mit rücksichtsvollster Artigkeit wieder zur Thür. Jetzt war bei ihm keine Rede mehr von den nur knapp zugemessenen Minuten, mit denen er vorher so sehr geizte!

Herr Schultze zog sich zwar mit der Ueberzeugung zurück, daß er wohl keinen vollberechtigten Anspruch auf die Erbschaft der Begum habe, aber auch mit der anderen, daß ein Kampf zwischen der angelsächsischen und lateinischen Race, ganz abgesehen von seiner Verdienstlichkeit an sich, wenn er nur richtig geführt würde, nicht anders als zum Vortheil der ersteren ausschlagen könne.

Zunächst erschien es nun von Wichtigkeit, die Meinung des Doctor Sarrasin kennen zn lernen. Eine unverzüglich nach Brighton abgelassene Depesche brachte den französischen Gelehrten schon gegen fünf Uhr in das Cabinet des Sollicitors.

Doctor Sarrasin vernahm mit einer Ruhe, über welche Mr, Sharp nicht wenig erstaunte, den eingetretenen Zwischenfall. Auf die ersten Worte des Mr. Sharp hin erklärte er mit aller Offenheit, daß er sich erinnere, in seiner Familie davon reden gehört zu haben, wie eine, von einer reichen vornehmen Dame erzogene Großtante von ihm, mit jener ausgewandert sei und sich in Deutschland verheiratet haben solle. Im Uebrigen war ihm weder der Name, noch der genaue Grad der Verwandtschaft dieser Großtante bekannt.

Mr. Sharp griff schon nach seinen sorgfältig katalogisirten Actenstücken, die er dem Doctor zur Einsicht vorlegte.

Es erwuchs hiermit – Mr. Sharp verheimlichte das nicht – Material zu einem Processe, und Processe dieser Art ziehen sich gern in die Länge. Man brauchte zwar der gegnerischen Partei das Zugeständniß, zu dem Doctor Sarrasin sich eben in seiner Aufrichtigkeit dem Sollicitor gegenüber herbeigelassen hatte, nicht mitzutheilen . . . immerhin existirten noch jene Briefe Jean Jacques Langevols an seine Schwester, deren Herr Schultze erwähnte und welche der Sache offenbar eine ihm günstige Wendung gaben. Stand diese auch auf schwachen Füßen und entbehrten jene Beweisstücke des eigentlichen legalen Charakters, so waren sie doch einmal vorhanden. Aus dem Staube der städtischen Archive würden dann schon noch weitere Beweise ausgegraben werden. Vielleicht ging die gegnerische Partei, wenn ihr authentische Beweise mangelten, sogar so weit, solche zu erfinden. Man mußte eben auf Alles vorbereitet sein. Wer konnte es vorher sagen, ob nicht neue Untersuchungen jener plötzlich wieder auferstandenen Therese Langevol und ihrer Vertreter nicht am Ende gar noch Ansprüche zu Tage förderten, welche denen des Doctor Sarrasin vorgingen? ... Jedenfalls drohten lange Streitigkeiten, endlose Beweisführungen und eine Lösung der ganzen Frage erst in weiter Ferne. Die Wahrscheinlichkeiten, den Proceß zu gewinnen, wögen auf beiden Seiten etwa gleichviel; beiden Parteien würde es nicht schwer fallen, von fremder Hand die nöthige Unterstützung zum Kostenvorschuß zu finden, um alle Hebel in Bewegung zu setzen. Ein berühmt gewordener ähnlicher Proceß hätte im Kanzleigericht volle dreiundachtzig Jahre gespielt und wäre zuletzt nur niedergeschlagen worden, weil die Mittel zu seiner Weiterführung ausgegangen waren; Capital und Interessen – Alles hatte er verschlungen! ... Sachverstandigen-Urtheile, Commissionen, Beibringung von Beweisstücken und gewöhnliche Proceduren würden einen gar nicht zu bestimmenden Zeitraum beanspruchen! ... Nach zehn Jahren könne die Sache recht Wohl noch völlig unentschieden und die halbe Milliarde in der Bank eingeschlafen sein...

Doctor Sarrasin hörte dieser Darlegung ruhig zu. Wenn er auch nicht Alles so fest wie die Worte des Evangeliums glaubte, so bemächtigte sich seiner doch eine Art Entmuthigung. Wie ein Reisender, der vorn auf einem Schiffe steht, wenn er den Hafen, in den er einzulaufen gedachte, plötzlich sich weiter zurückziehen sieht, so gestand er sich, daß es nicht unmöglich sei, daß jenes große Vermögen, welches ihm schon so sicher war, daß er im Voraus darüber verfügt hatte, sich gar noch verflüchtigen und ihm noch entschwinden könnte.

»Ja, was ist dann zu thun? fragte er den Sollicitor.

– Was? ... Hm! ...« Das war freilich schwer zu sagen. Noch schwieriger, es auszuführen. Immerhin konnte sich ja noch Alles nach Wunsch ordnen lassen. Er, Sharp, hegte wenigstens diese Ansicht. Die englische Justiz war ja ausgezeichnet – vielleicht etwas langsam, das gestand er zu – ja sicher etwas langsam pede claudo ... hm! ... hm! ... aber dafür desto zuverlässiger. Es könnte ja gar nicht fehlen, daß Doctor Sarrasin nach Verlauf einiger Jahre in Besitz jenes Nachlasses kam, vorausgesetzt... hm! ... hm! ... daß seine Ansprüche wirklich rechtlich begründet wären! ...

Der Doctor verließ das Cabinet in Southampton row mit sehr stark erschüttertem Vertrauen und überzeugt, daß er werde auf eine ganze Serie endloser Processe eingehen oder auf seinen schönen Traum verzichten müssen. Wenn er freilich an sein herrliches Project dachte, so konnte er sich doch einigen Bedauerns nicht erwehren.

Inzwischen bestellte Mr. Sharp den Professor Schultze, der ihm seine Adresse hinterlassen hatte, wieder zu sich. Er theilte diesem mit, daß Doctor Sarrasin niemals habe von einer gewissen Therese Langevol reden hören, daß er ausdrücklich die Existenz eines deutschen Zweiges seiner Familie ableugnete und jede Vereinbarung ablehne. Es blieb also dem Professor, wenn er sein Recht für begründet halte, nichts übrig als zu »klagen«. Er stehe zwar der Sache ganz ohne eigenes Interesse, mehr als Liebhaber gegenüber und habe gewiß nicht die Absicht, ihn zu irgendwelchen Maßregeln zu überreden. Was könne anderseits ein Sollicitor wünschen, als einen Proceß oder lieber zehn Processe dreißig Jahre hindurch, wie sie diese Nachlaßregelung mit sich zu führen scheine? Er, Sharp, hätte ja alle Ursache, sich darüber zu freuen. Wenn er nicht fürchte, Professor Schultze einen von ihm verdächtig aussehenden Vorschlag zu machen, könnte er seine Uninteressirtheit wohl so weit treiben, dem Herrn selbst einen seiner Collegen vorzuschlagen, dem er seine Vertretung übertragen könnte... und gewiß, auf die Wahl eines solchen käme jetzt sehr viel an. Die Carrière des Juristen sei zur wahrhaften Landstraße geworden!... Abenteurer und Langfinger wandelten diese in Menge! ... Er gestand das ein mit Schamröthe auf der Stirne! ...

»Wenn der französische Doctor einen Vergleich eingehen wollte, was würde das kosten?« fragte der Professor.

Ihn, als Gelehrten, konnten jene Worte Sharps nicht verblüffen! Als praktischer Mann ging er gerade auf sein letztes Ziel los, um unterwegs keine kostbare Zeit zu verlieren. Der Sollicitor kam durch dieses Verfahren außer Fassung. Er stellte Herrn Schultze vor, daß die Sache nicht so geschwind gehe, daß man nicht ein Ende vorhersehen könne, wo man erst im Anfange stehe; daß es, um Doctor Sarrasin einem Vergleiche geneigt zu machen, nothwendig sei, die Sache etwas zu verzögern und jenem seine Bereitwilligkeit zu einem solchen Schritte zu verheimlichen.

»Ich bitte Sie, mein Herr, schloß er, lassen Sie mir freie Hand und vertrauen Sie mir, ich stehe für Alles.

– Gewiß, das glaube ich, erwiderte Schultze, ich wüßte jedoch am liebsten bald, woran ich wäre.«

Es gelang ihm diesmal noch nicht, von Mr. Sharp herauszulocken, wie hoch er die sächsische Erkenntlichkeit taxire und er mußte ihm zunächst freie Hand lassen.

Am folgenden Tage ließ jener Doctor Sarrasin zu sich bitten. In größter Gelassenheit fragte ihn dieser, ob er ihm wichtige Neuigkeiten mitzutheilen habe. Der durch diese Gleichgiltigkeit beunruhigte Sollicitor eröffnete ihm, daß eine allseitige Ueberlegung ihn überzeugt habe, es werde das Beste sein, das Uebel an der Wurzel zu fassen und dem neuen Prätendenten einen Vergleich vorzuschlagen. Das wäre, Doctor Sarrasin müsse das selbst zugestehen, gewiß ein uneigennütziger Vorschlag, den wenig Collegen an seiner Stelle gemacht haben würden. Er setzte aber seinen Stolz daran, diese Angelegenheit, welche er fast mit den Augen eines Vaters betrachtete, schnell zu erledigen.

Doctor Sarrasin hörte diesen Rath an und billigte ihn, als das verhältnißmäßig klügste Auskunftsmittel. Er hatte sich seit einigen Tagen schon so sehr in den Gedanken, seinen wissenschaftlichen Traum zur Ausführung zu bringen, hineingelebt, daß er diesem Project alles Andere unterordnete.

Zehn Jahre oder auch nur ein Jahr zu warten, ohne zu dessen Verwirklichung schreiten zu können, wäre für ihn eine grausame Täuschung gewesen. Mit den gesetzlichen Fragen wenig vertraut, hätte er, ohne gerade von Mr. Sharps Worten dupirt zu sein, doch seine Anrechte gern für eine Baarsumme hingegeben, wenn diese ihm nur erlaubte, von der Theorie zur Praxis überzugehen. Er ertheilte Mr. Sharp also ebenfalls uneingeschränkte Vollmacht und reiste wieder ab.

Der Sollicitor hatte nun erreicht, was er wollte. Gewiß wäre mancher Anderer an seiner Statt der Versuchung unterlegen, die streitigen Punkte durch einen Proceß zu erledigen, der ihm, der Lage der Sache nach, eine fette, lebenslängliche Rente gesichert hätte. Mr. Sharp gehörte aber nicht zu den Leuten, welche sich gern auf weitausgehende Speculationen einlassen. Er sah die Möglichkeit vor sich, mit einem Schlage eine reichliche Ernte einzuheimsen, und beschloß, diese Gelegenheit zu benützen. Schon am nächsten Tage schrieb er wieder an den Doctor und ließ dabei durchblicken, daß Herr Schultze vielleicht nicht abgeneigt sein werde, auf ein gütliches Arrangement einzugehen. Besuchte er dann wiederum einmal Doctor Sarrasin, das andere Mal Professor Schultze, so äußerte er sich abwechselnd immer gegen den Einen und den Anderen, daß die gegnerische Partei von dem gemachten Vorschlage nichts hören wolle und daß die Gerüchte von dem Streite jetzt gar noch einen dritten Kandidaten herbeigezogen hätten ...

Dieses Spiel währte etwa acht Tage. Morgens ging Alles nach Wunsch und des Abends erhoben sich irgendwelche unerwartete Schwierigkeiten, welche der Sache wieder eine üblere Wendung gaben. Für den armen Doctor waren das lauter Fußangeln, Ausflüchte oder doch schmerzliche Verzögerungen. Mr. Sharp konnte sich nicht entschließen, den Angelhaken anzuziehen, aus Furcht, der Fisch könnte sich zuletzt zu einer äußersten Anstrengung aufraffen und den Faden, an dem er ihn hielt, zerreißen. Diese Vorsicht erwies sich jedoch im gegebenen Falle für überflüssig. Vom ersten Tage ab erklärte sich Doctor Sarrasin, der vor den Belästigungen eines langen Processes zurückscheute, getreu seinem Worte zu einem Ausgleiche bereit. Als Mr. Sharp denn endlich den physiologischen Moment, wie der technische Ausdruck lautete, gekommen glaubte, wo sein Client, nach weniger anständiger Ausdrucksweise, »gar gekocht« sein mußte, demaskirte er plötzlich seine Batterie und schlug selbst einen sofortigen Ausgleich vor.

Dazu stellte sich auch eine andere wohlwollende Persönlichkeit, Banquier Stilbing, ein, der den Rath gab, zwischen den beiden Parteien einfach zu theilen, und sich erbot, jeder derselben 250 Millionen Francs auszuzahlen, während er als Commissionsgebühr für sich bescheidener Weise nur den Ueberschuß über die halbe Milliarde, nämlich 27 Millionen beanspruchte.

Doctor Sarrasin hätte Mr. Sharp gern umarmt, als er ihm dieses Resultat mittheilte, daß jenem noch höchst günstig erschien. Er war auf der Stelle bereit, zu unterzeichnen, er verlangte nach nichts Anderem, er hätte den Banquier Stilbing und dem Sollicitor Sharp gern goldene Statuen gewidmet und der hohen Bank von England sammt allen Chicanen des Vereinigten Königreichs noch dazu.

Die Acten wurden geschloffen, die Zeugen waren bestellt, die Stempelmaschine von Sommerset House zur Arbeit bereit. Herr Schultze hatte sich ergeben. Durch den gewandten Sharp an die Mauer gedrückt, müßte er zitternd eingestehen, daß die Sache, einem weniger gutmüthigen Gegner als Doctor Sarrasin gegenüber, für ihn wohl einen schlimmeren Ausgang gehabt haben würde. Die ganze Angelegenheit kam nun in Ordnung. Gegen ihre gebührend legitimirte Vollmacht und ihre Zustimmungs-Erklärung zu der Theilung des Nachlasses in zwei gleiche Hälften erhielten sie einen auf sich ausgestellten Chec über je hunderttausend Pfund und für den Rest Wechsel, welche sofort nach Erfüllung der gesetzlichen Formalitäten fällig waren.

So endete diese erstaunliche Angelegenheit zum größeren Ruhme der Superiorität der anglo-sächsischen Race.

Man erzählt sich noch, daß Mr. Sharp beim Abendessen im Cobden-Club in Gesellschaft seines Freundes Stilbing ein Glas Champagner auf das Wohl des Doctor Sarrasin, ein zweites auf das des Professor Schultze getrunken und sich beim Leeren der Flasche zu dem indiscreten Ausspruche habe hinreißen lassen:

»Hurrah!... Rule Britannia!... Es giebt doch Niemand außer uns!«

In Wahrheit freilich betrachtete Banquier Stilbing seinen Gast als armen Teufel, der sich für siebenundzwanzig Millionen ein Geschäft von fünfzig habe aus den Händen gehen lassen, und der Professor dachte im Grunde nicht anders, wenigstens von der Stunde ab, da er, Herr Schultze, sich in die Nothlage versetzt sah, jedem beliebigen Arrangement seine Zustimmung zu geben. Und wozu hätte man nicht einen Mann, wie Doctor Sarrasin, einen leichtblütigen, raschen und gewiß schwärmerischen Mann vielleicht noch bestimmen können!

Gerüchtweise hatte der Professor reden gehört von dem Project seines Rivalen, eine französische Stadt unter den ausgewähltesten hygienischen Verhältnissen zu begründen, welche das Aufblühen einer geistig und körperlich aufs beste entwickelten jungen Generation sicherten. Ein solches Unternehmen erschien in seinen Augen absurd und mußte allem Anscheine nach scheitern, schon weil es im Widerspruche stand gegen das von ihm verfochtene Gesetz, daß die lateinische Race dem Untergange geweiht sei, sich vorläufig jedenfalls der sächsichen Race unterzuordnen und nach und nach überhaupt vom Erdboden zu verschwinden habe. Diese Resultate konnten nun doch einigermaßen in Frage gestellt werden, wenn das Programm des Doctors seiner Verwirklichung entgegenging, noch mehr, wenn sich dasselbe erfolgversprechend entwickelte. Im Interesse der allgemeinen Weltordnung und in Folge eines unausweichlichen Gesetzes lag es also jedem Sachsen ob, ein so wahnwitziges Unternehmen, wenn irgend möglich, zu vereiteln. Unter den gegebenen Verhältnissen war es für ihn, Professor Schultze, Docent der Chemie an der Universität Jena, bekannt durch seine zahlreichen vergleichenden Arbeiten über die verschiedenen Menschenracen – aus denen ganz deutlich hervorging, daß die germanische Race alle übrigen zu absorbiren bestimmt sei – es war also für ihn klar, daß er durch die gleichzeitig schöpferische und zerstörende Kraft der Natur, dazu ausersehen sei, die Pygmäen zu bekämpfen, welche sich – gegen sie auflehnten. Von aller Ewigkeit her war es bestimmt gewesen, daß Therese Langevol Martin Schultze heiraten mußte, und daß, wenn sich eines Tages die beiden Nationalitäten, vertreten durch den französischen Doctor und den deutschen Professor, gegenüberstehen würden, der Letztere unbedingt den Ersteren zermalmen müsse. Schon hielt er ja die Hälfte des Vermögens seines Gegners in der Hand, Das war das Mittel, dessen er bedurfte.

Jenes Project stand seiner Wichtigkeit nach für Herrn Schultze übrigens erst in zweiter Linie; er betrachtete es nur neben den weit umfänglicheren, über denen er selbst brütete, um alle Völker zu unterwerfen, die sich weigern würden, sich mit dem deutschen Volke zu verschmelzen und sich dem »Vaterlande« anzuschließen. Da er jedoch Doctor Sarrasins, seines unversöhnlichen Feindes, Absichten bis zum Grunde – wenn sie einen solchen überhaupt besaßen – kennen lernen wollte, vermittelte er sich Zutritt zu dem internationalen, hygienischen Congreß und besuchte fleißig dessen Sitzungen. Beim Weggehen aus einer solchen Versammlung hörten einige Mitglieder, darunter zufällig auch Doctor Sarrasin selbst, ihn die Erklärung abgeben, daß sich gleichzeitig mit France-Ville eine befestigte Stadt erheben werde, welche die Existenz jenes absonderlichen und widernatürlichen Ameisenhaufens schnell genug unmöglich machen werde.

»Ich hoffe, fügte er hinzu, daß die Erfahrung, welche wir mit ihr machen werden, der Welt als warnendes Beispiel dienen werde!«

Besaß Doctor Sarrasin auch ein großes Herz voller Liebe für die Menschheit, so brauchte er doch nicht erst zu lernen, daß nicht alle Seinesgleichen den Namen Philantropen verdienten. Er schrieb jenes Wort seines Gegners also in sein Gedächtniß, da er als vernünftiger Mann sich sagte, daß man keine Drohung gänzlich außer Acht lassen solle. Als er bald darauf an Marcel schrieb, um diesen einzuladen, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen, erwähnte er auch dieses Vorfalles und entwarf von Herrn Schultze dabei ein Bild, welches den jungen Elsäßer überzeugte, daß der gute Doctor in jenem einen halsstarrigen Gegner haben werde.

»Wir brauchen vor Allem kräftige und entschlossene Männer, schloß der Doctor, tüchtige Gelehrte, nicht allein zum bauen, sondern auch zum vertheidigen.«

»Wenn ich Ihnen, antwortete Marcel darauf, nicht augenblicklich an die Hand zu gehen im Stande bin, um an der Begründung Ihrer Stadt theilzunehmen, so rechnen Sie doch darauf, mich zur richtigen Stunde zu finden. Ich werde jenen Herrn Schultze nicht einen Tag aus den Augen verlieren. Meine Eigenschaft als Elsäßer giebt mir einen Schimmer von Recht, mich um seine Angelegenheiten zu bekümmern. Fern oder nahe, ich bleibe Ihnen allezeit ergeben. Beunruhigen Sie sich nicht, wenn Sie möglicher Weise einmal monate- oder gar jahrelang nichts von mir hören sollten. Nah oder fern werd ich nur den Einen Gedanken haben, für Sie zu arbeiten und Frankreich zu dienen.«

< Drittes Capitel.
Fünftes Capitel. >



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