Frei Lesen: Die fünfhundert Millionen der Begum

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Jules Verne

Die fünfhundert Millionen der Begum

Fünftes Capitel.

eingestellt: 4.7.2007



Ort und Zeit haben gewechselt. Seit fünf Jahren befindet sich der Nachlaß der Begum schon in den Händen der beiden Erben und den Schauplatz bilden jetzt die Vereinigten Staaten, im Süden Oregons, zehn Meilen vom Ufer des Pacifischen Oceans. Hier breiten sich ungeheure Gebiete aus, welche zwischen den beiden Nachbarstaaten noch nicht genau abgegrenzt sind und die eine Art amerikanischer Schweiz bilden.

In der That, eine Schweiz, wenn man nur die Außenseite der Dinge ins Auge faßt, die steilen Gipfel, welche zum Himmel emporsteigen, die tiefen Thäler, welche die langen Gebirgszüge trennen, den großartigen wilden Anblick, den alle diese Landschaften aus der Vogelschau gewähren würden.

Diese falsche Schweiz betreibt aber nicht wie die europäische die friedlichen Beschäftigungen des Hirten, Fremdenführers oder Gastwirths. Das Ganze ist nichts als eine auf eisen- und kohlenhaltigem Boden aufgethürmte Alpendecoration, eine Kruste von Felsen, Erdreich und hundertjährigen Fichten.

Wenn der in diese Einöden verirrte Wanderer die Stimmen der Natur belauscht, so hört er nicht wie im Oberlande das harmonische Murmeln des Lebens neben dem tiefen Schweigen der Bergwelt. Von fern her vernimmt er die schweren Schläge des Stampfhammers und unter seinen Füßen erstickte Detonationen von Pulver. Es hat den Anschein, als bedecke dieser Boden die Maschinerie eines Theaters und als könne er jeden Augenblick in geheimnißvolle Tiefen versinken.

Längs der Seiten der Berge laufen hier mit Asche und Kohlenstückchen macadamisirte Straßen hin. Unter gelblichem Buschwerk schillern kleine Schlackenhaufen in allen Farben des Prismas wie Basiliskenaugen hervor. Da und dort gähnt der von Regengüssen zerrissene, von Brombeersträuchen halbverdeckte Mund eines verlassenen Schachtes, wie der Krater eines erloschenen Vulkans. Die Luft ist mit Rauch geschwängert und lastet wie ein schwerer Mantel auf der Erde. Keine Vögel flattern lustig dahin, kein Insect schwärmt im Sonnenschein und seit Menschengedenken hat man einen Schmetterling hier nicht gesehen.

Falsche Schweiz! An ihren nördlichen Grenzen, da wo die Ausläufer der Berge sich in der Ebene verlieren, liegt zwischen zwei mageren Hügelketten das Gebiet, welches bis 1871 die »Rothe Wüste« hieß von der Farbe des eisenoxydreichen Bodens und welche jetzt »Stahlfeld« genannt wird.

Denke man sich eine fünf bis sechs Quadratmeilen große Fläche mit sandigem, dann und wann mit Gerölle untermischtem Boden, und so dürr und trostlos, wie etwa das vertrocknete Bett eines Meeres der Vorzeit. Um dieses Land zu erwecken, ihm Leben und Bewegung zu verleihen, hat die Natur so gut wie nichts gethan; dafür aber hat die Menschenhand mit einer Energie ohne Gleichen eingegriffen.

Auf der nackten steinichten Ebene sind binnen fünf Jahren achtzehn Arbeiterdörfer mit kleinen, gleichmäßig grauen, aus Chicago fix und fertig hierher geschafften Häusern emporgewachsen, die eine Schaar kräftiger Arbeiter bergen.

Im Mittelpunkt dieser Ansiedlungen, am Fuße der Coal-Butts, jener unerschöpflichen Steinkohlen-Gebirge, erhebt sich eine ungeheure, düstere, fremdartige Masse, eine Anhäufung regelmäßiger Gebäude mit symmetrisch angeordneten Fenstern, bedeckt mit rothen Dächern und überragt von einem Wald cylindrischer Schornsteine, welche aus tausend Schlünden rußige Wolken aushauchen. Der Himmel erscheint nur wie hinter einem schwarzen Vorhang, den manchmal röthliche Blitze durchzucken. Der Wind trägt von hier ein rollendes Geräusch weiter, das etwa entferntem Donner oder dem Rauschen der hohlen See vergleichbar ist. Alles dieses zusammen ist »Stahlstadt«, die deutsche Stadt, das persönliche Besitzthum des Herrn Schultze, des Ex-Professors der Chemie von Jena, der durch die Millionen der Begum zum größten Eisen-Industriellen und speciell zum berühmtesten Kanonengießer der ganzen Erde geworden ist.

Er fertigt solche von jeder Form und jedem Kaliber, mit glatter oder gezogener Seele, mit beweglicher oder fester Culasse, für Rußland und die Türkei, für Rumänien und Japan, vor Allem aber für Deutschland. Dank der Macht eines enormen Kapitals, erwuchs hier ein Riesen-Etablissement, eine wirkliche Stadt und gleichzeitig Musterwerkstatt wie durch Zauberschlag aus der Erde. 30.000 Arbeiter, meist geborne Deutsche, siedelten sich rings um dieselbe an und bildeten dadurch deren Vorstädte. Binnen wenigen Monaten schon eroberten sich die Erzeugnisse dieser Anstalt durch ihre allseitigen Vorzüge die ausgedehnteste Anerkennung.

Professor Schultze gräbt das Eisenerz und die Steinkohle aus seinen eigenen Bergwerken. Auf Ort und Stelle wandelt er das erstere in Gußstahl um. Auf Ort und Stelle macht er daraus Kanonen.

Was keiner seiner Concurrenten auszuführen vermöchte, das war ihm ein Leichtes. In Frankreich gewinnt man Stahlbarren von 40.000 Kilogramm; in England hat man eine schmiedeeiserne Kanone von hundert Tonnen Gewicht hergestellt; Krupp in Essen liefert Gußstahlblöcke von 500.000 Kilogramm. Herr Schultze kennt keine Grenzen; verlangt von ihm eine Kanone von ganz beliebigem Gewicht und der außergewöhnlichsten Wirkung, er wird sie herstellen, glänzend wie ein Geldstück aus der Münze und in der bedungenen Frist.

Aber – er läßt sich auch dafür bezahlen! Es scheint, als hätten die 250 Millionen von 1871 nur seinen Appetit gereizt.

In der Kanonen-Industrie, wie überhaupt in allen anderen Dingen steht man groß da, wenn man das kann, was die Anderen nicht vermögen. Hier verdient auch hervorgehoben zu werden, nicht nur, daß Herrn Schultzes Kanonen früher nie dagewesene Dimensionen erreichten, sondern daß sie, wenn durch den Gebrauch bei ihnen von einer Abnützung überhaupt die Rede sein konnte, doch jedenfalls niemals zersprangen. Das Material von Stahlstadt scheint ganz besondere Eigenschaften zu besitzen. Man erzählt sich über diesen Punkt von mancherlei unbekannten Zuschlägen, von chemischen Geheimnissen. Sicher ist jedoch nur, daß hierüber Niemand etwas Verläßliches kennt.

Man weiß nur, daß in Stahlstadt das Fabrikations-Verfahren mit eifersüchtiger Strenge geheim gehalten wird.

In diesem von Wüsten umgebenen, von der Welt durch einen Wall von Bergen abgeschlossenen und fünfhundert Meilen von den nächsten kleinen Ansiedlungen entfernten Winkel Nordamerikas würde man freilich vergeblich eine Spur jener Freiheit suchen, welche die Macht der Vereinigten Staaten begründet hat.

Wer etwa bis unter die Mauern von Stahlstadt kommt, der versuche ja nicht, eines der massiven Thore zu Passiren, die von Strecke zu Strecke die Linie von Gräben und Festungswerken unterbrechen. Der Wachposten würde Jeden ohne Widerrede zurückweisen. Nach Stahlstadt gelangt man nur mit Hilfe einer geheimen Formel, eines Feldgeschreies oder zum mindesten einer gestempelten, unterzeichneten und in aller Ordnung ausgestellten Erlaubnißkarte.

Diese Erlaubniß besaß offenbar ein junger Arbeiter, der an einem November-Morgen in der Stahlstadt ankam, denn nach Zurücklassung eines alten, abgenützten ledernen Mantelsacks begab er sich nach dem nächsten Thore von dem Dorfe aus.

Es war ein großer, starkknochiger Mensch, nachlässig gekleidet, im Schnitte der amerikanischen Pionniere. Mit einem lockeren Matrosenkittel, einem wollenen Hemd ohne Kragen und mit Streifen besetzten Beinkleidern, die er in die großen Stiefeln gesteckt hatte. Ueber das Gesicht drückte er einen groben Filzhut tief herein, als wollte er den auf der Haut angesammelten Kohlenstaub verbergen, und schritt elastischen Schrittes dahin, während er ein Liedchen in den braunen Bart pfiff.

An der Pforte angekommen, überreichte der junge Mann dem Wachthabenden ein gedrucktes Blatt und ward sofort eingelassen.

»Ihre Ordre ist ausgestellt an Werkmeister Seligmann, Section K, Straße neun, Atelier siebenhundertdreiundvierzig, sagte der Unterofficier. Sie haben nur dem Wege längs der Umfassung, hier rechter Hand bis zur Marke K zu folgen und sich dort dem Pförtner vorzustellen... Sie kennen die Fabriksordnung?... Sie sind entlassen, wenn Sie eine andere Section als die Ihrige betreten!« fügte er in dem Augenblicke hinzu, als der neue Ankömmling sich schon entfernte.

Der junge Arbeiter folgte der ihm bezeichneten Richtung und schlug den Weg längs der Umwallung ein. Zu seiner Rechten zog sich ein Graben hin und auf dem Erdaufwurf vor demselben wandelten Wachen auf und ab. Zur Linken, zwischen dem breiten Rundwege und einer Menge von Gebäuden, zeigte sich zunächst das Doppelgeleis einer Gürteleisenbahn; dahinter erhob sich noch eine zweite Mauer, ähnlich der äußeren, woraus die Gestalt von Stahlstadt leicht zu erkennen war.

Das Etablissement bildete nämlich einen Kreis, der strahlenförmig in einzelne, wiederum befestigte Sectoren zerfiel, welche von einander gänzlich unabhängig waren, außer daß sie Mauer und Graben gemeinschaftlich umschlossen.

Der junge Arbeiter fand bald am Rande des Weges die Marke K vor einem großartig angelegten Thore, an dessen Wölbung derselbe Buchstabe wiederum in Stein gehauen zu sehen war, und stellte sich hier dem Pförtner vor.

Dieses Mal hatte er es nicht mit einem Soldaten zu thun, sondern sah einen Invaliden mit hölzernem Bein und ordengeschmückter Brust vor sich.

Der Invalide prüfte seinen Schein und versah denselben wiederum mit einem Stempel,

»Alles in Ordnung, sagte er darauf, die neunte Straße linker Hand.«

Der junge Mann passirte die zweite befestigte Linie und befand sich nun in dem Sector K; die an dem Thore auslaufende Straße bildete dessen Achse. Nach beiden Seiten erstreckten sich rechtwinkliche lange Reihen von Baulichkeiten.

Das Getöse der Maschinen wurde nach und nach betäubend. Diese grauen, von hundert Fenstern durchbrochenen Gebäude glichen eher lebenden Ungeheuern als todten Massen. Der neue Ankömmling schien mit einem derartigen Anblick indeß schon vertraut zu sein, denn die Umgebung erregte offenbar seine Aufmerksamkeit nicht sonderlich.

In fünf Minuten befand er sich in der neunten Straße, Atelier siebenhundertdreiundvierzig und gelangte hier zunächst in einem kleinen Comptoir voller Cartons und Verzeichnisse zu dem Werkmeister Seligmann.

Letzterer nahm den mit allen Bescheinigungen versehenen Zettel des jungen Mannes entgegen und sah diesen nachher wie prüfend an.

»Als Puddler engagirt? sagte er. Sie scheinen mir noch ziemlich jung zu sein?

– Das Alter thut wohl nichts zur Sache, erwiderte jener. Ich zähle fast sechsundzwanzig Jahre und habe schon sieben Monate lang gepuddelt. Wenn Sie es wünschen, kann ich Ihnen meine Atteste vorlegen, auf welche hin ich in New-York von dem Chef des Personals angenommen wurde.«

Der junge Mann sprach zwar deutsch ziemlich geläufig, doch mit einem leichten Accent, der das Mißtrauen des Werkführers erweckte.

»Sind Sie etwa ein Elsäßer? fragte er.

– Nein, ich bin Schweizer ... aus Schaffhausen. Bitte, hier meine Legitimations-Papiere.«

Er holte dabei ein ledernes Notizbuch aus der Tasche und zeigte dem Werkmeister einen Paß, ein Wanderbuch und andere Certificate.

»Schon gut, Sie sind einmal angenommen und ich habe Ihnen nur Ihren Platz anzuweisen!« erwiderte Seligmann, beruhigt durch jene amtlichen Zeugnisse.

Er schrieb den Namen Johann Schwartz in ein Register, machte auf den Annahmeschein eine zugehörige Bemerkung, lieferte dem jungen Manne eine blaue Karte mit seinem Namen und der Nummer 57.938 aus und fügte hinzu:

»Sie haben sich jeden Morgen um sieben Uhr am Thore K einzustellen, zeigen diese Karte vor, ohne welche Sie auch die äußere Umfassung nicht passiren dürfen, nehmen sich dann von dem Gestell in der Thorstube eine Marke mit Ihrer Matrikelnummer und zeigen mir diese beim Eintreten vor. Um sieben Uhr Abends, wenn Sie wieder weggehen, werfen Sie dieselbe an der Thüre des Ateliers in die Büchse, deren Einwurf nur zu dieser Zeit offen ist.

– Ich weiß schon davon... kann man hier im Etablissement wohnen? fragte Schwartz.

– Nein, ein Unterkommen müssen Sie sich in der Umgebung suchen; dagegen können Sie aus der Arbeiterküche des Ateliers um billigen Preis ein Mittagsmahl erhalten. Ihr Lohn beträgt anfänglich einen Dollar per Tag. Er steigt jedes Vierteljahr um zwanzig Procent... für Vergehen giebt es nur eine Strafe, die Entlassung. Sie wird von mir in erster Instanz ausgesprochen, im Falle des Einspruchs durch den Ingenieur bestätigt oder verworfen. Fangen Sie schon heute an?

– Warum nicht?

– Das wäre nur ein halber Arbeitstag!« bemerkte Seligmann, während er Schwartz durch einen Gang hinführte.

Beide überschritten einen weiten Hof und kamen in eine geräumige Halle, welche ihrer Ausdehnung und der Anordnung ihres Sparrenwerkes nach der Personenhalle eines großen Bahnhofes ähnelte. Als Schwartz dieselbe überblickte, konnte er sich eines Gefühls von Erstaunen doch nicht ganz erwehren.

An jeder Seite dieses langen Raumes erhoben sich zwei Reihen gewaltiger runder Säulen ,die dem Durchmesser und der Höhe nach denen von St. Peter in Rom entsprachen, von der Erde bis zu der verglasten Dachwölbung, über welche sie hinausragten. Das waren die Kamine ebensovieler Puddelöfen, welche an deren Basis aufgemauert standen. Jede Reihe zählte fünfzig solcher Oefen.

An dem einen Ende kamen fortwährend Locomotiven an, welche mit Gußeisenzainen beladene Wagen zur Speisung jener Oefen heranschleppten. Am anderen Ende nahmen leere Wagenzüge das in Stahl verwandelte Gußeisen zur Weiterbeförderung wieder auf.

Durch die Operation des Puddelns wird diese Umwandlung bewirkt. Viele Rotten halbnackter Cyklopen mit langen eisernen Haken verrichteten diese Arbeit.

Die Roheisenzaine wurden in einem mit Schlackenmantel umgebenen Ofen stark erhitzt. Um Schmiedeeisen zu erhalten, würde man diese Gußstücke sogleich umzurühren (d. i. zu puddeln) beginnen, sowie die Masse teigig geworden ist. Um aber Stahl, d. h. jenes Eisencarbonat, das jenem zwar verwandt, aber doch bestimmt verschieden von ihm ist, zu erzielen, wartet man die völlige Schmelzung des Gußeisens ab und treibt die Hitze in den Oefen dann noch höher hinauf. Der Puddler rührt und schaufelt die metallische Masse dann nach allen Seiten um, dreht und wendet sie inmitten der Flamme; wenn sie dann durch Vermischung mit gewissen Zuschlägen einen gewissen Grad von Widerstandsfähigkeit erlangt hat, trennt er sie in vier Klumpen oder »Luppen«, die er einzeln an die Hammergehilfen abgiebt.

Die weitere Bearbeitung erfolgt nun in der Mittellinie des Saales. Vor jedem Ofen befindet sich daselbst nämlich ein entsprechender Stampfhammer, der durch den Dampf eines stehenden, in oben erwähnten Kaminen angebrachten Kessels bewegt und von einem Zängemeister geleitet wird. Vom Kopf bis zu den Füßen mit Stiefeln und Kamaschen von Eisenblech ausgerüstet, geschützt durch ein Schurzfell aus dickem Leder und von einer metallenen Maske verhüllt, erfaßte dieser Kürassier der Industrie die glühende Luppe mit seiner langen Zange und brachte sie unter den Hammer. Bei den wiederholten Schlägen dieser enormen Masse spie jene unter einem Regen glänzender Funken und brennender Eisentheilchen die in ihr enthaltenden Verunreinigungen, wie ein gedrückter Schwamm das Wasser, nach allen Seiten aus.

Darauf gab sie der Zängemeister den Gehilfen zurück, die sie zur Wiedererhitzung nach dem Ofen schleppten, von dem aus sie dann noch einmal mit dem gewaltigen Hammer bearbeitet wurde.

In der ungeheuren Schmiede herrschte eine ewige Bewegung, liefen die endlosen Riemen über ihre Scheiben, dröhnten die dumpfen Schläge, krachte das Feuerwerk der bearbeitenden Eisenmassen und blendete die Weißgluth der zahlreichen Oefen. Inmitten dieses Gedonners und Gebrauses erschien der Mensch nur wie ein Kind gegenüber den leblosen Massen, die er hier beherrschte.

Es sind gar stämmige Burschen, diese Puddlers! So mit allen Kräften das Eisen zu kneten, bei der sengenden ausdörrenden Hitze immer Metallmengen von je einigen Centnern zu behandeln, das Auge stundenlang der brennenden Gluth zuzuwenden, das ist eine gar harte Arbeit, die ihren Mann in Zehn Jahren aufreibt.

Schwartz legte, um dem Werkmeister zu zeigen, daß er derselben wohl gewachsen wäre, den Kittel und das Wollenhemd ab, wobei sein athletischer Bau und seine kräftigen Muskeln sichtbar wurden, ergriff eine Rührstange, mit der eben ein Anderer gepuddelt hatte, und setzte diese Arbeit fort.

Da der Werkmeister sah, daß er die Sache kannte, so überließ dieser ihn sich selbst und kehrte nach seinem Bureau zurück.

Der junge Mann strengte sich bis zur Mittagszeit tüchtig an. Ob er aber seine Kräfte dabei zu heftig in Anspruch genommen und es an diesem Morgen versäumt hatte, ein für solche Arbeit unbedingt nöthiges nahrhaftes Frühstück zu sich zu nehmen, jedenfalls bemerkte man, daß er ermüdet und schwach wurde, was dem Rottenführer denn auch bald genug auffiel.

»Sie sind nicht zum Puddler geschaffen, mein Junge, sagte er, und würden besser thun, sich bei Zeiten eine andere Stellung auszubitten, da man Ihnen später einen Wechsel nicht mehr zugestehen würde.«

Schwartz protestirte. Es sei das nur eine vorübergehende Schwäche... er könne puddeln so gut wie ein Anderer!...

Der Rottenführer erstattete trotzdem seinen Bericht und der junge Mann wurde sofort zum Oberingenieur des Werkes berufen.

Dieser musterte seine Papiere aufs Neue, zuckte die Achseln und fragte mit dem Tone eines Untersuchungsrichters:

»Sind Sie in Brooklyn Puddler gewesen?«

Schwartz senkte verwirrt die Augen nieder.

»Ich sehe wohl, daß ich Ihnen die Wahrheit sagen muß, antwortete er. Ich war nur beim Hochofen angestellt und wollte das Puddeln versuchen, weil das einen höheren Lohn abwirft.

– Da ist doch der Eine wie der Andere! erwiderte achselzuckend der Ingenieur, Sie wollen mit fünfundzwanzig Jahren leisten, was ein Dreißigjähriger nur ausnahmsweise auszuführen im Stande ist!... Sind Sie wenigstens ein guter Gießer?

– Ich war zwei Jahre lang in der ersten Classe.

– Dann thäten Sie besser, in dieser Stellung zu bleiben! Hier werden Sie erst in der dritten Classe wieder anfangen können und dürfen noch von Glück sagen, daß ich Ihnen den Uebertritt in einen anderen Sector erleichtere.«

Der Ingenieur schrieb einige Worte auf einen Passirschein, sendete eine Depesche ab und sagte:

»Geben Sie Ihre Marke zurück, verlassen Sie diese Abtheilung und verfügen Sie sich geraden Weges nach dem Bureau des Oberingenieurs im Sector O. Jener ist von der Sachlage unterrichtet.«

Dieselben Förmlichkeiten, welche Schwartz an dem Thore des Sectors K aufgehalten hatten, empfingen ihn auch am Sector O, Ganz wie am Morgen wurde er hier ausgefragt, aufgenommen und an den Abtheilungs -Werkmeister gewiesen, der ihn in den Gießersaal einführte. Hier vollzog sich die Arbeit schweigsamer, womöglich aber noch methodischer.

»Hier sehen Sie nur die kleinere Abtheilung für den Guß der Zweiundvierzig-Pfünder, sagte der Werkmeister. In den Gießhäusern für Herstellung der großen Kaliber sind nur die Arbeiter erster Classe beschäftigt.«

Diese »kleine« Abtheilung hatte immerhin eine Länge von hundertfünfzig Meter bei fünfundsechzig Meter Breite. Sie diente nach Schwartz Schätzung zur Erhitzung von mindestens sechshundert Schmelztiegeln, welche, je nach ihrer Größe, zu vier, acht oder zwölf in den Oefen an der Seite Platz fanden.

Die zur Aufnahme des geschmolzenen Stahles bestimmten Gießformen standen in der vertieften Längenachse der Galerie in einer Reihe hintereinander. An jeder Seite dieses Mittelgrabens erhob sich, auf einem Schienenstrange verschiebbar, ein mächtiger Krahn, dessen Construction jede mögliche Bewegung gestattete, so daß die gewaltigsten Gewichte an beliebiger Stelle durch denselben gehoben und versetzt werden konnten. Ebenso wie in den Puddelhäusern berührte auch hier je eine Eisenbahn das eine Ende der Galerie, wo dieser die Gußstahlblöcke zugeführt wurden, während eine andere vom entgegengesetzten Ende die aus den Formen hervorgegangenen Kanonen hinwegschaffte.

Neben jeder Gußform stand ein Aufseher mit einer Eisenstange, der die Temperatur des flüssigen Stahles in den Schmelztiegeln zu überwachen hatte.

Das ganze Verfahren, wie es Schwartz schon auch von anderen Orten her kannte, war hier zu höchster Vollkommenheit entwickelt.

Sollte zu einem Gusse verschritten werden, so benachrichtigte ein Glockensignal alle Betheiligten. Mit gleichmäßigen, strengbemessenen Schritten begaben sich die Arbeiter je zwei und zwei von gleicher Größe, eine Eisenstange wagrecht auf den Schultern tragend, nach dem Ofen.

Ein Rottenführer mit einer Schrillpfeife und die Secundenuhr in der Hand, stand in der Nähe der Gießform, welche möglichst in gleicher Entfernung von allen zu ihrer Füllung nöthigen Oefen angebracht war. Von jeder Seite derselben liefen Rinnen aus feuerbeständigem Lehm und mit Eisenblech überdeckt, in sanfter Neigung bis zu einer, direct über der Gußform befindlichen, trichterförmigen Vertiefung. Der Rottenführer pfiff. Sofort ward ein Schmelztiegel mittelst einer Zange aus dem Feuer gehoben und an die Eisenstange des dem Ofen zunächst stehenden Trägerpaares gehangen. Wieder ertönte die Pfeife in verschiedener Weise und die beiden Männer entleerten den Inhalt ihres Tiegels in die entsprechende Rinne. Dann warfen sie das noch hellglühende Gefäß in eine große Kufe.

Ohne Unterbrechung und in genau eingehaltenen Zeiträumen, um die völlige Gleichmäßigkeit des Gußstückes zu sichern, verfuhren alle Nachfolgenden in ganz derselben Weise.

Die hierbei beobachtete Präcision war eine so außerordentliche, daß der letzte Schmelztiegel genau auf das Zehntel der vorher berechneten Secunde ausgeleert und in die Kufe geworfen war. Der ganze Vorgang glich weit mehr der Wirkung eines blinden Mechanismus, als der zusammenfallenden Willensäußerung von hundert lebenden Wesen. Eine unverletzliche Disciplin, die Macht der Gewohnheit und der Einfluß, den eine tactmäßige Musik auf Jedermann ausübt, brachten dieses Wunder zu Stande.

Schwartz schien mit diesem Verfahren vertraut zu sein. Er wurde einem anderen Arbeiter von gleicher Größe zugestellt, probeweise bei einem minder bedeutenden Gußstücke beschäftigt und sofort als erfahrener, gewandter Gießer erkannt. Sein Rottenführer versicherte ihm schon am ersten Abend, daß er schnell vorwärts kommen werde.

Sobald er nach Schluß der Arbeit den Sector 0 und die äußere Umfassung der Fabrik verlassen, begab er sich nach dem Gasthause, seinen Mantelsack zu holen. Auf einem der Außenwege gelangte er dann bald nach einer schon am Morgen bemerkten Gruppe von Häusern, wo er bei einer braven Frau, welche »Kostgänger aufnahm«, geeignetes Unterkommen fand.

Nach dem Abendessen sah man den jungen Arbeiter nicht, wie es die Uebrigen zu thun pflegten, nach einer Brauerei wandern. Er schloß sich vielmehr in sein Zimmerchen ein und brachte aus der Tasche ein offenbar aus der Puddelhütte heimlich mitgenommenes Stückchen Stahl und ebenso eine kleine Menge feuerfesten Thones aus dem Sector O, welche er beim Scheine einer rußenden Lampe aufmerksam betrachtete.

Dann entnahm er dem Mantelsack ein großes, schwach eingebundenes Heft, durchblätterte dessen mit Bemerkungen, Formeln und Rechnungen bedeckte Blätter und schrieb das Nachfolgende in gutem Französisch, aus Vorsicht aber in einer ihm allein bekannten Geheimschrift nieder:

»10. November. – Stahlstadt. – Die Puddel-Methode hier ist ganz die gewöhnliche, nur bedient man sich, wohl zu bemerken, der von Chernoff empfohlenen und verhältnismäßig ziemlich niedrigen Temperaturen, sowohl bei der ersten Erhitzung als bei dem zweiten Feuer. Das Gießen betreibt man nach dem Vorgange Krupps in Essen, hält dabei aber auf eine wahrhaft wunderbare Gleichmäßigkeit der Ausführung. Diese Sicherheit in jedem Manöver muß man als die größte Starke der Deutschen anerkennen. Sie rührt offenbar von dem der ganzen germanischen Race angebornen musikalischen Gehör her. Die Engländer werden nie im Stande sein, eine solche Vollkommenheit zu erreichen, dazu fehlt ihnen das Ohr, wenn nicht gar der Geist der Disciplin. Die Franzosen, welche sich ja gern die ersten Tänzer der Welt nennen, müßten sich leicht in dieser Weise ausbilden können. Bisher habe ich also nichts Geheimnißvolles gesehen, dem man die ungeheuren Erfolge dieser Fabrikationsweise zuschreiben könnte. Die von mir beim Wandern durch das Gebirge gesammelten Erzmuster entsprechen unseren guten Eisensorten vollständig. Die Steinkohlen sind gewiß sehr schön und eignen sich für metallurgische Zwecke ganz vorzüglich, stehen aber sicher nicht einzig da in ihrer Art. Ohne Zweifel basirt Schultzes Herstellungsmethode darauf, daß er nur Material der besten Qualität, frei von jeder fremden Beimischung, verwendet und auf die vollkommene Reinheit desselben achtet. Das Alles ist aber ohne Schwierigkeit nachzuahmen. Es gilt, um im Besitz aller Elemente des Problems zu sein, nur noch die Zusammensetzung des feuerbeständigen Thones zu untersuchen, der zu den Schmelztiegeln und Gußrinnen verwendet wird. Ist das erreicht und sind unsere Gießer erst in ähnlicher Weise disciplinirt, so sehe ich nicht ein, warum wir nicht dasselbe leisten sollten, was hier vollbracht wird. Bisher sah ich freilich nur zwei Sectoren und es giebt deren vierundzwanzig, ohne die Centralstelle, die Abtheilung für Pläne und Modelle, sozusagen das geheime Cabinet, zu rechnen. Worüber mag man dort wohl brüten? Was mag unseren Freunden bevorstehen, wenn ich an die Drohungen denke, die Herr Schultze bei Antritt seiner Erbschaft ausstieß?«

Erschöpft von den Anstrengungen des Tages, entkleidete sich Schwartz und schlüpfte in das kleine, so unbequeme Bett, wie es eben nur ein deutsches Bett sein kann – und das will viel sagen – zündete sich noch eine Pfeife an und begann in einem alten Buche zu lesen. Offenbar schwärmten seine Gedanken aber irgendwo anders umher. Zwischen seinen Lippen drängten sich unaufhörlich die leichten, duftenden Wölkchen hervor, als fagten sie wieder:

»Bah! Bah! Bah! Bah!...«

Am Ende legte er das Buch gänzlich weg und versank in tiefes Sinnen, als wäre er mit der Lösung eines schwierigen Problems beschäftigt.

»O, rief er plötzlich, und wenn es mit dem Teufel selbst zuginge, ich werde hinter Herrn Schultzes Geheimniß kommen und zu erfahren wissen, was er gegen France-Ville im Schilde führt!«

Den Namen des Doctor Sarrasin auf den Lippen, schlummerte Schwartz ein, im Traume aber veränderte sich dieser zu dem Namen der kleinen Tochter des Arztes. Ungeschwächt bewahrte er die Erinnerung an das liebliche Mädchen, zumal da Jeanne, seit er sie verlassen, nun zur Jungfrau aufgeblüht sein mußte. Diese Erscheinung erklärt sich leicht durch die bekannten Gesetze der Ideenassociation: Der Gedanke an Doctor Sarrasin legte ja den an dessen Tochter ziemlich nahe und als Schwartz oder vielmehr Marcel Bruckmann erwachte und noch immer Jeannes Namen im Gedächtnitz hatte, erstaunte er darüber nicht im mindesten, sondern erkannte nur eine Bestätigung der ausgezeichneten psychologischen Grundwahrheiten Stuart Mills.

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