Frei Lesen: Fünf Wochen im Ballon

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Jules Verne

Fünf Wochen im Ballon

Sechsundzwanzigstes Capitel

eingestellt: 15.8.2007



Die vom Victoria am verflossenen Tage zurückgelegte Strecke betrug nicht über zehn Meilen, und doch hatte man, um sich oben zu halten, hundertzweiundsechzig Cubikfuß Gas verbraucht. Am Sonnabend Morgens gab der Doctor das Signal zum Aufbruch.

»Das Knallgasgebläse kann nur noch sechs Stunden arbeiten,« verkündete er seinen Begleitern; »wenn wir in dieser Zeit weder einen Brunnen noch eine Quelle entdeckt haben, weiß Gott allein, was aus uns werden wird.«

»Schlechter Wind heute Morgen, Herr Doctor,« sagte Joe, aber schnell fügte er hinzu, als er die tiefe Niedergeschlagenheit Fergussons bemerkte: »vielleicht wird er sich aber noch aufmachen.«

Eitle Hoffnung! es herrschte eine Todtenstille in der Luft, eine jener Windstillen, die auf den tropischen Meeren die Schiffe für lange Zeit auf einer Stelle bannen. Die Hitze wurde unerträglich, und das Thermometer zeigte im Schatten des Zeltes hundertunddreizehn Grad.[R1 40° Celsius]

Joe und Kennedy hatten sich neben einander ausgestreckt, und suchten, wenn auch nicht im Schlaf, so doch in einer Art von Betäubung ihre furchtbare Lage zu vergessen. Die erzwungene Unthätigkeit legte ihnen eine neue Pein auf, denn wer sich seinen Leiden nicht durch eine Arbeit oder äußerliche Beschäftigung entziehen kann, fühlt sie bei Weitem tiefer. Hier gab es nichts zu beaufsichtigen, noch zu unternehmen; man mußte Alles hinnehmen, ohne eine Aenderung herbeiführen zu können.

Die Qualen des Durstes begannen, sich grausam fühlbar zu machen; der Branntwein, weit entfernt, dies gebieterische Bedürfniß zu befriedigen, machte im Gegentheil den Durst noch brennender, und verdiente mit Recht den, ihm von den Eingeborenen zugelegten Namen der »Tigermilch«. Es waren kaum noch zwei Pinten einer erhitzten Flüssigkeit vorhanden, und Jeder verschlang mit den Blicken diese wenigen, so kostbaren Tropfen, ohne es doch zu wagen, seine Lippen damit zu netzen. Zwei Pinten Wasser inmitten der Wüste!

Fergusson fragte sich jetzt, ob er recht gehandelt habe, indem er einen so großen Theil des Wassers zerlegte, nur um den Ballon oben zu halten? er war dadurch allerdings eine kleine Strecke weiter gekommen, aber war ihm daraus irgend ein Nutzen entsprungen? Es konnte ihm völlig gleichgiltig sein, ob er sich gegenwärtig hier oder sechzig Meilen zurück unter derselben Breite befände, wenn ihm hier das Wasser ausging. Erhob sich endlich der Wind, so würde er ebenso wohl dort unten wehen wie auch hier, ja hier vielleicht noch weniger schnell, wenn er von Osten herkam; aber die Hoffnung hatte den Doctor immer weiter getrieben. Wenn man jetzt die beiden vergeblich angewandten Gallonen Wasser gehabt hätte, so wäre ein neuntägiger Aufenthalt hier in der Wüste möglich gewesen. – Vielleicht auch hätte Fergusson weiser gehandelt, wenn er das Wasser nicht angriff, und den Ballon durch Ballast-Auswerfen und nachherigen Gasverlust steigen und fallen ließ. Aber das Gas des Ballons war ja sein Blut, sein Leben!

Diese tausendfachen Betrachtungen kreuzten sich in seinem Hirn, während er, den Kopf in beide Hände gestützt, ganze Stunden lang dumpf vor sich hinbrütete.

»Wir müssen eine letzte Anstrengung machen, sagte er gegen zehn Uhr Morgens zu sich; wir wollen noch einmal versuchen, eine atmosphärische Strömung zu finden, die uns forttragen kann, und wenn wir dabei unsere letzten Hilfsquellen daransetzen müßten.«

Und während seine Gefährten in apathischem Halbschlaf dalagen, machte er sich daran, das Wasserstoffgas des Luftschiffes auf einen hohen Temperaturgrad zu bringen; dieses rundete sich, und stieg unter der Spannung des Gases gerade in die senkrechten Strahlen der Sonne hinein. Aber vergebens suchte Fergusson in den Luftschichten von hundert bis fünftausend Fuß Höhe einen Windhauch; die Stelle, von der er aufgestiegen, blieb gerade unter ihm, und bis an die äußersten Grenzen der athmungsfähigen Luft schien absolute Stille zu herrschen.

Endlich war das Wasser für die Speisung des Ballons vollständig aufgebraucht; das Knallgasgebläse erlosch aus Mangel an Gas, die Bunsensche Batterie stellte ihre Arbeit ein, und der Ballon wurde schlaff, und ließ sich langsam an demselben Platze auf den Sand herab, auf dem die Gondel vor Kurzem ihre Spuren eingedrückt hatte.

Es war zwölf Uhr; die Aufnahme ergab 19° 35 L. und 6° 51 Br., also etwa fünfhundert Meilen Entfernung von dem Tschad-See und über vierhundert Meilen von den westlichen Küsten Afrikas.

Als die Gondel auf dem Boden anlangte, erwachten Dick und Joe aus ihrem schweren Schlummer.

»Wir halten an?« rief der Schotte.

»Es bleibt uns nichts anderes übrig,« lautete die ernste Erwiderung.

Seine Begleiter verstanden ihn. Die Erdoberfläche befand sich in Folge ihrer beständigen Senkung mit dem Meeresspiegel in gleicher Höhe, und der Ballon hielt sich demgemäß ganz unbeweglich, und in vollkommenem Gleichgewicht.

Die Gondel wurde mit einer Last Sand beladen, die der Schwere der Reisenden gleichkam, und diese stiegen auf den Erdboden herab. Ein Jeder versenkte sich in seine Gedanken, und Keiner sprach ein Wort. Joe bereitete das aus Zwieback und Pemmican bestehende Abendessen, aber es wurde kaum berührt. Ein Schluck heißen Wassers vervollständigte dies traurige Mahl.

Wählend der Nacht hielt Niemand Wache, aber Niemand schlief auch. Die Hitze war entsetzlich. Am folgenden Morgen war nur noch eine halbe Pinte Wasser vorhanden, und der Doctor reservirte sie für den Fall der äußersten Noth.

»Ich ersticke,« klagte Joe, die Hitze wird immer furchtbarer; »man darf sich freilich nicht darüber wundern,« fügte er hinzu, nachdem er einen Blick auf das Thermometer geworfen; »wir haben hundertundvierzig Grad Wärme. «

»Der Sand brennt, als wäre er in einem Ofen erhitzt,« bemerkte der Jäger, »und nicht eine Wolke zeigt sich an dem feurigen Himmel! es ist, um wahnsinnig zu werden!«

»Wir dürfen noch nicht verzweifeln,« beruhigte sie der Doctor. »Auf so große Hitze folgen unvermeidlich in diesen Breiten Stürme, die dann mit der Schnelligkeit des Blitzes eintreten. Trotzdem jetzt der Himmel klar und hell ist, können sich in weniger als einer Stunde große Veränderungen des Wetters einstellen.«

»Ach, könnten wir doch etwas davon bemerken,« seufzte Kennedy.

»Nun,« entgegnete der Doctor, »es scheint mir, als zeige das Barometer eine leise Neigung zu fallen.«

»Der Himmel gebe es, Samuel! wir sind hier an den Boden gefesselt, wie ein Vogel, dem die Flügel zerschmettert sind.«

»Mit dem Unterschiede, mein lieber Dick, daß unsere Flügel unversehrt sind, und ich die Hoffnung hege, bald den gehörigen Gebrauch von ihnen machen zu können.«

»O, wenn sich doch endlich Wind erhöbe!« rief Joe. »Wenn uns nur die Möglichkeit gegeben wird, an einen Bach oder einen Brunnen zu gelangen, so kann uns nichts mehr fehlen. Die Lebensmittel sind hinreichend, um unser Leben noch einen Monat lang zu fristen, aber der Durst ist gar zu grausam.«

Nicht nur der Durst, sondern auch die unaufhörliche Betrachtung der Wüste ermüdete den Geist; keine Unebenheit des Bodens, kein Sandhügel, kein Kieselstein gab dem Blick einen Ruhepunkt. Die ebene Fläche verursachte einen förmlichen Ekel und erzeugte die unter dem Namen »Wüstenfieber« bekannte Krankheit. Das ewig gleiche, unveränderliche Blau des Himmels und die unermeßliche Fläche gelben Sandes wirkte zuletzt erschreckend, und die entzündete Atmosphäre schien in eine leise, zitternde Bewegung zu gerathen, wie die Luft über einem glühenden Feuerheerd. Der Menschengeist gerieth in Verzweiflung beim Anblick dieser unermeßlichen Stille, und marterte sich ab, einen Grund dafür zu finden, daß dieser Zustand auch einmal aufhören könne, denn die Unermeßlichkeit erscheint uns wie eine Art Ewigkeit.

Die Unglücklichen, welche in dieser ausdörrenden Temperatur des Wassers entbehrten, fingen bereits an, Symptome der Sinnverwirrung zu verspüren; ihre Augen vergrößerten sich, und ihr Blick wurde trübe.

Als die Nacht herangekommen war, beschloß der Doctor, gegen diese beunruhigende Stimmung durch einen schnellen Marsch anzukämpfen; er wollte einige Stunden lang die Sandfläche durchstreifen, nicht um zu suchen, sondern nur um zu gehen.

»Kommt mit mir,« redete er seinen Begleitern zu, »die rasche Bewegung wird auch euch wohlthun.«

»Es ist mir unmöglich,« erwiderte Kennedy; »ich könnte keinen Schritt gehen.«

»Und ich will lieber schlafen,« versetzte Joe.

»Schlaf und Ruhe können euch den Tod bringen, meine Freunde. Bemüht euch, diese Erstarrung abzuschütteln, und kommt mit mir.«

Da der Doctor sich bald davon überzeugte, daß er Dick und Joe nicht vermögen konnte, ihm bei seinem Gange Gesellschaft zu leisten, machte er sich allein auf den Weg. Die ersten Schritte würden ihm schwer, wie der erste Gehversuch eines Genesenden; aber bald bemerkte er, daß die Bewegung ihm heilsam sei.

Wirklich schritt er mehrere Meilen nach Westen vor, und fühlte sich schon sehr gekräftigt, als ein Schwindel ihn plötzlich ergriff. Er glaubte, über einem Abgrunde zu schweben, und fühlte, wie seine Kniee unter ihm wankten; die ungeheure Einöde erschreckte ihn, und er fühlte sich als der mathematische Punkt, das Centrum einer unendlichen Peripherie, d.h. Nichts. Der Victoria verschwand im Schatten, und der Doctor, er, der leidenschaftslose, kühne Reisende, wurde von einem unüberwindlichen Schrecken befallen. Er wollte wieder umkehren, aber es war ihm unmöglich; er rief, aber nicht einmal das Echo antwortete ihm, und seine Stimme fiel in den Weltenraum, wie ein Stein in einen grundlosen Schlund. Und so, allein in dem tiefen Schweigen der Wüste, bettete er sich, in Ohnmacht sinkend, auf dem Sande.

Um Mitternacht schlug er die Augen auf und fand sich in den Armen seines treuen Joe wieder. Dieser, über die so lange Abwesenheit seines Herrn in Unruhe gerathen, war seinen in den weichen Sand gedrückten Spuren gefolgt, und hatte ihn endlich ohnmächtig angetroffen.

»Was ist Ihnen zugestoßen, Herr Doctor?« fragte er besorgt.

»Nichts, mein lieber Joe, es war nur eine Anwandlung von Schwäche.«

»Ich hoffe, es wird nichts zu bedeuten haben, Herr, aber bitte, stehen Sie auf, stützen Sie sich auf mich, und begeben Sie sich mit mir nach dem Victoria zurück.«

Und an Joes Arm machte sich Fergusson auf den Rückweg.

»Wie unvorsichtig von Ihnen, Herr Doctor, daß Sie sich in solche Gefahr stürzten. Sie hätten beraubt werden können, fügte Joe lachend hinzu. Aber lassen Sie uns im Ernst mit einander reden; es muß jetzt ein Entschluß gefaßt werden. Unsere Lage kann nicht noch länger so fortdauern, denn wenn sich kein Wind erhebt, sind wir verloren.«

Fergusson antwortete nicht.

»Es muß sich einer von uns dreien für die beiden Andern opfern, und dieser Eine werde ich natürlich sein.

»Was willst Du damit sagen? woran denkst Du?«

»Mein Plan ist sehr einfach; ich will mich mit Lebensmitteln versehen, und immer weiter marschiren, bis ich an irgend einen Ort komme, was doch endlich einmal geschehen muß. Wenn ich in ein Dorf komme, werde ich meinen Auftrag ausrichten, indem ich einen Zettel von Ihnen abgebe, auf den Sie einige arabische Worte geschrieben haben. So denke ich Ihnen entweder Hilfe zuzuführen, oder mein Leben für Sie in die Schanze zu schlagen. Was meinen Sie dazu?«

»Das Project ist unsinnig, aber es macht Deinem Herzen alle Ehre. – Es ist unmöglich. Du kannst uns nicht verlassen.«

»Wir sollten es wirklich versuchen; Ihnen und Herrn Kennedy könnte daraus kein Nachtheil entstehen, denn im Fall ein günstiger Wind eher kommt als meine Hilfe, brauchen Sie nicht auf mich zu warten, und mir gelingt mein Plan vielleicht über Erwarten gut.«

»Nein, Joe, nein! wir wollen uns nicht trennen, nicht dies Leid noch zu allem andern fügen. Es stand geschrieben, daß es so kommen sollte, und vielleicht fügt es das Schicksal, daß es später wieder besser wird. Laß uns noch mit Ergebung warten.«

»Gut, Herr Doctor, ich will Ihnen nur dies Eine sagen: ich gestatte Ihnen noch einen Tag, aber länger werde ich nicht zögern. Es ist heute Sonntag, oder vielmehr Montag, denn es ist jetzt ein Uhr Morgens. Wenn wir uns am Dienstag nicht in die Lüfte erheben können, so versuche ich mein Heil; das ist unwiderruflich beschlossen.«

Der Doctor schwieg; bald hatte er die Gondel erreicht und nahm in derselben neben Kennedy Platz, Dieser war in ein dumpfes Hinbrüten versunken, das nichts mit dem Schlaf gemein hatte.

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