Frei Lesen: Kein Durcheinander

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

I. | II. | III. | IV. | V. | VI. | VII. | VIII. | IX. | X. | XI. | XII. | XIII. | XIV. | XV. | XVI. | XVII. | XVIII. | XIX. | XX. | XXI. |

Weitere Werke von Jules Verne

Abenteuer des Kapitän Hatteras | Meister Zacharius | Der Archipel in Flammen | Die großen Seefahrer des 18. Jahrhunderts - Erster Band | Die fünfhundert Millionen der Begum |

Alle Werke von Jules Verne
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Kein Durcheinander) ausdrucken 'Kein Durcheinander' als PDF herunterladen

Jules Verne

Kein Durcheinander

I.

eingestellt: 23.7.2007



»Sie behaupten also, Herr Maston, daß eine Frau noch niemals im Stande gewesen sei, den Fortschritt mathematischer oder experimenteller Wissenschaften zu fördern?

– Zu meinem größten Bedauern, Mistreß Scorbitt, sehe ich mich dazu gezwungen, antwortete J. T. Maston. Ich gestehe gerne zu, daß es wohl einmal, speciell in Rußland, einige vorzügliche Mathematikerinnen gegeben hat oder auch noch heute geben mag; schon die weibliche Gehirnbildung aber ist Hinderniß genug, daß eine Frau jemals ein Archimedes und noch weniger ein Newton werden könnte.

– O, Herr Maston, erlauben Sie mir dem zu widersprechen im Namen unseres Geschlechtes ...

– Eines desto liebenswürdigeren Geschlechtes, Mistreß Scorbitt, weil es nicht dazu geschaffen ist, sich transscendentalen Studien hinzugeben!

– Ihrer Ansicht nach, mein Herr Maston, hätte also kein Weib beim Anblick eines herabfallenden Apfels das allgemeine Gesetz der Schwere entdecken können, wie das dem berühmten englischen Gelehrten zu Ende des 17. Jahrhunderts gelang?

– Beim Anblick eines fallenden Apfels, verehrte Mistreß Scorbitt, hätte eine Frau nur den einen Gedanken gehabt ... ihn zu essen ... getreu dem Beispiele unserer Mutter Eva.

– Gehen Sie! Ich sehe, Sie sprechen uns jede Anlage zu höherer Speculation ab.

– Jede Anlage? ... Nein, Mistreß Scorbitt; nichtsdestoweniger muß ich Ihnen bemerken, daß sich, so lange Menschen, also auch Frauen, auf der Erde leben, noch kein weibliches Gehirn gefunden hat, dem man eine Entdeckung gleich denen eines Aristoteles, Euklides, Kepler oder Laplace im Gebiete der Wissenschaften zu verdanken hätte.

– Ist das ein Beweis, und verpflichtet die Vergangenheit unwiderruflich für die Zukunft?

– Hm! Was seit mehreren Tausenden von Jahren nicht vorgekommen ist, wird wohl auch später nicht geschehen ... nein, sicherlich nicht!

– Nun, ich sehe schon, daß ich für unsere Partei in die Bresche springen muß, Herr Maston, und wir sind auch wirklich gut ...

– Nur um gut zu sein!« unterbrach sie J. T. Maston.

Er sagte das mit jener liebenswürdigen Galanterie, über welche nur ein mit Xen vollgepfropfter Gelehrter verfügen kann. Auch Mrs. Evangelina Scorbitt war nahe daran, sich dabei befriedigt zu fühlen.

»Nun, Herr Maston, fuhr sie fort, Jedwedem auf dieser Erde ist ja sein Los zugefallen. Bleiben Sie der außerordentliche Rechenmeister wie bisher! Widmen Sie sich mit Leib und Seele den Problemen jener großartigen Werke, der Sie und Ihre Freunde die ganze Existenz zum Opfer bringen! Ich – ich werde die »gute Frau« sein, wie es meine Pflicht ist, indem ich an jenem Werke mit meiner – Geldhilfe theilnehme...

– Und wofür wir Ihnen ewige Dankbarkeit bewahren werden!« schloß J. T. Maston.

Mrs. Evangelina Scorbitt erröthete entzückend, denn sie hegte – wenn nicht für die Gelehrten im Allgemeinen – so doch mindestens für J. T. Maston eine ganz besondere Sympathie. Das Herz des Weibes ist ja ein unerforschlicher Abgrund.

Es war in der That ein großartiges Werk, dem die reiche amerikanische Witwe mit ihrer Geldunterstütznng beizuspringen entschlossen war.

Dieses Werk und das Ziel, welches seine Urheber zu erreichen strebten, bestand in Folgendem:

Die eigentlich so genannten arktischen Länder umfassen nach Maltebrun, Reclus, Saint-Martin und nach den anderen angesehensten Geographen:

  1. Nord-Devon, d. h. die eisüberpanzerten Inseln des Bassinsmeeres und des Lancastersundes;
  2. Nord-Georgien, bestehend aus dem Bankslande und zahlreichen Inseln, wie Sabine, Byam-Martin, Griffith, Cornwallis und Bathurst;
  3. den Archipel Bassin-Parrys, der verschiedene Theile des den Pol umgebenden Festlandes einschließt, wie Cumberland, Southampton, James-Sommerset, Boothill Felix, Melville und andere fast unbekannte Gebiete.


In diesem Kreise, den der 78. Grad nördlicher Breite begrenzt, betragen die Landmassen vierzehnhunderttausend und die Meeresflächen siebenhunderttausend (englische) Quadratmeilen.

Innerhalb jenes Parallelkreises ist es unerschrockenen Entdeckungsreisenden gelungen, bis zum 84. Breitengrade vorzudringen, wobei sie einzelne, hinter der hohen Kette des Packeises verlorene Küsten aufnahmen und den Caps, Vorgebirgen, Golfen und Buchten dieser ausgedehnten Gebiete, welche man das arktische Hochland nennen könnte, Namen gaben. Jenseits des 84. Breitengrades aber wohnt noch das Geheimniß, das unerfüllbare Desideratum der Kartographen, und bis heute weiß Niemand, ob es Länder oder Meere sind, welche die unüberwindlichen Eismassen des Nordpols auf dem Raume von sechs Breitengraden um diesen verbergen.

Da hatte im Jahre 189. die Regierung der Vereinigten Staaten den sehr unerwarteten Gedanken, die gerichtliche Versteigerung jener noch unentdeckten circumpolaren Gebiete in Vorschlag zu bringen – Gebiete, für welche sich eine amerikanische Gesellschaft, die sich in der Aussicht, jene arktische Kappe der Erdkugel zu erwerben, gebildet hatte, um die Zutheilung bewarb.

Seit einigen Jahren hatte zwar die Berliner Conferenz ein Specialgesetz erlassen zum Besten der Großmächte, welche sich unter dem Vorwande der Colonisation oder der Eröffnung von Handelsverbindungen das Besitztum Anderer anzueignen wünschten; allem Anscheine nach erlitt dieses Gesetz aber unter vorliegenden Verhältnissen – da das Polargebiet ja noch unbewohnt war – keine Anwendung. Obwohl nun, was Niemandes Eigenthum ist, ebenso aller Welt gehört, so wollte die neue Gesellschaft doch keineswegs etwas »nehmen«, sondern es »erwerben«, um etwaigen späteren Einsprüchen aus dem Wege zu gehen.

In den Vereinigten Staaten kann es kein so kühnes, sogar kaum durchführbares Project geben, das nicht Leute fände, ihm praktische Seiten abzugewinnen und die Geldmittel zu seiner Inangriffnahme aufzubringen. Das hatte sich ja schon verschiedene Jahre früher bewahrheitet, als es der Gun-Club in Baltimore unternahm, ein Geschoß nach dem – Monde zu entsenden, in der Hoffnung, eine directe Verbindung mit unserem Satelliten zu eröffnen. Oder waren es nicht unternehmungslustige Yankees, welche die ungeheueren, zu diesem interessanten Versuche benöthigten Summen lieferten? Und wenn derselbe ausgeführt wurde, verdankte man das nicht zwei Mitgliedern genannten Clubs, welche es wagten, den Gefahren dieses übermenschlichen Unterfangens zu trotzen?

Mag ein Lesseps eines Tages vorschlagen, einen breiten Canal quer durch Europa und Asien, vom Atlantischen Ocean bis zum Chinesischen Meere auszuheben – mag ein findiger Brunnengräber empfehlen, die Erde zu durchbohren, um bis zu den in Schmelzfluß befindlichen Silicatschichten einzudringen und aus diesen am Herde des Centralfeuers zu schöpfen – mag ein unternehmender Elektriker die auf der Erdoberfläche verstreuten Stromschlingen einfangen wollen, um sie zur unerschöpflichen Licht- und Wärmequelle umzuformen – mag ein weitsichtiger Ingenieur den Gedanken ausbrüten, den lästigen Ueberschuß der Sommertemperatur in ungeheueren Sammelgefäßen aufzuspeichern, um diesen im Winter an die von Frost heimgesuchten Gegenden wieder abzugeben – mag ein phantasiereicher Hydrauliker die lebendige Kraft der Gezeiten auszunutzen versuchen, um nach Belieben Wärme oder Arbeit zu erzeugen – ob sich nun anonyme Gesellschaften oder Commanditgesellschaften zusammenthun, um hundert weitfliegende Pläne dieser Art auszuführen – immer werden es Amerikaner sein, die man unter den Subscribenten obenan findet, und Ströme von Dollars werden sich ebenso in die Gesellschaftscassen ergießen, wie die großen Wasserläufe Nordamerikas sich im Busen der Oceane verlieren.

Es erscheint demnach sehr natürlich, daß eine hochgradige Erregung entstand, als sich die – mindestens seltsame – Neuigkeit verbreitete, daß die arktischen Länderstrecken unter den Hammer kommen und dem letzten Bieter zugeschlagen werden sollten. In der Aussicht auf diese Erwerbung hatte man eine öffentliche Subscription vermieden, da die nöthigen Capitalien schon zur Hand waren. Das wollte man der Zukunft anheimgeben, wenn es sich um die Ausnutzung jener Gebiete handelte, nachdem dieselben in das Eigenthum der neuen Erwerber übergegangen waren.

Die arktischen Gebiete »ausnutzen!« Wahrlich, eine solche Idee konnte nur in den Schädeln von Narren keimen!

Und doch bestand dieser Plan in vollem Ernste.

In der That wurde ein Schriftstück an die Zeitungen beider Halbkugeln, an die Europas, Afrikas, Oceaniens, Asiens und selbstverständlich auch Amerikas eingesendet. Sein Inhalt lief darauf hinaus, eine Enquête wegen des pro und contra seitens der Betheiligten zusammenzurufen. Der New-York Herald brachte dasselbe zuerst in seinen Spalten. Die unzähligen Abonnenten Gordon Bennetts konnten in der Nummer vom 7. November folgende Mittheilung lesen – eine Mittheilung, welche sich lauffeuerähnlich in der gesammten gelehrten und industriellen Welt verbreitete, aber freilich sehr verschiedene Beurtheilung fand.

»Mittheilung an die Bewohner der Erdkugel.

»Die Umgebungen des Nordpols, gelegen innerhalb des 84. Grades nördlicher Breite sind bisher noch unerforscht aus dem sehr stichhaltigen Grunde, daß sie noch nicht entdeckt wurden.

»Die äußersten, von den Forschungsreisenden verschiedener Nationen erreichten Punkte sind nämlich folgende:

»82° 45, erreicht von dem Engländer Parry, im Juli 1847, auf dem achtundzwanzigsten (westlichen) Längengrade, nördlich von Spitzbergen.

»83° 20 28, erreicht von Markham gelegentlich der englischen Expedition des Sir John Georges Nares, im Mai 1876, auf dem fünfzigsten (westlichen) Längengrade, im Norden des Grinnel-Landes.

»83° 35 n. Br., erreicht von Lockwood und Brainard, von der amerikanischen Expedition unter Lieutenant Greely, im Mai 1882, auf dem zweiundvierzigsten Grade westlicher Länge und nördlich von Nares-Land.

»Man kann also das Gebiet, welches vom vierundachtzigsten Breitengrade bis zum Pole, d. h. über einen Raum von sechs Breitengraden hinaufreicht, als eine unter die verschiedenen Staaten der Erdkugel noch unvertheilte Ländermasse betrachten, welche deshalb ganz besonders geeignet erscheint, durch öffentliche Versteigerung in Privatbesitz überzugehen.

»Nach Rechtsgrundsätzen ist nun nichts bestimmt, herrenlos zu bleiben. Gestützt auf dieses Princip, wollen nun auch die Vereinigten Staaten von Amerika dazu verschreiten, diese Gebiete Jemandem zuzutheilen.

»In Baltimore hat sich deshalb eine Gesellschaft unter der socialen Firma »North Polar Practica1 Association« gebildet, welche officiell den amerikanischen Staatenbund vertritt. Diese Gesellschaft beabsichtigt, obengenannte Gebiete zu erwerben, und zwar auf Grund einer regelrecht erlassenen Acte, welche ihr das unumschränkte Besitzrecht einräumt auf die Festlandmassen, Inseln, Eilande, Felsen, Meere, Seen, Ströme, Flüsse und überhaupt Wasserläufe oder -Ansammlungen jeder Art, aus welchen das arktische unbewegliche Gut heutigen Tages besteht, ob dasselbe nun von ewigem Eise bedeckt oder zur Sommerszeit von letzterem frei ist.

»Ganz besonders ist dabei ausgemacht, daß dieses Eigenthumsrecht nie hinfällig werden kann, selbst nicht in dem Falle, daß in den geographischen oder den meteorologischen Verhältnissen der Erde Veränderungen – irgend welcher Art – eintreten sollten.

»Durch Kenntnißgabe des Obigen an alle Bewohner der beiden Welten werden die Mächte hiermit gleichzeitig aufgefordert, an der Versteigerung teilzunehmen, welche dem letzten und besten Bieter den Zuschlag bringen wird.

»Als Zeitpunkt der Versteigerung ist der 3. December laufenden Jahres bestimmt und als Local der Saal der »Auctionen« in Baltimore, Maryland, Vereinigte Staaten von Amerika.

»Wegen alles Näheren beliebe man sich zu wenden an William S. Forster, provisorischer Agent der »North Polar Practical Association«, 93 High-street, Baltimore.«

Zugegeben, daß diese Bekanntmachung für unsinnig gehalten werden konnte; an Bestimmtheit und Offenheit – das wird Jedermann zugeben – ließ sie nichts zu wünschen übrig. An ernsthafter Bedeutung gewann sie übrigens dadurch, daß die Bundesregierung der Gesellschaft schon die Zutheilung versprochen hatte, für den Fall, daß die Versteigerung sie zur endgiltigen Besitzerin machen würde.

Alles in Allem waren die Anschauungen sehr getheilte. Die Einen wollten in der ganzen Geschichte nichts als einen jener gewaltigen amerikanischen »Humbugs« erkennen, der über die Grenzlinien der gewöhnlichen Puffs hinausging. Andere wieder meinten, daß diese Anregung ernsthaft erwogen zu werden verdiene. Die Letzteren versteiften sich besonders darauf, daß die neue Gesellschaft ja keine Ansprüche auf den Geldbeutel der Allgemeinheit erhebe, sondern sich mit ihren eigenen Capitalien in Besitz der arktischen Gegenden zu setzen strebe. Sie ging also offenbar nicht darauf aus, den dicken Geldsäcken die Dollars, Banknoten, das Gold und das Silber zu entlocken, um damit die eigene Casse zu mästen; nein, sie beabsichtigte, das unbewegliche arktische Gut mit eigenen Mitteln zu erwerben.

Leuten, welche zu rechnen wissen, schien es freilich, daß genannte Gesellschaft nichts weiter als das Recht des ersten Besitzergreifers geltend zu machen brauche, indem sie sich in dem Gebiete festsetzte, das jetzt erst zum Verkauf gestellt wurde. Hierin lag aber wieder die eigenthümliche Schwierigkeit, daß dem Menschen bis heute der Zugang zum Pole selbst versagt schien. Auch wollten die Concessionäre, wenn die Vereinigten Staaten das betreffende Gebiet erwerben sollten, einen regelrechten Contract haben, damit ihnen später Niemand ihr Anrecht streitig machen könnte. Es wäre unrecht gewesen, sie deshalb zu tadeln. Sie gingen mit Klugheit vor, und wenn es sich darum handelt, Verbindlichkeiten in einer Sache wie diese zu übernehmen, kann man sich gar nicht genug durch gesetzliche Maßregeln sicherstellen.

Uebrigens enthielt das Document eine Clausel, welche zukünftigen Besitzstörungen wehren sollte. Diese Clausel sollte Anlaß zu einander sehr widersprechenden Auslegungen geben, denn ihr richtiger Sinn entging auch mehrfach den scharfsinnigsten Geistern. Es war das die letzte; sie stellte fest, daß »das Eigentumsrecht nie hinfällig werden könne, selbst nicht in dem Falle, daß in den geographischen oder meteorologischen Verhältnissen der Erde Veränderungen – irgend welcher Art – eintreten sollten«.

Was bedeutet dieser Satz? Welchen Eventualitäten sollte er vorbeugen? Wie konnte die Erde jemals einer Veränderung unterliegen, welche die Geographie oder die Meteorologie in Mitleidenschaft zog – vor allem, was die zur Versteigerung gestellten Gebiete betraf?

»Offenbar muß hier etwas darunter stecken!« meinten die klugen Leute.

Den Auslegungsgelüsten war also ein breiter Raum gegeben, und dieser Umstand reizte ebenso den Scharfsinn der Einen wie die Neugier der Anderen.

Eine Zeitung, der »Ledger« von Philadelphia, brachte zuerst folgende kurzweilige Notiz:

»Zweifelsohne haben gelehrte Berechnungen den zukünftigen Erwerbern der arktischen Gegenden die Gewißheit gegeben, daß ein Komet mit hartem Kern in der nächsten Zeit mit der Erde, und zwar so zusammenstoßen werde, daß der Stoß die geographischen und meteorologischen Veränderungen herbeiführen muß, mit denen sich die in Rede stehende Clausel schon im Voraus beschäftigt.«

Dieser Satz erscheint etwas lang ausgezogen, wie es ja jeder Satz sein muß, der sich als wissenschaftlich ausgibt, aber er erklärte leider nichts. Uebrigens konnten ernsthafte Leute die Wahrscheinlichkeit des Zusammenstoßes mit einem derartigen Kometen nicht wohl zugeben. Jedenfalls war nicht anzunehmen, daß die Concessionäre sich mit einem so zweifelhaften kosmischen Ereigniß beschäftigt hätten.

»Sollte die neue Gesellschaft – sagte das »Delta« von New-Orleans – etwa auf den Gedanken gekommen sein, daß das Fortschreiten der Nachtgleichen jemals Veränderungen bewirken könne, welche der Ausbeutung ihrer Gebiete günstig sein könnten?«

»Und warum nicht – ließ sich der »Hamburger Korrespondent« vernehmen – da diese Bewegung die Achse unseres Sphäroïds beeinflußt?«

»Gewiß – erwiderte die »Revue Scientifique« von Paris –. Hat Adhémar in seinem Werke »Die Revolutionen des Meeres« es nicht ausgesprochen, daß das Fortschreiten der Nachtgleichen in Verbindung mit der säcularen Bewegung der Achse der Erdkugel nach langem Zeiträume eine Veränderung der Mitteltemperatur verschiedener Punkte der Erde und ebenso der an beiden Polen angehäuften Eismassen bedingen müsse?«

»Das steht noch nicht fest – erwiderte die »Edinburgh Revue« –, und selbst wenn es der Fall wäre, so bedarf es mindestens einer Zeit von zwölftausend Jahren, bis die Vega in Folge jener Erscheinungen unser Polarstern werden und die Verhältnisse der arktischen Gebiete sich in klimatischer Hinsicht verändern könnten.«

»Sehr schön – meinte dazu das Kopenhagener »Dagblad« – nach zwölftausend Jahren wird es Zeit sein, Geld in die Sache zu stecken. Vor diesem Zeitpunkte aber eine einzige »Krone« daran wagen? »Niemals!«

Selbst zugegeben, daß die »Revue Scientifique« mit ihrem Adhemar Recht hatte, war es doch sehr unwahrscheinlich, daß die »North Po1ar Practical Association« jemals auf diese durch das Fortschreiten der Nachtgleichen bedingten Veränderungen gerechnet hätte.

In Wahrheit wußte noch kein Mensch, was diese Clausel des berühmten Schriftstückes eigentlich bedeute, ebenso wenig, auf welche kosmische Umwälzung in der Zukunft dieselbe hinzielte.

Um das zu erfahren, hätte es vielleicht genügt, sich an den Verwaltungsrath der neuen Gesellschaft und vorzüglich an dessen Vorstand zu wenden. Der Vorsitzende war aber unbekannt. Unbekannt ebenso der Schriftführer wie die Mitglieder genannter Gesellschaftsbehörde. Man wußte nicht einmal, wer jenes Document verfaßt hatte. Nach der Redaction des »New-York Herald« war es gebracht worden durch einen gewissen William S. Forster aus Baltimore, einen sehr ehrenwerthen Agenten für Stockfische, die er für Rechnung des Hauses Adrinell & Cie. in Neufundland vertrieb – das war offenbar nur ein Strohmann. Ebenso stumm über obige Frage, wie die in seinen Magazinen lagernden Fischleichen, konnten weder die neugierigsten noch die schlauesten Reporter etwas Näheres über die Sache aus ihm herauslocken. Kurz, diese »North Po1ar Practical Association« war so anonym, daß sich überhaupt kein Name mit ihr in Verbindung bringen ließ. Die Anonymität war hier auf die Spitze getrieben.

Wenn die Schöpfer dieses industriellen Unternehmens aber dabei beharrten, ihre Personen in undurchdringliches Dunkel zu hüllen, so wurden Ziel und Absicht derselben doch durch das zur Kenntniß der Bewohner beider Halbkugeln gebrachte Schriftstück ebenso bestimmt wie klar gekennzeichnet.

Es handelte sich in der That um die vollständige Erwerbung desjenigen Theiles vom arktischen Gebiete, der kreisförmig vom vierundachtzigsten Breitengrade umschlossen wurde und dessen Mittelpunkt der Nordpol selbst war.

Ganz unbestreitbar waren unter den neuzeitlichen Entdeckern die, welche sich diesem unzugänglichen Punkte am meisten genähert hatten, nämlich Parry, Marckham, Lockwood und Brainard, noch unterhalb jenes Parallelkreises geblieben. Die übrigen Forscher im nördlichen Eismeere hatten schon in weit niedrigeren Breiten Halt gemacht, z. B. Payer, 1874, auf 82° 15 im Norden von Franz Joseph-Land und Nowaja Semlja; Beout, 1870, auf 72° 47 oberhalb Sibiriens; de Long, gelegentlich der Expedition der »Jeannette«, 1879, auf 78° 45, an der Küste der Inseln, welche seinen Namen tragen. Die Uebrigen, welche über Neu-Sibirien und das Cap Bismarck hinauskamen, hatten doch den sechsundsiebzigsten, siebenundsiebzigsten und neunundsiebzigsten Grad nördlicher Breite nicht überschritten. Indem die »North Polar Practical Association« nun einen Streifen von fünfundzwanzig Bogenminuten Breite zwischen dem Punkte – 83° 35 – auf den Lockwood und Brainard den Fuß gesetzt, und dem vierundachtzigsten Breitengrade, wie das Document angab, frei liegen ließ, so verletzte sie auf keinen Fall die Rechte früherer Entdecker. Ihr Project umfaßte ein ganz jungfräuliches Gebiet, das noch keines Lebenden Fuß betrat.

Der Umfang dieses, vom vierundachtzigsten Breitengrade nach Norden hin eingeschlossenen Theiles der Erde berechnet sich wie folgt:

Vom vierundachtzigsteu bis zum neunzigsten Breitengrade sind sechs Grade, welche, zu je sechzig (See-) Meilen, einen Radius von dreihundertsechzig Meilen und einen Durchmesser von siebenhundertzwanzig Meilen haben. Der Umfang des Kreises betragt danach rund zweitausendzweihundertsechzig Meilen und die Oberfläche desselben in runder Zahl vierhundertsiebentausend Quadratmeilen.

Das ist etwa der zehnte Theil von ganz Europa – ein ganz erkleckliches Gebiet!

Das Domment wies auch darauf hin, daß diese Land- und Meeresflächen, welche geographisch noch unerforscht waren, Niemand und in Folge dessen der ganzen Welt gehörten. Daß der größte Theil der Mächte keinen Anspruch darauf erheben würde, ließ sich wohl von vornherein annehmen. Dagegen war vorauszusehen, daß wenigstens die nächsten Nachbarstaaten jene Gegenden als die nördliche Fortsetzung ihres Gebietes ansehen und sich folglich ein gewisses Recht auf die betreffenden Theilstrecken zusprechen dürften. Das schien übrigens umsomehr berechtigt, da die in dem gesummten arktischen Gebiete gemachten Entdeckungen vorzugsweise muthigen Landeskindern derselben zu verdanken waren. Die durch die neue Gesellschaft vertretene Bundesregierung forderte sie deshalb direct auf, ihre Rechte sozusagen einzuschätzen, um dieselben mit den durch die Versteigerung erzielten Summen je nach Verhältniß abzufinden. Auf jeden Fall wurden die geheimen Mitglieder der »North Polar Association« daneben aber nicht müde, zu erklären, baß jene Gebiete noch unvertheilt seien und folglich Niemand sich der Licitation und Zutheilung derselben an die späteren Erwerber widersetzen könne.

Die Staaten, deren Ansprüche als Grenznachbarn – wenn auch als indirecte – nicht zu bestreiten schienen, waren der Zahl nach sechs: Amerika, England, Dänemark, Schweden und Norwegen, Holland und Rußland. Doch auch andere Staaten konnten wohl noch die Entdeckungen ihrer Seeleute und Reisenden ins Feld führen.

So hätte Frankreich interveniren können, weil einige seiner Söhne an den zur Erforschung der circumpolaren Gebiete entsendeten Expeditionen theilgenommen hatten. Hier wäre zum Beispiel der muthige Bellot zu erwähnen, der 1853 in der Nähe der Insel Beechey seinen Tod fand, und zwar bei der Fahrt des »Phönix«, der zur Aufsuchung John Franklins ausgesendet war. Auch Dr. Octave Parry ist nicht zu vergessen, der während des Aufenthaltes Greelys am Fort Conger 1884 nahe dem Cap Sabine seinem Eifer zum Opfer fiel. Ebenso ist die Expedition, welche Charles Martins, Marmier, Brauais und deren wackere Begleiter 1838 bis 1839 bis in die Meere von Spitzbergen geführt hatte, wenn man gerecht sein will, auch zu erwähnen. Trotzdem dachte Frankreich nicht daran, sich in dieses mehr industrielle als wissenschaftliche Unternehmen einzumischen und gab seinen Antheil an diesem Polarbesitz, an dem sich die anderen Mächte die Zähne ausbeißen mochten, bedingungslos auf. Vielleicht hatte es damit Recht und that wohl daran.

Was Deutschland anging, besaß dieses auf der Seite seiner Activen schon seit 1671 die Polarfahrt des Hamburgers Friedrich Martens nach Spitzbergen, und 1860 bis 1870 die von Karl Koldewey und Hegemann geführten Expeditionen der »Germania« und der »Hansa«, welche längst der Küste von Grönland bis zum Cap Bismarck vordrangen. Trotz dieser vorausgegangenen glänzenden Entdeckungen glaubte das Deutsche Reich doch nicht, sich durch ein Stück Land am Nordpole vergrößern zu sollen.

Dasselbe war der Fall bezüglich Oesterreich- Ungarns, obgleich dieses eigentlich schon Besitzer des im Norden der sibirischen Küste gelegenen Franz Joseph-Landes war.

Italien, welches kein Recht zu einer Intervention hatte, intervenirte nicht – so unglaublich das auch auf den ersten Blick scheinen mag.

Nun gab es zwar noch die Samojeden Nordsibiriens, die Eskimos, welche vorzugsweise in den hochnördlichen Gebieten Amerikas hausen, die Eingeborenen von Grönland, Labrador, dem Baffins-Archipel und der zwischen Asien und Amerika sich hinstreckenden Alëuten-Inselgruppe, und endlich noch die Stämme, welche unter dem Sammelnamen der Tschuktschen das früher russische, seit 1867 amerikanisch gewordene Alaska bewohnen. Diesen kleinen Völkerschaften – den eigentlichen Eingeborenen, den unbestreitbaren Autochthonen der nördlichsten Länder – sollte bei dieser Angelegenheit keine Stimme eingeräumt werden. Wie hätten diese armen Teufel ein, wenn auch noch so kleines Gebot bei dem durch die »North Polar Practical Association« angeregten Verkaufe thun können? Und womit hätten die armen Leute wohl bezahlt? Mit Muscheln, mit Wallroßzähnen oder mit Thran? – Immerhin hatten sie doch, kraft des Rechtes des ersten Besitzergreifenden, einen gewissen Anspruch auf das Gebiet, welches zur Versteigerung gelangen sollte. Aber Eskimos, Tschuktschen, Samojeden... die fragte man einfach gar nicht!

So geht es einmal in der Welt!

II. >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.