Frei Lesen: Kein Durcheinander

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

I. | II. | III. | IV. | V. | VI. | VII. | VIII. | IX. | X. | XI. | XII. | XIII. | XIV. | XV. | XVI. | XVII. | XVIII. | XIX. | XX. | XXI. |

Weitere Werke von Jules Verne

Fünf Wochen im Ballon | Das Dampfhaus - 1.Band | Die fünfhundert Millionen der Begum | Der Archipel in Flammen | Die großen Seefahrer des 18. Jahrhunderts - Erster Band |

Alle Werke von Jules Verne
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Kein Durcheinander) ausdrucken 'Kein Durcheinander' als PDF herunterladen

Jules Verne

Kein Durcheinander

XIII.

eingestellt: 23.7.2007



Die Zeit ging inzwischen vorwärts, und mit ihr höchst wahrscheinlich auch die heimliche Arbeit, der sich der Präsident Barbicane und der Kapitän Nicholl unter so außergewöhnlichen Verhältnissen – nur wußte Keiner, wo – unterzogen.

Doch wie in aller Welt war es möglich, daß ein solches Vorhaben, welches die Errichtung ausgedehnter Werkstätten, die Herstellung von Hochöfen von solchen Dimensionen, um ein eine Millionmal größeres Rohr als das des 27 Cm.-Marinegeschützes und eines Projectils im Gewichte von hundertachtzigtausend Tonnen zu gießen, verlangte, – welches die Einstellung mehrerer Tausend Arbeiter, deren Transport und Verpflegung nöthig machte, – wie, fragen wir nochmals, war es möglich, daß ein solches Vorhaben sich der Aufmerksamkeit der dabei Interessirten völlig entziehen konnte? In welchem Theile der Alten oder der Neuen Welt hatten sich Barbicane & Cie. so geheim eingerichtet, daß zu den benachbarten Völkerschaften niemals ein Weckruf gedrungen wäre? War es vielleicht auf einer menschenleeren Insel des Pacifischen oder des Indischen Weltmeeres? Heutzutage gibt es aber keine ganz öden Inseln mehr; die Engländer haben alle eingesteckt. Oder sollte die neue Gesellschaft speciell für ihre Zwecke eine solche erst entdeckt haben? Daran zu denken, daß es sich um einen Punkt der arktischen oder antarktischen Gegenden handelte, wo sie ihre Anlagen errichtet hätte ... nein, das wäre absurd; denn eben weil man jene hochnordischen Gebiete nicht zu erreichen vermag, ging ja das Bestreben der » North Polar Practical Association« dahin, diese zu verlegen.

Wollte man den Präsidenten Barbicane und den Kapitän Nicholl aber auf jenen Landvesten oder Inseln suchen, so konnten nur deren verhältnismäßig zugängliche in Frage kommen, und das wäre Zeitverschwendung gewesen. Das bei dem Schriftführer des Gun-Club beschlagnahmte Notizbuch ließ ja erkennen, daß der Schuß nahezu am Aequator abgebrannt werden mußte. Dort befinden sich aber bewohnbare, wenn nicht gar von civilisirten Menschen bewohnte Länder. War es in der Nähe der Aequinoctialpunkte, wo die Experimentatoren sich niedergelassen hatten, so konnte das weder in Amerika, in dessen ganzer Ausdehnung von Peru und Brasilien, noch auf den Sunda-Inseln, auf Sumatra oder Borneo, auch nicht auf den Inseln des Meeres von Celebes und ebensowenig in Neu- Guinea sein, ohne daß die betreffenden Bewohner davon Kenntniß erhielten. Höchst unwahrscheinlich gestaltete sich auch dessen Verheimlichung im ganzen Innergebiete Afrikas, in der vom Aequator durchschnittenen Gegend der großen Seen. Nun erübrigten freilich immer noch die Malediven im Indischen Meere und die Inseln der Admiralität, die Gilbert-, Weihnachts- und Galapagos-Inseln im Stillen Ocean, sowie etwa San Pedro im Atlantischen Weltmeere. Alle von diesen verschiedenen Punkten eingezogenen Nachrichten gaben aber nicht den ersehnten Hinweis. So sah man sich denn auf sehr in der Luft schwebende Muthmaßungen beschränkt, welche natürlich die allgemeine Beängstigung nicht zu mildern vermochten.

Und was dachte wohl Alcide Perdieux von dem Allen? »Schwefelsaurer« als je grübelte er unablässig über die verschiedenen Folgen dieses Problems. Daß der Kapitän Nicholl einen Explosivstoff von solcher Gewalt, daß er jenes Meli-Melonit, erfunden, dessen Sprengkraft drei- oder viertausendmal größer war, als die der gewaltigsten, für den Krieg berechneten Stoffe, und das fünftausendsechshundertmal das alte brave Kanonenpulver unserer Ahnen übertraf, das war ja schon erstaunlich genug, indeß wenigstens nicht unmöglich. Niemand weiß ja, welche diesbezüglichen Fortschritte noch im Schoße der Zukunft ruhen, so daß man dereinst vielleicht die Armeen gleich in jeder beliebigen Entfernung über den Haufen schießt. Die durch den Rückprall eines ungeheueren Feuerschlundes bewirkte Aufrichtung der Erdachse verwunderte den französischen Ingenieur also gar nicht so besonders. Er wendete sich demnach – vorläufig in petto – an den Urheber des Unternehmens.

»Es liegt auf der Hand, Präsident Barbicane, sagte er, daß die Erde tagtäglich den Gegenstoß aller auf ihre Oberfläche wirkenden Stöße wiedergibt. Ebenso gewiß ist es, daß, wenn Hunderttausende von Menschen sich den Spaß machen, Tausende von Geschossen im Gewichte einiger Kilogramm oder auch Millionen von einzelnen nur wenige Gramm wiegender Geschosse abzufeuern, selbst wenn ich einfach gehe oder springe, wenn ich die Arme ausstrecke oder wenn sich ein Blutkügelchen durch meine Adern wälzt, – daß, sage ich, unser Erdsphäroïd davon beeinflußt werden muß. Nun, Deine große Maschine ist im Stande, die verlangte Erschütterung hervorzubringen. Doch, Potz Wetter und Integralen, wird diese Erschütterung auch hinreichen, die Erde in Schwankung zu bringen? Immerhin ist nicht wegzuleugnen, daß die Gleichungen jenes Zahlenthieres J. T. Maston das in Aussicht stellen.«

Alcide Pierdeux konnte wirklich nicht umhin, die geistreichen Berechnungen des Gun-Club-Schriftführers zu bewundern, welche die Mitglieder der Sachverständigen-Commission allen Gelehrten, die Verständniß dafür besaßen, offen mitgetheilt hatten. Alcide Pierdeux aber, der algebraische Arbeiten weglas, wie Andere ihre Zeitung, fand in jenen eine Lectüre von unbeschreiblichem Reiz.

Doch wenn jene plötzliche Veränderung vor sich ging, welch fast unfaßbare Katastrophen mußte dieselbe auf der Oberfläche unseres Sphäroïds erzeugen! Welche Schichtenumwälzungen, Zerstörung von Städten, Zertrümmerung von Bergen, Vernichtung von Millionen Menschenleben mußte das ergeben – welche unmeßbare Wassermassen mußten aus ihrem Bett geschleudert werden und unsägliche Verheerungen anrichten!

Das Ganze würde einem Erdbeben von bisher unbekannter Gewalt gleichkommen.

»Wenn wenigstens, so grübelte Alcide Pierdeux weiter, wenn wenigstens das verteufelte Pulver jenes Kapitän Nicholl geringere Treibkraft besäße, so könnte man die Hoffnung hegen, daß das Riesengeschoß entweder vor dem Zielpunkte des Schusses oder selbst hinter demselben, nachdem es eine Kreisbahn beschrieben, mit der Erde wieder zusammentreffen müßte. Damit würde nach verhältnißmäßig kurzer Zeit Alles wieder an den alten Platz versetzt – wenn inzwischen auch recht beklagenswerthe Verwüstungen hätten statthaben müssen. Aber – gesegnete Mahlzeit – Dank ihrem Meli-Melonit wird das Geschoß den halben Arm einer Hyperbel beschreiben und die Erde niemals um Entschuldigung bitten wegen der ihr verursachten Störung, indem es dieselbe etwa wieder in die frühere Achsenrichtung drängte!«

Und Alcide Pierdeux fuchtelte dabei mit den Armen herum wie ein Semaphor und auf die Gefahr hin, im Umkreise von zwei Metern Alles kurz und klein zu schlagen.

Dann fuhr er fort:

»Wäre nur wenigstens die Oertlichkeit bekannt, wo der Schuß abgefeuert werden soll! Wie schnell wollte ich da diejenigen Kreise auf der Erde, an denen die Niveauveränderung gleich Null, und auch diejenigen Punkte herausgefunden haben, an denen sie ihr Maximum erreicht. Man könnte dann die Leute warnen, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, ehe ihnen ihre Häuser und ihre Städte auf den Schädel gestülpt werden. Wie soll Eines das aber wissen?«

Dann strich er mit der Hand über den dünnen Haarpelz weg, der sein Schädeldach noch schmückte.

»Und mir scheint, räsonnirte er für sich weiter, die Folgen jenes Stoßes werden sich noch viel verwickelter gestalten, als man das annimmt. Warum sollten z. B. die feuerspeienden Berge diese vortreffliche Gelegenheit nicht zu den tollsten Ausbrüchen benutzen, um, wie ein Passagier, der an Seekrankheit leidet, den durcheinander geschüttelten Inhalt ihrer Eingeweide auszuspeien? Warum sollte ein Theil der emporgedrängten Oceane sich nicht in deren Krater stürzen? ... Daß mich der Gottseibeiuns ...!... Das könnte Explosionen geben, bei der die ganze irdische Eierschale in Stücke geht! O, dieser verteufelte Maston, der sich auf sein Stillschweigen versteift! Seht nur, wie er mit unserem Balle spielt und seine Effectstöße auf dem Weltenbillard ausführt!«

So düftelte und grollte Alcide Pierdeux. Bald wurden seine schreckengebärenden Hypothesen von den Journalen beider Welten wiedergegeben und ausführlicher besprochen. Was bedeuteten denn neben dem allgemeinen Umsturz der Verhältnisse, den das Werk von Barbicane und Cie. herbeiführen mußte, jene Wasserhosen, Springfluthen, jene Überschwemmungen, welche in größeren Zwischenräumen einen beschränkten Theil der Erde verwüsteten? Damit verschwanden vielleicht einige Tausend Bewohner derselben, die unzähligen Ueberlebenden aber fanden sich dadurch wohl kaum in ihrer Gemüthsruhe gestört. Je nachdem sich das schicksalsschwere Datum näherte, packte die bleiche Furcht allmählig auch den Beherztesten. Die Wahrsager hatten es schrecklich bequem, den nahen Weltuntergang zu prophezeihen. Man hätte sich fast in jene entsetzliche Periode des Jahres 1000 zurückversetzt glauben können, da die jetzt Lebenden sich einbildeten, ins Reich der Todten hinabgeschleudert zu werden.

Man erinnere sich gefälligst hierbei, was damals vor sich ging. Nach einem Satze in der Apokalypse (der Offenbarung Johannis) wurden die Völker zu dem Glauben verleitet, der Tag des Jüngsten Gerichts stehe vor der Thür. Sie erwarteten alle die durch die heilige Schrift verkündeten Zeichen des göttlichen Zornes und versahen sich des Auftretens des Antichrist, des Sohnes der Hölle.

»Im letzten Jahre des zehnten Jahrhunderts, erzählt H. Martin, war Alles unterbrochen, Vergnügen, Geschäfte, jedes Interesse lahmgelegt, und das erstreckte sich sogar bis auf die Landarbeiten. Weshalb, sagten die Leute, sollte man für eine Zukunft sorgen, die es nicht geben würde? Sorgen wir für die morgen beginnende Ewigkeit! – Man begnügte sich daher, nur den notwendigsten Bedürfnissen genug zu thun und vermachte seinen Landbesitz, seine Schlösser den Klöstern, um sich im Reiche Derjenigen, zu denen man bald gelangen sollte, Fürsprecher zu erkaufen. Viele jener für Kirchen ausgestellten Schenkungsurkunden beginnen mit den Worten: »Da das Ende der Welt herannaht und deren Zerstörung so nahe bevorsteht ...« Als der schließliche Termin dann kam, drängten sich die Menschen in die Kirchen, die Kapellen, in alle dem Gottesdienst geweihten Gebäude und warteten, von Todesangst zermartert, daß die sieben Posaunen der sieben Engel des Gerichtes vom Himmel her ertönen sollten.«

Bekanntlich verlief aber der erste Tag des Jahres 1000 n. Chr. ohne die geringste Störung der herkömmlichen Naturgesetze. Diesmal freilich handelte es sich nicht um einen Umsturz, der nur auf Textworte von bibelhafter Dunkelheit begründet gewesen wäre. Es handelte sich vielmehr um eine Veränderung der Gleichgewichtslage der Erde, welche auf unbestrittenen und unbestreitbaren Rechnungen beruhte, um ein Unternehmen, das die unerhörten Fortschritte der ballistischen und mechanischen Wissenschaften recht wohl ausführbar erscheinen ließen. Jetzt war es nicht die Sache des Meeres, die Todten wieder herauszugeben, die Lebenden im Gegentheile sollten tief in den neu entstehenden Abgründen begraben werden.

Hieraus folgte, daß, trotz aller durch den Einfluß moderner Ideen mit den Geistern vorgegangenen Veränderungen, Furcht und Schrecken einen so hohen Grad erreichten, um zu ganz ähnlichen Thorheiten zu verleiten, wie in jenem Jahre 1000 n. Chr. Niemals traf man mit so großem Eifer alle Vorbereitungen zur Fahrt aus dieser in eine bessere Welt. Niemals haspelten ängstliche Gläubige so erstaunliche Sündenregister herunter, und nie wurden so viele Absolutionen den zerknirschten, reuigen Seelen aufgepackt. Es war sogar davon die Rede, eine General-Absolution zu erflehen, welche ein Breve des Papstes allen Leuten von gutem Willen – und auch von guter, schöner Furcht – gleich auf der ganzen Erde ertheilen sollte.

Unter diesen Umständen wurde die Lage J. T. Mastons mit jedem Tage bedenklicher. Mrs. Evangelina Scorbitt fürchtete, er könne der allgemeinen Verfolgung zum Opfer fallen. Vielleicht kam ihr da auch der Gedanke ihm den Rath zu geben, jenes Wort auszusprechen, welches er mit so beispiellosem Trotze zu verschweigen sich versteifte. Doch das wagte sie nicht und that wohl gut daran; sie hatte sich doch nur einer unglimpflichen Abweisung ausgesetzt.

Wie man sich leicht vorstellen kann, wurde es selbst in der Stadt Baltimore, jetzt eine Beute des Entsetzens, sehr schwierig, die große Menge im Zügel zu halten, da diese durch die meisten Zeitungen der Union, durch die Depeschen, welche »aus allen vier Winkeln der Erde« eintrafen – um die apokalyptische Ausdrucksweise beizubehalten, deren sich der Evangelist Johannes zur Zeit des Kaisers Domitian bediente – aufs höchste gereizt wurde. Wahrlich, hätte J. T. Maston zur Zeit jenes Christenverfolgers gelebt, so würde seine Angelegenheit sehr bald einen glatten Abschluß gefunden haben – er wäre einfach den Raubthieren vorgeworfen worden. Da hätte er sich aber doch begnügt zu antworten:

»Ist schon geschehen!«

Auf jeden Fall verweigerte der unerschütterliche J. T. Maston jede Auskunft über den Ort x, da er wohl einsah, daß nach der Kenntnißgabe desselben der Präsident Barbicane und der Kapitän Nicholl unbedingt an der Durchführung ihres Werkes gehindert werden würden.

Alles in Allem hatte er doch etwas Schönes, Erhebendes an sich, dieser Kampf eines einzelnen Mannes gegen die ganze Welt. Das ließ J. T. Maston in den Augen der Mrs. Evangelina Scorbitt nur noch größer erscheinen und erhöhte womöglich noch sein Ansehen bei den Mitgliedern des Gun-Club. Diese wackeren, aber so trotzköpfigen Leute, wie das pensionirte Artilleristen einmal sind, waren nämlich nach wie vor Feuer und Flamme für die Projecte ihres Barbicane (und Cie.). Der Schriftführer des Gun-Club hatte schon eine so hohe Stufe der Berühmtheit erlangt, daß viele Personen an ihn schrieben, wie man an einen Staatsverbrecher ersten Ranges schreibt, um einige Zeilen von der Hand zu besitzen, welche die Welt aus ihren Angeln heben sollte.

Doch wenn das schön war, so wurde es daneben auch mehr und mehr gefährlich. Drohend umringte das Volk Tag und Nacht das Gefängniß von Baltimore. Da gab es Geschrei und heilloses Lärmen. Die Wüthendsten wollten J. T. Maston kurzer Hand und auf der Stelle lynchen. Die Polizei sah den Augenblick kommen, wo sie unfähig wurde, den Gefangenen zu vertheidigen.

In dem Wunsche, der amerikanischen Volksmenge ebenso wie den fremden Völkern eine gewisse Genugthuung zu bieten, entschloß sich die Bundesregierung zu Washington endlich, J. T. Maston in Anklagezustand zu versetzen und ihn von den ordentlichen Gerichten aburtheilen zu lassen.

Mit Geschworenen, die selbst schon unter dem Banne des Schreckens standen, wäre »seine Karre nicht ordentlich ins Rollen gekommen«, wie Alcide Pierdeux sagte, der für seine Person eine Art Sympathie für die widerhaarige Natur des Rechenmeisters empfand.

Am Morgen des 5. September begab sich also der Vorsitzende der Sachverständigen-Commission persönlich nach der Zelle des Gefangenen.

Auf ihr dingendes Ansuchen war Mrs. Evangelina Scorbitt zugestanden worden, ihn zu begleiten. Vielleicht gelang es bei einem letzten Versuche dem Einflusse der liebenswürdigen Dame doch noch, den Trotzkopf anderen Sinnes zu machen. Jedenfalls sollte nichts unversucht gelassen werden, und alle Mittel wurden als erlaubt betrachtet, wenn sie nur die Lösung des schweren Räthsels versprachen. Erreichte man das nicht, so blieb weitere Entschließung vorbehalten.

»Weitere Entschließung vorbehalten! wiederholten mehr scharfblickende Leute. Wahrlich, eine schöne Aussicht, wenn man J. T. Maston gehenkt hat und das Unheil dann mit allen Schrecken hereinbricht!«

Gegen elf Uhr sah sich J. T. Maston also Mrs. Evangelina Scorbitt und John Prestice, dem Vorsitzenden der Sachverständigen-Commission, gegenüber.

Der Uebergang zur Sache vollzog sich sehr einfach. In dem bezüglichen Gespräche wurden die folgenden, von der einen Seite sehr schroffen, von der anderen sehr ruhigen Fragen und Antworten gewechselt.

Und wer hätte wohl glauben mögen, daß dabei Umstände zu Tage traten, unter denen die Ruhe auf Seiten J. T. Mastons war!

»Zum letzten Male, wollen Sie Antwort geben? ... fragte John Prestice.

– Worüber? ... entgegnete ironisch der Schriftführer des Gun-Club.

– Ueber den Ort, wohin Ihr College Barbicane sich begeben hat.

– Das hab ich Ihnen schon hundertmal gesagt.

– So wiederholen Sie es zum hundertersten Male.

– Er ist da, wo der Schuß abgefeuert werden wird.

– Und wo wird das geschehen?

– Da, wo mein College Barbicane sich befindet.

– Nehmen Sie sich in Acht, J. T. Maston!

– Wovor?

– Vor den Folgen Ihrer Verweigerung einer Auskunft, deren Resultat sein dürfte ...

– Daß Sie einfach nicht erfahren, was Sie nicht wissen sollen.

– Und was zu erfahren wir doch das vollste Recht haben!

– Das ist meine Meinung gerade nicht.

– Sie werden vor die Gerichte geschleppt werden.

– Schleppen Sie zu!

– Das Gericht wird Sie verurtheilen.

– Das ist seine Sache.

– Und das ergangene Urtheil wird ohne Säumen vollstreckt werden.

– Meinetwegen!

– Lieber Maston! ... wagte da Mrs. Evangelina Scorbitt in ihrer Herzensangst einzuflechten.

– Oh! ... Sie ... Mistreß!« erwiderte J. T. Maston.

Sie ließ den Kopf niedersinken und schwieg.

»Und wollen Sie vielleicht wissen, wie das Urtheil lauten wird? fuhr der Präsident John Prestice fort.

– Wenn das Ihnen Spaß macht, ja, antwortete J. T. Maston.

– Sie werden zur Todesstrafe verurtheilt werden, wie Sie es verdienen.

– Wirklich? ...

– Und Sie werden gehenkt werden, mein Herr, ebenso sicher, wie zweimal zwei vier gibt.

– Ah, dann, mein Herr, dann hab ich noch die schönsten Aussichten, erwiderte J. T. Maston sehr phlegmatisch. Wären Sie ein wenig Mathematiker, so würden Sie nicht sagen, »so sicher, wie zweimal zwei vier gibt«. Wer beweist Ihnen denn, daß nicht alle Mathematiker bis zum heutigen Tage in einem Irrthume befangen gewesen sind bezüglich der Behauptung, daß die Summe zweier Zahlen gleich sei der ihrer Theile, das heißt, daß zwei und zwei wirklich vier ergeben?

– Mein Herr! ... rief der Präsident völlig verblüfft.

– O, fuhr J. T. Maston fort, hätten Sie gesagt, »so sicher wie eins und eins zwei ergibt,« alle Achtung! ... Das liegt auf der Hand, denn das ist nicht mehr ein Theorem, sondern eine Definition!«

Nach dieser Lection in Arithmetik zog der Präsident der Commission sich zurück, während Mrs. Evangelina Scorbitt in ihren Blick gar nicht genug Feuer zu legen vermochte, um den unübertrefflichen Rechenmeister ihrer Träume zu bewundern.

< XII.
XIV. >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.