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Jules Verne

Kein Durcheinander

VII.

eingestellt: 23.7.2007



Am 22. December wurden die Zeichner auf die Firma Barbicane & Cie. zu einer Generalversammlung einberufen. Selbstverständlich waren die Räumlichkeiten des Gun-Club in seinem Hotel am Unions-Square hierzu bestimmt worden. Eigentlich hatte sogar der Square selbst nicht hingereicht, die geschäftige Menge der Aktionäre aufzunehmen, doch konnte auf einem der öffentlichen Platze Baltimores zu einer Jahreszeit, wo die Quecksilbersäule leicht zehn Centigrade unter den Nullpunkt (den des schmelzenden Eises) herabsinkt, nicht wohl ein Meeting unter freiem Himmel abgehalten werden. Gewöhnlich war – wie der Leser kaum vergessen haben dürfte – der sehr geräumige Saal des Gun- Club mit allerlei, der vornehmen Beschäftigung seiner Mitglieder angepaßten Geräthen ?c.[?] ausgeschmückt, so daß er den Namen eines leibhaftigen Artillerie-Museums verdiente. Sogar das gesammte Mobiliar, Sitze und Tische, Armstühle und Divans, erinnerten durch ihre Gestalt an jene mörderischen Maschinen, welche schon so viele brave Männer, deren heimlicher Wunsch es gewesen war, einst an Altersschwache zu sterben, vorzeitig in eine bessere Welt befördert hatten.

An genanntem Tage mußten die sperrigen Hindernisse bei Seite geschafft werden. Es war ja keine Kriegervereinigung, sondern eine höchst friedliche, industrielle Versammlung, in der Barbicane der Vorsitz zufiel. Für die sehr vielen Actienzeichner, die von allen Seiten aus den Vereinigten Staaten herzuströmten, war also breiter Raum beschafft worden. In dem Saale selbst wie in den angrenzenden Salons drängten, erdrückten und erstickten sich dieselben, ganz abgesehen von dem endlosen Schweife, dessen Getöse sich bis in die Mitte des Unions-Square fortsetzte.

Natürlicher Weise nahmen die Mitglieder des Gun- Club, als die ersten Actienzeichner der neuen Gesellschaft, die dem Bureau nächstliegenden Plätze ein. Man erkannte unter ihnen – heute strahlender als je – den Oberst Bloomsberry, Tom Hunter mit den Stelzbeinen und ihren Collegen Bilsby mit den ruhelosen Füßen. Der Mrs. Evangelina Scorbitt war zuvorkommender Weise ein schöner Armstuhl vorbehalten worden, und sie, als stärkste Miteigenthümerin des arktischen unbeweglichen Besitzes, hatte gewiß ein Anrecht darauf, gleich zur Seite des Präsidenten Barbicane zu sitzen. Zahlreiche, übrigens allen Gesellschaftsclassen der Stadt angehörige Frauen schmückten mit Bouquets aller Art, mit den unmöglichsten Federn und den vielfarbigsten Bändern wie mit Blumen die lärmende Menge, welche sich unter der Glaskuppel des Saales drängte.

Die weitüberwiegende Mehrzahl der zu dieser Versammlung erschienenen Actionäre war übrigens nicht allein als Theilhaber, sondern auch als persönliche Freunde der Verwaltungsrathsmitglieder zu betrachten.

Hierbei ist jedoch zu bemerken, daß die europäischen Abgesandten, die Schwedens, Dänemarks, Hollands, Englands und Rußlands, ihre besonderen Plätze einnahmen, und wenn sie dieser Versammlung beiwohnten, so geschah das deshalb, weil sie jeder diejenige Anzahl Actien, welche eine berathende Stimme gewährte, erworben hatten. Vorher so vollständig eins bezüglich der beabsichtigten Erwerbung, waren sie es jetzt nicht weniger darin, die Erwerber aufzuziehen. Man kann sich leicht vorstellen, mit welch hochgespannter Neugier sie den von Barbicane zu machenden Mittheilungen entgegensahen. Diese Mittheilungen – daran zweifelte Keiner – mußten Aufklärung bringen über die zur Erreichung des Nordpols geplanten Schritte, denn hierin lag am Ende eine noch größere Schwierigkeit als in der Ausbeutung der dortigen Kohlenlagerstätten. Wenn sie Grund zu Einwendungen fanden, wollten Erik Baldenak, Boris Karkof, Jacob Jansen und Jan Harald gleich ums Wort bitten. Der Major Donellan, den sein Secretär Dean Toodrink unterstützte, war unbedingt entschlossen, seinen Rivalen Impey Barbicane auf allen Winkelzügen rücksichtslos zu verfolgen. Es war um acht Uhr Abends. Der große Saal, die Nebensäle und die Höfe des Gun-Club erstrahlten von Edisonschen Kronleuchtern in vollem Glanze. Seit Oeffnung der von der Volksmenge belagerten Thür tönte aus der Zuhörerschaft ein unausgesetztes dumpfes Murmeln hervor. Alles schwieg jedoch sofort, als der Thürsteher den Eintritt des Verwaltungsrathes ankündigte.

Jetzt nahmen auf tuchüberzogenem Podium an einem Tische mit schwärzlicher Decke, vom vollen Lichte übergossen, der Vorsitzende Barbicane, der Schriftführer J. T. Maston und ihr College, der Kapitän Nicholl, Platz. Ein dreifaches Hurrah, vom Kreischen helltönender Hips besonders betont, erbrauste durch den Saal und pflanzte sich bis in die angrenzenden Straßen fort.

Feierlich hatten sich J. T. Maston und der Kapitän Nicholl im Vollgefühl ihrer Würde niedergelassen.

Dann vergrub der Präsident Barbicane, der stehen geblieben war, die linke Hand in die Hosentasche, schob die rechte leicht unter die Westenöffnung und begann mit folgenden Worten:

»Unterzeichner und Unterzeichnerinnen!

»Der Verwaltungsrath der »North Polar Practical Association« hat Sie nach den Salons des Gun-Club zusammengerufen, um Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen.

»Aus vielfachen Aufsätzen in den Tagesblättern haben Sie erfahren, daß unsere Absicht dahin geht, die Kohlenlager des arktischen Pols auszubeuten, wozu uns seitens der Bundesregierung die Concession ertheilt worden ist. Dieses in öffentlicher Versteigerung erstandene Gebiet bildet gewissermaßen das Eingebrachte seiner Besitzer bei dem in Frage kommenden Geschäfte. Die durch eine weitere, am 11. December geschlossene Subscription ihm zur Verfügung gestellten Fonds gestatten dem Verwaltungsrath die Organisation des Unternehmens, welches eine Dividende verspricht, wie sie bisher bei irgend welchem commerciellen oder industriellen Unternehmen noch völlig unerhört war.«

Beifälliges Gemurmel, das den Redner einen Augenblick unterbrach.

»Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, wie wir darauf geführt wurden, in dem circumpolaren Gebiete reiche Fundstätten von Steinkohle, vielleicht auch von fossilem Elfenbein, zu vermuthen. Die vielen, durch die Presse der ganzen Welt veröffentlichten Zeugnisse lassen bezüglich des Vorhandenseins gewaltiger Kohlenflötze einen Zweifel nicht mehr aufkommen.

»Die Steinkohle ist aber, wie allbekannt, zur Quelle der gesummten modernen Industrie geworden. Ohne von der Kohle und dem Coaks zu reden, welche zum Heizen benutzt und zur Erzeugung von Dampf und Elektricität verwendet werden, müssen hier auch deren Derivate genannt werden, wie z. B. die Krappfarben, die der Orseille, des Indigos, des Fuchsins, Carmins, die Parfüms der Vanille, der bitteren Mandeln, des Geisbarts, Levkojs, Wintergrüns, des Kamphers, Thymols, Anis und des Heliotrops, ferner die Pikrate, die Salicylsäure, das Naphtol, Phenol, Antipyrin, Benzin, Naphtalin, die Brenzgallussäure, das Hydroquinon, Tannin, Saccharin und Pech, der Asphalt und Schiffstheer, die Schmieröle und Firnisse, das Preußich-Blau, die Cyanüre, Bitterstoffe u. s. w. u. s. w.«

Nach dieser Aufzählung athmete der Redner auf wie ein abgehetzter Schnellläufer, der einmal anhält, um Athem zu schöpfen. Dann fuhr er nach einer tiefen Inspiration fort:

»Es liegt auf der Hand, sagte er, daß die Steinkohle, dieser vor allen anderen kostbare Stoff, sich binnen einer durch den ungeheueren Verbrauch ziemlich beschränkten Zeit erschöpfen muß. Vor Ablauf von fünfhundert Jahren werden die jetzt betriebenen Kohlenstütze sich entleert haben....

– Dreihundert! rief einer der Zuhörer.

– Zweihundert! antwortete ein anderer.

– Sagen wir zu einer mehr oder weniger naheliegenden Zeit, fuhr der Präsident Barbicane fort, und setzen wir uns in die Lage, verschiedene neue Productionsorte aufzufinden, als ob die Steinkohle schon vor dem Ausgange des neunzehnten Jahrhunderts fehlen würde.«

Hier unterbrach er sich, damit die Zuhörer Zeit gewännen, die Ohren zu spitzen, und fuhr dann folgendermaßen fort:

»Deshalb, meine Damen und Herren, raffen Sie sich auf, folgen Sie mir, lassen Sie uns nach dem Pole ziehen!...«

In der That kam in das Publicum eine Bewegung, wie um die Koffer zu schnüren, und als hatte der Präsident Barbicane schon nach einem Schiffe hingewiesen, das zur Reise nach den arktischen Gebieten Dämpf aufmachte.

Eine mit scharfer und durchdringender Stimme von Major Donellan hingeworfene Bemerkung schnitt diese ebenso begeisterungsvolle wie unbedachte Bewegung kurz ab.

»Vor dem Lichten der Anker, sagte er, möchte ich die Frage stellen, auf welche Weise Sie sich nach dem Pole begeben wollen. Haben Sie die Absicht, zu Wasser dahin zu gelangen?

– Weder zu Wasser, noch zu Lande, auch nicht auf dem Wege durch die Luft,« erklärte der Präsident Barbicane sehr gleichmüthig.

Eine Beute sehr begreiflicher Neugier, nahm die Versammlung wieder Platz.

»Ihnen Allen, fuhr der Redner fort, sind ja die vielen Versuche bekannt, welche unternommen wurden, jenen unzugänglichen Punkt unseres Erdsphärolds zu erreichen. Dennoch halte ich es für angezeigt, dieselben auszugsweise Ihrer Erinnerung hier vorzuführen. Wir erweisen damit eine verdiente Ehre sowohl denjenigen kühnen Pionnieren, welche noch leben, wie Denen, welche bei diesen über menschliches Vermögen hinausgehenden Zügen unterlegen sind.«

(Allgemeine Zustimmung aller Anwesenden, gleichviel welcher Nation.)

»Im Jahre 1845, nahm der Präsident Barbicane wieder das Wort, dringt der Engländer Sir John Franklin mit den Schiffen »Erebus« und »Terror« auf einer dritten Reise, deren Zweck die Erreichung des Nordpols war, in die hochnördlichen Erdgebiete ein, und man hörte später keine Silbe mehr von ihm.

»1854 ziehen der Amerikaner Kane und, sein Lieutenant Morton zur Aufsuchung Sir John Franklins aus, und wenn sie auch selbst von dieser Expedition heimkehren, so kehrt doch ihr Schiff, die »Advance,« nicht zurück.

Im Jahre 1859 entdeckt der Engländer Mac Clintock ein Schriftstück, aus dem er ersieht, daß von der Fahrt des »Erebus« und »Terror« her kein Ueberlebender mehr vorhanden sein kann.

Im Jahre 1860 verläßt der Amerikaner Hayes Boston mit dem Schooner «United States«, überschreitet den einund achtzigsten Breitengrad und kehrt 1862 zurück, ohne trotz der heldenmüthigsten Anstrengungen seiner Begleiter höher haben hinaufdringen zu können.

Im Jahre 1869 segeln die Kapitäne Koldewey und Hegemann, beide Deutsche, mit der »Hansa« und der »Germania« von Bremerhaven ab. Von Eismassen zerdrückt, versinkt die »Hansa« schon wenig oberhalb des einundsiebzigsten Breitengrades und deren Besatzung verdankt ihre Rettung nur den Booten, auf welchen sie die Küste von Grönland erreicht. Die »Germania« ist glücklicher und kehrt zum Hafen von Bremerhaven zurück, hat aber den siebenundsiebzigsten Parallelkreis nicht überschreiten können.

Im Jahre 1871 schifft sich Kapitän Hall in New-York auf dem Dampfer »Polaris« ein. Vier Monate später, während einer entsetzlichen Ueberwinterung, unterliegt der muthige Seemann den Strapazen. Ein Jahr später wird die von Eisbergen weggeführte »Polaris«, ohne über den zweiundachtzigsten Breitengrad hinausgekommen zu sein, von treibendem Packeis zerdrückt. Achtzehn Mann von der Besatzung, welche unter Führung des Lieutenants Tyson das Schiff verließen, vermögen nur dadurch das Land zu erreichen, daß sie sich auf einer großen Eisscholle den Strömungen des arktischen Meeres anvertrauen; von dreizehn bei der »Polaris« verbliebenen Leuten hat man nie wieder eine Silbe gehört.

Im Jahre 1875 verläßt der Engländer Nares den Hafen von Portsmouth mit der »Alerte« und der »Decouverte«. Bei dieser bemerkenswerthen Expedition, wo die Theilnehmer und Mannschaften ihr Winterlager zwischen dem zweiundachtzigsten und dem dreiundachtzigsten Breitengrade aufschlugen, gelang es dem in nördlicher Richtung noch weiter hinaufziehenden Kapitän Markham, einen vierhundert (englische) Meilen (– 740 Kilometer) vom Pole entfernten Punkt zu erreichen, also jenem so nahe zu kommen, wie noch kein Anderer vor ihm.

»Im Jahre 1879 rüstet unser großer Mitbürger Gordon Bennett...«

Drei aus voller Brust hervorbrechende Hurrahs huldigten dem Namen des »großen Mitbürgers« und Directors des New-York Herald.

... die »Jeannette« aus, welche er der Führung des einer Familie französischen Ursprungs entstammenden Kommandanten De Long anvertraut. Die »Jeannette « segelt mit dreiunddreißig Mann von San Francisco ab, dringt durch die Behringsstraße vor, wird auf der Höhe der Insel Herald vom Eise eingeschlossen und geht auf der Höhe der Insel Bennett, etwa unter siebenundsiebzig Grad der Breite, unter. Ihre Besatzung hat nur ein Rettungsmittel: sich mit den geretteten Booten oder über die Eisfelder hin nach Süden zu wenden. Die Entbehrung decimirt die Leute. De Long stirbt im October. Eine Anzahl seiner Begleiter folgt ihm im Tode nach, und nur zwölf Mann kehren von dem Zuge zurück.

Endlich verläßt 1881 der Amerikaner Greely den Hafen von Saint-Jean auf Neufundland mit dem Dampfer »Proteus«, um an der Lady Franklin-Bay auf Grant-Land, etwas unterhalb des zweiundachtzigsten Breitengrades, eine Station zu errichten. An dieser Stelle wird das Fort Conger gegründet. Von hier begeben sich die unerschrockenen Insassen desselben nach dem Westen und dem Norden der Bay. Lieutenant Loockwood und sein Begleiter Brainard gelangen im Mai 1882 bis dreiundachtzig Grad fünfunddreißig Minuten hinauf, also noch einige Meilen höher als vor ihnen Kapitän Markham.

»Das ist der äußerste, bis zum heutigen Tage erreichte Punkt – die Ultima Thule der circumpolaren Geographie!«

Hier erschallten neue, mit regelrechten Hips aufgeputzte Hurrahs zu Ehren der amerikanischen Entdecker.

»Leider, fuhr der Präsident Barbicane fort, sollte der kühne Zug ein unglückliches Ende nehmen. Die »Polaris« versinkt. Damit sehen sich vierundzwanzig arktische Kolonisten dem schrecklichsten Elend preisgegeben. Dr. Pavy, ein Franzose, und verschiedene Andere finden ihren Tod. Greely, dem die »Thetis« 1883 Hilfe bringt, führt nur sechs von seinen Begleitern wieder zurück. Auch einer der Helden, welche den höchsten Erdenpunkt im Norden je betreten, der Lieutenant Loockwood, erliegt noch selbst und bereichert die schmerzliche Martyrologie jener Gegenden um einen weiteren Namen.«

Diesmal beantwortete ein ehrfurchtsvolles Schweigen die letzte Aeußerung des Präsidenten Barbicane, dessen berechtigte Erregung die gesammte Zuhörerschaft theilte.

Dann fuhr er mit leise zitternder Stimme fort:

»Trotz aller Opferfreudigkeit und allen Muthes ist der vierundachtzigste Breitengrad also noch niemals überschritten worden. Man kann sogar behaupten, daß das niemals gelingen wird mit den Mitteln, die man bis zum heutigen Tage benutzt hat, ob das nun Schiffe waren, um bis zum Packeis zu gelangen, oder Schlitten, um über das Eisfeld zu fahren. Dem Menschen ist es nicht gestattet, solchen Gefahren zu trotzen und eine so starke Erniedrigung der Temperatur zu ertragen. Es gilt also, andere Wege einzuschlagen, um den Pol zu bezwingen!«

Man fühlte es aus der Bewegung der Zuhörer heraus, daß der Redner hiermit das Punctum saliens, das gesuchte und von Allen begehrte Geheimniß berührte.

»Und wie wollen Sie denn zum Ziele gelangen, mein Herr? fragte der Abgesandte Englands.

– Das werden Sie vor Ablauf von zehn Minuten erfahren, Herr Major Donellan, antwortete der Präsident Barbicane, und allen unseren Aktieninhabern rufe ich zu: Vertrauen Sie uns, weil die Unternehmer und Leiter dieser Angelegenheit dieselben Männer sind, welche es in einem cylindro-konischen ...

– Cylindro-komischen! rief Dean Toodrink.

– ... Geschosse wagten, sich nach dem Monde zu begeben...

– Und man sieht auch, daß sie von da zurückgekommen sind!« warf der Secretär des Major Donellan dazwischen, obwohl schon seine erste unpassende Bemerkung lebhafte Proteste hervorgerufen hatte.

Der Präsident Barbicane zuckte nur mit den Achseln und fuhr dann mit fester Stimme fort:

»Ja, geehrte Actienzeichner und -zeichnerinnen, binnen zehn Minuten werden Sie wissen, woran Sie sich zu halten haben.«

Ein aus Ohs, Ehs und Ahs gemischtes, lang andauerndes Gemurmel begrüßte diese Antwort.

Es klang wirklich so, als sagte der Redner zu der Versammlung:

»Vor Ablauf von zehn Minuten werden wir am Pole sein!«

Seinen Vortrag setzte er in folgender Weise fort:

»Zunächst drängt sich nun die Frage auf, ob diese Polarkappe der Erde ein Festland bildet oder vielleicht nur ein Meer ist, und ob Kapitän Nares Recht gehabt hat, dasselbe »paläokrystisches Meer«, d. h. das Meer des uralten Eises, zu nennen. Auf diese Frage antworte ich: Wir denken das letztere nicht.

– Das genügt nicht! rief Erik Baldenak. Es handelt sich nicht darum, etwas »nicht zu denken«, sondern darum, sicher zu sein...

– Nun wohl, darauf möchte ich dem etwas hitzigen geehrten Vorredner antworten: Das sind wir! Ja, es ist ein landfestes Gebiet, nicht ein Wasserbecken, welches die »North Polar Practical Association« erworben hat und das jetzt den Vereinigten Staaten gehört, ohne daß eine europäische Macht je darauf Anspruch erheben könnte.«

(Murmeln auf der Bank der Abgesandten der Alten Welt.)

»Bah!... Es ist doch nur ein Loch voll Wasser ... ein Waschkessel, den Sie nie werden entleeren können!« rief wieder Dean Toodrink.

Seine Collegen dankten ihm durch halblauten Beifall.

»Nein, mein Herr Secretär, antwortete jetzt lebhafter der Präsident Barbicane. Dort befindet sich ein Festland, ein aufsteigendes Plateau – vielleicht ähnlich der Gobi-Wüste in Centralasien – das drei bis vier Kilometer über die Meeresfläche reichen dürfte. Das ist leicht und völlig logisch abzuleiten aus Beobachtungen in angrenzenden Landmassen, zu denen das Polargebiet nur eine Verlängerung bildet. Auf ihren Forschungsreisen haben Nordenskjöld, Peary und Manigaard gleichmäßig beobachtet, daß z. B. Grönland nach Norden zu immer weiter ansteigt. Bei hundertsechzig Kilometer im Innern, von der Insel Diskö aus gerechnet, beträgt seine Höhe schon zweitausenddreihundert Meter. Berücksichtigt man nun diese Beobachtung und die verschiedenen thierischen und pflanzlichen Überreste, welche dort in Jahrtausende altem Eise eingeschlossen gefunden wurden, wie die Gerippe von Mastodons, deren Stoß- und Kauzähne von Elfenbein, oder die so häufigen Coniferenstämme, so muß man daraus schließen, daß dieser Continent einstmals ein fruchtbares, ganz sicher von Thieren, vielleicht auch von Menschen bewohntes Land gewesen sei. Hier wurden die üppigen Wälder vorgeschichtlicher Zeiträume begraben, die Wälder, aus denen die Kohlenflötze entstanden sind, welche wir auszubeuten verstehen werden. Ja, es ist ein Festland, das sich um den Pol ausbreitet, ein noch von keinem menschlichen Fuße entweihtes Festland, auf dem wir das Sternenbanner der Vereinigten Staaten von Amerika aufpflanzen werden!«

Donnernder Beifall.

Nachdem das letzte Rollen desselben sich in der entfernten Perspective des Unions-Square verloren, hörte man die kreischende Stimme des Major Donellan. Dieser rief nämlich höhnend:

»Sieben Minuten von den zehn, welche zur Erreichung des Nordpols genügen sollten, sind bereits verstrichen ...

– Binnen drei Minuten werden wir da sein!« antwortete Barbicane sehr kühl.

Dann fuhr er fort:

»Wenn es aber auch eine Landmasse ist, welche unser neues immobiles Besitzthum bildet, und diese Landveste zu ziemlich bedeutender Höhe ansteigt, wie wir anzunehmen Grund haben, so ist dieselbe nichtsdestoweniger von ewigem Eise umgürtet, von Eisbergen und Eisfeldern bedeckt und überhaupt in Verhältnissen, unter denen eine Ausnutzung schwierig ...

– Unmöglich! erklärte Jan Harald, der seine Worte mit bezeichnender Handbewegung gleichsam noch unterstrich.

– Unmöglich, meinetwegen, antwortete Impey Barbicane. Unsere Bemühungen sind nun eben dahin gegangen, diese Unmöglichkeit zu überwinden. Wir werden in Folge dessen weder Schiffe noch Schlitten nöthig haben, um nach dem Pole zu gelangen; dank unserer Verfahrungsweise wird die Schmelzung der Eismassen, der alten wie der neuen, ganz wie durch Zauberschlag vor sich gehen, und ohne daß uns das einen Dollar unseres Kapitals oder auch nur eine Minute Arbeit kostete.«

Jetzt lagerte ein bleischweres Stillschweigen über allen Anwesenden. Jeder empfand, daß man sich dem »punctum-salientischen« Augenblick – nach der eleganten Bezeichnung, die Dean Toodrink seinem Nachbar Jakob Jansen ins Ohr raunte – schnellen Schrittes näherte.

»Meine Herren, ertönte die gehobene Stimme des Gun-Club-Präsidenten, Archimedes verlangte seinerzeit nur einen Stützpunkt, um die Welt aus den Angeln zu heben – nun, diesen Stützpunkt haben wir gefunden. Ein Hebel sollte dem großen Geometer in Syrakus genügen – wir besitzen diesen Hebel! Wir sind also in der Lage, den Pol von seiner jetzigen Stelle zu versetzen ...

– Den Pol versetzen! rief Erik Baldenak.

– Ihn nach Amerika schaffen! ...« setzte Jan Harald hinzu.

Der Präsident Barbicane wollte sich offenbar noch nicht eingehender aussprechen, denn er bemerkte fortfahrend:

»Was den Stützpunkt betrifft ...

– Sagen Sie es nicht! ... Schweigen Sie ja darüber! tönte eine laute Stimme ihm aus dem Zuhörerkreise entgegen.

– Und was den Hebel angeht ...

– Das Geheimniß bewahren! ... Nichts darüber verrathen! rief die Mehrzahl der Anwesenden.

– Wir werden dasselbe bewahren!« antwortete der Präsident Barbicane.

Daß sich die europäischen Abgesandten durch diese Erklärung sehr enttäuscht fühlten, liegt ja auf der Hand; trotz ihrer Einsprüche wollte der Redner aber über die einzuschlagenden Wege nichts mehr bekanntgeben. Er begnügte sich hinzuzufügen:

»Soweit es die Resultate mechanischer Arbeit angeht – einer Arbeit, welche in den industriellen Annalen nicht ihres Gleichen findet – die wir mit Hilfe Ihrer uns anvertrauten Kapitalien unternehmen wollen und zu gutem Ende zu führen gedenken, so will ich Ihnen hierüber eine klipp und klare Darstellung nicht vorenthalten.

– Hört! ... Hört! ...«

Da vernahm man denn Folgendes:

»Zunächst, so begann der Präsident Barbicane, verdanken wir die erste Anregung zu diesem Vorhaben einem unserer gelehrtesten, eifrigsten und berühmtesten Collegen. Ihm kommt auch der Ruhm zu, die Berechnungen ausgeführt zu haben, welche es erst erlaubten, jene Idee in die Wirklichkeit zu übersetzen; denn wenn die Ausbeutung der hocharktischen Kohlenflötze auch nur ein Spiel ist, so war doch die Verschiebung des Poles ein Problem, welches nur mittelst der höheren Mechanik gelöst werden konnte. Zu diesem Zwecke wendeten wir uns an den ehrenwerthen Schriftführer des Gun-Club, an unseren J. T. Maston.

– Hurrah! ... Hip! ... Hip! ... Hip für J. T. Maston!« brüllte der gesammte Zuhörerkreis, der durch die Anwesenheit dieser bedeutenden und außergewöhnlichen Persönlichkeit ganz elektrisirt schien.

O, wie freudig erregt fühlte sich Mrs. Evangeline Scorbitt bei diesen Zurufen, welche zu Ehren des berühmten Rechners ertönten, und welch treuen Widerhall fanden diese in ihrem Herzen!

In gewohnter Bescheidenheit begnügte er sich, den Kopf langsam nach rechts und nach links zu bewegen und mit dem Ende seines Hakens der enthusiastischen Zuhörerschaft zu danken.

»Schon jener Zeit, hochgeehrte Anwesende, fuhr der Präsident Barbicane fort, als das große Meeting zu Ehren der Ankunft des Franzosen Michel Ardan in Amerika veranstaltet wurde, einige Monate vor unserer Abfahrt nach dem Monde...«

Dieser Yankee erwähnte dessen so nebenbei, als hätte es sich um eine Spazierfahrt von Baltimore nach New-York gehandelt!

»... rief uns J. T. Maston zu: »Lassen Sie uns Maschinen erfinden, den nöthigen Stützpunkt aufsuchen und rücken wir dann die Erdachse zurecht!« – Wohlan, Alle, die Sie mich hören, so erfahren Sie denn: die Maschinen sind construirt, der Stützpunkt ist gefunden und unser Bestreben gilt nun der – Verlegung der Erdachse!«

Diese Erklärung erzeugte eine minutenlange Verblüffung. Jeder Anwesende schien – Verzeihung für den volksthümlichen Ausdruck! – geradezu »paff« zu sein.

»Wie? – Sie maßen sich an, die Erdachse verlegen zu wollen? rief Major Donellan.

– Ja wohl, Herr Major, versicherte der Präsident Barbicane, oder wir besitzen vielmehr das Mittel, eine neue zu schaffen, um welche sich später die tägliche Umdrehung vollziehen wird ...

– Die tägliche Umdrehung verändern! stieß Oberst Karkof hervor, dessen Augen Blitze sprühten.

– Gewiß, doch ohne deren Dauer zu beeinflussen, erklärte der Präsident Barbicane. Diese Maßnahme wird den jetzigen Pol etwa nach dem siebenundsechzigsten Breitengrade versetzen, und dann befindet sich die Erde in denselben Verhältnissen wie der Planet Jupiter, dessen Achse ziemlich lothrecht auf seiner Bahnebene steht. Diese Versetzung um dreiundzwanzig Grad und achtundzwanzig Minuten wird hinreichen, unserem immobilen Besitzthum genug Wärme zu sichern, um alle seit Hunderttausenden von Jahren aufgehäuften Eismassen zu schmelzen.«

Die Zuhörer rangen nach Athem. Keiner dachte daran, den Redner zu unterbrechen – nicht einmal, ihm zuzujauchzen. Alle standen unter dem Banne des ebenso geistvollen wie einfachen Gedankens, die Achse, um welche unser Erdsphäroid sich dreht, nach Bedarf zu verlegen.

Was die europäischen Abgesandten anging, so waren diese einfach verblüfft, zerschmettert, vernichtet und saßen, in unbeschreiblichstem Maße bestürzt, geschlossenen Mundes auf ihren Plätzen.

Ein Beifallssturm, der Alles zu zertrümmern drohte, brach aber los, als Präsident Barbicane seinen Vortrag mit folgender in ihrer Einfachheit hoch erhabenen Erklärung schloß:

»Der Sonne selbst wird es also zufallen, das Wegschmelzen der Eisberge wie des Packeises zu besorgen und den Zutritt zum Pole freizugeben!

– Da der Mensch also, fragte Major Donellan, nicht zum Pole kommen kann, so, meinen Sie, soll der Pol zu ihm kommen? ...

– Wie Sie sagen!« antwortete der Präsident Barbicane.



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