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Jules Verne

Kein Durcheinander

IX.

eingestellt: 23.7.2007



Dieser Art sollten also die Vorzüge sein, welche jene durch den Präsidenten Barbicane herbeizuführende Veränderung der Rotationsachse gewähren müßte. Wir erwähnten bereits, daß diese Veränderung nur in unmerklichstem Grade die Kreisbewegung unseres Sphäroïds um die Sonne beeinflussen sollte. Die Erde würde nach wie vor ihre unveränderliche Bahn durch den Weltraum hinwandern und die Verhältnisse des Sonnenjahres würden auf keine Weise davon getroffen werden.

Als die Folgen der bevorstehenden Achsenveränderung zur Kenntniß beider Welten gebracht worden waren, erregten sie ein außerordentliches Aufsehen. In erster Stunde brachte man diesem Problem der höheren Mechanik eine warme Begeisterung entgegen. Die Aussicht, Jahreszeiten von unveränderlicher Gleichmäßigkeit und, je nach der Breite, »nach Belieben des Consumenten« zu haben, war in der That gar zu verführerisch. Die Leute versteiften sich auf den Gedanken, daß alle Sterbliche sich jenes ewigen Frühlings erfreuen könnten, den der Sänger der Odyssee der Insel Kalypso zuschreibt, und daß sie dabei noch die Wahl zwischen einem kühleren und einem wärmeren Frühling haben würden. Welche Lage die neue Umdrehungsachse der Erde haben sollte, das war ein Geheimniß, welches weder der Präsident Barbicane, noch der Kapitän Nicholl oder der ehrenwerthe J. T. Maston entschleiern zu wollen schien. Würden sie dasselbe noch vor der Ausführung ihres Vorhabens enthüllen, oder sollte man erst nach diesem etwas darüber erfahren? Es fehlte nicht viel daran, daß die öffentliche Meinung sich bezüglich dieser Frage zu beunruhigen anfing.

Ein Gedanke vor Allem drängte sich den Leuten auf und wurde in allen Zeitungen lebhaft besprochen, der nämlich, durch welche mechanische Gewalt diese Veränderung herbeigeführt werden solle, welche offenbar die Anwendung einer ganz ungeheueren Kraft voraussetzte.

Das »Forum«, eine angesehene Revue New-Yorks, brachte hierzu folgende ganz berechtigte Bemerkung:

»Hätte sich die Erde überhaupt nicht um ihre Achse gedreht, so würde vielleicht ein verhältnißmäßig geringer Anstoß genügt haben, ihr eine Rotationsbewegung um eine willkürlich gewählte Achse zu ertheilen; jetzt muß sie aber einem sehr, sehr großen Gyroskop gleichgestellt werden, das sich mit bedeutender Geschwindigkeit bewegt, und nach Naturgesetzen hat ein solcher Körper die Neigung, sich fortwährend um die nämliche Achse zu drehen. Léon Foucault hat das durch seine berühmten Experimente handgreiflich bewiesen. Es dürfte also sehr schwierig, wenn nicht ganz unmöglich sein, dieselbe (die Erde) davon abzulenken.«

Gewiß ist das ganz richtig. Nachdem man sich übrigens die Frage vorgelegt, welche Gewalt die Ingenieure der » North Polar Practical Association« würden auszuüben vermögen, erschien es nicht weniger interessant, zu erfahren, ob diese Kraft unmerkbar für Andere oder sozusagen mit einem Schlage entfesselt werden sollte. Im letzteren Falle mußten ja auf der Oberfläche der Erdkugel, in dem Augenblicke, wo jene Achsenveränderung durch die Maßregeln Barbicanes & Cie. herbeigeführt wurde, die entsetzlichsten Verwüstungen befürchtet werden.

Das war ein Thema, mit dem sich die Gelehrten und Ungelehrten beider Welten lebhaft beschäftigten. Ein Stoß bleibt doch immer ein Stoß, und es gehört niemals zu den Annehmlichkeiten, ihm mittelbar oder unmittelbar ausgesetzt zu sein. Es schien beinahe, als ob die Veranstalter dieses Unternehmens bei den ihnen vor Augen schwebenden Vortheilen desselben die Umwälzungen gar nicht bedacht hätten, welche ihr Werk auf unserer unglücklichen Erdkugel hervorbringen könnte. In ihrer gereizten Stimmung wegen der erlittenen Niederlage und entschlossen, diese drohenden Ereignisse zum Schaden der Sache zu verwerthen, begannen die europäischen Abgesandten, nicht ohne Geschick, die öffentliche Meinung gegen den Präsidenten des Gun-Club aufzuwiegeln.

Dem Leser ist noch gegenwärtig, daß Frankreich, welches keinerlei Anspruch auf jene den Pol umlagernden Gebiete erhoben hatte, nicht zu den Mächten gehörte, die sich an der denkwürdigen Auction betheiligten. Wurde es auch nicht officiell von dieser Angelegenheit berührt, so hatte doch ein Franzose den Einfall gehabt, sich nach Baltimore zu begeben, um dort auf eigene Rechnung und mehr zum Vergnügen die verschiedenen Entwicklungsstufen dieses Riesenunternehmens zu verfolgen.

Es war das ein Bergingenieur, der höchstens fünfunddreißig Sommer zählte. Als Primus in die Polytechnische Schule eingetreten und als Primus von derselben abgegangen, haben wir ihn als einen Mathematiker ersten Ranges vorzustellen, der vielleicht sogar J. T. Maston überlegen war, denn wenn dieser letztere ein ausgezeichneter Rechner war, so blieb er doch immer nur ein Rechner – etwa wie ein Le Verrier gegenüber einem Laplace oder einem Newton.

Dieser Ingenieur war – doch das schadete ja nichts – ein Mann von Geist, ein Phantast, ein Original, wie man einem solchen zuweilen unter den Brückenconstructeuren, aber selten unter Bergbaubeflissenen begegnet. Er besaß eine eigene und ganz besonders anziehende Art und Weise, über alle Dinge zu sprechen. Wenn er mit seinen Freunden, selbst über wissenschaftliche Gegenstände plauderte, so that er das stets mit der Ungezwungenheit des Pariser Straßenjungen. Er liebte die Worte dieser volksthümlichen Sprache, deren Ausdrucksweisen die Mode so schnell Bürgerrecht verliehen hat. Man hätte behaupten können, daß sich seine Sprechweise, wenn er sich gehen ließ, sehr wenig den akademischen Formen anpaßte, doch verzichtete er auf diese nur, wenn er die Feder zur Hand nahm. Gleichzeitig war ein emsiger Arbeiter, der gleich zehn Stunden lang vor dem Schreibtisch sitzen konnte und seine Seiten mit algebraischen Zeichen ebenso leicht bedeckte, wie andere etwa einen Brief schreiben. Seine liebste Erholung nach den Arbeiten in höherer Mathematik, denen er sich tagtäglich widmete, war ein Robber Whist, den er trotz ihm so geläufiger Berechnung aller Möglichkeiten doch nur mittelmäßig spielte. Und wenn er »den Strohmann hatte«, hätte man ihn nur in seinem Küchenlatein sollen ausrufen hören: » Cadaveri pussandum est

Diese eigenthümliche Persönlichkeit nannte sich Pierdeux (Alcide) und in beliebter Abkürzung – der übrigens alle seine Kameraden huldigten – zeichnete er sich gewöhnlich APierd und selbst AP I, ohne je einen Punkt auf das i zu setzen. Er war so beißend und scharf in seinen Discussionen, daß man ihm den Beinamen »Schwefelsäure« gegeben hatte. Dabei war er nicht allein groß, sondern erschien auch »hoch«. Seine Kameraden sagten, er messe den fünfmillionsten Theil eines Erdquadranten, also etwa zwei Meter, und damit gingen sie nicht viel fehl. Zwar mochte sein Kopf für die mächtige Büste und die breiten Schultern etwas klein erscheinen, dafür bewegte er ihn mit kraftvoller Würde und aus den blauen Augen zuckten Blitze durch die Gläser seines Klemmers. Was ihn charakterisirte, war ein gleichzeitig heiteres und doch ernstes Gesicht, trotz eines etwas blank durchscheinenden Schädeldaches, das er vorzeitig durch den übermäßigen Gebrauch algebraischer Zeichen unter dem Strahlenscheine der »Rosto-Gläser«, mit anderen Worten unter den Gasflammentellern der Studiensäle, erworben hatte. Dabei war er der beste Kerl, dessen sich irgend Jemand von der Schulzeit her erinnern konnte, und jede Eingebildetheit lag ihm völlig fern. Trotz eines recht unabhängigen Charakters, hatte er sich doch stets den Vorschriften des »X-Codex« unterworfen, der den Polytechnikern für Alles, was Kameradschaft und Achtung vor der Uniform anging, als Gesetzbuch galt. Man schätzte ihn ebenso unter den Bäumen des »Acas- Hofes«, so genannt, weil derselbe keine Acazien hatte, wie in den »Casers« – den Schlafräumen, wo die abgemessene Stellung seiner Truhe, die Ordnung, welche in seinem »Coffin« herrschte, den allzeit methodischen Geist des Inhabers verriethen.

Zugegeben, daß der Kopf Alcide Pierdeux auf dem Gipfel seines großen Körpers etwas sehr klein erschien, jedenfalls war er bis in alle Hirnwindungen hinein angefüllt. Zunächst war er Mathematiker, wie es alle seine Kameraden sind oder doch einmal waren; er betrieb die Mathematik aber nur, um sie auf die experimentellen Wissenschaften anzuwenden, welche für ihn wiederum nur deshalb einen gewissen Reiz hatten, weil sie in der Industrie praktische Anwendung finden. Es lag das – er erkannte es recht wohl – in einer gewissen Inferiorität seiner Natur; doch ganz vollkommen ist ja kein Mensch. Kurz, seine Specialität war das Studium derjenigen Wissenschaften, welche trotz ungeheuerer Fortschritte doch für ihre Jünger immer noch Geheimnisse verbergen und ewig verbergen werden. Nebenbei finde hier Erwähnung, daß Alcide Pierdeux unbeweibt war. Wie er zu sagen pflegte, war er noch immer »gleich eins«, obwohl sein lebhaftester Wunsch gewesen wäre, sich zu verdoppeln. Seine Freunde hatten auch schon daran gedacht, ihn mit einem reizenden, heiteren, geistvollen jungen Mädchen, einer Provençalin aus Martigues, zu verheiraten. Leider hatte diese einen Vater, der gleich auf die ersten Andeutungen einer solchen Verbindung mit einer abweisenden Antwort zur Hand war.

»Nein, Euer Alcide ist mir zu gelehrt. Er würde mein armes Mädel mit ihr völlig unverständlichen Gesprächen abquälen!...«

Als ob der echte Gelehrte nicht bescheiden und einfach wäre!

Unser Ingenieur entschloß sich also, eine gewisse Strecke Meer zwischen die Provence und seine Person zu bringen. Er bat um einen einjährigen Urlaub, erhielt diesen bewilligt und glaubte ihn nicht besser anwenden zu können als durch genaue Beobachtung des Unternehmens der » North Polar Practical Association«. Deshalb befand er sich also jener Zeit in den Vereinigten Staaten.

Seit Alcide Pierdeux Eintreffen in Baltimore ließ ihm der kühne Plan Barbicanes & Cie. keinen Augenblick Ruhe. Ob und daß die Erde durch Veränderung ihrer Achse mehr jupiterähnlich würde, kümmerte ihn blutwenig. Durch welches Mittel aber sie das werden sollte, diese Frage stachelte – und gewiß nicht ohne Grund – die Neugier des Gelehrten.

Und in seiner eigenartigen Sprache sagte er:

»Offenbar schickt sich der Präsident Barbicane an, unserer Kugel mit einem Rammbär erster Sorte zu Leibe zu gehen! ... Ja, aber wie und in welcher Richtung soll dieser wirken? ... Aha, ich habs!... Donnerwetter, ich glaube er »nimmt« die Erdkugel »fein«, wie einen Billardball, wenn man einen Seiteneffect beabsichtigt. Nähme er sie »voll«, so würde sie über die Bande ihrer Kreisbahn gesprengt, und zum Teufel dann mit den jetzigen Jahren, welche in bester Form damit abgeändert wären. Nein, die verständigen Leute bezwecken offenbar nur die Ersetzung der alten Achse durch eine neue!... Darüber gibts keinen Zweifel! ... Ich durchschaue nur noch nicht, wo sie einen Stützpunkt für den Angriff hernehmen, noch welche Art Stoß sie von außen her einwirken lassen wollen. ... O, wenn es keine tägliche Umdrehung gäbe, dann genügte wohl ein Nasenstüber. ... Sie ist aber vorhanden, die tägliche Umdrehung!... Man kann sie nicht unterdrücken, nicht aufhalten, diese vierundzwanzigstündige Rotation! ... Das ist offenbar der Canisdentum!«

Er wollte »Hundszahn« sagen, der wunderliche Pierdeux.

»Wie sie auch zuwegegehen mögen, setzte er hinzu, ein allgemeines Kunterbunt gibts allemal!«

Doch wenn unser Gelehrter auch »das ganze Salzfaß seiner Weisheit umschüttete«, durchschaute er immerhin nicht, welches Verfahren Barbicane und Maston wohl einzuschlagen gedächten. Das war umso bedauerlicher, als er, wenn deren Maßnahmen ihm bekannt gewesen wären, sofort die mechanischen Formeln dafür abgeleitet hätte.

Und so kam es, daß Alcide Pierdeux, Mitglied des nationalen Bergingenieurcorps von Frankreich, am 29. December mit den weitoffenen Zirkelschenkeln seiner langen Beine die belebten Straßen von Baltimore durchmaß.

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