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Jules Verne

Martin Paz

I.

eingestellt: 15.8.2007



Eben verschwand die Sonne hinter den schneeigen Gipfeln der Cordilleren, doch unter Perus schönem Himmel sättigte sich die Atmosphäre durch den leichten Schleier der Nacht mit einer lichtschimmernden Frische. Das war die Stunde, in der man nach europäischer Art und Weise leben und außerhalb der Verandas einen erquickenden Lufthauch aufsuchen konnte.

Während die ersten Sterne am Horizonte aufzogen, füllten sich die Straßen Limas mit einer Menge Spaziergänger an, welche in ihrem leichten Mantel dahin wandelnd von den unbedeutendsten Dingen plauderten. Auf der Plaza-Mayor, dem alten Forum der Stadt der Könige, ging es sehr lebhaft zu. Die Handwerker benutzten die Abendkühle, um von der Arbeit des Tages zu ruhen, oder eilten geschäftig durch die Menge, wobei sie schreiend die Vorzüge ihrer Waaren anpriesen. Die Frauen schwebten, sorgfältig verhüllt in den langen Schleiern, welche auch ihr Gesicht verdecken, mit eigenthümlicher Grazie durch die Gruppen rauchender Männer. Einige Señoras in Balltoilette und mit reichem Haarschmucke aus lebenden Blumen brüsteten sich hingegossen in den offenen Wagen. Indianer streiften vorüber, ohne ein Auge zu erheben, da sie wohl wußten, daß sie zu niedrig geachtet wurden, um bemerkt zu werden, verriethen weder durch eine Geste, noch durch ein Wort das dumpfe Verlangen, welches sie verzehrte, und contrastirten dadurch merklich mit den ebenso wie sie selbst mißachteten Mestizen, deren Protest gegen ihre sociale Stellung sich gern möglichst geräuschvoll Luft machte.

Die Spanier, diese stolzen Nachkommen Pizarros, gingen hoch erhobenen Hauptes umher, ganz wie zur Zeit, da ihre Vorfahren die Stadt der Könige gründeten. Ihre angeerbte Mißachtung traf die Indianer, welche sie besiegt hatten, aber die Mestizen, die Sprößlinge ihrer Beziehungen zu den Eingeborenen der Neuen Welt, darum nicht weniger. Die Indianer hatten, wie alle zur Dienstbarkeit verurtheilten Klassen, nur den einen Gedanken, ihre Fesseln zu sprengen, und ihre Abneigung kannte zwischen den Besiegern des alten Inkathrones und den Mestizen, einer Art Bourgeoisie voll widerwärtigen Stolzes, keinen Unterschied.

Diese Mestizen aber, Spanier durch ihre Verachtung der Indianer, Indianer durch den Haß, den sie den Spaniern geschworen, verzehrten sich selbst zwischen diesen beiden gleich lebhaften Gefühlen.

Zu ihnen gehörte auch die Gruppe junger Leute, welche nahe der hübschen Fontaine in der Mitte der Plaza-Mayor umher flanirte. Den Puncho, eine Art viereckig zugeschnittenes Stück Baumwollenstoff mit einem Loche zum Durchstecken des Kopfes, malerisch über den Schultern, mit weiten buntgestreiften Beinkleidern und breitkrempigen Hüten aus Guayaquil-Stroh, plauderten sie, lachten und gesticulirten aufs Lebhafteste.

»Du hast ganz recht, Andreas«, fügte ein kleiner Mann von kriechendem, unterwürfigem Aussehen, den sie Millaflores nannten.

Dieser Millaflores war gleichsam der Parasit Andreas Certas, eines jungen Mestizen, des Sohnes eines reichen, bei einer der letzten Verschwörungen Lafuentas umgekommenen reichen Kaufmannes. Andreas Certa erbte ungeheure Reichthümer, die er freigebig zum Nutzen seiner Freunde verwendete, von welchen er nur unbedingte Willfährigkeit für seine Hände voll Gold verlangte.

»Was nützt dieser Wechsel der Machthaber, diese unaufhörlichen Pronunciamentos, welche Peru erschüttern? Ob Gambarra oder Santa-Cruz regiert, ist ja ganz unwichtig, so lange hier noch keine Gleichheit herrscht.

– Wohl gesprochen! Bravo! rief der kleine Millaflores, der selbst unter einer Herrschaft der Gleichheit einem geistvollen Menschen doch niemals gleich geworden wäre.

– Wie! fuhr Andreas Certa fort, ich der Sohn eines Handelsherrn, ich soll nur in einem mit Maulthieren bespannten Wagen fahren dürfen? Haben meine Schiffe diesem Lande nicht Reichthum und Wohlfahrt gebracht? Ist die nützliche Aristokratie des Geldes nicht mindestens ebenso viel werth, als die der inhaltlosen spanischen Titel?

– O, es ist eine Schmach! antwortete ein junger Mestize, und dort, seht einmal diesen Don Fernando, der in seiner Carrosse mit zwei Pferden vorüberfährt! Don Ferdinand dAguillo! Er weiß kaum, womit er seinen Kutscher füttern soll, und brüstet sich hier wie ein Pfauhahn! Da ist auch noch ein Anderer, der Marquis Don Vegal!«

Ein prächtiges Gespann lenkte eben auf die Plaza-Mayor ein; es war das des Marquis Don Vegal, Ritter von Alcantara, Malteser und Ritter des Ordens Karls III. Der große Herr kam aber aus reiner Langeweile, nicht aus Prahlsucht hierher. Traurige Gedanken wohnten unter seiner tief gerunzelten Stirn, und er hörte nicht einmal die mißgünstigen Bemerkungen der Mestizen, als seine feurigen vier Hengste sich einen Weg durch die Menschenmenge brachen.

»Ich hasse diesen Mann! sagte Andreas Certa.

– Wirst es nicht mehr lange nöthig haben! antwortete einer der jungen Cavaliere.

– Nein, denn alle diese Vornehmen strahlen nur noch im letzten Schimmer ihres Luxus, und ich weiß es recht gut, wohin ihr Silberzeug und ihre Familienkleinodien wandern.

– Ja wohl! Du weisst etwas davon, Du, der das Haus des Juden Samuel so fleißig besucht.

– Und dort, in den Schuldbüchern des alten Juden prangen die Namen jener Aristokraten, und sein Geldkasten strotzt von den Resten ihrer Schätze. Und von dem Tage ab, wo diese Spanier so bettelarm sein werden, wie ihr Cäsar von Bazan, werden wir gewonnenes Spiel haben.

– Vorzüglich Du, Andreas, ließ sich Millaflores vernehmen, wenn Du Deine Millionen ins Treffen führst. Und Du wirst Deine Schätze noch verdoppeln!... Nun, wann wirst Du die schöne Tochter des alten Samuel heiraten, die doch eine Limenserin ist vom Scheitel bis zur Zehe und nichts Jüdisches an sich hat außer Ihrem Namen Sarah? – Nach einem Monat, antwortet Andreas Certa, und nach einem Monate wird es in Peru keinen Reichthum geben, der sich mit dem meinen messen könnte!

– Warum aber, fragte einer der jungen Mestizen, willst Du nicht eine der jungen Spanierinnen von hoher Abkunft heiraten?

– Weil ich diese Art Leute nicht weniger verachte, als ich sie hasse!«

Andreas Certa wollte es nicht zugestehen, daß er von mehreren vornehmen Familien, bei denen er sich Zutritt zu verschaffen gesucht hatte, jämmerlich abgewiesen worden war.

In diesem Augenblicke wurde Andreas Certa von einem hochgewachsenen Manne mit halbergrauten Haaren, dessen Gliedmaßen aber eine große Muskelkraft verriethen, heftig mit dem Ellenbogen gestoßen.

Dieser Mann, ein Indianer aus den Bergen, trug eine braune Jacke, aus der ein grobleinenes Hemd mit breitem Kragen hervorsah, das über seiner rauhen Brust offen stand; seine kurzen Beinkleider mit grünen Streifen endigten mit rothen Kniebändern über den erdfarbenen Strümpfen; an den Füßen trug er Sandalen aus Büffelleder, und sein spitziger Hut erglänzte von großen, metallenen Schnallen.

Nachdem er Andreas Certa gestoßen, sah er diesen auch noch ruhigen Blickes an.

»Elender Indianer!« rief der Mestize und erhob schon die Hand.

Seine Gefährten hielten ihn zurück, und Millaflores warnte:

»Andreas! Andreas! Nimm Dich in Acht!

– Ein solcher erbärmlicher Sklave wagt es, mich zu stoßen.

– Das ist ja ein Narr! Es ist der Sambo!«

Der Sambo fixirte den Mestizen, den er absichtlich gestoßen hatte, noch immer. Dieser ergriff in überschäumendem Zorne einen Dolch, den er im Gürtel trug, und wollte sich eben auf seinen Angreifer stürzen, als ein Kehllaut, ähnlich dem des peruanischen Hänflings, den Lärm der Spaziergänger übertönte und der Sambo eilig verschwand.

»Ebenso unverschämt, als feig! rief ihm Andreas Certa nach.

– Beruhige Dich, sagte begütigend Millaflores. Komm, wir wollen die Plaza-Mayor verlassen; die Frauen aus Lima sind hier zu hochmüthig.«

Die Gesellschaft junger Leute wandte sich nach dem Hintergrunde des Platzes. Die Nacht war gekommen, und die Limenserinnen verdienten mit Recht den Namen »tapadas«, denn unter dem sie dicht bedeckenden Schleier war man nicht mehr im Stande, ihr Gesicht zu erkennen.

Die Plaza-Mayor zeigte sich jetzt belebter als je. Das Schreien und Lärmen wurde immer ärger. Die berittenen Wachen vor dem Mittelthore des viceköniglichen Palastes am Nordende des Platzes hatten Mühe, mitten in diesem Gewoge und Gedränge von Menschen auf ihrem Posten auszuharren. Die verschiedensten Industrien schienen sich hier ein Rendezvous zu geben, und der ganze Platz bildete vielmehr einen ungeheuren Krammarkt von Waaren jeder Art. Das Erdgeschoß im Palaste des Vicekönigs und der ebenso mit Läden besetzte Unterbau der Kathedrale vollendeten das Gesammtbild eines offenen Bazars für alle Erzeugnisse der Tropenwelt.

Der Platz war in Folge dessen sehr geräuschvoll; sobald aber der Angelus vom Glockenturme der Kathedrale ertönte, schwieg das Geräusch mit dem ersten Schlage. Dem lauten, lustigen Geschrei folgte das Geflüster des Gebetes. Die Frauen unterbrachen ihren Spaziergang und nahmen den Rosenkranz in die Hände.

Während Alles still stand und die Kniee beugte, suchte sich eine alte Duenna, die ein junges Mädchen führte, mitten durch die unbewegliche Menge zu drängen, was nicht wenig unliebsame Bemerkungen über die beiden Störerinnen des Gebetes hervorrief. Das junge Mädchen wollte auch stehen bleiben, doch die Duenna zog sie mit sich fort.

»Seht diese Satanstochter, raunte man neben ihr.

– Was ists mit der verdammten Tänzerin?

– Das ist noch eine der Weiber von »Carcaman«.«

Plötzlich erfaßt ein Maulthiertreiber das Mädchen an der Schulter und will sie zum Niederknieen zwingen; doch kaum hat er die Hand auf sie gelegt, als ein wuchtiger Arm ihn niederschlägt. Die blitzschnell verlaufende Scene erregte einiges Aufsehen.

»Fliehen Sie!« flüstert da eine sanfte und ehrerbietige Stimme dem jungen Mädchen ins Ohr.

Diese dreht sich bleich vor Schrecken um und gewahrt einen jungen, hochgewachsenen Indianer, der mit gekreuzten Armen seinen Gegner ruhig erwartet.

»Bei meiner Seele, wir sind verloren!« heult die Duenna.

Sie schleppt das junge Mädchen mit sich fort.

Der von seinem Sturze halb gelähmte Maulthiertreiber hat sich wieder erhoben; da er es aber für gerathen hält, an einem so entschlossenen und kampfbereiten Gegner, wie der junge Indianer, keine Wiedervergeltung zu üben, ordnet er seine Maulthiere wieder und entfernt sich, nutzlose Drohungen murmelnd.

II. >



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