Frei Lesen: Reise um die Erde in 80 Tagen

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Jules Verne

Reise um die Erde in 80 Tagen

Zehntes Capitel.

eingestellt: 5.7.2007



Es ist allgemein bekannt, daß Indien, – das große umgekehrte Dreieck, dessen Grundlinie im Norden, die Spitze im Süden liegt – einen Flächeninhalt von vierzehnhunderttausend Quadratmeilen enthält, auf welchem eine Bevölkerung von hundertundachtzig Millionen Bewohnern ungleichmäßig verbreitet ist. Die britische Regierung übt über einen Theil dieses unermeßlichen Landes eine wirkliche Herrschaft aus, hält einen Generalgouverneur zu Calcutta, Gouverneure zu Madras, Bombay, in Bengalen, und einen Stellvertreter desselben zu Agra.

Aber das eigentlich englische Indien umfaßt nur einen Flächeninhalt von siebenhunderttausend Quadratmeilen und eine Bevölkerung von hundert bis hundertundzehn Millionen Einwohnern. Ein ansehnlicher Theil des Landes ist noch frei von der Oberherrschaft der Königin; und in der That ist bei einigen wilden und furchtbaren Rajahs des Innern eine noch unbeschränkte Unabhängigkeit vorhanden.

Von 1756 an – seit welcher Zeit die erste englische Einrichtung an der Stelle, wo jetzt die Stadt Madras steht, datirt – bis zu diesem Jahre, wo der große Aufstand der Sepoys ausbrach, war die berühmte Indische Compagnie allmächtig. Sie annectirte sich nach und nach die verschiedenen Provinzen, welche sie den Rajahs um den Preis von Renten abkaufte, die sie wenig oder gar nicht entrichtete; sie ernannte ihren Generalgouverneur, und alle von ihm verwendeten Civil- und Militärpersonen; aber jetzt besteht sie nicht mehr, und die englischen Besitzungen in Indien stehen direct unter der Krone.

Daher sind auch das Aussehen, die Sitten und ethnographischen Eintheilungen der Halbinsel in einer steten Umbildung begriffen. Sonst machte man dort mit allen uralten Transportmitteln seine Reise, zu Fuß und zu Roß, im Karren, im Schubwagen, auf den Schultern eines Mannes, im Tragsessel, in der Kutsche [?]. Jetzt fahren Dampfboote mit größter Schnelligkeit auf dem Indus und Ganges, und eine Eisenbahn, welche Indien der ganzen Breite nach durchzieht und seitwärts verzweigt, setzt Bombay binnen drei Tagen nur in Verbindung mit Calcutta.

Diese Eisenbahn zieht nicht in gerader Linie durch Indien. Die directe Entfernung beträgt nur tausend bis elfhundert Meilen, und die Züge würden bei einer mittlern Geschwindigkeit nur drei Tage brauchen, sie zu durchmessen; aber diese Entfernung wird mindestens um ein Drittheil durch die Krümmung vermehrt, welche die Bahn durch eine Abschweifung bis Allahabad im Norden der Halbinsel beschreibt.

Die große vorderindische Eisenbahn nimmt in ihren Hauptpunkten folgende Richtung. Nach der Insel Bombay läuft sie über Salsette, setzt vor Tannah auf den Continent über, durchschneidet die Kette der West-Gates, zieht dann nordöstlich bis Burhampur, und von da durch das fast unabhängige Gebiet des Bundelkund, steigt dann aufwärts bis Allahabad, biegt sich östlich, stößt bei Benares auf den Ganges, entfernt sich ein wenig von demselben und läuft dann wieder südostwärts über Burdivan und die französische Stadt Chandernagor bis nach Calcutta, wo die Linie endigt.

Um halb fünf Uhr Abends waren die Passagiere des Mongolia zu Bombay gelandet, und der Bahnzug ging präcis acht Uhr nach Calcutta ab.

Herr Fogg verabschiedete sich also von seinen Spielgenossen, verließ das Dampfboot, gab seinem Diener Auftrag einige Ankäufe zu machen, empfahl ihm ausdrücklich, sich vor acht Uhr am Bahnhof einzufinden, und ging dann seinen regelmäßigen Schritt, der gleich dem Pendel einer astronomischen Uhr die Sekunde schlug, geradeswegs aufs Paßbureau.

Also von den Merkwürdigkeiten Bombays etwas zu sehen, fiel ihm nicht ein, wie das Stadthaus, die prachtvolle Bibliothek, die Festungswerke, die Docks, den Baumwollenmarkt, die Bazars, die Moscheen, die Synagogen, die armenischen Kirchen, die prachtvolle Pagode von Malebar-Hill mit ihren zwei vielseitigen Thürmen. Er fühlte keinen Trieb, die Meisterwerke Elephantas zu sehen, seine geheimnißvollen unterirdischen Todtengewölbe, welche südöstlich von der Rhede verdeckt sind, die Grotten Kanherie auf der Insel Salsette, diese staunenswerthen Reste der buddhistischen Architektur!

Kein Gedanke daran! Als Phileas Fogg wieder aus dem Paßbureau kam, begab er sich ruhig zum Bahnhof und ließ ein Diner auftragen. Der Wirth glaubte ihm unter anderen Gerichten ein Fricassée von Lapin empfehlen zu sollen, und rühmte es außerordentlich.

Phileas Fogg ließ es auftragen, kostete es sorgfältig, fand es aber trotz seiner pikanten Sauce abscheulich.

Er läutete dem Gastwirth.

»Mein Herr, sagte er, und sah ihm scharf ins Gesicht, das ist Lapin?

– Ja, Mylord, erwiderte keck der Schelm, Lapin von den Schilfwiesen.

– Und dieser Lapin hat nicht gemiaut, als man ihn todt schlug?

– Gemiaut! O, Mylord! Ein Lapin! Ich schwöre ....

– Herr Wirth, versetzte kalt Herr Fogg, schwören Sie nicht, und erinnern Sie sich, was ich Ihnen sage: Vor Zeiten hat man in Indien die Katzen als heilige Thiere angesehen. Das war eine bessere Zeit.

– Für die Katzen, Mylord?

– Und vielleicht auch für die Reisenden!«

Nach dieser Bemerkung fuhr er ruhig fort zu speisen. Einige Minuten nach Herrn Fogg war der Agent Fix ebenfalls ausgestiegen und zu dem Polizeidirector von Bombay geeilt. Er gab seine Eigenschaft als Detectiv zu erkennen, den ihm ertheilten Auftrag, seine Lage gegenüber dem vermuthlichen Verüber des Diebstahls. Hatte man von London einen Verhaftsbefehl erhalten? ... Es war nichts angekommen. Und es konnte auch ein Verhaftsbefehl, der später als Fogg abging, noch nicht eingetroffen sein.

Nun war Fix in großer Verlegenheit. Er wünschte vom Director dennoch einen Verhaftsbefehl wider Herrn Fogg zu erhalten. Derselbe schlugs ab. Die Sache gehörte vor die Verwaltung der Hauptstadt, und diese konnte allein gesetzlich einen Verhaftsbefehl ausstellen. Diese Strenge der Principien, diese Strenge in Beobachtung gesetzlicher Form ist durch die englischen Sitten völlig begreiflich, welche in Hinsicht der persönlichen Freiheit durchaus keine Willkür gestatten.

Fix bestand nicht weiter darauf, und begriff, daß er sich darein ergeben müsse, seinen Befehl abzuwarten. Aber er beschloß, seinen unausforschlichen Schurken während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes zu Bombay nicht aus dem Auge zu lassen. Er zweifelte nicht, daß Phileas Fogg dort verweilen werde – und wir wissen, daß auch Passepartout der Meinung war – so daß mittlerweile der Verhaftsbefehl anlangen könnte.

Aber seit den letzten Aufträgen, welche Passepartout beim Verlassen des Mongolia von seinem Herrn erhalten hatte, war diesem wohl begreiflich geworden, daß es zu Bombay ebenso wie zu Suez und Paris gehen, daß die Reise hier nicht ein Ende haben, und wenigstens bis Calcutta fortgesetzt werde, und vielleicht noch weiter. Und er fing an, sich die Frage zu stellen, ob diese Wette des Herrn Fogg nicht ganz ernsthaft gemeint sei, und ob nicht sein Verhängniß ihn, während er in Ruhe leben wollte, dazu fortriß, in achtzig Tagen eine Reise um die Erde herum zu machen!

Unterdessen, nachdem er einige Hemden und Strümpfe gekauft, ging er in den Straßen von Bombay spazieren. Es strömte da viel Volk zusammen, mitten unter Europäern aller Nationalitäten, Perser mit spitzen Mützen, Bunhyas mit runden Turbanen, Indier mit viereckiger Kopfbedeckung, Armenier in langer Kleidung, Parsi mit schwarzer Mitra. Es wurde da gerade ein Fest von den Parsi oder Gebern gefeiert, directen Abkömmlingen der Anhänger Zoroasters, welche die gewerbfleißigsten, civilisirtesten, intelligentesten Hindus von strengster Lebensweise ausmachen, wozu gegenwärtig die reichen eingeborenen Kaufleute Bombays gehören. Das Fest, welches sie an diesem Tage feierten, war eine Art religiösen Carnevals mit Processionen und öffentlichen Lustbarkeiten, wobei Bajaderen in rosenfarbener, mit Gold und Silber durchwirkter Gazebekleidung figurirten, welche, von Violen und lärmenden Tam-Tams begleitet, wunderhübsche Tänze, übrigens mit allem Anstand, aufführten.

Daß Passepartout diesen merkwürdigen Festgebräuchen zuschaute, daß er dabei Augen und Ohren über die Maßen aufriß, daß er dabei aussah und eine Miene hatte, als wie der unerfahrenste Bauerntölpel, den man sich denken kann, brauche ich nicht besonders hervorzuheben.

Zum Unglück für ihn und seinen Herrn, dessen Reisezwecke er dadurch in Gefahr brachte, ließ er sich durch seine Neugierde weiter fortreißen, als zuträglich war.

Passepartout war, nachdem er diesem persischen Carneval zugesehen, auf dem Wege nach dem Bahnhofe begriffen, als er im Vorübergehen vor der bewundernswerthen Pagode Malebar-Hill auf den unglückseligen Gedanken kam, ihr Inneres zu besehen.

Er wußte nicht, erstens, daß den Christen der Eintritt in manche Pagoden der Hindu förmlich untersagt ist; zweitens, daß selbst die Gläubigen nicht eintreten dürfen, ohne ihre Fußbekleidung vor der Thüre zu lassen. Ich muß hier bemerken, daß die englische Regierung aus Gründen richtiger Politik die Religionsübungen des Landes nicht nur selbst in den geringsten Details respectirt, sondern auch ihnen Respect verschafft, daher jede Verletzung ihrer Gebräuche mit strengen Strafen ahndet.

Passepartout trat, ohne etwas Schlimmes zu ahnen, wie ein bloßer Tourist hinein, bewunderte im Innern von Malebar-Hill das blendende Flitterwerk der brahmanischen Verzierungen, als er plötzlich auf den Boden des Heiligthums niedergeworfen wurde. Drei Priester fielen mit wüthenden Blicken über ihn her, rissen ihm Schuhe und Strümpfe ab, und fingen an, mit wildem Geschrei ihn durchzuprügeln.

Der kräftige und gewandte Franzose sprang rasch wieder auf, warf mit Faustschlag und Fußtritt zwei seiner Gegner, die in ihre langen Gewänder verwickelt waren, nieder, stürzte, so rasch ihn seine Beine trugen, aus der Pagode hinaus und entrann bald dem dritten Hindu, welcher, das Volk aufhetzend, ihm nachgeeilt war.

So kam Passepartout fünf Minuten vor acht Uhr, einige Minuten vor der Abfahrt des Zuges barfuß und barhaupt, und ohne den Pack mit seinen Einkäufen, welchen er im Getümmel verloren hatte, auf dem Bahnhofe an.

Fix befand sich daselbst beim Einsteigen. Er hatte gemerkt, daß der Herr Fogg, dem er auf den Bahnhof nachgefolgt war, Bombay verlassen würde, und war sogleich entschlossen, ihn bis Calcutta, und nöthigenfalls noch weiter, zu begleiten. Passepartout gewahrte Fix nicht, der sich im Dunkeln hielt; aber dieser hörte die Erzählung seiner Abenteuer, welche er seinem Herrn in aller Kürze machte.

»Ich hoffe, das wird Ihnen nicht mehr passieren«, erwiderte einfach Phileas Fogg, indem er in einem Waggon Platz nahm.

Der arme Junge, barfuß und ganz verblüfft, folgte ihm nach, ohne ein Wort hören zu lassen.

Fix wollte eben in einen besondern Wagen einsteigen, als ein Gedanke ihn zurückhielt, und plötzlich sein Vorhaben mitzufahren änderte.

»Nein, ich bleibe, sprach er bei sich. Ein auf indischem Gebiet verübtes Vergehen ... Jetzt hab ich meinen Mann.«

In dem Augenblicke vernahm man das Pfeifen der Locomotive, und der Zug verschwand in der Nacht.

< Neuntes Capitel.
Elftes Capitel. >



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