Frei Lesen: Reise um die Erde in 80 Tagen

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Jules Verne

Reise um die Erde in 80 Tagen

Zwölftes Capitel.

eingestellt: 5.7.2007



Der Führer ließ, um den Weg abzukürzen, die im Bau begriffene Linie der Eisenbahn rechts; denn dieselbe konnte, durch launenhafte Windungen des Vindhiagebirges gehemmt, nicht den kürzesten Weg laufen, welchen Phileas Fogg einzuschlagen genöthigt war. Der Parse, welcher Wege und Stege des Landes genau kannte, behauptete, man könne quer durch den Wald etwa zwanzig Meilen zustrecken, und man verließ sich auf ihn.

Phileas Fogg und Sir Francis Cromarty, welche bis an den Hals in ihren Körben staken, wurden durch den scharfen Trab des Elephanten, den sein Mahut antrieb, arg geschüttelt. Aber sie ertrugen ihre schlimme Lage mit echt englischem Phlegma, sprachen dabei übrigens wenig und sahen sich einander kaum.

Passepartout, der auf dem Rücken des Thieres den Stößen und Gegenstößen direct ausgesetzt war, nahm sich, wie sein Herr ihm anempfohlen hatte, wohl in Acht, daß ihm nicht die Zunge zwischen die Zähne kam, denn er hätte sie sonst entzwei gebissen. Der brave Junge, welcher bald auf den Hals des Elephanten geschleudert, bald wieder zum Kreuz zurückgeworfen wurde, machte Sprünge, wie ein Clown auf dem Sprungbrett. Aber er scherzte und lachte bei allen seinen Karpfensprüngen, und holte von Zeit zu Zeit ein Stück Zucker aus seinem Sacke, welches der gescheite Kiuni mit der Spitze seines Rüssels faßte, ohne einen Augenblick seinen regelmäßigen Trab zu unterbrechen.

Nachdem sie zwei Stunden geritten waren, hielt der Führer an und machte eine Stunde Rast. Das Thier verschlang Gezweig und Gebüsche, und stillte seinen Durst aus einer nahen Lache. Sir Francis Cromarty war ganz zufrieden mit diesem Halt, denn er fühlte sich wie gerädert. Herr Fogg schien ebenso wohl aufgelegt, als wäre er aus dem Bette aufgestanden.

»Der ist ja von Eisen! sagte der Brigadegeneral, indem er ihn mit Verwunderung betrachtete.

– Aus geschmiedetem Eisen«, versetzte Passepartout, der eilig ein Frühstück zu bereiten beflissen war.

Um die Mittagsstunde gab der Führer das Zeichen zum Aufbruch. Das Land zeigte bald ein sehr wildes Aussehen. Auf die hohe Waldung folgten niedere Schläge Tamarinden und Zwergpalmen, nachher ausgedehnte dürre Ebenen, die mit magerem Gesträuch und großen Syenitblöcken bedeckt waren. Dieser ganze Theil des obern Bundelkund, wohin Reisende selten kamen, ist von einer fanatischen, in den fürchterlichsten Uebungen der Hindu-Religion verhärteten Bevölkerung bewohnt. Die Herrschaft der Engländer hat auf einem dem Einfluß der Rajahs unterliegenden Gebiete noch nicht regelmäßig festen Bestand gewinnen können, da es schwer gehalten haben würde, in ihren unzugänglichen Schlupfwinkeln des Vindhiagebirges ihnen beizukommen.

Manchmal gewahrte man Schaaren wilder Indier, welche zornige Geberden machten, als sie das rasche Thier vorübertraben sahen. Uebrigens wich ihnen der Parse möglichst aus, weil er sie für Leute hielt, mit denen man nicht gerne zu thun hat. Man sah diesen Tag über wenig Thiere, kaum einige Affen, welche mit allerlei Grimassen, die dem Passepartout viel Spaß machten, das Weite suchten.

Diesen Burschen plagte unter vielen anderen auch der Gedanke, was denn wohl Herr Fogg nach seiner Ankunft zu Allahabad mit dem Elephanten machen würde. Unmöglich würde er ihn mitnehmen; durch den Transportpreis würde das ohnehin schon über die Maßen theure Thier zum Ruin führen. Würde man ihn verkaufen? oder in Freiheit setzen? Das schätzbare Thier verdiente wohl eine solche Rücksicht. Sollte es Herrn Fogg einfallen, ihm, Passepartout, ein Geschenk mit demselben zu machen, so würde ihn dies nur in große Verlegenheit setzen. Solche Gedanken ließen ihm keine Ruhe.

Um acht Uhr Abends war man über die Hauptkette der Vindhia hinaus, und die Reisenden machten am Fuße des Nordabhanges in einem verfallenen Hause halt.

Man hatte an diesem Tage ungefähr fünfundzwanzig Meilen zurückgelegt, und ebensoviel waren noch bis zur Station Allahabad zu machen.

Die Nacht war kalt. Der Parse zündete in dem Hause aus dürrem Gezweig ein Feuer an, das recht behaglich wärmte. Für das Abendessen hatte man sich zu Kholby vorgesehen, und die Reisenden sprachen zu wie abgemattete, zerschlagene Leute. Die mit abgebrochenen Sätzen angefangene Unterhaltung ging bald in lautes Schnarchen über. Der Führer wachte neben Kiuni, der, an einen dicken Baumstamm gelehnt, stehend einschlief.

Kein Unfall störte diese Nacht. Die Stille wurde mitunter durch Gebrüll von Löwen, Tigern und Panthern, dazwischen von hellem Hohngelächter der Affen unterbrochen. Aber das reißende Gewild ließ es beim Schreien bewenden, und verschonte die Gäste des Hauses mit Feindseligkeiten. Sir Francis Cromarty, als ein wackerer, von Strapazen ermüdeter Krieger, schlief schwer wie ein Sack. Passepartout träumte in unruhigem Schlaf von den bestandenen Purzelsprüngen. Herr Fogg dagegen lag in tiefster Ruhe, als befinde er sich in seinem stillen Hause der Saville-Row.

Um sechs Uhr früh machte man sich wieder auf den Weg. Der Führer hoffte noch an demselben Abend zu Allahabad anzukommen, so daß Herr Fogg nur einen Theil der seit Anfang der Reise gesparten achtundvierzig Stunden eingebüßt haben würde.

Es ging den letzten Abhang der Vindhia hinab, und Kiuni war wieder in seinem raschen Trabe. Gegen Mittag bog der Führer um den Flecken Kallenger herum, am Cani, einem der Nebenzuflüsse des Ganges; denn er wich stets den bewohnten Orten aus, weil er sich in den menschenleeren Ebenen, welche die ersten Niederungen des großen Flußbeckens bildeten, sicherer wußte. Die Station Allahabad befand sich nur noch zwölf Meilen nordöstlich. Man machte unter einem Wäldchen von Pisang halt, deren Früchte, so gesund wie Brod, so »saftig wie Crême«, sehr köstlich waren.

Um zwei Uhr drang der Führer in das Dickicht eines Waldes, unter welchem wir einige Meilen weit hindurch mußten; denn er wählte gerne für die Reisenden ein solches Obdach. Jedenfalls war ihm bis jetzt noch nichts Widriges begegnet, und die Reise schien ohne Unfall vollendet zu werden, als der Elephant mit einigen Zeichen von Unruhe plötzlich stehen blieb.

Es war eben vier Uhr.

»Was giebts? fragte Sir Francis Cromarty«, indem er den Kopf aus seinem Korbe heraussteckte.

– Ich weiß nicht, Herr Officier«, erwiderte der Parse, und lauschte einem wirren Gemurmel, welches man durch das dichte Gezweig hindurch vernahm.

Nach einigen Augenblicken war das Getöse schon besser zu unterscheiden. Man konnte meinen, es sei ein noch weit entferntes Concert von Menschenstimmen und kupfernen Instrumenten.

Passepartout war ganz Auge, ganz Ohr. Herr Fogg wartete in Geduld, ohne ein Wort zu sprechen.

Der Parse sprang auf den Boden, band den Elephanten an einen Baum und drang mehr ins Dickicht des Gehölzes. Nach einigen Minuten kam er zurück und sprach:

»Eine Brahmanen-Procession, welche dieses Weges zieht. Wo möglich wollen wir vermeiden, daß man uns bemerke.«

Der Führer band den Elephanten los, führte ihn in ein dichtes Gebüsch, und empfahl den Reisenden, nicht abzusteigen. Er selbst hielt sich bereit rasch aufzusitzen, wenn es nothwendig werden sollte zu entfliehen. Doch dachte er, der Schwarm der Gläubigen werde, ohne ihn zu bemerken, vorüberziehen, denn das dichte Laubwerk verhüllte ihn ganz.

Das widrige Getön von Stimmen und Instrumenten kam näher, eintönige Gesänge, vermischt mit Trommelschlag und Cimbelnklang. Bald zeigte sich die Spitze der Procession unter den Bäumen, fünfzig Schritte von der Stelle, wo Herr Fogg mit seinen Gefährten sich befand. Sie konnten leicht durch das Gezweig hindurch das merkwürdige Personal dieser religiösen Ceremonie unterscheiden.

In vorderster Reihe schritten Priester mit spitzen Mützen und langen, verbrämten Gewändern. Sie waren von einer Truppe Männer, Frauen und Kinder umgeben, die eine Art Leichenpsalmen anstimmten, unterbrochen von Tam-Tamschlägen und Cimbelnklängen. Hinter ihnen, auf einem Wagen mit breiten Rädern, deren Speichen und Felgen ein Schlangengewinde darstellten, sah man eine häßliche Statue, die von zwei Paar mit reichen Schabracken gezierten Bisons gefahren wurde. Dieses Standbild hatte vier Arme, dunkelroth gefärbten Körper, große Augen, zerzauste Haare, heraushängende Zunge, und mit Betel und Henné gefärbte Lippen. Ein Halsband von Todtenköpfen und ein Gürtel von abgehauenen Händen war sein Schmuck. Es stand auf einem niedergeworfenen Riesen ohne Kopf.

Sir Francis Cromarty erkannte diese Statue.

»Die Göttin Kali, sagte er halblaut, die Göttin der Liebe und des Todes.

– Des Todes, das geb ich zu, aber der Liebe, niemals! sagte Passepartout. Das häßliche Weibsbild!«

Der Parse bedeutete sie, sich still zu halten.

Um die Statue herum wimmelte, zappelte in Verzückungen ein Trupp alter Fakir, streifig mit ockerfarbenen Bändern, mit kreuzförmigen Einschnitten bedeckt, aus welchen Blut träufelte, stupide Besessene, die bei den großen Ceremonien der Hindu sich sogar unter die Räder des Wagens von Jaggernaut werfen.

Hinter ihnen sah man einige Brahmanen in vollem Schmuck ihrer reichen orientalischen Prachtkleidung eine Frau schleppen, die sich kaum aufrecht zu halten vermochte.

Es war eine junge Frau, weiß wie eine Europäerin. Kopf, Hals, Schultern, Ohren, Arme, Hände, Zehen waren mit Geschmeide übermäßig behängt, mit Hals- und Armbändern, Ohr- und Fingerringen. Eine golddurchwirkte, mit leichtem Mousselin umhüllte Tunica zeigte die Formen ihrer Taille.

Hinter dieser jungen Frau, in grellem Contrast, trugen Leibgarden mit entblößten Säbeln und damascirten Pistolen am Gürtel, auf einem Palankin einen Leichnam.

Es war der Körper eines Greises in reichem Rajahgewande, wie bei Lebzeiten mit perlengesticktem Turban, in Gold und Seide gewirktem Kleide, einem Gürtel von Cachemir mit Diamantenschmuck und dem prachtvollen Wappen eines indischen Fürsten.

Den Zug schloß eine Musikbande und ein Trupp Fanatiker, die mit betäubendem Geschrei mitunter den Lärm der Instrumente überboten.

Sir Francis Cromarty sah diesem Aufzug mit besonders trauriger Miene zu, und sprach zu dem Führer:

»Ein sutty!«

Der Parse bejahte mit einem Zeichen, und hielt einen Finger auf seine Lippen. Die lange Procession zog sich langsam unter die Bäume, und bald verschwanden ihre hintersten Reihen im Waldesgrunde.

Nach und nach wurden die Gesänge nicht mehr vernehmlich. Man hörte nur noch das laute Aufschreien aus der Ferne, und endlich folgte tiefe Stille auf den Lärm.

Phileas Fogg hatte das Wort, welches Sir Francis Cromarty gesprochen, vernommen, und fragte, sobald die Procession vorüber war: »Was ist ein sutty?

– Ein sutty, Herr Fogg, erwiderte der Brigadegeneral, ist ein Menschenopfer, aber ein freiwilliges. Diese Frau, welche Sie so eben gesehen haben, wird morgen in aller Frühe verbrannt werden.

– Ei! die Lumpenkerle! rief Passepartout, der seine Entrüstung zu äußern sich nicht enthalten konnte.

– Und dieser Leichnam? fragte Herr Fogg.

– Eines Fürsten, der ihr Gemahl war, erwiderte der Führer, ein unabhängiger Rajah des Bundelkund.

– Wie, fuhr Phileas Fogg fort, ohne daß seine Stimme die geringste Gemüthsbewegung verrieth, diese barbarischen Gebräuche existiren noch in Indien, und die Engländer haben sie noch nicht abschaffen können?

– Im größten Theile Indiens, erwiderte Sir Francis Cromarty, werden diese Opfer nicht mehr vollzogen, aber wir haben auf diese wilden Gegenden, und besonders das Gebiet des Bundelkund, keinen Einfluß. Der ganze nördliche Abhang der Vindhia ist der Schauplatz unaufhörlichen Mordens und Plünderns.

– Die Arme! brummte Passepartout, lebendig verbrannt!

– Ja, fuhr der Brigadegeneral fort, verbrannt; und würde sies nicht, Sie können nicht glauben, in welch jämmerliche Lage sie sich dann von ihren nächsten Verwandten versetzt sähe. Man würde ihr die Haare abscheeren, ihr kaum eine Handvoll Reis zur Nahrung reichen, sie von sich stoßen; sie würde wie eine unreine Person angesehen, und in irgend einem Winkel wie ein räudiger Hund hinsterben. Daher treibt diese Aussicht auf so ein erschreckliches Dasein diese unglücklichen Personen oft weit mehr zur Opferung, als Liebe oder religiöser Fanatismus. Manchmal jedoch ist das Opfer ein wirklich freiwilliges, und es ist ein energisches Dazwischentreten von Seiten der Regierung nöthig, um es zu hindern. So sah ich vor einigen Jahren, als ich zu Bombay wohnte, eine junge Witwe, die sich vom Gouverneur die Erlaubnis ausbat, sich mit dem Leichnam ihres Mannes zu verbrennen. Sie können sich denken, daß der Gouverneur es abschlug. Da zog die Witwe aus der Stadt weg und flüchtete zu einem unabhängigen Rajah, wo sie ihre Opferung vollzog.«

Während der Erzählung des Brigadegenerals schüttelte der Führer den Kopf, und als derselbe ausgeredet hatte, sprach er:

»Das Opfer, welches morgen bei Tagesanbruch statthaben soll, ist kein freiwilliges.

– Woher wissen Sie das?

– Es ist eine Geschichte, die im Bundelkund allgemein bekannt ist, erwiderte der Führer.

– Die Unglückliche schien aber doch gar keinen Widerstand zu leisten, bemerkte Sir Francis Cromarty.

– Das kommt daher, weil man sie mit Hanfrauch und Opium berauscht hat.

– Aber wo führt man sie hin?

– In die Pagode zu Pillaji, zwei Meilen von hier. Dort wird sie die Nacht zubringen bis zur Zeit der Opferung.

– Und dieses Opfer wird statthaben? ...

– Morgen bei Tagesanbruch.«

Nach dieser Antwort führte er den Elephanten aus dem Dickicht und schwang sich auf seinen Hals. Aber im Moment, als er im Begriff war, ihn durch ein eigenthümliches Pfeifen anzutreiben, hielt Herr Fogg ihn ab und sprach zu Sir Francis Cromarty:

»Ob wir diese Frau retten könnten?

– Diese Frau retten, Herr Fogg! ... rief der Brigadegeneral.

– Ich habe noch zwölf Stunden voraus. Ich kann sie dem widmen.

– Nun! Sie sind ja ein Mann von Gemüth! sagte Sir Francis Cromarty.

– Bisweilen, erwiderte einfach Phileas Fogg, wenn ich dazu Zeit habe.«

< Elftes Capitel.
Dreizehntes Capitel. >



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