Frei Lesen: Reise um die Erde in 80 Tagen

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Jules Verne

Reise um die Erde in 80 Tagen

Dreizehntes Capitel.

eingestellt: 5.7.2007



Das Vorhaben war kühn, voll Schwierigkeiten, vielleicht unausführbar. Herr Fogg setzte sein Leben in Gefahr, oder doch seine Freiheit, und damit den Erfolg seiner Unternehmung; aber er besann sich keinen Augenblick. Uebrigens fand er in Sir Francis Cromarty einen entschlossenen Gehilfen.

Passepartout war gerne zur Verfügung. Die Idee seines Herrn begeisterte ihn. Er empfand, daß unter dieser Hülle von Eis ein Herz schlug, eine Seele lebte. Nun fühlte er sich gedrungen, Phileas Fogg zu lieben.

Wie würde nun aber der Führer sich dabei verhalten? Sollte er wohl zu den Hindu halten? In Ermangelung seiner Mitwirkung mußte man wenigstens seiner Neutralität sicher sein.

Sir Francis Cromarty legte ihm offen die Frage vor.

»Herr Officier, erwiderte der Führer, ich bin Parse und diese Frau ist Parsin. Ich stehe zu Diensten.

– Wohl, wackerer Mann, erwiderte Herr Fogg.

– Jedoch, merken Sie wohl, fuhr der Parse fort, wir setzen nicht allein unser Leben ein, sondern haben auch, wenn wir gefangen werden, eine schauderhafte Hinrichtung zu gewärtigen. Also, sehen Sie wohl zu.

– Das ist schon geschehen, erwiderte Herr Fogg. Ich denke, wir müssen zum Handeln die Nacht abwarten.

– Das ist auch meine Meinung«, versetzte der Führer.

Der wackere Hindu erzählte darauf einiges Nähere über das Opfer. Es war eine Indierin von ausgezeichneter Schönheit parsischer Abstammung, die Tochter reicher Kaufleute zu Bombay. Sie hatte in dieser Stadt eine ganz englische Erziehung erhalten, und ihrem Benehmen, ihrer Bildung nach hätte man sie für eine Europäerin angesehen. Sie hieß Aouda.

Als Waise wurde sie wider Willen mit diesem alten Rajah des Bundelkund verheiratet, und nach drei Monaten schon ward sie Witwe. Da sie wußte, welches Loos ihr bevorstand, suchte sie zu entrinnen, wurde sogleich wieder aufgegriffen, und die Verwandten des Rajah, in deren Interesse ihr Tod lag, bestimmten sie zu dieser Todesart, und sie schien derselben nicht mehr entgehen zu können.

Diese Erzählung konnte Herrn Fogg und seine Gefährten nur in ihrem edlen Entschluß bestärken. Man beschloß, der Führer solle den Elephanten nach der Pagode Pillaji leiten, und dieser so nahe wie möglich bringen.

Eine halbe Stunde nachher machte man unter einem Buschwerk, fünfhundert Schritte von der Pagode, halt. Diese konnte man zwar nicht sehen, aber das Geheul der Fanatiker ließ sich deutlich vernehmen.

Nun berieth man über die Mittel, um zu dem Opfer zu gelangen. Dem Führer war die Pagode zu Pillaji bekannt, worin, wie er behauptete, die junge Frau gefangen war. Sollte es möglich sein, während die ganze Schaar im Schlafe der Trunkenheit versunken lag, durch eine der Thüren hinein zu gelangen, oder mußte man ein Loch in die Mauer brechen? Darüber konnte man doch erst zur Zeit der Ausführung und an Ort und Stelle urtheilen. Aber unzweifelhaft war, daß die Entwendung während dieser Nacht vorgenommen werden mußte, und nicht, wenn bei Tagesanbruch das Opfer zum Tode geführt wurde. Dann wäre es keiner menschlichen Macht mehr möglich, sie zu retten.

Herr Fogg wartete mit seinen Genossen die Nacht ab.

Sobald es dunkel ward, gegen sechs Uhr Abends, entschlossen sie sich, eine Recognoscirung um die Pagode herum anzustellen. Das letzte Geschrei der Fakirs verstummte damals. Nach ihrer Gewohnheit mußten diese Indier in tiefer Berauschung mit »Hang«, – flüssigem Opium mit einem Hanfaufguß gemischt – liegen, und es würde vielleicht möglich sein, sich zwischen ihnen durch bis zum Tempel zu schleichen.

Geräuschlos drangen die kühnen Leute durch den Wald. Nachdem sie zehn Minuten unter dem Gezweig gekrochen, langten sie am Ufer eines Flüßchens an, und gewahrten da beim Scheine von Fackeln einen Haufen aufgeschichteten Holzes. Es war der aus kostbarem Sandelholz errichtete Scheiterhaufen, der bereits mit parfümirtem Oel getränkt war. Oben darauf lag der einbalsamirte Leichnam des Rajah, welcher zugleich mit seiner Witwe verbrannt werden sollte. Hundert Schritte von diesem Scheiterhaufen stand die Pagode, deren Minarets über die Gipfel der Bäume ragten.

»Kommen Sie!« sagte der Führer leise.

Und mit verdoppelter Vorsicht schlich er seinen Gefährten voran stille durch das hohe Gras.

Nur das Säuseln des Windes unterbrach noch die Stille. Nicht lange, so hielt der Führer am Rande einer Lichtung, die von einigen Fackeln erleuchtet war. Haufenweise lagen da, wie auf einer Wahlstatt, die Schläfer in tiefem Rausch, Männer, Weiber, Kinder, alle durcheinander; einiges Röcheln vernahm man hier und da.

Im Hintergrunde, zwischen dem Gebüsche, erhob sich undeutlich der Tempel von Pillaji. Aber zu großer Enttäuschung des Führers waren die Garden der Rajahs im Scheine rußiger Fackeln wachsam an den Eingängen, und wandelten mit gezogenem Säbel auf und ab. Es ließ sich voraussetzen, daß die Priester innen ebenso wachsam waren.

Der Parse wagte nicht weiter vorzugehen. Da er die Unmöglichkeit sah, gewaltsam in den Tempel zu gelangen, führte er seine Gefährten rückwärts.

Phileas Fogg und Sir Francis Cromarty begriffen wie er, daß man von dieser Seite her nichts wagen konnte.

Sie standen stille und sprachen leise mit einander.

»Warten wir, sagte der Brigadegeneral, es ist erst acht Uhr, und es ist möglich, daß auch diese Wächter in Schlaf verfallen.

– Das ist wohl möglich«, erwiderte der Parse.

Phileas Fogg und seine Gefährten lagerten sich daher am Fuß eines Baumes und warteten.

Wie wurde ihnen die Zeit lang! Von Zeit zu Zeit entfernte sich der Führer, um den Rand des Gehölzes zu beobachten. Die Leibwächter des Rajah wachten unablässig bei Fackelschein, und ein dämmerndes Licht drang durch die Fenster der Pagode.

So wartete man bis Mitternacht; aber die Lage änderte sich nicht. Die Bewachung außen blieb unverändert; offenbar konnte man nicht darauf rechnen, daß die Wächter in Schlaf versanken. Vermuthlich hatte man ihnen die Berauschung mit »Hang« unmöglich gemacht. Man mußte also anders verfahren, und durch eine in die Mauer der Pagode gebrochene Oeffnung einzudringen versuchen. Dann blieb noch die Frage, ob die Priester bei ihrem Opfer ebenso sorgsam wachten, wie die Soldaten am Eingang des Tempels.

Nach einer letzten Beredung machte sich der Führer auf den Weg, gefolgt von Herrn Fogg, Sir Francis und Passepartout. Sie machten einen ziemlichen Umweg, um der Pagode von hinten beizukommen.

Etwa um halb eins kamen sie, ohne Jemand zu begegnen, am Fuß der Mauer an. Auf dieser Seite waren keine Wachen aufgestellt, aber es waren da auch weder Thür noch Fenster.

Es war dunkle Nacht. Der Mond, damals im letzten Viertel, stieg eben, von dichtem Gewölk umgeben, am Horizont auf. Die hohen Baume vermehrten noch die Dunkelheit.

Aber daß man sich am Fuße der Mauer befand, reichte nicht hin, man mußte auch eine Oeffnung hineinbrechen. Dafür waren Phileas Fogg und seine Genossen mit gar keinem Werkzeuge versehen, als ihren Taschenmessern. Zum Glück waren die Mauern des Tempels nur aus Ziegelstein, in Verbindung mit Holz gebaut, so daß es nicht schwer war, ein Loch einzubohren. War einmal ein Ziegelstein herausgenommen, so gings mit den anderen noch leichter.

Man machte sich so still wie möglich ans Werk. Auf der einen Seite der Parse, auf der andern Passepartout, entkitteten die Ziegelsteine dergestalt, daß sie ein zwei Fuß breites Loch bekamen.

Die Arbeit schritt vor, als ein Geschrei im Innern des Tempels sich vernehmen ließ, das von außen sogleich erwidert wurde.

Die beiden Arbeiter hielten inne. Hatte man sie entdeckt? Machte man Lärm? Die gewöhnlichste Klugheit rieth, sich zu entfernen, und sie thatens mit Phileas Fogg und Sir Francis Cromarty. Sie duckten sich abermals unters Gehölz, in Erwartung, daß der Lärm sich wieder legen würde, um dann von Neuem ans Werk zu gehen. Aber zu allem Unglück wurden an jener Stelle der Pagode Wachen aufgestellt, die jede Annäherung unmöglich machten.

Unbeschreiblich war die Verlegenheit der vier Männer, als sie sich bei ihrem Werk gehemmt sahen. Wie konnten sie das Opfer retten, da sie nicht zu ihm gelangen konnten? Sir Francis Cromarty benagte sich die Finger. Passepartout war außer sich, und der Führer konnte ihn kaum beschwichtigen. Phlegmatisch wartete Herr Fogg ab ohne seine Gefühle kund zu geben.

»Es bleibt uns nichts, als abzuziehen? fragte leise der Brigadegeneral.

– Warten Sie, sagte Fogg. Ich brauche erst morgen vor zwölf Uhr in Allahabad zu sein.

– Aber worauf hoffen Sie? erwiderte Sir Francis Cromarty. In einigen Stunden wirds Tag sein, und ...

– Die günstige Gelegenheit kann sich noch im letzten Augenblicke ergeben.«

Der Brigadegeneral hätte gewünscht in Phileas Foggs Augen lesen zu können.

Worauf rechnete der kaltblütige Engländer? Wollte er im Moment des Todes sich auf die junge Frau losstürzen und sie ihren Henkern offen entreißen?

Das wäre Wahnsinn gewesen; und war wohl anzunehmen, daß dieser Mann zu solchem Wahnsinn gediehen sei? Dennoch willigte Sir Francis Cromarty ein, bis zur Entwicklung dieser schrecklichen Szene zu warten. Doch ließ der Führer seine Gefährten nicht an dem Orte, wohin sie sich geflüchtet hatten, und führte sie an die vordere Seite der Lichtung. Hier konnten sie von einem Gebüsche verdeckt die eingeschlafenen Gruppen beobachten.

Inzwischen trug sich Passepartout, der hoch auf den Zweigen eines Baumes saß, mit einem Gedanken, der erst wie ein Blitz seinen Geist durchzuckte und endlich in seinem Kopfe sich festsetzte.

Anfangs hatte er zu sich gesagt: »Wie toll!« und jetzt sagte er wiederholt: »Warum nicht, allem Anschein nach? Ein möglicher Weg, vielleicht der einzige, und bei so viehdummem Volke! ...«

Jedenfalls gab Passepartout damals seinen Gedanken keine andere Form, aber er glitt flink wie eine Schlange unverweilt auf die unteren Zweige des Baumes, deren Enden sich bis zum Boden hinabbogen.

Die Stunden verflossen, und bald verkündigte Dämmerungsschein den Anbruch des Tages. Doch wars noch völlig finster. Dies war der bestimmte Zeitpunkt. Gleich einer Auferstehung erhoben sich die Massen aus dem Schlafe, die Gruppen belebten sich; Tam-Tamschläge, lautes Geschrei und Gesang ertönten. Es war die Todesstunde der Unglücklichen gekommen.

In der That, die Pforten der Pagode öffneten sich, und es strahlte ein helleres Licht aus dem Innern heraus. Herr Fogg und Sir Francis Cromarty konnten in heller Beleuchtung wahrnehmen, wie zwei Priester das Opfer herausschleppten. Es kam ihnen sogar vor, als bemühe sich die Unglückliche, im äußersten Drange der Selbsterhaltung die Betäubung abschüttelnd, ihren Henkern zu entrinnen. Sir Francis Cromarty, dem das Herz zerspringen wollte, faßte mit krampfhafter Bewegung Phileas Foggs Hand, und fühlte, daß diese Hand ein Messer gezückt hielt.

In dem Augenblicke setzte sich die Masse in Bewegung. Die junge Frau war in die durch hanfrauch erzeugte Erstarrung zurückgesunken. Sie schritt mitten durch die Fakir, welche sie mit frommem Geschrei umgaben.

Phileas Fogg und seine Genossen schlossen sich im Gedränge den hintersten Reihen der Masse an.

Nach zwei Minuten gelangten sie an den Rand des Baches, und hielten keine fünfzig Schritte von dem Scheiterhaufen an, worauf der Leichnam des Rajah lag. Im Halbdunkel sahen sie das Opfer regungslos neben der Leiche ihres Gemahls liegen.

Darauf wurde mit einer Fackel das ölgetränkte Holz angezündet, das sogleich in heller Flamme loderte.

In dem Moment wollte Phileas Fogg, von edelmüthigem Wahnsinn getrieben, auf den Scheiterhaufen zustürzen, doch Francis Cromarty und der Führer hielten ihn zurück ...

Phileas Fogg stieß sie von sich – da änderte sich plötzlich die Scene. Ein Schrei des Entsetzens ward vernommen, und die gesammte Menge warf sich in Bestürzung zu Boden.

Der alte Rajah war also nicht todt? Man sah ihn plötzlich wie ein Gespenst sich aufrichten und die junge Frau in den Armen vom Scheiterhaufen herab, einer Geistererscheinung vergleichbar, mitten durch die Dampfwolken schreiten. Die Fakir, die Leibwächter, die Priester hatten sich, von plötzlichem Schrecken befallen, zu Boden geworfen, wagten nicht ihr Angesicht aufzurichten, um ein solches Wunder zu schauen!

Leblos lag das Opfer in den kräftigen Armen, die es trugen. Herr Fogg und Sir Francis Cromarty waren stehen geblieben, der Parse hatte den Kopf gesenkt, und Passepartout war ohne Zweifel nicht minder erstaunt!

Der Wiederauferstandene kam so in die Nähe der Stelle, wo Herr Fogg und Sir Francis Cromarty sich befanden, und hier sprach er mit leiser Stimme:

»Nun eilen wir wohl! ...«

Passepartout selbst wars, der mitten durch den dichten Qualm zum Scheiterhaufen gedrungen war! Passepartout hatte unterm Schutz des noch herrschenden Dunkels die junge Frau vom Tode errettet! Passepartout, der seine Rolle mit dem Glücke des Kühnen spielte, schritt mitten durch die vom Schrecken gelähmte Menge.

In einem Augenblicke waren sie alle vier im Gehölz verschwunden, und der Elephant trabte mit ihnen rasch von dannen. Aber Geschrei und Geheul, und selbst eine Kugel, die durch Phileas Foggs Hut drang, gaben zu erkennen, daß man den listigen Streich entdeckt hatte.

Wirklich, als der Scheiterhaufen in hellen Flammen stand, sah man darin den Leichnam des alten Rajah.

Die Priester erholten sich von ihrem Schrecken und merkten nun, daß eine Entwendung stattgefunden hatte.

Sie stürzten über Hals und Kopf in den Wald, gefolgt von den Leibwächtern. Dieselben schossen ihre Gewehre ab, aber die Räuber waren bereits auf rascher Flucht, und befanden sich bald weit voraus, daß weder Kugeln noch Pfeile sie erreichen konnten.

< Zwölftes Capitel.
Vierzehntes Capitel. >



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