Frei Lesen: Reise um die Erde in 80 Tagen

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Jules Verne

Reise um die Erde in 80 Tagen

Zwanzigstes Capitel.

eingestellt: 5.7.2007



Während dieser Scene, die vielleicht so große Gefahr in nahem Gefolge hatte, ging Herr Fogg in Begleitung von Mrs. Aouda in den Straßen der englischen Stadt spazieren. Seit dieselbe sein Erbieten, sie bis nach Europa zu bringen, angenommen hatte, mußte er an verschiedene weitere Reisebedürfnisse denken. Daß ein Engländer seiner Art mit einem Reisesacke in der Hand eine Rundreise um die Erde herum mache, geht wohl an; aber eine Frau konnte es nicht ebenso. Herr Fogg entledigte sich dieser Aufgabe mit der ihm eignen Seelenruhe, und hatte auf alle Entschuldigungen oder Einwände der jungen Witwe, die durch so viele Gefälligkeiten sich beschämt fühlte, nur die einzige Erwiderung:

»Es ist zum Vortheil meiner Reise, es liegt in meinem Programm.«

Als die Einkäufe gemacht waren, kehrten Herr Fogg und die junge Frau in das Hotel zurück, und speisten an der table dhôte die köstlichen Gerichte. Darauf begab sich Mrs. Aouda, die etwas müde war, in ihr Gemach, nachdem sie ihrem gemüthsruhigen Retter »auf englisch« die Hand gedrückt.

Den ganzen übrigen Theil des Abends war der ehrenwerthe Gentleman in die Lectüre der »Times« und der »Illustrated London News« vertieft.

Wäre er im Stande gewesen, über irgend etwas in Staunen zu gerathen, so mußte es der Umstand sein, daß er zur Zeit des Schlafengehens seinen Diener nicht erscheinen sah. Aber da er wußte, daß das Packetboot nach Yokohama nicht vor dem folgenden Morgen von Hongkong abging, machte es ihm weiter keine Gedanken. Als er am folgenden Morgen anläutete, ließ Passepartout sich nicht sehen.

Was der ehrenwerthe Gentleman dachte, als er erfuhr, daß sein Diener nicht ins Hotel zurückgekehrt war, hätte Niemand sagen können. Herr Fogg nahm seinen Reisesack, ließ Mrs. Aouda benachrichtigen und schickte nach einem Palankin.

Es war damals acht Uhr, und die Höhe der Fluth, welche der Carnatic benutzen sollte, um aus dem Seegat herauszukommen, war auf halb zehn angesagt.

Als der Palankin an dem Thore des Hotels ankam, stiegen Herr Fogg und Mrs. Aouda in dies bequeme Beförderungsmittel ein, und das Gepäck fuhr auf einem Schubkarren hinterdrein.

Nach einer halben Stunde stiegen die Reisenden an dem Einschiffungsquai aus, und erfuhren hier, daß der Carnatic bereits am Abend zuvor abgefahren sei.

Herr Fogg, welcher darauf gerechnet hatte, das Packetboot und seinen Diener miteinander zu finden, mußte nun auf beide verzichten. Aber man sah kein Zeichen von Aergerlichkeit auf seinem Angesicht, und da Mrs. Aouda ihn mit Besorgniß ansah, sagte er nur:

»Es ist ein Zwischenfall, Madame, nichts weiter.«

In diesem Augenblicke trat ein Mann, der ihm mit Aufmerksamkeit zugesehen hatte, zu ihm heran. Es war der Polizei-Agent Fix. Derselbe grüßte ihn und sprach:

»Sind Sie nicht, mein Herr, einer der gestern hier angekommenen Passagiere des Rangoon.

– Ja, mein Herr, erwiderte Herr Fogg frostig, aber ich habe nicht die Ehre ...

– Verzeihen Sie, ich glaubte Ihren Diener hier zu treffen.

– Wissen Sie, wo er ist, mein Herr, fragte hastig die junge Frau.

– Wie? versetzte Fix, der sich überrascht stellte, ist er nicht bei Ihnen?

– Nein, erwiderte Mrs. Aouda. Seit gestern ist er nicht wieder nach Hause gekommen. Sollte er ohne uns an Bord des Carnatic abgefahren sein?

– Ohne Sie, Madame? sagte der Agent. Aber, entschuldigen Sie meine Frage, Sie rechneten also darauf, mit diesem Boote zu reisen?

– Ja, mein Herr.

– Ich auch, Madame, und bin nun in großer Verlegenheit. Der Carnatic ist, als seine Reparaturen fertig waren, zwölf Stunden früher von Hongkong abgefahren, ohne Jemand davon Kenntniß zu geben, und jetzt muß man acht volle Tage warten, bis wieder ein Boot abfährt!«

Bei diesen Worten: »acht Tage«, jubelte Fix in seinem Herzen. Herr Fogg acht Tage in Hongkong aufgehalten!

Nun wäre Zeit genug für Eintreffen des Verhaftsbefehles. Kurz, es waren gute Aussichten für den Repräsentanten des Gesetzes.

Wie fühlte er sich da zu Boden geschmettert, als er Phileas Fogg mit gelassener Stimme sagen hörte:

»Es giebt ja, dünkt mir, noch andere Schiffe, außer dem Carnatic, im Hafen von Hongkong.«

Und Herr Fogg bot Mrs. Aouda seinen Arm, und begab sich mit ihr zu den Docks, um ein zum Abfahren gerüstetes Schiff zu suchen.

Fix folgte voll Bestürzung. Er war, schiens, wie mit einem Faden an ihn gebunden.

Doch schien das Glück seinen Günstling, dem es bisher so dienstbar gewesen, wirklich im Stiche lassen zu wollen.

Drei Stunden lang lief Phileas Fogg in allen Richtungen den Hafen auf und ab, um nöthigenfalls ein Fahrzeng bis nach Yokohama auf eigne Kosten in Miethe zu nehmen; aber er sah nur im Auf- oder Abladen begriffene Schiffe, die folglich nicht reisefertig sein konnten. Da bekam Fix wieder Hoffnung.

Doch verlor Herr Fogg seine Fassung nicht, und war im Begriff, bis nach Macao hin weiter zu forschen, als ein Bootsmann zu ihm trat.

»Ew. Gnaden suchen ein Fahrzeug? fragte der Mann und zog den Hut ab.

– Haben Sie ein Boot reisefertig? fragte Herr Fogg.

– Ja, Ew. Gnaden, ein Lootsenboot Nr. 43, das beste von allen im Hafen.

– Fährt es rasch?

– Acht bis neun Meilen, beiläufig. Wollen Sies sehen?

– Ja.

– Ew. Gnaden werden zufrieden sein. Ists für eine Spazierfahrt im Meer?

– Nein, für eine Reise.

– Eine Reise?

– Können Sies übernehmen, mich nach Yokohama zu bringen?«

Bei diesen Worten ließ der Bootsmann die Arme sinken, riß die Augen weit auf.

»Ew. Gnaden belieben zu scherzen? sagte er.

– Nein! Ich habe die Abfahrt des Carnatic verfehlt, und ich muß am 14. spätestens zu Yokohama sein, um auf das Packetboot nach San- Francisco zu kommen.

– Es thut mir leid, erwiderte der Lootse, aber dies geht nicht an.

– Ich biete Ihnen hundert Pfund täglich, und eine Prämie von zweihundert Pfund, wenn ich zeitig anlange.

– Ist das ernst gemeint? fragte der Lootse.

– Ganz ernstlich«, erwiderte Herr Fogg.

Der Pilot ging bei Seite, schaute auf das Meer hin, offenbar im Kampf zwischen der Begierde, eine so enorme Summe zu verdienen, und der Besorgniß, sich zu weit zu wagen. Fix schwebte in Todesängsten.

Unterdessen wendete sich Herr Fogg wieder zu Mrs. Aouda.

»Werden Sie keine Angst haben? Madame, fragte er sie.

– In Ihrer Gesellschaft nicht, Herr Fogg«, versetzte die junge Frau.

Der Lootse kam wieder zu dem Gentleman, drehte seinen Hut in den Händen.

»Nun, Pilot? fragte Herr Fogg.

– Ei nun, Ew. Gnaden, erwiderte der Pilot, ich kann weder meine Leute, noch mich, noch Sie selbst durch eine so weite Fahrt auf einem Boot von kaum zwanzig Tonnen, und zu dieser Jahreszeit, der Gefahr aussetzen. Uebrigens würden wir nicht mehr zu rechter Zeit ankommen, denn von Hongkong bis Yokohama sind es sechzehnhundertundfünfzig Meilen.

– Nur sechzehnhundert, sagte Herr Fogg.

– Das macht nichts aus.«

Fix athmete wieder auf.

»Aber, fuhr der Pilot fort, es gäbe vielleicht ein Mittel, es anders einzurichten.«

Dem Fix ging der Athem wieder aus.

– Wie denn? fragte Phileas Fogg.

– Wenn es nach Nangasaki ginge, an der Südspitze Japans, elfhundert Meilen, oder nach Schangai, achthundert Meilen von Hongkong. Dann würde man sich in der Nähe der chinesischen Küste halten, ein großer Vortheil, zumal da die Windströmung nordwärts treibt.

– Pilot, versetzte Phileas Fogg, zu Yokohoma muß ich auf das amerikanische Postschiff, und nicht zu Schangai oder Nangasaki.

– Warum nicht? versetzte der Lootse. Das Packetboot nach San Francisco fährt nicht von Yokohama, sondern von Schangai aus, und Yokohama, wie Nangasaki, sind nur Anhalteplätze.

– Sind Sie dessen gewiß?

– Ganz sicher.

– Und wann fährt das Packetboot von Schangai ab?

– Am 11. um sieben Uhr Abends. Also haben wir noch vier Tage Zeit dafür. Vier Tage machen sechsundneunzig Stunden, und haben wir tüchtige Mannschaft, Südostwind und ruhiges Meer, so können wir bei durchschnittlich acht Meilen die Stunde die achthundert Meilen bis Schangai schon fertig bringen.

– Und wann können Sie abfahren? ...

– In einer Stunde. Soviel bedarfs noch, um Lebensmittel zu kaufen und segelfertig zu machen.

– Abgemacht! Sind Sie der Schiffsherr?

– Ja, John Bunsby, Patron der Tankadère.

– Wollen Sie Draufgeld?

– Wenns Ew. Gnaden beliebt.

– Hier zweihundert Pfund abschläglich ... Mein Herr, sprach sodann Phileas Fogg zu Fix, wenn Sie die Gelegenheit benutzen wollen ...

– Mein Herr, versetzte Fix entschlossen, eben wollte ich mir diese Gunst ausbitten.

– Gut. In einer halben Stunde sind wir an Bord.

– Aber der arme Bursche ... sagte Mrs. Aouda, welche über das Verschwinden Passepartouts sehr besorgt war.

– Ich werde das Mögliche für ihn thun«, erwiderte Phileas Fogg.

Und während Fix in fieberhafter Nervenaufregung und wüthendem Zorn das Lootsenboot bestieg, begaben sich Beide auf das Polizeibureau zu Hongkong. Hier gab Phileas Fogg Passepartouts Signalement auf, und legte eine hinreichende Summe nieder, um ihn wieder heim zu bringen. Dasselbe geschah bei dem französischen Consular-Agenten; der Palankin nahm sodann im Hotel das Gepäck auf und brachte die Reisenden an den Hafenrand, wo das Lootsenboot Nr. 43, Mannschaft und Lebensmittel an Bord, Schlag drei Uhr segelfertig lag.

Die Tankadère war eine reizende kleine Goelette von zwanzig Tonnen Gehalt, vorn wohl zugespitzt, sehr schlank geformt, und langgestreckt in ihrer Wasserlinie. Man konnte sie für eine Jacht zur Wettfahrt halten. Sie war mit glänzendem Kupfer gedeckt, ihr Eisenwerk galvanisirt, ihr Verdeck weiß wie Elfenbein; und man sah wohl, daß ihr Patron John Bunsby sich darauf verstand, sie in gutem Zustande zu erhalten. Ihre beiden Maste neigten sich ein wenig nach hinten. Sie war mit Brigantin-, Fock- und Vorstagsegel versehen, und man konnte für den Wind von hinten ein Hilfssegel anbringen.

Sie mußte erstaunlich schnell fahren, und hatte in der That schon einigemal Preise bei den Wettfahrten der Lootsenfahrzeuge gewonnen.

Die Bemannung der Tankadère bestand aus dem Patron John Bunsby und vier Mann. Es waren kühne Bootsleute, wie sie sich jederzeit beim Aufsuchen von Schiffen Gefahren aussetzen, und zum Verwundern in diesen Meeren bekannt.

John Bunsby, etwa fünfundvierzig Jahre alt, kräftig, dunkel gebräunt, mit lebhaftem Blick, energischen Gesichtszügen, sicher und rüstig, hätte auch dem Verzagtesten Vertrauen eingeflößt.

Phileas Fogg und Mrs. Aouda stiegen an Bord. Fix befand sich schon da. Durch die hintere Lucke kam man in ein viereckiges Zimmer, dessen Wände über einem runden Divan sich zu Lagerstätten erweiterten. In der Mitte ein Tisch mit einer Hängelampe. Alles war eng, aber reinlich.

»Ich bedauere, daß ich Ihnen nichts Besseres anbieten kann«, sagte Herr Fogg zu Fix, der sich still verneigte.

Der Polizei-Agent fühlte sich ein wenig gedemüthigt, daß er so die Gefälligkeit des Herrn Fogg benutzte.

»Sicherlich, dachte er, ists ein sehr höflicher Schurke, aber ein Schurke ists immer!«

Zehn Minuten nach drei Uhr wurden die Segel aufgehißt, die englische Flagge aufgepflanzt. Die Passagiere saßen auf dem Verdeck; Herr Fogg und Mrs. Aouda warfen einen letzten Blick auf den Quai, um zu schauen, ob nicht Passepartout sich sehen ließe.

Fix war einigermaßen in Angst, denn der Zufall hätte den unglückseligen Burschen, welchen er so unwürdig behandelt hatte, dahin führen können, und dann wäre eine Enthüllung erfolgt, welche dem Detectiv nicht zu Gunsten gewesen wäre. Aber der Franzose war nicht zu sehen; ohne Zweifel lag er noch im Rausche des narkotischen Giftes.

Endlich gewann der Patron Bunsby die hohe See, und die Tankadère flog mit vollen Segeln über die Fluthen.

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Einundzwanzigstes Capitel. >



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