Frei Lesen: Reise um die Erde in 80 Tagen

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Jules Verne

Reise um die Erde in 80 Tagen

Achtundzwanzigstes Capitel.

eingestellt: 5.7.2007



Als der Zug die Salzseehauptstadt und die Station Ogden hinter sich hatte, lief er eine Stunde lang nordwärts bis zum Weberfluß, nachdem er von San Francisco aus etwa neunhundert Meilen zurückgelegt hatte. Von diesem Punkt an nahm er wieder östliche Richtung durch den unregelmäßigen Hauptstock des Wahsatchgebirges. An dieser Strecke zwischen diesen Bergen und dem eigentlichen Felsengebirge hatten die amerikanischen Ingenieure mit den ernstlichsten Schwierigkeiten zu kämpfen. Darum ist auch der Zuschuß, welchen die Staatsregierung für Herstellung der Bahn gewährte, an der ganzen Strecke auf achtundvierzigtausend Dollars per Meile angesetzt worden, während er auf der Ebene nur sechzehntausend Dollars beträgt; aber die Ingenieure haben, wie bereits gesagt, nicht der Natur Gewalt anthun wollen, vielmehr mit ihr wetteifernd die Schwierigkeiten zu umgehen gesucht, und um das große Thalbecken zu erreichen, ist auf der gesammten Bahnstrecke nur ein einziger Tunnel, in der Länge von vierzehntausend Fuß, angelegt worden.

Eben am Salzsee hatte bis dahin die Linie ihren höchsten Punkt erreicht. Von diesem aus beschrieb ihr Profil eine sehr lange Curve abwärts nach dem Thal des Bitter-Creek, um dann wieder aufzusteigen bis zur Wasserscheide zwischen dem Atlantischen und Stillen Ocean. In dieser Gebirgsgegend waren die Bergströme zahlreich; man mußte den Muddy, den Green und andere überbrücken. Passepartout wurde im Verhältnis, wie man dem Ziel näher kam, ungeduldiger; aber Fix wäre gern wieder aus dieser schwierigen Gegend herausgewesen, weil er Verspätungen besorgte, Unfälle befürchtete, und er hatte noch mehr als Phileas Fogg selbst Eile, auf englisches Gebiet zu kommen!

Um zehn Uhr Abends hielt der Zug bei der Station Fort-Bridger, verließ dieselbe wieder alsbald und kam zwanzig Meilen weiter in den Staat Wyoming, – das alte Dakota – längs dem ganzen Thalweg des Bitter-Creek, von wo aus ein Theil der Gewässer fließt, welche das hydrographische System des Colorado bilden.

Am folgenden Tage, den 7. December, wurde bei der Station Green-River eine Viertelstunde gehalten. Die Nacht über war reichlich Schnee gefallen, aber da er, mit Regen vermischt, schon halb geschmolzen war, konnte er die Fahrt nicht hemmen. Doch wurde Passepartout unruhig über dies schlimme Wetter, weil durch Häufung des Schnees eine Hemmung der Reise eintreten konnte.

»Was dachte denn auch mein Herr, sprach er bei sich, daß er die Reise im Winter vornahm! Hätte er nicht bei guter Jahreszeit weit bessere Aussichten auf Erfolg gehabt?«

Aber in diesem Augenblick, wo der brave Bursche sich nur über die Beschaffenheit der Witterung und der niedrigen Temperatur Gedanken machte, empfand Mrs. Aouda lebhafte Besorgnisse aus einem andern Grunde.

Es waren einige Reisende ausgestiegen und spazierten auf dem Quai des Bahnhofes von Green-River, bis der Zug wieder weiter ging. Da sah nun die junge Frau durch das Fenster und erkannte unter den Spazierenden den Oberst Stamp Proctor, jenen Amerikaner, welcher bei dem Meeting zu San Francisco sich so gröblich gegen Phileas Fogg benommen hatte. Mrs. Aouda zog sich, um nicht bemerkt zu werden, rasch vom Fenster zurück.

Dieser Umstand beunruhigte die junge Frau in hohem Grade. Sie hatte sich an den Mann angeschlossen, der, so kühl er auch war, ihr doch jeden Tag die vollständigste Hingebung zu erkennen gab. Ohne Zweifel war ihr die ganze Tiefe des Gefühls, welches ihr Retter ihr einflößte, noch nicht faßlich; sie nannte es nur noch Dankbarkeit, aber ohne daß sies wußte, umfaßte es bereits weit mehr als dies. Darum wurde ihr auch das Herz beklommen, als sie den ungeschliffenen Mann erkannte, mit welchem Herr Fogg früher oder später über sein Verhalten abrechnen wollte. Offenbar war der Oberst Proctor nur durch Zufall auf diesen Zug gekommen, aber er war nun einmal da, und man mußte um jeden Preis verhindern, daß Phileas Fogg seinen Gegner zu Gesicht bekam.

Als der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt, benutzte Mrs. Aouda einen Augenblick, wo Herr Fogg eingeschlafen war, um Fix und Passepartout in Kenntniß zu setzen.

»Dieser Proctor ist beim Zug! rief Fix. Nun, so beruhigen Sie sich, Madame, ehe er mit Herrn Fogg zu thun bekommt, wird er es mit mir zu thun haben! Es scheint mir, bei alledem, daß ich das schwerste Unrecht erlitten habe.

– Und dazu noch, fügte Passepartout hinzu, mache ich mir mit ihm zu schaffen, trotzdem daß er Oberst ist.

– Herr Fix, versetzte Mrs. Aouda, Herr Fogg wird es Niemand zukommen lassen, ihn zu rächen. Er ist, wie er gesagt hat, fähig, wieder nach Amerika zu kommen, um den Beleidiger aufzusuchen. Wenn er also den Oberst Proctor bemerkt, können wir nicht hindern, daß er mit ihm zu thun bekommt, was beklagenswerthe Folgen haben kann. Darum darf er ihn nicht sehen.

– Sie haben Recht, Madame, ein Zusammentreffen könnte alles verderben. Sieger oder besiegt, Herr Fogg würde dadurch aufgehalten, und ...

– Und, setzte Passepartout hinzu, darum ist es den Gentlemen des Reformclubs zu thun. Binnen vier Tagen sind wir zu New-York! Wenn nun mein Herr wahrend der vier Tage nicht aus seinem Waggon kommt, läßt sich hoffen, daß der Zufall ihn nicht mit diesem verdammten Amerikaner zusammen bringen wird. Aber wir werden ihn schon abzuhalten verstehen ...«

Die Unterhaltung wurde abgebrochen. Herr Fogg war aufgewacht, und schaute durch das beschneite Fenster auf das Feld hinaus. Aber später, und ohne daß sein Herr Fogg oder Mrs. Aouda es hörte, sprach Passepartout zu dem Agenten:

»Würden Sie wirklich sich für ihn schlagen?

– Ich werde alles aufbieten, ihn lebend nach Europa zu bringen!« erwiderte einfach Fix, mit entschiedenem Ton.

Passepartout fühlte, daß ihn ein Schaudern überlief; aber seine Ueberzeugung in Beziehung auf seinen Herrn wankte nicht.

Und jetzt, gab es wohl ein Mittel, um Herrn Fogg in seiner Wagenabtheilung festzuhalten, damit er von jedem Zusammentreffen mit dem Oberst abgehalten würde? Es konnte nicht schwer fallen, da der Gentleman kein unruhiger Kopf und wenig neugierig war. Jedenfalls glaubte der Polizei-Agent das Mittel gefunden zu haben, denn nach einer kleinen Weile sprach er zu Phileas Fogg:

»Die Stunden hier auf der Eisenbahn sind doch recht lang und langweilig.

– In der That, erwiderte der Gentleman, aber sie gehen doch vorüber.

– An Bord der Packetboote, versetzte der Agent, pflegten Sie Ihr Spielchen Whist zu machen?

– Ja, erwiderte Phileas Fogg, aber hier wäre das schwierig. Ich habe weder Karten, noch Mitspieler.

– O! Karten werden wir schon zu kaufen bekommen. Auf den amerikanischen Waggons giebt es alles zu kaufen. Und was Mitspieler betrifft, wenn vielleicht, Madame ...

– O gewiß, mein Herr, erwiderte lebhaft die junge Frau, ich verstehe Whist. Es gehört ja zur englischen Erziehung.

– Und ich, fuhr Fix fort, bilde mir sogar ein, gut zu spielen. Nun, also wir drei und ein Strohmann...

– Nach Ihrem Belieben«, mein Herr, erwiderte Phileas Fogg, der froh war, sein Lieblingsspiel selbst auf der Eisenbahn zu spielen.

Passepartout wurde abgeschickt, den Stewart aufzusuchen, und brachte bald zwei vollständige Kartenspiele, Marken und ein mit Tuch beschlagenes Tischchen. Es fehlte nichts, und das Spiel nahm gleich seinen Anfang. Mrs. Aouda verstand Whist zu Genüge, so daß ihr der strenge Phileas Fogg sogar darüber Komplimente machte. Der Polizei-Agent war besonders stark darin, und konnte dem Gentleman die Spitze bieten.

»Jetzt, sprach Passepartout zu sich selbst, haben wir ihn fest!«

Um elf Uhr Vormittags befand sich der Zug auf dem Höhepunkt der Wasserscheide zwischen den beiden Oceanen, zu Passe-Bridger, siebentausendfünfhundertvierundzwanzig Fuß über dem Meeresspiegel. Noch etwa zweihundert Meilen, dann befand man sich auf den weit ausgedehnten, bis zum Atlantischen Meere reichenden Ebenen, welche der Anlage von Eisenbahnen so günstig sind.

Bereits kamen die ersten Quellflüsse der Atlantischen Abdachung zum Vorschein, Neben- und Zuflüsse des obern Platte-River. Am ganzen nördlichen und östlichen Horizont ragte der ungeheure halbkreisförmige Mittelwall, welcher den nördlichen Theil des Felsengebirges bildet, der vom Pic Laramie beherrscht wird. Zwischen diesem krummen Höhenzug und der Eisenbahn breiteten sich ungeheure, reichlich von Gewässern durchströmte Ebenen aus. Rechts von dem Schienenweg stuften sich die ersten Abhänge des Hauptgebirgsstocks ab, welcher im Süden bis zu den Quellen des Arkansas, einem der großen Nebenflüsse des Missouri, reicht.

Um halb eins bekamen die Reisenden einen Augenblick das Fort Halleck zu sehen, welches diese Gegend beherrscht. In einigen Stunden konnte man über das Felsengebirge hinaus sein, und es stand zu hoffen, daß kein Unfall mehr auf dieser schwierigen Stelle vorkommen werde. Der Schneefall hatte aufgehört, und es trat trockene Kälte ein. Von der Locomotive aufgescheucht, entflohen weithin die Vögel; kein Rothwild, Bär oder Wolf, zeigte sich auf der Ebene, einer kahlen Einöde von ungeheurer Ausdehnung.

Nach einem erquicklichen, im Bahnwagen eingenommenen Frühstück hatten Herr Fogg und seine Spielgenossen eben ihr Whist, das kein Ende nehmen wollte, wieder begonnen, als man heftiges Pfeifen vernahm. Der Zug hielt an.

Passepartout steckte den Kopf zum Fenster hinaus, und sah nichts, was zu diesem Anhalt veranlaßt haben konnte. Keine Station war zu sehen.

Mrs. Aouda und Fix mochten eine Weile befürchten, Herr Fogg werde auf den Gedanken kommen, auszusteigen. Aber der Gentleman sagte nur zu seinem Diener:

»Sehen Sie doch, was es giebt.«

Passepartout sprang aus dem Waggon. Bei vierzig Reisende waren ebenfalls ausgestiegen, darunter der Oberst Stamp Proctor.

Der Zug hatte vor einem rothen Signalzeichen eingehalten, welches den Weg sperrte. Der Maschinist und der Conducteur waren ausgestiegen und disputirten lebhaft mit einem Bahnwärter, welchen der Bahnhofdirector der Station Medecine-Bow dem Zug entgegengeschickt hatte. Einzelne der Reisenden hatten sich dazugesellt und nahmen an dem Disput Theil, – unter andern der gedachte Oberst Proctor mit seinem lauten Ton und gebieterischen Geberden.

Passepartout hörte, als er zu der Gruppe kam, wie der Bahnwärter sprach:

»Nein! Es ist nicht möglich hinüberzukommen! Die Brücke von Medecine-Bow ist schadhaft und verträgt nicht mehr das Gewicht des Zugs.«

Die fragliche Brücke war eine Hängebrücke über einen reißenden Bergstrom, eine Meile von der Stelle entfernt, wo der Zug stehen geblieben war. Nach Aussage des Bahnwärters waren einige der Hängeketten zersprungen, und man durfte ein Darüberfahren nicht riskiren.

Es war das gar keine Übertreibung. Und zudem bei der gewöhnlichen Fahrlässigkeit der Amerikaner kann man annehmen, daß, wenn sie wirklich einmal vorsichtig sind, man wahnsinnig wäre, wollte man es nicht sein.

Da Passepartout nicht wagte, seinem Herrn davon Kenntniß zu geben, so hörte er mit grimmiger Miene zu, unbeweglich wie eine Statue.

»Ei was! schrie der Oberst Proctor, wir werden doch nicht, denk ich, hier im Schnee einwurzeln!

– Oberst, versetzte der Conducteur, man hat nach der Station Omaha telegraphirt, um einen Extrazug von dort aus, aber es ist nicht wahrscheinlich, daß er vor sechs Uhr zu Medecine-Bow ankommt.

– Sechs Uhr! rief Passepartout.

– Allerdings, erwiderte der Conducteur. Uebrigens brauchen wir auch soviel Zeit, um zu Fuß bis zur Station zu kommen.

– Doch ist sie nur eine Meile von uns entfernt, sagte ein Passagier.

– Eine Meile wohl, aber von der andern Seite des Flusses aus.

– Und kann man denn nicht auf einem Fahrzeug über den Fluß kommen? fragte der Oberst.

– Unmöglich. Es ist ein reißender Bergstrom, dessen Wasser vom Regen angeschwollen ist, und um eine Furth zu finden, müßten wir einen Umweg von zehn Meilen nordwärts machen.«

Der Oberst schleuderte eine Kette von Flüchen über die Compagnie, den Conducteur, und Passepartout war zornig bereit, in seine Tonart einzustimmen. Hier war ein materielles Hinderniß, gegen welches alle Banknoten seines Herrn nichts halfen.

Uebrigens war die Verlegenheit und Unlust der Reisenden allgemein; denn außer dem Zeitverlust mußten sie fünfzehn Meilen zu Fuß über den schneebedeckten Boden machen. Daher gab es auch ein Durcheinander von Schreien und Rufen, das sicherlich Phileas Fogg aufmerksam gemacht hätte, wäre er nicht ganz in sein Spiel versunken gewesen.

Doch war Passepartout jetzt genöthigt, ihm Mittheilung zu machen, und er ging schon mit gesenktem Kopf auf den Waggon zu, als der Maschinist des Zugs – ein echter Yankee, Forster mit Namen – seine Stimme erhob, und sprach:

»Meine Herren, vielleicht giebt es ein Mittel hinüberzukommen.

– Ueber die Brücke? fragte ein Passagier.

– Ja wohl.

– Mit unserm Zug? fragte der Oberst.

– Mit unserm Zug.«

Passepartout war stehen geblieben, hörte mit gespitzten Ohren dem Maschinisten zu.

»Aber die Brücke droht einzustürzen! versetzte der Conducteur.

– Einerlei, erwiderte Forster. Ich meine, wenn man den Zug mit höchstmöglicher Schnelligkeit in Bewegung setzte, könnte man doch hinüber kommen.

– Teufel!« sagte Passepartout.

Aber eine Anzahl der Reisenden war gleich für den Vorschlag gewonnen; besonders der Oberst Proctor war damit zufrieden. Und schließlich stimmten alle Betheiligten demselben bei.

»Wir könnten fünfzig gegen hundert wetten, daß wir hinüber kommen, sagte der Eine.

– »Sechzig, sagte der Andere.

– Achtzig! ... Neunzig gegen hundert!«

Passepartout war ganz verdutzt, obwohl er Alles zu versuchen bereit war, um über den Medecinefluß zu kommen, aber das Vorhaben kam ihm doch allzu »amerikanisch« vor.

»Uebrigens, dachte er, was hier geschehen muß, ist eine sehr einfache Sache, und diese Leute denken nicht einmal daran! ... Mein Herr, sagte er zu einem der Passagiere, das von dem Maschinisten vorgeschlagene Mittel scheint mir etwas gewagt, allein ...

– Achtzig gegen hundert, erwiderte der Passagier, und kehrte ihm den Rücken zu.

– Ich weiß es wohl, erwiderte Passepartout, und wendete sich an einen andern Gentleman, aber eine einfache Erwägung ...

– Keine Erwägung, das taugt nichts! versetzte der Amerikaner mit Achselzucken; denn der Maschinist versichert, daß man hinüber kommt!

– Allerdings, fuhr Passepartout fort, wird man hinüber kommen, aber es wäre vielleicht vorsichtiger ...

– Was! vorsichtiger! rief der Oberst Proctor, den dies zufällig vernommene Wort außer sich brachte. Mit höchster Schnelligkeit! sagt man Euch! Verstehen Sie? Mit höchster Schnelligkeit!

– Ich weiß ... ich verstehe ... sagte Passepartout wiederholt, da man ihn nicht ausreden ließ; aber es wäre, wo nicht vorsichtiger, weil Sie diesen Ausdruck beanstanden, wenigstens viel natürlicher ...

– Wer? was? wie? Was will denn der mit seinem natürlich?« ... rief man von allen Seiten.

Der arme Junge wußte nicht mehr, bei wem er sich Gehör verschaffen könnte.

»Fürchten Sie sich? fragte ihn der Oberst Proctor.

– Ich, fürchten! rief Passepartout. Nun denn, meinetwegen! Ich will diesen Leuten zeigen, daß ein Franzose ebenso amerikanisch sein kann, wie sie!

– In die Wagen! in die Wagen! rief der Conducteur.

– Ja! in die Wagen, wiederholte Passepartout, in die Wagen! Und augenblicklich! Aber ich bleibe dabei, es wäre doch natürlicher, man ließe uns Passagiere zuerst zu Fuß über die Brücke gehen, und der Wagenzug folgte hinterdrein! ...«

Aber kein Mensch gab der gescheiten Bemerkung Gehör, und kein Mensch hätte Lust gehabt, ihre Richtigkeit anzuerkennen.

Die Reisenden stiegen wieder ein, Passepartout setzte sich wieder an seinen Platz, ohne von dem, was vorgegangen war, ein Wort zu sagen. Die Spieler waren unablässig bei ihrem Whist.

Die Locomotive pfiff gewaltig. Der Maschinist ließ seinen Wagenzug erst eine Meile weit zurückgehen, – wie einer, der einen Sprung machen will, einen Anlauf nimmt.

Dann, auf ein zweites Pfeifen, fuhr man wieder vorwärts, mit stets wachsender Schnelligkeit, die bald erschrecklich wurde, man hörte nur noch ein fortwährendes Wiehern aus der Locomotive; die Stempel gingen zwanzigmal in der Secunde; die Achsen der Räder rauchten in den geschmierten Radbüchsen. Man fühlte, sozusagen, daß der gesammte Wagenzug, bei einer Schnelligkeit von hundert Meilen die Stunde, auf den Schienen kein Gewicht mehr hatte.

Und man kam hinüber! Blitzschnell! Von der Brücke sah man nichts. Die Wagen sprangen, kann man wohl sagen, von einem Ufer zum andern hinüber, und der Maschinist konnte seine vorwärts geschleuderte Maschine erst fünf Meilen über der Station hinaus zum Anhalten bringen.

Kaum aber war der Wagenzug über den Fluß hinaus, als die nun völlig ruinirte Brücke krachend in den Strudel des Medecine-Bow hinabstürzte.

< Siebenundzwanzigstes Capitel.
Neunundzwanzigstes Capitel. >



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