Frei Lesen: Reise um die Erde in 80 Tagen

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Jules Verne

Reise um die Erde in 80 Tagen

Dreißigstes Capitel.

eingestellt: 5.7.2007



Drei Reisende, Passepartout darunter, waren verschwunden. Waren sie im Kampf gefallen? waren sie Gefangene? Man konnte es noch nicht wissen.

Viele waren verwundet, aber keiner tödtlich. Zu den Schwerverwundeten gehörte der Oberst Proctor, der sich tapfer geschlagen hatte und durch eine Kugel zu Boden gestreckt worden war. Sie wurden auf dem Bahnhof sogleich in Pflege genommen.

Mrs. Aouda war wohlbehalten. Phileas Fogg, obwohl er sich nicht geschont, hatte keinen Ritz. Fix war unbedeutend am Arm verwundet. Aber Passepartout fehlte, und die junge Frau vergoß Thränen um ihn.

Inzwischen hatten alle Reisenden den Zug verlassen. Die Räder der Waggons waren mit Blut befleckt, und Fleischklumpen hingen an den Naben und Speichen. Weithin auf der weißen Fläche sah man rothe Streifen. Die hintersten der Indianer verschwanden im Süden am Republican-River.

Herr Fogg stand mit gekreuzten Armen unbeweglich: es war eine wichtige Entschließung zu fassen. Mrs. Aouda, die neben ihm stand, blickte ihn an, ohne ein Wort zu sprechen ... Er verstand diesen Blick. War sein Diener gefangen, mußte man nicht Alles daran setzen, ihn den Indianern zu entreißen? ...

»Ich werde ihn wiederbekommen, todt oder lebenbig, sagte er einfach zu Mrs. Aouda.

– Ah! mein Herr! rief die junge Frau aus, faßte die Hände ihres Begleiters und bedeckte sie mit Thränen.

– Lebendig! fuhr Herr Fogg fort, wenn wir keine Minute verlieren!«

Mit diesem Entschluß setzte Phileas Fogg Alles daran. Er konnte seinen Ruin herbeiführen. Verspätete er sich um einen einzigen Tag, so verfehlte er das Packetboot zu New-York, und seine Wette war unrettbar verloren. Aber der Gedanke: »Es ist meine Pflicht!« ließ ihn nicht schwanken.

Der commandirende Hauptmann des Forts Kearney war zugegen. Seine Soldaten, etwa hundert Mann, waren im Vertheidigungszustand für den Fall, daß die Sioux den Bahnhof direct angegriffen hätten.

»Mein Herr, sagte Herr Fogg zu dem Capitän, drei Reisende sind verschwunden.

– Toht? fragte der Capitän.

– Toht oder gefangen, erwiderte Phileas Fogg. Die Ungewißheit darüber muß beseitigt werden. Wollen Sie die Sioux verfolgen?

– Das ist bedenklich, mein Herr, sagte der Capitän. Diese Indianer können bis über den Arkansas hinaus fliehen! Ich darf die anvertraute Feste nicht verlassen.

– Mein Herr, versetzte Phileas Fogg, es handelt sich um drei Menschenleben.

– Allerdings ... Aber kann ich fünfzig Leben einsetzen, um drei zu retten?

– Ich weiß nicht, ob Sies können, mein Herr, aber Ihre Pflicht ists.

– Mein Herr, erwiderte der Capitän, Niemand hier hat mich meine Pflicht zu lehren.

– Nun gut, sagte Phileas Fogg kalt. So werd ich allein gehen.

– Sie, mein Herr! schrie Fix, der herbeigekommen war, – Sie wollen allein die Indianer verfolgen!

– Meinen Sie denn, daß ich diesen Unglücklichen, welchem wir alle das Leben verdanken, zu Grunde gehen lasse. – Ich gehe.

– Nun denn, allein sollen Sie nicht gehen! rief der Kapitän, der sich der Rührung nicht erwehren konnte. Nein! Sie sind ein wackeres Herz! ... Dreißig Mann, die guten Willen haben!« fuhr er fort zu seinen Soldaten.

Die ganze Compagnie trat in Masse vor. Der Kapitän hatte nur auszuwählen. Es wurden dreißig dazu bestimmt, und ein alter Sergeant trat an ihre Spitze.

»Danke, Kapitän! sprach Herr Fogg.

– Gestatten Sie mir, Sie zu begleiten? fragte Fix den Gentleman.

– Thun Sie nach Belieben, mein Herr, erwiderte Phileas Fogg. Aber wollen Sie mir einen Gefallen erweisen, so bleiben Sie bei Mrs. Aouda. Sollte mir ein Unglück widerfahren ...«

Das Gesicht des Polizei-Agenten erblaßte. Sich von dem Manne trennen, welchen er mit soviel Ausdauer auf Schritt und Tritt verfolgt hatte! Ihn so sich in Gefahr begeben lassen! Fix sah dem Gentleman achtsam ins Angesicht, und trotz seiner vorgefaßten Meinung, trotz seines innern Kampfes schlug er die Augen nieder vor diesem ruhigen und offenen Blick.

»Ich bleibe zurück«, sprach er.

Nach einigen Augenblicken drückte Herr Fogg der jungen Frau die Hand, übergab ihr sodann seinen kostbaren Reisesack und machte sich mit dem Sergeanten und seiner kleinen Truppe auf den Weg.

Doch ehe sie gingen, sprach er zu den Soldaten:

»Meine Freunde, Sie bekommen tausend Pfund, wenn wir die Gefangenen retten!«

Es war damals einige Minuten über zwölf Uhr.

Mrs. Aouda hatte sich in ein Gemach des Bahnhofes zurückgezogen und wartete da einsam, in Gedanken an Phileas Fogg, seinen einfachen, großen Edelmuth, seinen ruhigen Muth. Herr Fogg hatte sein Vermögen daran gesetzt und jetzt wagte er sein Leben, und das Alles ohne Schwanken, aus Pflichtgefühl, ohne viel Worte. Phileas Fogg war ein Heros in ihren Augen.

Der Agent Fix hatte andere Gedanken, und konnte seiner lebhaften Bewegung nicht Meister werden. In fieberhafter Bewegung ging er auf dem Quai des Bahnhofes auf und ab. Bald war er wieder er selbst. Nun begriff er, wie thöricht es gewesen, ihn fort zu lassen. Wie? nachdem er diesem Manne um die Erde herum nachgefolgt, jetzt sich von ihm trennen! Er machte sich Vorwürfe, als wie der Polizeidirector der Hauptstadt einem Agenten.

»Wie war ich dumm! dachte er. Der andere wird ihm gesagt haben, wer ich bin! Jetzt ist er fort und wird nicht mehr wiederkommen! Aber wie hab ich mich nur so können bethören lassen, mit dem Verhaftsbefehl in der Tasche! Ich bin doch Wahrhaftig ein Rindvieh!«

Indessen flossen ihm die Stunden langsam; er wußte nicht, was er thun sollte. Manchmal hatte er Lust, der Mrs. Aouda Alles zu sagen; doch fiel ihm ein, die junge Frau würde dies übel aufnehmen. Er fing an muthlos zu werden und empfand große Lust, die ganze Partie aufzugeben. Die Gelegenheit dazu bot sich ihm bald dar.

Gegen zwei Uhr Nachmittags, während der Schnee in großen Flocken fiel, hörte man von Osten her langes Pfeifen. Ein enormer Schatten hinter einem gelben Schein kam langsam heran, und gewann im Nebel bedeutend vergrößert ein phantastisches Aussehen.

Doch erwartete man von Osten her noch keinen Zug. Der durch den Telegraphen begehrte Beistand konnte so bald noch nicht anlangen, und der Zug von Omaha nach San Francisco sollte erst am folgenden Tag vorüberkommen. Bald stellte sich heraus, wie es sich verhielt.

Die langsam heran kommende Locomotive war dieselbe, welche vom Zug abgetrennt mit erstaunlicher Schnelligkeit sammt dem Maschinisten und Heizer weiter gefahren war. Sie war noch einige Meilen auf den Schienen gelaufen; dann ließ das Feuer aus Mangel an Heizung nach; der Dampf verlor seine Kraft, und eine Stunde nachher blieb die Maschine, zwanzig Meilen über der Station Kearney, stehen.

Der Maschinist und der Heizer waren nicht toht geblieben und kamen nach langer Ohnmacht wieder zu sich. Damals stand die Maschine bereits still, und der Maschinist, als er die Locomotive allein, ohne Wagen hinter sich sah, dachte sich, was vorgefallen war, und er war überzeugt, daß der zurückgebliebene Zug in Bedrängniß sei. Er besann sich keinen Augenblick darüber, was seine Pflicht sei. Nach Omaha weiter zu fahren, war klug; umzukehren zu dem, vielleicht noch von den Indianern geplünderten Zug, war gefährlich ... Gleichviel! Einige Schaufeln Kohlen und Holz belebten wieder das Feuer, der Dampf wirkte von Neuem und gegen zwei Uhr Nachmittags war die Maschine wieder auf dem Rückweg zur Station Kearney.

Die Reisenden waren höchlich erfreut, als sie die Maschine wieder an der Spitze des Zuges sahen, um die so jämmerlich unterbrochene Reise fortzusetzen.

Als die Maschine anlangte, wendete sich Mrs. Aouda an den Conducteur:

»Sie wollen abfahren? fragte sie.

– Im Augenblick, Madame.

– Aber die Gefangenen ... unsere unglücklichen Begleiter...

– Ich kann den Dienst nicht unterbrechen, versetzte der Conducteur. Wir sind schon um drei Stunden verspätet.

– Und wann wird der nächste Zug von San Francisco vorbeikommen?

– Morgen Abend, Madame.

– Morgen Abend! Aber das ist zu spät. Sie müssen warten ...

– Unmöglich, erwiderte der Conducteur. Wollen Sie mitfahren, so steigen Sie ein.

– Ich fahre nicht mit«, war die Antwort.

Fix hatte der Unterredung zugehört. Einige Augenblicke zuvor, als jedes Mittel der Weiterbeförderung ihm abging, wäre er im Stande gewesen, Kearney zu verlassen, und jetzt, da der Zug zum Abfahren bereit war, und er nur einzusteigen brauchte, fühlte er sich mit unwiderstehlicher Gewalt festgehalten. Bei erneuertem Schwanken behielt der Zorn über seinen Mißerfolg die Oberhand.

Inzwischen hatten die Passagiere und einige Verwundete – unter andern der Oberst Proctor – ihre Plätze im Waggon eingenommen. Die siedenden Kessel summten, der Dampf entwich aus den Klappen, der Maschinist pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung und enteilte rasch, seine Dampfwirbel verschwanden im Schneegestöber.

Der Agent Fix war nicht mitgefahren.

Es verlief Stunde auf Stunde bei sehr schlimmem Wetter, strenger Kälte. Fix saß auf einer Bank im Bahnhof unbeweglich, man konnte meinen, er schlafe. Mrs. Aouda verließ trotz des Unwetters jeden Augenblick das ihr eingeräumte Zimmer. Sie lief bis ans Ende des Quai, trachtete durch das Schneewetter hindurch zu sehen, den dichten Nebel zu durchdringen, horchte auf jedes Geräusch. Vergebens. Dann kehrte sie ganz starr zurück, um bald nachher wieder zu kommen, doch immer vergebens.

Es ward Abend, und die Truppe war noch nicht zurück. Wo mochte sie eben sein? War es möglich, die Indianer einzuholen? Kämpften die Soldaten, oder schweiften sie im Nebel umher? Der Capitän war in großer Unruhe, obwohl ers nicht merken lassen wollte.

Es ward Nacht, der Schnee fiel nicht mehr so arg, aber die Kälte nahm zu. Unermeßliches Dunkel, tiefe Stille lag über der Ebene, kein Vogelflug, keine Spur eines Wildes.

Mrs. Aouda, den Geist voll schlimmer Ahnungen, das Herz voll Angst, lief die ganze Nacht hindurch unstet am Rande des Wiesengrundes hin und her. Ihre Phantasie malte ihr tausend Gefahren vor: sie litt unaussprechlich in diesen langen, langen Stunden.

Fix, stets unbeweglich an derselben Stelle, war ebenfalls schlaflos.

So verlief die Nacht. Bei Tagesanbruch stieg die halb erloschene Sonnenscheibe am nebeligen Horizont auf. Doch konnte der Blick bis auf zwei Meilen weit dringen. Im Süden, wohin Phileas Fogg mit seiner Truppe gezogen, war Alles öde und leer. Es war sieben Uhr Vormittags.

Der Capitän, in äußerster Besorgniß, wußte nicht, was er anfangen sollte. Der ersten Truppe eine zweite zum Beistand nachschicken? Durfte er bei so wenig Aussicht auf Rettung noch mehr Truppen opfern? Er winkte einem Lieutenant und befahl eine Recognoscirung vorzunehmen, – da ließen sich Schüsse vernehmen, die Soldaten stürzten aus dem Fort heraus, und in der Entfernung einer halben Meile sah man die kleine Truppe in bester Ordnung auf der Rückkehr, Herrn Fogg an der Spitze und neben ihm Passepartout mit den beiden anderen Reisenden, den Händen der Sioux entronnen.

Zehn Meilen südwärts von Kearney hatte ein Kampf stattgefunden. Kurz vor der Ankunft der Truppen waren Passepartout und seine Gefährten bereits handgemein mit ihren Hütern, und der Franzose hatte schon drei derselben mit der Faust niedergeschlagen, als sein Herr mit den Soldaten zu ihrem Beistand erschien.

Die Retter und Geretteten wurden mit Freudengeschrei empfangen, und Phileas Fogg händigte den Soldaten die zugesagte Prämie ein, während Passepartout nicht ganz ohne Grund sich sagte:

»Wahrhaftig, ich mache meinem Herrn große Kosten.«

Fix sprach kein Wort, sah Herrn Fogg ins Angesicht; was für Gefühle sich in seinem Innern stritten, wäre nicht leicht zu bestimmen. Mrs. Aouda ergriff die Hand des Gentleman, drückte sie warm in den ihrigen, ohne ein Wort vorbringen zu können.

Passepartout hatte sich sogleich, wie er ankam, nach dem Wagenzug umgesehen; er meinte ihn zur Abfahrt nach Omaha bereit zu finden, und hoffte, man könne die verlorene Zeit wieder einbringen.

»Der Zug, der Zug! rief er.

– Der ist fort, erwiderte Fix.

– Und wann kommt der nächste? fragte Phileas Fogg.

– Erst diesen Abend.

– Ah!« war die gelassene Antwort.

< Neunundzwanzigstes Capitel.
Einunddreißigstes Capitel. >



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