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Ludwig Ganghofer

Bergheimat

Herzmannski, der Getreue

eingestellt: 25.7.2007





Wie er - obwohl ein geborener Bayer - zu diesem polnisch klingenden Namen Herzmannski kam? Ich vermag nur eine Hypothese anzuführen. Seinen richtigen, bürgerlichen Namen hab ich nie erfahren. Ich weiß nur, daß ihn alle Mitglieder der Familie Sterzenbacher, wie überhaupt alle Menschen, die seine eminenten Eigenschaften kannten, in zärtlichen Augenblicken mit dem Kosenamen Manndi riefen - vermutlich, weil er männlichen Geschlechtes war. Und wollte man ihm von aller Zärtlichkeit die zärtlichste erweisen, so nannte man ihn Herzmanndi.



Und da wäre nun die Hypothese aufzustellen, daß aus diesem zärtlichen Superlativ der polnisch klingende Name Herzmannski dadurch entstand, daß der Förster Sterzenbacher, der zwar ein weiches Gemüt, aber einen harten Kropf hatte, den Ausklang mancher Worte mit wunderlichen Zischlauten der Atemnot zu begleiten pflegte. Jeder Satz, den der Förster Sterzenbacher in lebhaftem Eifer von sich gab, endete mit einem eigentümlichen Gezwitscher, das so unnachahmlich war, daß man auf seine künstlerische Wiedergabe verzichten muß. Und daß Herzmannski unter Nachlaß der Taxen den historischen Beinamen der Getreue bekam - das verdiente er redlich, und zwar nicht nur durch die wandellose, jeder Legendenbildung entgegenkommende Treue eines sechzehnjährigen Lebens, sondern mehr noch durch die psychischen Motive jenes dramatischen Vorganges, der sich mit Herzmannskis sinkenden Lebenstagen katastrophal verknüpfte. Denn Herzmannski bewährte seine Vasallentreue nahezu bis in den Tod, obwohl er kein japanischer Feldherr war, sondern nur ein oberbayrischer Dackel, geboren im Berchtesgadenerland, am Fuße des Untersberges, im Forsthaus zu Bischofswiesen.



Als selbstverständlich ist anzunehmen, daß Herzmannski auf der reifen Höhe seines Lebens ein Dackel von so stupender Klugheit war, daß, neben ihn gehalten, auch die berühmtesten Dackel der Fliegenden Blätter als Idioten erscheinen müssen. Herzmannski war ein Dackel, dem jeder Weidmann ein ewiges Leben in Kraft und Klugheit hätte wünschen mögen. Doch leider ist es nun einmal so auf dieser unvollkommenen Erde: Auch der schneidigste und klügste Dackel wird alt und schäbig.



Herzmannski war es bereits.



Als er das zwölfte Lebensjahr mit schon etwas stumpf gewordenen Zähnen überschritten hatte, biß ihm ein alter, wütender Dachs den Unterkiefer so gründlich entzwei, daß er nur noch winkelförmig anheilte - wodurch für Herzmannski nicht nur das notwendige Bellen, sondern auch die noch viel notwendigere Ernährung wesentlich erschwert wurde. Und so genoß Herzmannski der Getreue im Forsthaus zu Bischofswiesen seit drei Jahren ein Gnadenbrot, das er nicht mehr beißen konnte. Deshalb verlegte sich dieser gescheiteste aller Dackel auf das Austrinken von rohen Eiern. Bekanntlich sind rohe Eier sehr nahrhaft wegen ihres Stickstoffgehaltes. Aber es war das eine Ernährungsmethode, durch die sich Herzmannski bei allen Bäuerinnen von Bischofswiesen ungemein mißliebig machte. Diese verständnislosen Weibsbilder bezeichneten als unverzeihliches Verbrechen, was Förster Sterzenbacher an seinem Dackel als höchsten Gipfel aller Klugheit rühmte. "Jaaa, Herzmannskerl, ganz recht hast, bist a gscheids Hunderl!". Die Bäuerinnen aber sagten: "So a Raubersbestie, so an unverschämte!" So sind die Ansichten der Menschen über die gleichen Dinge zuweilen sehr verschieden.



Bei der gespannten Aufmerksamkeit, mit der die Bäuerinnen von Bischofswiesen ihre Hennensteigen zu überwachen begannen, gestaltete sich für Herzmannski die stickstoffhaltige Ernährung immer schwieriger. Er kam von Kräften, und seine Muskulatur und sein Haarwuchs gerieten in eine erbärmliche Verfassung. Doch die wertvollste Qualität seiner tierischen Psyche, seine wandellose Vasallentreue, hielt ungebrochen stand. Kein Tag verging, an dem Herzmannski - wenn Förster Sterzenbacher mit der blanken Büchse und der schwarzen Kropfschlinge auf die Pirsche zog - seinem geliebten Herrn nicht mühsam nachzottelte, so weit die klapperig gewordenen Beine diesen Getreuen noch trugen. Versagte seine letzte Kraft, dann blieb er mit jappender Zunge stehen, guckte traurig seinem Herrn nach und zitterte seelenvoll an allen mageren Gliedern. Auch Förster Sterzenbacher hatte da immer schwere, sein weiches Gemüt bedrückende Momente, wenn er dem trauernden Herzmannski zurufen mußte: "No schau, wanns nimmer geht, so kehr halt um, sei gscheid, ich komm bald wieder heim!"



Die wunderliche Sache, die man das Leben nennt, wurde für Herzmannski immer schwerer von Tag zu Tag. Und als er ohne irgendwelches Aufsehen seinen sechzehnten Geburtstag gefeiert hatte, begannen sich bei seiner zunehmenden Greisenhaftigkeit allerlei morose Zustände an ihm zu entwickeln, unter deren Zwang er vollständig jene rühmenswerte Eigenschaft verlor, die ein Terminus technicus der Dackelzüchterei als Stubenreinheit zu bezeichnen pflegt. Eine schmerzlich berührende Erscheinung ist das: Ein reiches, bunt bewegtes Dasein fliegt in Stolz und Rausch und Kraft dahin - und der schwache Greis wird wieder zum Kinde und hat zu seiner Hilfe mancherlei Hantierungen nötig, die ihm von schwachnervigen Naturen nur ungern geleistet werden.



So kam es, daß die Försterin Sterzenbacher eines Morgens erklärte: "Vater, jetzt gehts aber nimmer! jetzt muß er furt, der Hund! Schau unser Haus an! Dös is ja schon der reine Schweinestall!"



Über dieses kategorische Wort erschrak der Förster Sterzenbacher so sehr, daß er im ersten Augenblick gar nicht reden konnte. Herzmannski war ihm wie ein Stück seines eigenen Lebens. Sechzehn Jahre der Klugheit und Treue - so was reißt man nicht leicht von seinem Herzen los!



Aber schließlich sah es auch der Förster Sterzenbacher ein: Es ging nicht mehr!



Und da wollte er als Mann und Jäger ein tapferes Ende machen. Und solch ein echter, rechter Weidmannstod im grünen, rauschenden Walde! Das ist doch auch was Schönes! Nicht?



An einem leuchtenden Frühlingstage nahm Förster Sterzenbacher, bedrückt und bleich, den freundlich wedelnden Herzmannski mit hinaus in diesen - diesen grünen Wald.



Die beiden kamen nur langsam vom Fleck, Herzmannski wegen seiner schwachen Beine, Herr Sterzenbacher wegen der Atemnot in seinem Kropf, der hinter der schwarzen Schlinge glänzte wie ein Zinnoberbergwerk.



Viel gute Reden - wie der Dichter sagt - begleiteten Herzmannski den Getreuen auf diesem letzten Wege.



Und am Nachmittage kam Förster Sterzenbacher wieder heim ins Forsthaus - mit Herzmannski, dem Getreuen, der schrecklich müde war.



Ein Blick der Verzweiflung war in den Augen des biederen Mannes, als er schnaufend erklärte: "Mutter - da kannst jetzt sagen, was d magst - dös - dös gute, treue Hundl da - ich habs halt net firti bracht!"



Die Försterin war keine böse Frau. Doch weil sie nach Herzmannskis unerwarteter Heimkehr in das Vaterhaus gleich wieder reichliche Ursache vorfand, um in nervöse Ungeduld zu geraten - drum wurde sie grob. Der Förster geriet in Zorn und schrie so lange, bis ihm die Luft ausging. Und in diesem notgezwungenen, luftlosen Schweigen passierte dem von Sonne, Sturm und Wetter gebräunten und 107 Kilo schweren Jägersmanne, was ihm seit der Kinderzeit nicht mehr geschehen war - er mußte weinen.



Beim Anblick dieser kostbaren Mannestränen schoß der Försterin das Erbarmen in die Seele. Und in schlafloser Nacht ersann sie einen Rat. Und sagte zu ihrem ebenfalls schlummerlosen Manne: "Du, Vater, jetzt weiß ich dir ebbes! Du brauchst nix tun dabei und mußt dich net aufregen, und im Haus is endlich amal a saubere Ruh! - Da nimmst dir morgen a Wagerl, weißt, und fahrst auf Salzburg eini, in d Veterinärschul! Da werden s wohl ebbes wissen, was net gar zIang dauert und dem guten, treuen Hundl net weh tut!"



Und so geschah es - wie es in Geschichten hohen Stiles zu heißen pflegt.

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